#HeritageMW: Gemeinsam nicht einsam: Vom neuen Leben auf dem Burgberg Posterstein – Teil III

Es ist schon fast eine Tradition geworden, dass das Museum Burg Posterstein zur #MuseumsWeek die Entwicklungen auf dem Burgberg zum Thema nimmt und einen Blick auf das Projekt „Gemeinsam nicht einsam- neues Leben auf dem Land“ wirft. Und es hat sich einiges getan!

Seit Sommer 2016 laufen die Arbeiten am historischen Herrenhaus des ehemaligen Rittergutes Posterstein. Das Zukunftsprojekt „Gemeinsam nicht einsam – neues Leben auf dem Lande“ wird vom Amt für Landentwicklung und Flurneuordnung Gera mit Fördermitteln der integrierten ländlichen Entwicklung, hier Dorferneuerung/Dorfentwicklung, unterstützt. Der Fördermittelbescheid über 1,8 Millionen Euro wurde am 17. August offiziell überreicht. Gefördert wird das Projekt auch vom Freistaat Thüringen und dem Bund.

Seit diesem ersten großen Schritt wurde fleißig gebaut. Der gesamte Dachstuhl ist saniert, das Dach neu gedeckt, neue Fenster wurden eingesetzt und die neuen Wohnung nehmen Form an.

Offenes Herrenhaus Posterstein am Internationalen Museumstag 2017
Offenes Herrenhaus Posterstein am Internationalen Museumstag 2017

Projekt „Gemeinsam nicht einsam“: Wie der Stein ins Rollen kam

Seit 1993 stehen die verbliebenen Gebäude des Postersteiner Ritterguts, direkt neben der Burg Posterstein, leer. Am 14. Oktober 2015 gründete sich der Förderverein Burgberg Posterstein e.V. und kaufte die Gebäude mit dem Ziel zurück, diese zu sanieren und eine nachhaltige Nutzung für sie zu finden. Das Herrenhaus des ehemaligen Ritterguts Posterstein wurde im Zuge der Bodenreform 1945 enteignet. Erstmalig bot sich 2015 die Chance zum Rückkauf des Herrenhauses sowie der verbleibenden Rittergutsgebäude. Mit Geldern der Thüringer Staatskanzlei wurde eine Machbarkeitsstudie für die Realisierung des Konzepts „Gemeinsam nicht einsam“ in Auftrag gegeben. Parallel kam die Notsicherung des Gebäudes im Gange.

Das Rittergut Posterstein um 1900, Museum Burg Posterstein
Das Rittergut Posterstein um 1900, Museum Burg Posterstein

Die Gemeinde Posterstein möchte das historische Herrenhaus bis 2018 in mehreren Bauabschnitten sanieren und ausbauen. Es soll eine Nutzungsmischung aus Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Tourismus entstehen, darunter acht Wohnungen, zwei Ferienwohnungen, ein Treffpunkt für Vereine und vieles mehr.

Das Gut, auf dem Hans Fallada das Kartoffelzüchten lernte

Die Geschichte des Postersteiner Ritterguts ist eng verknüpft mit der der Burg Posterstein. Die letzten Rittergutsbesitzer (1833-1945) waren die Familie Herrmann. Ein berühmter „Eleve“ in dem landwirtschaftlichen Betrieb war von 1913 bis 1915 Rudolf Ditzen, der hier seine Ausbildung zum Landwirt – mit Spezialisierung auf die Kartoffelzüchtung – absolvierte. Viel bekannter ist der spätere Schriftsteller unter seinem Künstlernamen Hans Fallada.

Führung im historischen Herrenhaus zum internationalen Museumstag 2017.
Führung im historischen Herrenhaus zum internationalen Museumstag 2017.

Während der beiden Weltkriege wurde Posterstein nicht zerstört. Dennoch endete der Zweite Weltkrieg mit der bislang schwerwiegendsten Veränderung: Die Grundherrschaft Posterstein hörte auf zu bestehen. Mit der Durchsetzung der Bodenreform in Thüringen wurde am Anfang des Jahres 1946 das 192 Hektar große Rittergut enteignet, die Grundfläche aufgeteilt und Teile der Wirtschaftsgebäude abgerissen. Der letzte Rittergutsbesitzer Kurt Herrmann (1905-1986) siedelte nach der Ausweisung zwangsweise nach Westdeutschland um. In Burg und Herrenhaus quartierte man nach Kriegsende zunächst Flüchtlinge ein, die ihr Hab und Gut im Osten verloren hatten. Später wurde im Herrenhaus ein Kinderheim (1956-1992) und in der Burg ein Museum eingerichtet.

Ein Fundstück unter den Dielen

Bevor die Familie Herrmann das Rittergut Posterstein 1833 kaufte, gehörte es der Familie Flemming. Der kursächsische Generalfeldmarschall und Reichsgraf Jakob Heinrich von Flemming (1667–1728) hatte 1724 die Besitzungen Posterstein und Vollmershain für 124 000 Taler gekauft. Obwohl die Familie Flemming in Posterstein nur sehr wenig Zeit verbrachte, wurden doch erhebliche Investitionen getätigt. Den Familienbesitz führte sie bis 1833 weiter.

Während der Bauarbeiten unter den Dielen gefunden: Ein Dokument von 1730.
Während der Bauarbeiten unter den Dielen gefunden: Ein Dokument von 1730.

Aus dieser Zeit stammt auch ein außergewöhnliches Fundstück, dass die Arbeiten am Dachstuhl des Herrenhauses zu Tage förderten: Ein Schriftstück, das auf das Jahr 1730 datiert ist.

Das Dokument hat die Maße 20 x 32 cm, trägt das Siegel des Gerichtsinspektors Christian Schmidt und umfasst insgesamt vier Blätter. Dennoch scheint es ein Fragment zu sein. Auf der ersten Seite ist die Nummerierung „No: II.“ zu lesen. Ein möglicher erster Teil blieb allerdings bisher unentdeckt. Bei der gefunden Urkunde handelt es sich um die Abschrift eines Vergleichs von 1677 zwischen Georg Dietrich von Pflugk (1640–1705) auf Posterstein, und Marie Elisabeth von Schleinitz, geborene Bünau, auf Blankenhain.

Die Urkunde beinhaltet eine Vereinbarung der beiden Partein über das Schank- und das Wegerecht auf den Geleitsstraßen unter Pflugks Aufsicht und über ein entsprechendes Wegegeld. Die Abschrift ist vom Gerichtsinspektor Christian Schmidt beglaubigt, gesiegelt und auf „Blankenhayn, den 12.Jul. 1730“ datiert. Das Original vom „29. Jan: Anno 1677“ wurde laut Schmidt „Wort zu Wort“ übertragen.
Dieses außergewöhnliche Zeugnis der Postersteiner Geschichte blieb bis jetzt das einzige Fundstück seiner Art.

Die Umgestaltung des Burgbergs ist in vollem Gange

Die Besucher von Posterstein können den Fortschritt des Bauprojekts direkt vor der Burg deutlich sehen. 2017 steht der Innenausbau im Fokus. Das Zukunftsprojekt ist vom Thüringer Ministerium für Infrastruktur ausgewählt als eines von vier „Modelprojekten der Regionalentwicklung – Daseinsvorsorge im demografischen Wandel“. Die Fördermittel stehen bereit und die Umsetzung beginnt. So rückt das Ziel des Vorhabens, den Burgberg wieder mit Leben zu erfüllen, eine Nutzungsmischung aus Wohnen, Arbeiten und Freizeit/Tourismus zu etablieren und so Posterstein als Wohn-, Arbeits-, Sozial-, und Kulturraum zu erhalten und weiter zu entwickeln in immer greifbarerer Nähe.

Von Franziska Engemann / Museum Burg Posterstein

Wie eine Himmelsleiter mit Engeln besetzt: Kleine Reise in die Geschichte von Schloss Tannenfeld

Weil sie als Frau selbst keine rechtsfähigen Geschäfte abschließen durfte, kaufte 1794 der Bruder der Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761–1821), Reichsgraf Christoph Johann Friedrich (Jeannot) von Medem (1763–1838), für sie die Gutsherrschaft Löbichau, zu der auch Tannenfeld gehörte. Ein Jahr später richtete die Herzogin in Löbichau ihren Wohnsitz ein und ließ in Tannenfeld den heute noch stehenden klassizistischen Schlossbau mit englischem Park errichten. Anlässlich der kommenden Sonderausstellung „Salongeschichten“ wollen wir zu einer kleinen Reise in die Geschichte Tannenfelds einladen.

Schloss Tannenfeld im Sommer 2011
Schloss Tannenfeld im Sommer 2011 (Foto: Marlene Hofmann)

In dieser idyllischen Anlage wuchs ihre jüngste Tochter Dorothée auf. Als Pächter von Tannenfeld trat der polnische Graf Alexander von Batowski (1760–1841) auf, den die Herzogin Anna Dorothea von Kurland 1790–92 kennengelernt hatte, wo er Abgeordneter des polnischen Sejms war. 1793 kam ihre jüngste Tochter Dorothée zur Welt, die ihr Mann Peter von Biron, Herzog von Kurland (1724–1800), als eigenes Kind anerkannte. Dorothées Heiratsverhandlungen mit Zar Alexander I. und dem Haus Talleyrand führte später Batowski.

Dichter, Denker und Musen spazierten im Park von Tannenfeld

In dem kleinen Schloss spielte sich auch ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens des Löbichauer Musenhofs ab. Emilie von Binzer, die als Pflegetochter Wilhelmine von Sagans oft nach Löbichau kam, fing in ihrem Buch „Drei Sommer in Löbichau“das Flair solcher Zusammenkünfte im malerischen Park von Tannenfeld ein: „Das Schlößchen Tannenfeld hatte eine Freitreppe, die oft wie eine Himmelsleiter von weiblichen und männlichen Engeln besetzt war. Dort wurde gelacht, gescherzt, gefühlvoll gesprochen, philosophirt und gefrühstückt.“

Schloss Tannenfeld (Ansichtskarte, Museum Burg Posterstein)
Schloss Tannenfeld (Ansichtskarte, Museum Burg Posterstein)

Auch Johann Wolfgang von Goethe berichtet über einen Besuch in Tannenfeld. Der im 19. Jahrhundert berühmte Dichter Jean Paul (1763–1825) hielt hier Lesungen im Freien. Anna Dorothea von Kurland empfing in ihrem Musenhof in Löbichau einen illustren Kreis von Gästen aus Politik, Literatur, Kunst, Musik und Wissenschaft. Die bedeutendsten Politiker ihrer Zeit traf sie persönlich und erlangte dadurch einen ganz speziellen Anteil an der Gestaltung europäischer Geschichte.

Der Tannenfelder Park, den die Herzogin von Kurland und Graf Batowski im englischen Stil gestalteten, ist in seinen Grundzügen noch heute erhalten. Zu Zeiten der Herzogin gab es einen Bachlauf, sandige Wege, einen kleinen Teich mit Grotte und eine Wiese, die zum Gedenken an den 1800 verstorbenen Herzog von Kurland „Peterswiese“ hieß.

Die Gäste des Musenhofs in Tiergestalt

Das Buch "Salongeschichten" erscheint zur Ausstellung
Das Buch „Salongeschichten“ erscheint zur Ausstellung
Die Besucher verbrachten manchmal Wochen am Musenhof Löbichau. Adlige und Bürgerliche aus dem Umland kamen zu Besuch. Man dichtete und musizierte und die Herzogin legte Wert darauf, als Mäzenin aufstrebende Künstler zu fördern. In der neuen Sonderausstellung „Salongeschichten“ und dem zugehörigen Buch zeigt das Museum Burg Posterstein ab 16. August 2015 erstmalig eine einmalige Sammlung von Portraits der Löbichauer Gäste in Gestalt von wunderlichen, manchmal witzigen Fabelwesen. Gezeichnet hat die Blätter der Maler Ernst Welker (1784/88–1857), der der späteren Schriftstellerin Emilie von Binzer (1801–1891), der Enkelin der Herzogin von Kurland, Zeichenunterricht gab.

Nach dem Tod der Herzogin erbte ihre dritte Tochter Johanna von Acerenza-Pignatelli (1783–1876) Löbichau und Tannenfeld. Die Zeit des Musenhofs war vorbei.

Der Tannenfelder Park ist  wegen seiner exotischen Vegetation und den vielen Rhododendren ein beliebtes Ausflugsziel. (Foto: Marlene Hofmann)
Der Tannenfelder Park ist wegen seiner exotischen Vegetation und den vielen Rhododendren ein beliebtes Ausflugsziel. (Foto: Marlene Hofmann)

Schloss Tannenfeld blieb nach dem Tod der Herzogin weithin ungenutzt und geriet in Vergessenheit bis es 1899 der Nervenarzt Dr. Arthur Tecklenburg (1870–1957) aus Gera kaufte. Er ließ Tannenfeld mit Rücksicht auf die historische Architektur zu einem modernen Sanatorium für Gemüts- und Nervenkranke umbauen. Der Arzt soll auch derjenige gewesen sein, der 1908 die ersten Rhododendren gepflanzt haben. Um weitere Sorten ergänzt wurden diese 1983 durch den „Zentralen Arbeitskreis Rhododendron“.

Der Schriftsteller Hans Fallada in Tannenfeld

Der wohl berühmteste Patient war Rudolf Ditzen (1893–1947), als Schriftsteller bekannt unter dem Pseudonym Hans Fallada (Mehr dazu).

Von 1949 bis 1989 beherbergten die Gebäude in Tannenfeld ein eigenständiges Krankenhaus und später ein Alten- und Pflegeheim. Seit 2004 stehen Schloss und Nebengebäude mit kurzen Unterbrechungen leer und zum Verkauf. Jetzt soll mit Rücksicht auf die historische Anlage ein Pflegezentrum für Demenzkranke entstehen.

Zum Weiterlesen:
Jana Borath fängt am 3. August in der Ostthüringer Zeitung die Stimmung im Tannenfelder Park ein.
„Da steht mein armes Ich aus Stein“ – Blogpost zur Sonderausstellung
Blogpost: Jean Pauls Sommer in Löbichau
Blogpost: Rittergut Löbichau – Zeitweise 300 Gäste gleichzeitig

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein