Wie still war das Örtchen von Ritter Kunibert?

Kinder dürfen auf Burg Posterstein jetzt auch hinter die ritterliche Klotür schauen

Dass die alten Rittersleut’ noch kein Sanifair kannten, ist wohl jedem klar. Aber wie sah das stille Örtchen im Mittelalter eigentlich aus? Auf Burg Posterstein können Besucher bei Spezialführungen jetzt auch einen Blick in die mittelalterliche Toilette riskieren. – Solche VIP-Gäste sind zum Beispiel die fast 2000 Kinder, die jedes Jahr an den Kinderführungen des Museums teilnehmen.

Kleine Ritter bei der Inspektion des mittelalterlichen Aborts ((c) Petra Nienhold, Museum Burg Posterstein)
Kleine Ritter bei der Inspektion des mittelalterlichen Aborts ((c) Petra Nienhold, Museum Burg Posterstein)

Museumsmitarbeiterin Petra Nienhold führt oft sogar mehrmals pro Woche Kindergruppen, die beispielsweise Geburtstag auf der Burg feiern, durch die alten Gemäuer. Seit kurzem öffnet sie dabei auch die vorher verschlossene Tür zu einem der beiden so genannten Abort-Erker der Burg, der sich im Obergeschoss befindet. Vom Park aus kann man heute noch einen der Erker sehen, der einem kleinen Anbau ähnlich, an der Außenmauer klebt.

Der enge Raum bietet gerade so Platz für einen hölzernen Toilettensitz. Hebt man heute den Deckel hoch, sieht man nicht viel, weil der Boden des Erkers inzwischen zugemauert ist. Im Mittelalter aber genoss man freie Sicht in den Burggraben und einen kalten Luftzug von unten. Das „Geschäft“ plumpste damals im Freiflug nach unten und stank dann im Burggraben vor sich hin. An die Lektüre der aktuellen Zeitung, wie das so manch einer heute tut, war da nicht zu denken. Nach genauer Inspektion des hölzernen Toilettensitzes ist sich Mercedes, 9 Jahre alt, sicher: „Ich bin froh, dass ich das nicht benutzen muss!“

Zum „stillen Örtchen“ mancher Burgen gab es nicht einmal eine Tür ((c) Marlene Hofmann, Museum Burg Posterstein)
Zum „stillen Örtchen“ mancher Burgen gab es nicht einmal eine Tür ((c) Marlene Hofmann, Museum Burg Posterstein)

Abort-Erker, wie die der Burg Posterstein, gab es auf Burgen sehr häufig. Zunächst scheinen diese zum Burginneren hin sichtoffen gewesen zu sein, sodass das „stille Örtchen“ gar nicht so abgeschieden war. Große Festungen besaßen viele Erker – die Burg Eltz an der Mosel zierten gleich vierzehn solche Außentoiletten. Auch einige Doppel-Abtritte, getrennt für Männern und Frauen, sind belegt, beispielsweise im bayrischen Rothenburg ob der Tauber. Natürlich achteten die Bauherren meist darauf, die Aborte über möglichst abgelegenen Stellen anzubringen, damit Passanten keine unangenehmen Stinkbomben fürchten mussten.

Außenansicht eines Abort-Erkers der Burg Posterstein ((c) Marlene Hofmann, Museum Burg Posterstein)
Außenansicht eines Abort-Erkers der Burg Posterstein ((c) Marlene Hofmann, Museum Burg Posterstein)

Mit der modernsten und hygienischsten Technik dieser Zeit konnten manche großen Deutschordenburgen aufwarten. Dort baute man zuweilen spezielle Toilettentürme, „Danziger“ genannt, die vom Schloss aus über eine Brücke zu erreichen waren. Im Obergeschoss der Türme gab es gleich mehrere Plumpsklos, der Rest des Gebäudes war innen hohl und unten spülte im besten Fall ein Fluss das ritterliche Geschäft fort. Den eindrucksvollsten, noch erhaltenen Toilettenturm kann man auf der Burg Marienwerder (auf Polnisch: Kwidzyn) im heutigen Polen besichtigen.

(Marlene Hofmann, Museum Burg Posterstein)

Waren Ritterturniere wirklich so?

Der Sommer ist die Zeit der Mittelaltermärkte und Ritterturniere, auch jedes Jahr zu Pfingsten auf Burg Posterstein. Viele Mittelalter-Fans pilgern in mittelalterlicher Kleidung von einem Festival zum nächsten. Aber auch Familien und Schaulustige lassen sich gern um Jahrhunderte zurückversetzen und genießen es, den Männern in Rüstungen beim Kampf zuzusehen. Aber wie authentisch sind die modernen Turniere wirklich?

Ritterturnier beim Mittelalterspektakel auf Burg Posterstein
Ritterturnier beim Mittelalterspektakel auf Burg Posterstein (Foto: Nienhold)

Wenn auf Burg Posterstein die Ritter los sind, dann sieht man Kämpfer in Rüstungen auf großen, geschmückten Pferden gegeneinander anreiten. Zum Beispiel geht es darum, eine Strohpuppe mit der Lanze zu treffen oder mit dem Schwert gegeneinander zu kämpfen. Am Rande des Kampfplatzes sammeln sich dann Schaulustige aller Altersgruppen und rund herum verkaufen Händler ihre Waren und Gaukler führen Kunststücke auf. Aber war das auch früher so?

Die ersten Ritterturniere gab es vermutlich im 11. oder 12. Jahrhundert. Als einer der ersten Ritter, die ein Turnier mit festen Regeln organisierten, gilt Heinrich I., der im 10. Jahrhundert Herzog von Sachsen und König des Ostfrankenreichs war. An einem echten Ritterturnier durften nur adelige Kämpfer teilnehmen, die meist Fürsten- oder Grafentitel besaßen. In der Regel fanden die Turniere als Teil einer festlichen Veranstaltung statt – beispielsweise als Rahmenprogramm für Hochzeiten, Geburten und Siegesfeiern. Der Veranstalter bekam Gelegenheit seine Macht und seinen Reichtum zur Schau zu stellen und die Teilnehmer durften auch in Friedenszeiten ihr Können unter Beweis stellen und mit Siegen Ruhm und Ehre erlangen.

Mehr als nur „Ritterspiele“

Turniere blieben aber nicht nur ein sportlicher Wettkampf, sondern entwickelten sich zu einem Jahrmarkt für alle Gesellschaftsschichten. Höfische Sänger, Dichter und adelige Damen befanden sich unter den Gästen der oberen Gesellschaftsschichten. Aber rundherum bildeten sich auch ganze Märkte mit Gauklern, Musikern, Schaustellern und Schaulustigen. Die mittelalterlichen Feste dauerten vermutlich eine ganze Woche, wenn nicht sogar länger. Der oft großflächig angelegte Turnierplatz lag meist außerhalb von Burgen und Städten. Für die Kämpfer gab es abgegrenzte Bereiche, an denen sie ihre Ausrüstung lagern und sich erholen konnten. Vor den Kämpfen wurden die Ritter in zwei Mannschaften eingeteilt, ein Herold verkündete das nachfolgende Programm, stellte Teilnehmer namentlich vor und präsentierte die Siegerprämien. Darauf folgte eine gründliche Waffeninspektion.

Die meisten der damaligen Turniere darf man sich nicht als wohlgeordnete Duellkämpfe vorstellen, wie es in modernen Darstellungen auf Mittelaltermärkten meist der Fall ist. Vielmehr rückten sich bei mittelalterlichen Sportkämpfen die beiden Mannschaften in geschlossener Linie mit ausgestreckter Lanze zu Leibe. Ziel war es, den Gegner vom Pferd zu stoßen. Schon beim ersten Durchlauf gab es Verletzte. Wer sich danach noch im Sattel befand, wendete und griff erneut an. Dabei durften auch Gefangene gemacht werden. Auch das Publikum lebte vermutlich nicht ungefährlich, wenn herrenlose Pferde durch die Menge galoppierten. Während der Kampf noch tobte, trug man die ersten Verletzten vom Schlachtfeld. Gestürzte Reiter, die sich noch auf den Beinen halten konnten, setzten die Schlacht im Nahkampf fort. Außer dieser Turnierform im Mannschaftskampf gab es aber auch andere Arten von Schaukämpfen, die denen auf heutigen Mittelalterfesten durchaus näher kommen.

Kampf auf Leben und Tod

Jedes Jahr zu Pfingsten werden auf Burg Posterstein Ritterspiele ausgetragen. (Foto: Nienhold)
Jedes Jahr zu Pfingsten werden auf Burg Posterstein Ritterspiele ausgetragen. (Foto: Nienhold)

Ein beliebter Zeitpunkt für Turniere war der Monat Mai, wo das Pfingstfest einen guten Anlass bot. Im Vorfeld eines Turniers fanden immer auch Gottesdienste statt, denn die Ritter fanden ihren festen Bezugspunkt im christlichen Glauben. Trotzdem konnte sich die mittelalterliche Kirche mit dieser Kampf- und Festtradition nicht recht anfreunden. Nach Ansicht der Kirchenvertreter gaben die Festivitäten Anreize für alle sieben Todsünden. Ein weiterer Grund für die Ablehnung dürfte aber auch gewesen sein, dass die Geistlichen im Kampf getöteten Edelmännern oft nicht mehr rechtzeitig die Sterbesakramente erteilen konnten.

Mittelalterliche Turniere waren – im Gegensatz zu den heutigen, ansonsten recht authentisch nachgebildeten Mittelalterspektakeln – nicht ganz ungefährlich. Turniere dienten auch als Vorbereitung auf kommende Schlachten und man kämpfte auf Leben und Tod. Nicht wenige Ritter zogen sich schon vor den eigentlichen Schlachten und Kriegen bei Turnieren Verletzungen zu, oder fanden sogar den Tod.

Von Marlene Hofmann

Alle halbe Stunde ein Glockenschlag

Die Turmuhr von Burg Posterstein
Die Turmuhr von Burg Posterstein

Golden strahlen die Zeiger der Turmuhr von Posterstein in der Sonne. Wenn man auf der Brücke vor dem Eingang zur Burg steht, kann man sie sehen. Sie schlägt zur vollen und zur halben Stunde.

Viele kluge Menschen haben sich im Laufe der Geschichte zur Zeit geäußert: Ovid soll vor langer Zeit die wahren Worte gesagt haben: „Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen“ und Orwell notierte: „Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei.“ Und schon Einstein wusste: „Zeit ist das, was man an der Uhr abliest.“ – Wie wahr!

Schon Einstein wusste: Zeit ist, was man von der Uhr abliest.

Das bringt uns zurück zur Postersteiner Turmuhr. Ihr Uhrwerk stammt aus dem Jahr 1902 und wurde erst 2010 zum letzten Mal restauriert. Die Vergoldung ist echt. Auf dem Ziffernblatt steht die Jahreszahl 1869, was darauf hindeutet, dass es in diesem Jahr angebracht wurde.

Die Ziffern sind vergoldet.
Die Ziffern sind vergoldet.

Der Glockenschlag, den man alle halbe Stunde hören kann, ist noch viel älter. Die Turmglocke stammt aus dem Jahr 1571 und trägt das Wappen der Familie Pflugk, die mehrere Generationen auf Burg Posterstein lebte. Auf der Glocke befindet sich der Schriftzug: „CESER PFLUGK AVFF STEIN LIS MICH ZV FREIBERG GISSEN ANNO MDLXXI“. Früher auf dem Rittergut Posterstein läutete die Turmglocke die Arbeitszeiten ein und bei Brand gab sie den Feueralarm.