Jean Pauls Sommer in Löbichau

Im Sommer 1819 verbrachte der Dichter Jean Paul mehrere Wochen im Schloss Löbichau, wo die Herzogin Anna Dorothea von Kurland, eine kulturinteressierte und weltgewandte Dame, einen Salon führte. Der bekannte Schriftsteller erschien mit seinem Pudel, wurde von der Dienerschaft „Schankpol“ genannt, verschmähte den Tee als dünnes fremdländisches Getränk und bevorzugte stattdessen das Geraer Doppelbier.

Der “Musenhof Löbichau”

Schloss Löbichau ((c) Museum Burg Posterstein)
Im Schloss Löbichau nahe Posterstein führte die kulturinteressierte Herzogin von Kurland einen Salon (Bild: Museum Burg Posterstein)

1795 etablierte die aus dem heutigen Lettland stammende Herzogin Anna Dorothea von Kurland im thüringischen Löbichau ihre neue Residenz. Sie suchte sich genau diesen Ort im damaligen Herzogtum Sachsen-Gotha und Altenburg aus, um kulturelle Zentren, wie zum Beispiel Weimar, Dresden, Leipzig sowie Karlsbad schnell zu erreichen und ihren zahlreichen Gästen den Weg nach Löbichau zu erleichtern. Willkommen war jeder, der zu einer niveauvollen Unterhaltung beitragen konnte, und zwar unabhängig von seinem Stand. Diese Art des literarischen Salons praktizierte die Herzogin bereits in Berlin in ihrem Palais Unter den Linden, der heutigen russischen Botschaft.

Die Herzogin Anna Dorothea von Kurland (Bild: Burg Posterstein)
Die Herzogin Anna Dorothea von Kurland (Bild: Burg Posterstein)

Anna Dorothea von Kurland (1761-1821), eine schöne, begehrte und vor allem reiche Dame der herrschenden europäischen Adelsgesellschaft, gehörte zu jenen bekannten Salonieren des 19. Jahrhunderts, die weltoffen und geistreich gleichsam als Vermittlerinnen von Kultur und Politik agierten. Ihr Medium war die Konversation. Als Herzogin erhielt sie Zugang zu den höchsten gesellschaftlichen Kreisen, besonders zu den Höfen in Berlin, St. Petersburg und Paris; Metternich, Alexander I., Friedrich Wilhelm III., Napoleon und Talleyrand kannte sie persönlich. Dieser Umstand ermöglichte ihr einen ganz speziellen Anteil an der Gestaltung europäischer Geschichte.

Der Löbichauer Musenhof der Herzogin von Kurland war einer der bekanntesten seiner Art im beginnenden 19. Jahrhundert. In den Schlössern Löbichau und Tannenfeld herrschte von 1794 bis 1821 ein reges gesellschaftliches Leben, das Politik, Literatur, Malerei, Musik und Wissenschaft vereinte. Man traf sich zu politischen Disputen, Vorträgen, Festen, Theateraufführungen, Lesungen oder Konzerten.

Jean Paul in Löbichau

Der Dichter Jean Paul verbrachte den Sommer 1819 in Löbichau (Bild: Museum Burg Posterstein)
Der Dichter Jean Paul verbrachte den Sommer 1819 in Löbichau (Bild: Museum Burg Posterstein)

„Ich langte gestern gegen 3 Uhr in Baireuth an und schickte zu den Legationsrath Richter oder Jean Paul […] Er schien sich bey mir zu gefallen, und versprach mich diesen Sommer in Loebichau zu besuchen“.

(Herzogin von Kurland über ihren Besuch bei Jean Paul in Bayreuth am 3. Mai 1819 – Quelle: Friedrich-Schiller-Universität Jena, Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek: ThULB Jena, Nachlass Biron Abt. A , Nr. I bis XIX, Tagebücher der Herzogin von Kurland, Tagebuch Nr. XVIII, 3. Mai 1819)

Jean Paul folgte der Einladung gern und weilte im Sommer 1819 als Gast der Herzogin Anna Dorothea von Kurland in Löbichau. Am 31. August fuhr man ihm bis Gera entgegen. Der bekannte Schriftsteller erschien mit seinem Pudel, wurde von der Dienerschaft „Schankpol“ genannt, verschmähte den Tee als dünnes fremdländisches Getränk und bevorzugte stattdessen das Geraer Doppelbier.

Der Archäologe Anselm von Feuerbach (1798-1851), Sohn des Strafrechtlers Paul Johann Anselm von Feuerbach, schrieb in sein Tagebuch:

„…Ich wohne mit Jean Paul Thür an Thür. Er ist gütig gegen mich, und ich armer Melancholicus gebe ihm Stoff zu tausend Witzen. Er schreibt Aphorismen, um sie des Morgens den Fürstinnen vorzulesen…“

(Quelle: Binzer, Emilie von: Drei Sommer in Löbichau, Stuttgart 1887, S. 70)

Die Schriftstellerin Emilie Henriette Adelheid von Binzer (1801-1891) erinnerte sich an die Lesungen mit Jean Paul in Tannenfeld:

„… Diese Morgenvorlesungen fanden in Tannenfeld statt, halb im Freien. Er saß auf dem Vorhause mit offener Thüre nach der Freitreppe, wo mehrere von uns in guter Hörweite saßen; am erinnerlichsten ist mir ein schöner Aufsatz, ich glaube er hieß: Erinnerungen von schönen Stunden…“

(Quelle: Binzer, Emilie von: Drei Sommer in Löbichau, Stuttgart 1887, S. 70)

Schloss Tannenfeld (Ansichtskarte, Museum Burg Posterstein)
Im Park von Schloss Tannenfeld hielt Jean Paul Morgenvorlesungen im Freien ab (Ansichtskarte, Museum Burg Posterstein)

Jean Paul war fasziniert von Löbichau. Das Leben am Musenhof gestaltete sich kurzweilig. Spaziergänge in Löbichau oder im Park von Tannenfeld, Gesprächsrunden, Lesungen, Konzerte, Theateraufführungen oder gesellige Spiele standen auf der Tagesordnung.

Später beschrieb er seine Begegnungen am Löbichauer Musenhof in den „Briefblättchen an die Leserin des Damen-Taschenkalenders bei gegenwärtiger Übergabe meiner abgerissenen Gedanken vor dem Frühstück und dem Nachtstück in Löbichau“.

„… Das Weitläuftigere gehört in die Selberlebensbeschreibung, dass der Verfasser der gedachten Gedanken abends den 31. August 1819 nach dem Wunsche der Herzogin und nach seinem noch stärkeren in ihr Schloß zu Löbichau unter zwar schwacher und nicht militärischer, aber reizender und weiblicher Begleitung gebracht wurde. Das freundliche, italienisch abgedachte Sommerschloß liegt, mit seinem Altane und seinen Säulen, vor dem weiten bowling-green, um welches sich der einfache Park mit seinen Baumgängen zieht, und an den Park lehnt sich das freundliche, mit Bäumen durchzogene Löbichau. Im Schlosse wohnen die Herzogin und ihre Schwester, die Gräfin Elisa von der Recke [Anm.: Elisa von der Recke, (1754-1833), war ebenfalls Schriftstellerin] , und alle Gäste beider. In Tannefeld, einem kleinen Sommer- oder vielmehr Frühlings-Sitz, eine halbe Stunde entfernt, wohnten die drei Töchter der Herzogin, […] – Es kostete mir bisher Mühe, gute Leserin, so oft das Beiwort ‚reizend’ zu unterdrücken; später aber ist mir die Mühe nicht mehr anzusinnen…“

(Quelle: Paul, Jean: „Briefblättchen an die Leserin des Damen-Taschenkalenders bei gegenwärtiger Übergabe meiner abgerissenen Gedanken vor dem Frühstück und dem Nachtstück in Löbichau“, in: Paul, Jean: Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1821, Tübingen bey Cotta 1821. S. 287)

Schloss Löbichau, Ansichtskarte von 1904 (Museum Burg Posterstein)
Schloss Löbichau, Ansichtskarte von 1904 (Museum Burg Posterstein)

Eigens für Jean Paul arrangierte man in Löbichau am 9. September ein Inselfest:

„… Um 9 Uhr abends nach dem Essen lud die Herzogin Dorothea zu einem Spaziergange durch die Baumgänge auf eine kleine Insel, wo man mittags vorher gefrühstückt, so gleichgültig ein, als wolle sie nichts verheißen. Als man in den hohen und langen Baumgang eintrat, war er von den untersten Zweigen bis zu den Gipfeln überglänzt, und alles Laub war wie von Frühling oder Abendröte durchsichtig. Lampen unter den Bäumen, von kleinen Vertiefungen verdeckt, waren Lichtspringbrunnen und durchsprengten mit einigem aufwärts steigenden Glanz das dunkle Gezweig. Aus dem Grün schienen verklärte Bäume aufzuschweben, und die Blätter als feurige Zungen zu zittern. Durch die Feuersäulen-Ordnung kam der Zug in das kleine runde Eiland, wo man, von erleuchteten Bäumen wie von Glanzriesen umzingelt, oben nur einen schwarzen Ausschnitt des Nachthimmels mit blitzenden Sternen erblickte. Musik und Gesang gaben dem stillen Glanze und der Zauberinsel gleichsam Bewegung, und die Lichter wurden zu Tönen…“

(Quelle: Paul, Jean: „Briefblättchen an die Leserin des Damen-Taschenkalenders bei gegenwärtiger Übergabe meiner abgerissenen Gedanken vor dem Frühstück und dem Nachtstück in Löbichau“, in: Paul, Jean: Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1821, Tübingen bey Cotta 1821. S. 303f.)

Jean Paul las gern vor:

„… Schöne Leserin, Sie konnten, wenn Sie in Löbichau an der Tafel saßen oder nachher auf dem Kanapee, welche Meinung Sie wollten, ergreifen oder angreifen – gegen oder für Magnetiseurs – gegen oder für Juden – gegen oder für die Ultras und Liberale; – ja Sie konnten besonders im letzten politischen Falle, wie Sie da wohl als Dame zuweilen tun, Ihre schöne Stimme geben als eine lauteste: niemand wird etwas dagegen sagen – als höchstens seine Gründe…“

(Quelle: Paul, Jean: „Briefblättchen an die Leserin des Damen-Taschenkalenders bei gegenwärtiger Übergabe meiner abgerissenen Gedanken vor dem Frühstück und dem Nachtstück in Löbichau“, in: Paul, Jean: Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1821, Tübingen bey Cotta 1821. S. 293)

Jean Paul reiste am 17. September aus Löbichau ab. Die Herzogin von Kurland notierte in ihrem Tagebuch:

… Täglich verringert sich die Zahl der Gesellschaft. Jean Paul verließ uns nach dem Frühstück …“  

(Quelle: Friedrich-Schiller-Universität Jena, Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek: ThULB Jena, Nachlass Biron Abt. A, Nr. I bis XIX, Tagebücher der Herzogin von Kurland, Tagebuch Nr. XVIII, 17. September 1819)

Weitere Informationen: Auf Jean Pauls Spuren im Altenburger Land

Wenn Sie auf Jean Pauls Spuren wandeln möchten, sollten Sie die Litfaßsäulenausstellung “Jean Pauls Orte” und auch die Dauerausstellung im Museum Burg Posterstein nicht versäumen. Anschließend bietet sich ein Abstecher nach Tannenfeld und Löbichau an. Im dortigen Landgasthof kann man dann bei Köstritzer Doppelbier entspannen.

Ständige Ausstellung im Museum Burg Posterstein:

“Zwischen Metternich und Talleyrand – Der Musenhof der Herzogin von Kurland im Schloss zu Löbichau”:

Die Ausstellung gibt einen Überblick über die historischen Ereignisse, berichtet über das Reisen im damaligen Europa und lässt die Zeit des Musenhofes auf Schloss Löbichau wieder lebendig werden. Die Zeiteinteilung in Löbichau ist zwanglos und Höhepunkt des Tages ist meist der Abend, der alle Gäste zur Teestunde im großen Saal des Schlosses versammelt. Es wird geplaudert, philosophiert, gedichtet, getanzt und musiziert, manchmal spielen die Gäste auch selbst Theater, auch im Schloss Tannenfeld auf einer kleinen Bühne. Oft enden diese Zusammenkünfte erst weit nach Mitternacht…

Sonderausstellung “Jean Pauls Orte”

ab 21. März: Litfaßsäulenausstellung zu seinem 250. Geburtstag im Jahr 2013

Die Ausstellung ist Teil des Projekts “250 Jahre Jean Paul – Ein Projekt des Vereins “Jean Paul 2013 e.V.”, der zentralen Organisationsplattform des Jubiläumsjahres: „Es ist ein großes rundes Jubiläum: Ein Vierteljahrtausend Jean Paul. Das Motto dazu lautet: Jean Paul für Alle. Wir gehen mit Jean Paul zu den Menschen und warten nicht, bis sie in ein Museum kommen. Wir thematisieren Jean Paul überall dort, wo er gelebt und gewirkt hat: an den Orten seines Lebens und seiner Bücher.“

Enthüllung der Litfaßsäule am 21. März

Zur Ausstellung erscheint eine Neuauflage unseres Buches:

“Löbichauer Sommer”

von Peter Schönhoff und Klaus Hofmann

Dem Leser werden die historischen Zusammenhänge um Schloss Löbichau und seiner kunstsinnigen Herzogin näher gebracht. Peter Schönhoffs Novelle “Gebackener Katzendreck” befasst sich mit dem Besuch des Schriftstellers Jean Paul in Löbichau im Jahr 1819.

Weitere Literatur

Buchtitel "Die Herzogin von Kurland im Spiegel ihrer Zeitgenossen" (Burg Posterstein)
Buchtitel “Die Herzogin von Kurland im Spiegel ihrer Zeitgenossen” (Burg Posterstein)

“Die Herzogin von Kurland im Spiegel ihrer Zeitgenossen”

Europäische Salonkultur um 1800 – Zum 250. Geburtstag der Herzogin von Kurland

Klaus Hofmann (Herausgeber), 248 Seiten, farbig, Museum Burg Posterstein, 2011

ISBN 978-3-86104-086-6 (29,00 Euro)

 

Wo ich einst residierte, wo ich Fürstin des Landes war! – Lebensstationen der Herzogin von Kurland”

Sabine und Klaus Hofmann, Museum Burg Posterstein, 2007

64 Seiten, mit zahlreichen farbigen Abbildungen.

Dem in deutscher Sprache verfassten Buch sind Übersetzungen ins Französische, Polnische, Lettische und Englische beigefügt (12,00 Euro)

“Zwischen Metternich und Talleyrand – Der Musenhof der Herzogin von Kurland im Schloss zu Löbichau”

Sabine und Klaus Hofmann, Museum Burg Posterstein, 2004

104 Seiten, s/w mit zahlreichen Abbildungen.

ISBN 3-86104-066-2 (12.50 Euro)

Bauarbeiten machen “Geheimtreppe” Besucher zugänglich

Unser Beitrag zur Kultur-Blogparade 2013 der Residenz München !

Auf Burg Posterstein gibt es eine versteckte Treppe, die normalerweise für Besucher nicht zugänglich ist: Verdeckt von einem zimmerhohen Schrank führte die “Geheimtreppe” vom ehemaligen Gerichtszimmer der Burgherren hinab in die Küche, auf den Hof und in den „Unteren Saal“; und von dort weiter in einen Kellerbereich. Früher diente dieser Gang möglicherweise als Fluchtweg, heute endet der Weg bereits in der eine Etage tiefer liegenden Galerie.

Die "Geheimtreppe" auf Burg Posterstein
Die “Geheimtreppe” auf Burg Posterstein (c) Museum Burg Posterstein

Bei normalem Ausstellungsbetrieb können Besucher nur einen Blick in den Schrank hineinwerfen. Allenfalls den mehr als 2000 kleinen Rittern und Burgfräuleins, die jedes Jahr mit ihren Schulklassen und Geburtstagsgästen mit den Burggeistern Posti & Stein auf Erkundungstour gehen, erlauben die Burggespenster den Aufstieg durch die Geheimtreppe.

Nein, hier hat nicht Christo verhüllt: Bauarbeiten auf Burg Posterstein im Februar 2013
Nein, hier hat nicht Christo verhüllt: Bauarbeiten auf Burg Posterstein im Februar 2013

Bis Ende Februar finden jedoch Bauarbeiten in der Oberen Halle und dem Bergfried der Burg Posterstein statt – und dann werden alle Besucher den verdeckten Eingang nutzen müssen. Bei den Bauarbeiten sollen nicht nur die zum letzten Mal vor 20 Jahren restaurierten Räume saniert werden, sondern auch gleich noch die Risse, die beim großen mitteldeutschen Erdbeben 1872 im Turm entstanden sind, verschlossen werden. Im Video des freien Journalisten Gunter Auer (unten) erklärt Museumsdirektor Klaus Hofmann u. a. die Restaurierungspläne.

Während die Handwerker arbeiten, läuft der Museumsbetrieb normal weiter und die Dauerausstellungen können besichtigt werden. Im Gerichtsraum wird geheiratet, die Burggeister führen weiter Kinder durch die Burg und im Büro werden die nächsten großen Sonderausstellungen vorbereitet, zum Beispiel die zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, die am 1. September beginnt.

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Burg Posterstein – Rückblick 2012 und Vorschau 2013 // Posterstein castle – retrospect 2012 and preview 2013 from Burg Posterstein on Vimeo.

Dann sollen Napoleon-Karikaturen gezeigt und die Forschungsergebnisse verschiedener regionaler Historiker über die Ereignisse und die handelnden Personen des Jahres 1813 vorgestellt werden. – Schließlich waren sowohl die Region um Altenburg als auch der Kreis um die Herzogin von Kurland unmittelbar von dem in Leipzig stattgefundenen Kriegsgeschehen betroffen. In Altenburg selbst hielten sich kurz vor und während der Schlacht die Herrscher und führende Generäle der antinapoleonischen Allianz auf. Friedrich Arnold Brockhaus gab in Altenburg die Deutschen Blätter heraus und war damit Kriegsberichterstatter im Auftrag des Oberbefehlshabers der Alleierten Armeen Fürst Schwarzenberg. Eine Publikation zur Ausstellung wird ebenfalls erscheinen, für die gerade Recherchearbeiten in Wiener Archiven stattfanden.

Weitere Informationen: www.burg-posterstein.de

Von Marlene Hofmann, Museum Burg Posterstein

Beitrag zur Blogparade 2013 der Residenz München

Magische Nächte zwischen Weihnachten und Dreikönigstag – Weihnachten im Mittelalter

Mit der Christianisierung Mitteleuropas im Laufe des Mittelalters wurde das Weihnachtsfest, die Geburt Jesus Christus, eines der wichtigsten Feste des Kirchenjahres. Weihnachten dauert von der Adventszeit (ab Sonntag nach dem Totensonntag, welcher der letzte Tag des Kirchenjahres ist) bis zum 6. Januar (Dreikönigstag). Zu den frühesten überlieferten Weihnachtsbräuchen gehören das Singen von Weihnachtsliedern, das Aufstellen von Weihnachtskrippen und das Krippenspiel, die alle die Geschichte der Geburt Jesus Christus anschaulich darstellen. Das Museum Burg Posterstein zeigt ab 2. Dezember wieder seine traditionelle Ausstellung mit Weihnachtskrippen aus aller Welt.

Krippe aus Transparentpapier, Sammlung Riewe, (c) Museum Burg Posterstein
Krippe aus Transparentpapier, Sammlung Riewe, (c) Museum Burg Posterstein

Was machten die Postersteiner Burgherren an Weihnachten?

An Weihnachten machten sich die Postersteiner Burgherren bis Ende des 16. Jahrhunderts höchstwahrscheinlich auf den Weg zum Gottesdienst ins nah gelegene Nöbdenitz. Dort besaßen sie einen herrschaftlichen Logensitz. Erst als es ab 1575 zu Streitigkeiten mit den Nöbdenitzern kam, errichtete man in Posterstein eine eigene Kirche, direkt im Burggraben. Darüber hinaus besaßen die Burgherren eine kleine Hauskapelle in den Räumen der Burg, dies belegen Baubefunde wie Reste einer Gewölbedecke sowie ein romanischer Taufstein, die heute im Museum zu sehen sind. Mehr dazu erfahren Sie in der Ausstellung “Wehrhaft, wohnhaft, Haft”.

Die Burgkirche Posterstein steht etwas unterhalb der Burg, im ehemaligen Burggraben.
Die Burgkirche Posterstein steht etwas unterhalb der Burg, im ehemaligen Burggraben. (c) Museum Burg Posterstein

Heidnische Bräuche vermischten sich mit christlichem Glaube

Beschäftigt man sich mit überlieferten Volksbräuchen, wird deutlich wie sehr sich heidnische Traditionen mit den neuen christlichen Ritualen vermischten. In die Zeit zwischen Weihnachten und dem Jahreswechsel fielen auch die “Zwölften“, auch “Rauhnächte” oder “Rauchnächte” genannt. In dem Zeitraum zwischen Thomastag (21. Dezember) und Dreikönigstag (6. Januar) machte nach dem Volksglauben der Wilde Jäger mit seinem Gefolge von Hexen, Dämonen, Schweinen, Menschen ohne Kopf und Teufelsfratzen die Nächte unsicher. Dann musste die Arbeit ruhen und um die Dämonen in Schach zu halten, gab es allerlei Schutzmaßnahmen: Wasser nicht unbedeckt lassen, Vieh nicht aus dem Stall lassen, gefährliche Tiere nicht beim Namen nennen, den Hunden ein besonderes Brot backen, Hexen durch Maskenumzüge vertreiben, nicht lüften und nicht waschen. Gleichzeitig war es eine fröhliche Zeit, denn die Mägde konnten nach Hause zu ihren Familien und die Wirtshäuser waren besonders zum Jahreswechsel gut besucht.

Weihnachtskrippen aus der Sammlung Riewe auf Burg Posterstein (c) Museum Burg Posterstein
Weihnachtskrippen aus der Sammlung Riewe auf Burg Posterstein (c) Museum Burg Posterstein

Seit wann gab es Bescherung und Tannenbaum?

Frühestens seit Ende des 16. Jahrhunderts lässt sich nach der Christmette, dem feierlichen Gottesdienst mit Krippenspiel, auch die häusliche Bescherung mit Geschenken nachweisen. Vor der Reformation brachte St. Nicolaus die Gaben, danach der Heilige Christ. Ihn begleiteten Martin, Nicolaus oder der grimmige Knecht Ruprecht als strafende Personen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts verteilte Knecht Ruprecht dann selbst die Geschenke, im Namen des Heiligen Christs. Daraus entstand dann der heutige Weihnachtsmann-Brauch. Das Aufstellen von Tannenbäumen ist ebenfalls frühestens im 16. Jahrhundert belegt. Richtig etabliert hat sich die Tradition erst im 19. Jahrhundert. Seinen Ursprung soll das Aufstellen eines „Grünen Baumes“ in den Segensbäumchen (Ostereierbaum, Maibaum) haben, welche zum Schutz von Haus, Hof und Vieh aufgerichtet wurden”.

(Quelle: Museum Burg Posterstein, Archiv Riewe)

Zum Herunterladen: Plakat: Weihnachtskrippen auf Burg Posterstein 2012

Mehr Informationen: www.burg-posterstein.de

Ähnliche Artikel: “Mit Christuskind, Hirten, Ochs und Esel: Aus der Geschichte der Weihnachtskrippen”

Von Marlene Hofmann

Eine Wehrburg thronte im Sprottental – wie die Burg Posterstein im Mittelalter aussah

Die Burg Posterstein 2012

Das heutige Aussehen der Burg Posterstein mit ihrem weißen Putz und den roten Eckquaderungen geht auf Umbauten zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert zurück. Damals ließen die Burgherren die durch Verfall und Schäden während des Dreißigjährigen Kriegs stark in Mitleidenschaft gezogene Wehrburg in eine Wohnburg umbauen. Doch wie sah die Burg Posterstein ursprünglich aus?

Die neue Ausstellung “Wehrhaft, wohnhaft, Haft” (zu sehen seit Herbst 2012) geht dieser Frage auf den Grund.

Die Burg Posterstein 2012
Die Burg Posterstein 2012 (Foto: Museum Burg Posterstein)

Eine rundum gesicherte Wehranlage

Die im 12. Jahrhundert erbaute Burg Posterstein war dereinst eine rundum gesicherte Wehranlage. Dies lässt sich an Hand einiger archäologischer Funde rekonstruieren. Der Burgberg fällt nach Norden steil ab, auf der flachen Südseite musste die Ringburg jedoch gesichert werden. Ein sechs Meter breiter und ebenso tiefer Halsgraben erschwerte den Zugang zur Burg. Möglicherweise gab es vor diesem Verteidigungsabschnitt noch eine Umfassungsmauer und einen Abschnittsgraben. Eine Zugbrücke führte über den Graben in den höher gelegenen Burghof. Eine etwa 1,50 Meter starke Ringmauer, im Osten mit einem Zwinger dem Bergfried vorgelagert und im Westen mit einem Flankierungsturm massiv verbunden, bildete den Befestigungsring der Burg. In dessen Inneren stand mindestens auch ein Wohngebäude.

Ein mittelalterlicher Flankierungsturm ist noch teilweise erhalten. Er erhielt bei späteren Umbauten einen neuen Aufbau. Das Foto ist ein Meßbild, das während der Restaurierung der Burg in den 1980er Jahren entstanden ist. (Foto: Museum Burg Posterstein)
Ein mittelalterlicher Flankierungsturm ist noch teilweise erhalten. Er erhielt bei späteren Umbauten einen neuen Aufbau. Das Foto ist ein Meßbild, das während der Restaurierung der Burg in den 1980er Jahren entstanden ist. (Foto: Museum Burg Posterstein)

Noch erhalten: Reste von Mauern und Flankierungsturm

Der Flankierungsturm ist nur noch bis zur Höhe des heutigen Erdgeschosses erhalten und hat im Laufe der Zeit starke Veränderungen erfahren. Der untere Abschnitt zeigt nach drei Seiten Öffnungen, wobei wenigstens zwei davon auf Schießscharten hindeuten. Darüber befindet sich ein Aborterker.

Von Graben und Zugbrücke gibt es heute keine sichtbaren Spuren mehr, weil der jetzige Eingang in die Burg, einschließlich der steinernen Brücke, neu errichtet und der Halsgraben mit Brandschutt verfüllt wurde.

Bei einer archäologischen Grabung in der Burgkirche konnte das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie 2008 Reste des Halsgrabens nachweisen. Ein letztes Stück der Umfassungsmauer ist noch am Westhang der Burg vorhanden.

Mehr dazu: Ausstellung “Wehrhaft, wohnhaft, Haft” im Museum Burg Posterstein und in der Broschüre “Wehrhaft, wohnhaft, Haft”, zu bestellen unter info@burg-posterstein.de (Kosten: 5 Euro zzgl. Versand)

Von Marlene Hofmann

Was führten die Postersteiner Ritter im Schilde?

Wappen der Familie Pflugk (Burg Posterstein)

„Etwas im Schilde führen“ – Das ist eine Redewendung, deren Wurzeln im Mittelalter liegen. In Zeiten von bewaffneten Rittern auf Pferden, gehörte der Schild zur festen Kampfausrüstung. Mit dieser länglichen und gebogenen Holz- oder Metallplatte konnte der Kämpfer beispielsweise Geschosse und Schwerthiebe abwehren. Der Schild erfüllte aber noch eine weitere Aufgabe: Die Vorderseite bot reichlich Platz für ein Wappen, Leitsprüche oder verschiedene Farben. Auf diese Weise konnte ein Ritter nicht nur seine edle Herkunft und lange Familientradition zeigen, der Schild diente auch zur Wiedererkennung. Durch die Farbe des Schildes ließen sich schnell Freunde von Feinden unterscheiden. Vor diesem Hintergrund bekommt die Frage „Was führt er im Schilde?“ eine neue Bedeutung. Auf einen Blick erkennen zu können, welches Wappen ein anderer „im Schilde führte“ – eine lebenswichtige Kunst! Heute unterstellt die Redewendung vor allem eine böse Absicht.

Wappen der Familie Pflugk (Burg Posterstein)
Wappen der Familie Pflugk (Burg Posterstein)

Welches Wappen führten die Postersteiner im Schilde?

Von den Wappen der verschiedenen Adelsfamilien, die im Laufe der Zeit auf Burg Posterstein lebten, ist nur das der Familie von Pflugk bekannt. 1528 kauften die Vettern Julius, Haubold, Tham, Andreas und Christoph von Pflugk auf Eythra (Eithra) Posterstein von Nickel von Ende. Die Burg und das zugehörige Land blieben fast 200 Jahre im Besitz dieses meißnischen Adelsgeschlechts. Das Wappen der Pflugke ist auf Abbildungen erhalten und in einer Turmglocke eingraviert: Der Schild besteht aus vier Teilstücken in Rot und Silber. In Feld 1 und 4 befindet sich eine schräge, silberne Pflugschar und in Feld 2 und 3 ein natürlicher Lindenast mit drei Blättern. Auf dem gekrönten Helm stecken zwei silberne, schräg voneinander gestellte Pflugschare, je außen rings mit sieben abwechselnd rot-silbernen Straußenfedern besteckt.

Wappen der Familie Pflugk auf Turmglocke (Burg Posterstein)
Das Wappen der Familie Pflugk auf der Turmglocke (Burg Posterstein)

Wem dienten die Postersteiner?

Die Burg Posterstein wurde im späten 12. Jahrhundert im Zuge der deutschen Besiedlung unter Kaiser Friedrich I. Barbarossa gebaut. Sie befand sich seit dem 13. Jahrhundert unter der Lehnshoheit des Reußischen Adelsgeschlechts, sehr zum Ärger der wettinischen Markgrafen zu Meißen, die Altenburg und weite Teile des Umlands verwalteten. Um die Grundherrschaft vor dem Zugriff der Wettiner zu schützen, gaben die Reußen ihren Postersteiner Besitz 1327 dem König von Böhmen zu Lehen auf. Daraus resultierte ein jahrhunderte dauernder Streit dieser beiden Adelshäuser, der um 1600 sogar mit Waffengewalt ausgetragen worden sein soll.

Im Kriegsfall gegeneinander kämpfen

In eine kniffligen Lage kamen die Postersteiner im 14. Jahrhundert: Während des Vogtländischen Krieges (1354–1359) soll Posterstein neben Werdau und Ronneburg eine der Burgen gewesen sein, die Kaiser Karl IV. auf seinem Zug in das Pleißenland 1358 besetzte. Die Grundherrschaft blieb jedoch auch nach dem Krieg und trotzzwischenzeitlichen Verlustes unter reußischer Lehnshohheit. Dies reduzierte sich in der Folgezeit auf das Dorf Posterstein selbst, während die übrigen zinspflichtigen Orte an die wettinischen Markgrafen zu Meißen übergingen. Das bedeutete, dass die Postersteiner Burgherren im Kriegsfall zwei Kontingente stellen und diese unter Umständen gegeneinander kämpfen mussten. Weil es in dieser Zeit aber keinen weiteren Krieg gab, blieben sie davon jedoch verschont.

Plakat Wehrhaft, wohnhaft, Haft (Burg Posterstein)
Das Plakat zur Ausstellung “Wehrhaft, wohnhaft, Haft” im Museum Burg Posterstein – ab September 2012

Wehrhaft, wohnhaft, Haft

Mittelalterliche Burgen waren Wohnstatt, Verteidigungsanlage und Gefängnis in einem. Die Bedeutung und die verschiedenen Funktionen des Bergfrieds (des Hauptturms) einer Burg beleuchtet die neue Ausstellung „Wehrhaft, wohnhaft, Haft“ im Bergfried der Burg Posterstein.

Von Marlene Hofmann

Austern unterm Schloss

Der Landkreis Altenburger Land ließ das Schloss in Löbichau, ehemals Musenhof der Herzogin Dorothea von Kurland, 2009 abreißen. Auf der Fläche wurde ein Neubau errichtet, der heute als Pflegeheim dient. Die Fassade erinnert noch an das Schloss und Löbichaus Glanzzeiten im frühen 19. Jahrhundert (mehr dazu). Bevor jedoch der Neubau entstand, führte das Thüringische Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege archäologische Grabungen auf dem Gelände durch. Davon und von anderen aktuellen Grabungsprojekten der Behörde berichtet vom 4. März bis 30. April 2012 die Sonderausstellung „Archäologie im Altenburger Land“ auf Burg Posterstein.

Schloss Löbichau, Ansichtskarte von 1904 (Museum Burg Posterstein)
Schloss Löbichau, Ansichtskarte von 1904 (Museum Burg Posterstein)

Schon drei Umbauten seit dem 16. Jahrhundert
Bei den Grabungen in Löbichau konnten drei Bauphasen festgestellt werden. Die früheste datiert ins 16. Jahrhundert. Zu dieser Zeit dominierten offenbar noch Wirtschaftsgebäude des ehemaligen Rittergutes Löbichau den späteren Standort des Schlosses. Der Brand aus dem Jahr 1766 war für die Fachleute an Hand von großflächigen Schuttverfüllungen deutlich nachweisbar. Die zweite Bauphase folgte, nachdem die Herzogin Anna Dorothea von Kurland das Anwesen 1795 kaufen ließ. Bis 1800 ließ sie den Südwestflügel des Rittergutes in ein klassizistisches Schloss umbauen, in das sie fortan in den Sommermonaten regelmäßig Staatsmänner, Dichter, Künstler und Musiker ihrer Zeit einlud (mehr dazu). Die dritte Bauphase begann etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als nach dem Tod der Herzogin Anna Dorothea von Kurland 1821 das Schloss zunächst als Wohnsitz ihrer Familie, später als „Johanna-Luisen-Stift“ und seit 1945 als Alten- und Pflegeheim genutzt wurde. Besonders in die letzte Zeitepoche datieren verschiedene Ein- und Anbauten wie Mauern, Keller und Rampen.

Abrissarbeiten am Schloss Löbichau 2009 (c) Thüringisches Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege
Abrissarbeiten am Schloss Löbichau 2009 (c) Thüringisches Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege

Messer, Hufeisen und Austernschalen
Das Fundmaterial datiert vom 14. und 15. Jahrhundert bis in unsere heutige Zeit. Es setzt sich vor allem aus Keramikscherben, Dachziegelresten, eisernen Gegenständen wie Beschlägen, Nägeln, Messern, Hufeisenteilen und Tierknochen zusammen. An Kleinfunden sind ein Spinnwirtel, Pfeifenbruchstücke, Austernschalen, Tonmurmeln, Holzperlen eines Rosenkranzes und eine Münze aus dem 18. Jahrhundert zu nennen. Wenige bearbeitete Hölzer ergänzen das Spektrum. Die oben erwähnte Münze ist ein Rechenpfennig von Johann Jacob Dietzel (1711-1748) aus Messing.

Plakat Sonderausstellung Archäologie im Altenburger Land auf Burg Posterstein 2012
Plakat Sonderausstellung Archäologie im Altenburger Land auf Burg Posterstein 2012

Ausgrabung in der Kiste
Die Ausstellung „Archäologie im Altenburger Land“ wird am 4. März, 15 Uhr, auf Burg Posterstein eröffnet. Im Begleitprogramm zur Ausstellung bietet das Museum u. a. Führungen für Kinder an: Unter dem Motto: „Was ist Archäologie? – Ausgrabung in der Kiste“, können die kleinen Besucher lernen, was beim Ausgraben von Gegenständen aus unterschiedlichen Zeiten zu beachten ist, welche Erkenntnisse gewonnen werden oder wie ein Fundbericht verfasst wird. Eine Voranmeldung ist hierfür erforderlich.

Live von der Baustelle
Einen Einblick in die Ergebnisse der Grabungen gibt auch ein Kurzfilm des lokalen Senders TV Kabel Plus vom August 2009:
[vimeo http://vimeo.com/36758499]

Mehr zur Grabung in Löbichau:
Sonderausstellung „Archäologie im Altenburger Land“, vom 4. März bis 30. April 2012 im Museum Burg Posterstein
Weitere Infos auf der Website des Thüringischen Landesamtes für Denkmalpflege

Von Marlene Hofmann

„Schnapphahnski ist ein wunderschöner Mann, den manches allerliebste Frauenzimmerchen recht gern in den kohlschwarzen Bart hineinküssen würde“

Plakat zur Sonderausstellung auf Burg Posterstein
Nur noch bis 31. Mai zeigt das Museum Burg Posterstein Lithografien und Zeichnungen des Leipziger Künstlers Rolf Münzner, der sich dafür von Georg Weerths Satire auf den „Ritter Schnapphahnski“ inspirieren lassen hat.

Schnapphahnski? Sie ahnen bereits, dass kein wirklicher Ritter so hieß. Der 1848/49 in der Neuen Rheinischen Zeitung erstmals erschienene satirische Roman mit dem schrägen Titel „Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski“ basiert aber auf echten historischen Personen und beschreibt Ereignisse, die so ähnlich tatsächlich einmal stattgefunden haben. Georg Weerths Don Quichotte hieß im realen Leben nicht Schnapphahnski, sondern Lichnowski und war ein Adeliger, den Weerth gründlich durch den Kakao zog.

Ausschweifend und blumig beschreibt Weerth seinen Ritter Schnapphahnski:

Schnapphahnski ist von Geburt ein Wasserpolacke. Ich bitte meine Leser, nicht zu lachen. Schnapphahnski ist ein wunderschöner Mann, den manches allerliebste Frauenzimmerchen recht gern in den kohlschwarzen Bart hineinküssen würde. Der Ritter ist nicht groß, aber er ist hübsch und kräftig gebaut. Ein kleiner, schmaler Fuß, ein rundes Bein, eine gewölbte Brust, ein stolzer Kopf mit schwarzem Knebel- und Schnurrbart, flink und gewandt: das ist Ritter Schnapphahnski. Ein Mann wie gedrechselt, mit funkelnden Augen, höhnischen Lippen und aristokratisch weißen Händen.“

Genau dieser junge Schnapphahnski, alias Lichnowski, sorgt für allerlei Klatsch und Tratsch und schafft sich durch seine Affären und Liaisons mancherlei Feinde. Einige Mal muss er untertauchen, um erbosten Ehemännern und Verlobten zu entkommen. Eine längere Beziehung führte er auch zu einer wesentlich älteren Herzogin. – Und hier lässt sich die Brücke zum Musenhof Löbichau schlagen. Denn die Herzogin, die Weerth da satirisch und auf Äußerlichkeiten fixiert beschreibt, war keine andere als Dorothee von Sagan, die Tochter der Herzogin Dorothea von Kurland. – In Weerths Satire tritt sie unter dem Kürzel „Herzogin v. S.“ auf. Im Roman wird sie als lichtscheue, alte, dünne Krähe mit falschen Waden, falschen Zähnen und falschen Haaren beschrieben, die ihrem Auftritt voran immer einen Grafen schickt, der das Licht so arrangieren muss, dass sie am vorteilhaftesten beleuchtet wird.

 Schnapphahnski erobert die Herzogin

Ritter Schnapphahnski ist trotzdem fest entschlossen, die Herzogin zu erobern und Weerth beschreibt das blumig:

»Unglücklich bin ich«, rief der Ritter, »unglücklich geworden seit zehn Minuten, weil ich noch daran verzweifeln muß, ob ich je wieder glücklich werde. Eine Rose fand ich – darf ich sie brechen? Eine Perle fand ich – darf ich sie an meine Brust drücken?« –

Ähnliche Phrasen entschlüpften dem Ritter zu Dutzenden. Die Herzogin gestand sich, daß sie schon viel dummes Zeug im Leben gehört habe, gewiß aber nicht so viele verliebte Schnörkel, wie sie der Ritter in Zeit von einer halben Stunde produzierte.

Der in Detmold geborene Autor der Satire, Georg Weerth (1822-1856), war mit Marx und Engels bekannt und gilt als der erste sozialistische Feuilletonist. Seinen Roman über Ritter Schnapphahnski, eine Satire auf den Adel, druckte die Neue Rheinische Zeitung in den Jahren 1848/49 in mehreren Teilen.

Der wahre Schnapphahnski

Felix von Lichnowski

Felix von Lichnowski (1814-1848), Weerths Inspiration für Ritter Schnapphahnski, war indes Mitglied des Schlesischen Landtages. Er diente in der preußischen Armee und seine Grundüberzeugung war die Legitimität des Königstums und des Adels. Politisch galt er als ein Heißsporn und Wirrkopf, denn er gab sich einerseits liberal und andererseits konservativ. In der Frankfurter Nationalversammlung gehörte er dem konservativen Flügel an. Seine provozierende und leichtfertige Art machte ihn zum Lieblingsfeind der Linken. Am 18. September 1848 wurde Lichnowski während der so genannten Septemberunruhen in Frankfurt am Main ermordet. Infolge dessen brachte die Veröffentlichung des Schnapphahnski dem Autor Weerth schließlich ein Verfahren wegen Verunglimpfung eines Verstorbenen, eine dreimonatige Haftstrafe und die Aberkennung der Bürgerrechte auf fünf Jahre ein.

Dorothée, Herzogin von Sagan

Dorothée von Dino-Talleyrand, Herzogin von Sagan

Die Affäre zwischen Felix von Lichnowski und Dorothée von Dino-Talleyrand, der Herzogin von Sagan, (1793-1862) war indes keine Erfindung Weerths. Die Beziehung mit der jüngsten Tochter der Herzogin von Kurland dauerte von 1842-48 und war durchzogen von längeren Unterbrechungen, da sich Dorothée zeitweilig auch in Frankreich und Italien aufhielt. Die jüngste Tochter der Herzogin von Kurland, der sich die nächste Ausstellung auf Burg Posterstein widmet, verbrachte ihre Kindheit zu großen Teilen in Berlin im Kurländischen Palais und wurde in Bekanntschaft mit dem preußischen Königshaus (Friedrich Wilhelm IV.) erzogen. 1809 heiratete sie Edmond de Talleyrand-Périgord, übersiedelte mit ihrer Mutter nach Frankreich und lebte später als Hofdame am Hof Napoleons. 1814/15 erlebte sie als viel bewunderte Begleiterin ihres Onkels, des mehrmaligen französischen Außenministers Charles Maurice de Talleyrand, den Wiener Kongress. Sie begleitete Talleyrand auch nach London, wo dieser von 1830 bis 1834 französischer Botschafter war. Nach dem Tod Talleyrands im Jahr 1838 wurde sie seine Universalerbin. Sie zog sich daraufhin aus Frankreich in ihre schlesische Besitzungen zurück und besuchte nach über 27 Jahren erstmals wieder das Schloss Löbichau. Zunächst wohnte sie in Günthersdorf, das zu den bereits 1806 durch ihren Vormund Günther von Gockingk in ihrem Namen erworbenen Gütern gehörte. Seit 1841 verhandelte sie in Erbangelegenheiten mit der Familie ihrer Schwester Pauline und kaufte schließlich die Herrschaft Sagan (1844). Dorothée versuchte auch, bereits veräußerte Kunstgüter wieder in Familienbesitz zu bringen, Musiker nach Sagan zu ziehen und ein gesellschaftliches Leben zu installieren. Sie pflegte enge Kontakte zum preußischen Königshaus und zu dem im benachbarten Muskau residierenden Fürst Hermann von Pückler (1785-1871). Während ihrer Zeit nimmt Sagan einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung. Die Beziehung Dorothées zum viele Jahre jüngeren Lichnowski ist nachweisbar durch dessen Besuche in Sagan und Günthersdorf sowie gemeinsame Aufenthalte in Berlin.

Rolf Münzners  Schnapphahnski-Zyklus 

Der renommierte Grafiker Rolf Münzner ließ sich in zahlreichen Radierungen, Zeichnungen und Schablithografien vom Stoff dieser Geschichte inspirieren. Seine dunklen Blätter gehen in die Tiefe und bergen unzählige Details. Man trifft dort Schnapphahnski und all seine Liebschaften, Kutschen rollen und Leiber verschränken sich. So entstand ein einmaliger Zyklus über diesen deutschen Don Quichotte und Weiberhelden, und eine feine Referenz zum Löbichauer Musenhof der Herzogin von Kurland, deren 250. Geburtstag das Museum Burg Posterstein in diesem Jahr mit mehreren Ausstellungen und Veranstaltungen feierlich begeht.