#CityMW: Tee im Salon – Die Altenburger Gesellschaft um 1810

Die Themen der internationalen Museumswoche #MuseumWeek wollen wir mit je einem Blogpost aufgreifen. Das Thema #CityMW nehmen wir zum Anlass, die Gesellschaft in der Stadt Altenburg um 1810 vorzustellen.

Altenburg im 19. Jahrhundert, kolorierte Lithografie, Museum Burg Posterstein
“Ein reges gesellschaftliches Leben” bescheinigte Brockhaus Altenburg im 19. Jahrhundert, kolorierte Lithografie, Museum Burg Posterstein

Altenburg zählte um 1810 rund 10.000 Einwohner. Die Gothaer Herzöge kamen zwar nur selten in die Stadt, es gab jedoch eine eigene Regierung für den Altenburger Landesteil. Nicht weit von Altenburg führte die Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761–1821) in den Sommermonaten ihren bekannten Salon, zu dem auch Altenburger Gäste geladen waren. Aber auch die Stadt Altenburg verfügte über ein reges gesellschaftliches Leben.

Im Hause von Hans Wilhelm von Thümmel fand im Altenburg des frühen 19. Jahrhunderts ein reger Teil des gesellschaftlichen Lebens statt.
Im Hause von Hans Wilhelm von Thümmel fand im Altenburg des frühen 19. Jahrhunderts ein reger Teil des gesellschaftlichen Lebens statt.

Seit Hans Wilhelm von Thümmel (1744-1824) im Jahr 1783 den Regierungsvorsitz erhielt, verbrachte er viel Zeit in Altenburg und heiratete 1785 die Tochter des verstorbenen Ministers Rothkirch und Trach. In seinem bis etwa 1792 errichteten Palais mit weitläufigem englischem Garten traf sich die gehobene Altenburger Gesellschaft zu Festen und “Theegesellschaften”.

Der Sohn des damaligen Kirchen- und Schulrats Dr. August Matthiä (1769–1835) berichtete beispielsweise: “Bei den Ministern von Trüzschler und von Thümmel war er [August Matthiä] oft zum Thee oder zum Eßen. Namentlich wurden in dem Thümmelschen Garten, diesem schönen Denkmal eines feinen und lebendigen Natursinns, die genußreichsten Abende verlebt.” (Biografie August Matthiä von seinem Sohne Konstantin. Quedlinburg 1845, S. 102)

Die junge Malerin Louise Seidler wohnte bei Thümmels in Altenburg

Vogel von Vogelstein - Louise Seidler in Rom

1817 wohnte die Malerin Louise Seidler (1786–1866) einige Monate in Thümmels Haus, um auf dessen Wunsch Thümmels hochbetagten Bruder Moritz August (1738–1817) zu porträtierten. In Ihren Lebenserinnerungen beschrieb sie ihren Besuch:

“Der Auftraggeber, Excellenz von Thümmel, der vormalige Minister, war ein schöner, origineller, geistreicher Mann” dessen “höchst geschmackvolle Besitzung lag auf einem kleinen Berge, rings um dieselbe zog sich ein weitläufiger Park, worin sich ein großer Fischteich befand. In diesem Parke sah man fünf oder sechs Schweizerhäuschen, an welche das Gerücht manches Liebesabenteuer des galanten Ministers knüpfte. Kein Wunder also, daß dessen Gemahlin (geb. von Rotkirch), als sie von der Einladung gehört hatte, welche mir zu Theil geworden war, erst genaue Erkundigungen über mich einzog. Da diese beruhigend ausfielen, wurde mir ein Atelier und Schlafzimmer dicht neben den Gemächern der Töchter des Hauses eingeräumt. […] Der Minister von Thümmel, immer noch eine sehr stattliche Erscheinung, war ein barocker Mensch; einmal ließ er auf dem Dache eines türkischen Kiosks, wo sich ein länglicher Altan befand, im Freien das Diner servieren, obwohl es im April eisig kalt war. Schnee und Hagel fiel auf die Tafel nieder, allein wir mußten ausharren. Das Abendteuerliche hatte eben für den Herrn des Hauses einen besonderen Reiz.” (Louise Seidler, Erinnerungen, S. 160ff.)

Der Dichter Moritz August von Thümmel auf einer Lithografie nach dem Gemälde von Louise Seidler, Museum Burg Posterstein
Der Dichter Moritz August von Thümmel auf einer Lithografie nach dem Gemälde von Louise Seidler, Museum Burg Posterstein

Das Verhältnis der Brüder Moritz August und Hans Wilhelm von Thümmel muss sehr eng gewesen sein. Sie hielten zeitlebens stets Kontakt und der berühmte Dichter Moritz August wohnte oft längere Zeit bei seinem Bruder in Altenburg. Eine 1819 von dem Coburger Minister und Kanzler Johann Ernst von Gruner (1757–1822) veröffentlichten Biografie des Dichters, zu der Hans Wilhelm von Thümmel auch Papiere und Briefe beisteuerte, beschreibt beispielsweise, dass Moritz August seinen Bruder als Korrekturleser seiner Werke zu Rate zog, ihm lange, vertrauliche Briefe schrieb und ihm zum Geburtstag blumige bis frivole Gedichte verfasste.

Während ihrer langen Sommeraufenthalte in Löbichau kam auch die Herzogin Anna Dorothea von Kurland öfter zu Thümmel nach Altenburg. Im Juli 1816 vermerkte sie beispielsweise in ihrem Tagebuch: „ich denierte zu Altenburg auch bey Thümels in ihren Garten”. Ein andermal (12. Mai 1817) schrieb sie: „Thümel kahm gleich zu mir in der Stadt Gotha [Hotel in Altenburg] wo wir logirten…“

Bei Thümmels sprach man Französisch

Seine Eindrücke aus dem Hause Thümmel schildert auch der spätere Schriftsteller und Historiker Friedrich Förster (1791–1868) in seinen Jugenderinnerungen. Eng befreundet mit Thümmels gleichaltrigem Sohn Alfred (1791-1828), ging der Bürgersohn bei Thümmels ein und aus und wurde sogar mehrmals mit an den Musenhof Löbichau genommen:

“In Thümmel’s Hause war ich gehöriger Maßen eingeschult worden; es wurde hier nur französisch gesprochen. Ein Emigrant, Marquis Cotlosquet, war Sprachlehrer und führte bei Tisch die Unterhaltung, an auswärtigen Gästen fehlte es nie; unter diesen nahmen die Erzählung des Bruders des Ministers, des berühmten Verfassers der Reisen in das südliche Frankreich, die Aufmerksamkeit in Anspruch. Der geistreiche Humorist nöthigte durch die Erzählung seiner, selbst in der leichtfertigen französischen Sprache oft an das Bedenkliche streifenden, frivolen Abenteuer die Damen, sich hinter ihre Fächer, die zwar das Gesicht, nicht aber das Gehör deckten, zu verstecken, bis Frau von Thümmel durch irgendeine Frage ernsteren Inhalts dem eher beau frère in die Rede fiel.”

“Altenburg ist ein Ort […] wo sich die Langeweile der ganz kleinen Städte nicht findet”

In einer Stadt dieser Größe war die gesellschaftliche Elite überschaubar und man traf in den verschiedenen bedeutenden Häusern der Stadt immer wieder aufeinander. Eines der Zentren dieses Kreises war das Haus des Kommerzienkomissars und Kammerrats Heinrich Reichenbach (1736–1806), der gleichzeitig Inhaber des Altenburger Zweigs des Leipziger Bankhauses Gebrüder Reichenbach war. Seine vier gebildeten Töchter erlangten als die “vier schönen Schwestern Reichenbach” eine gewisse Bekanntheit. Die glanzvollen Feste und Konzerte im Hause Reichenbach soll auch Herzog Emil August Leopold (1772–1822) gern besucht haben. Bei einem dort stattfindenden Maskenball soll er der Familie Reichenbach den Adelsbrief überreicht haben.

Henriette Reichenbach (1775–1857) heiratete den Hofrat, Mediziner und Verleger Dr. Johann Friedrich Pierer (1767-1832), Begründer des Piererschen Universallexikons, der in ihrem Elternhause ein und aus ging. Sie und ihre drei Schwestern verfügten über einiges schauspielerisches Talent und riefen in ihrem Elternhaus eine Liebhaberbühne ins Leben.

Altenburg - das umfangreiche Kartenwerk gab Hans Wilhelm von Thümmel in Auftrag
Altenburg – das umfangreiche Kartenwerk gab Hans Wilhelm von Thümmel in Auftrag

Ab 1785 gab es aber auch ein Komödienhaus in der Pauritzer Gasse, in dem fahrende Schauspielergruppen ihre Stücke aufführten. Wenn gerade nicht Theater gespielt wurde, konnte man die Bühne durch eine Hebevorrichtung in einen Tanzsaal umwandeln.

Altenburg verfügte über ein reiches gesellschaftliches Leben, was allein ein Blick auf die zahlreichen Gesellschaften und Vereine zeigt. Die Altenburger Freimaurerloge “Archimedes zu den drei Reißbrettern” existierte seit 1742. Bereits seit 1784 traf sich die oft als sehr lebhaft und lustig beschriebene Concertgesellschaft im Fleischerschen Garten jeden Sonnabend zu einem Konzert, inklusive Souper, Billard und Kegelbahn. Seit 1790 gab es die Literarische Gesellschaft, die vom Gothaischen Regierungsrat Johann Georg Geißler (1760–1830) und Hofrat Pierer gegründet wurde und ein Jahr später bereits 50 Mitglieder zählte. 1803 entstand die Pomologische Gesellschaft des Osterlandes, die sich mit dem Apfelanbau beschäftigte. Drei Jahre später wurde die Theegesellschaft der Geschichts- und Altertumsforschenden Gesellschaft gegründet und 1817 die Naturforschende Gesellschaft des Osterlandes. Ein Jahr später entstand der Kunst- und Handwerksverein, der 1822 eine erste Kunstausstellung organisierte.

Berühmte Gäste im Altenburger Kreis – von Clemens Brentano bis Friedrich Arnold Brockhaus

Friedrich Arnold Brockhaus gründete seinen bekannten Verlag in Altenburg.
Friedrich Arnold Brockhaus gründete seinen bekannten Verlag in Altenburg.

Der oben erwähnte Dr. Pierer wiederum gründete neben anderen Gesellschaften auch einen ärztlichen Kunstverein (1811) und die Sparkasse. Durch ihn fanden auch seine Stiefschwester, die in Altenburg geborene und damals in Weimar sehr umschwärmte Schriftstellerin Sophie Mereau, geborene Schubart (1770–1806), und ihr Verehrer und späterer Mann, der Dichter Clemens Wenzel Maria Brentano (1778–1842), ihren Weg in die Altenburger Gesellschaft. Auch der berühmte Dichter “Dichter der Freiheitskämpfe” Theodor Körner (1791–1813) und der Schriftsteller Jean Paul (1763–1825) hatten Verbindungen nach Altenburg.

Ebenfalls über den Kontakt zu Dr. Pierer wurde der bekannte Verleger Friedrich Arnold Brockhaus (1772–1823) für etwa fünf Jahre Teil des Altenburger gesellschaftlichen Lebens. 1811 verlegte er sein Kunst- und Industriekomptoir von Amsterdam nach Altenburg. 1814 gründete er hier seinen Verlag F.A. Brockhaus. In einem Brief von 1810 schwärmt er:

“Altenburg ist ein Ort […] wo sich die Langeweile der ganz kleinen Städte nicht findet und wirklich ein sehr angenehmer Ton herrscht. Es gibt höchst interessante Cirkel. […] Ueberhaupt ist das Land von allen Kriegsverheerungen beinahe ganz verschont geblieben und ist unter der sanften Gothaischen Regierung wol noch eins der glücklichsten Länder, die es in dem jetzigen Sturme aller Verwirrungen geben mag.”

Inmitten dieser recht offenen, bürgerlichen und adligen Gesellschaft entstand ab ungefähr 1810 das Skatspiel. Brockhaus schloss sich dem Kreise von begeisterten Kartenspielern der “Bromme’schen Tarokgesellschaft” in der Kesselgasse 26 an. Genau gegenüber wohnte Kammerrat Karl Friedrich Ernst Ludwig (1773–1846), ebenfalls ein begeisterter Spieler. Ludwig war in Gotha Privatsekretär von Hans Wilhelm von Thümmel gewesen und durch diese Verbindung anschließend in den Staatsdienst gelangt. In seinem Hause wohnten zwei weitere geistreiche Frauen, seine Gattin Rosine Wilhelmine und deren Schwester Jeanette von Zschock (1775–1833), welche Brockhaus später heiratete.

Der kleine Kreis wurde nicht ohne Ironie „Theegesellschaft“ genannt

An Brockhaus’ Verbindungen zur Altenburger Gesellschaft erinnerte sich Luise Förster (1794–1877), die Schwester Ernst und Friedrich Försters:

“… Brockhaus wurde der Mittelpunkt der gebildeten kleinen Welt in Altenburg. Zu seinem näheren Umgang gehörten: Hofrath Pierer, Professor Messerschmidt, Ludwig Brümmer, Hempel (Spiritus Asper), Bankier Reichenbach, Königsdörfer, Minister von Thümmel und dessen Bruder, der durch seine Schriften bekannte Moritz von Thümmel; auch der hochgeachtete Generalsuperintendent Hermann Demme, durch seine literarische Thätigkeit bekannt und gepriesen, stand dem geistesverwandten Brockhaus nicht fern. Der Umgang mit diesen Familien, wo das seichte Salonleben weder unter Männern noch Frauen sich einbürgern konnte, war für Brockhaus zusagend; er war für den geistigen Austausch in diesen Kreisen das belebende Element (…). Der erwähnte kleine Kreis, welcher sich in fast jeder Woche einmal vereinigte, wurde von den jenem Kreise Fernstehenden nicht ohne Ironie die “Theegesellschaft” genannt; vielleicht auch, weil in jener Zeit der Genuß des Thees, den nur die höhere Gesellschaft sich erlaubte, als ein ungewöhnlicher, aber ‘matter’ Luxus bezeichnet wurde.”

Noch ausführlichere Texte zur Altenburger Gesellschaft gibt es in unserer Publikation:
Im Dienste der Ernestiner: Hans Wilhelm von Thümmels Aufstieg vom Pagen zum Minister
Museum Burg Posterstein, 2016 (168 Seiten, farbig, ISBN 978-3-86104-136-8, 20.00 Euro, Bestellung per Mail)

Weitere Beiträge zur #MuseumWeek 2018:
#WomenMW: Die Dame, die unter dem Pseudonym „Ernst Ritter“ schrieb

#WomenMW: Die Dame, die unter dem Pseudonym „Ernst Ritter“ schrieb

Am ersten Tag der diesjährigen internationalen Museumswoche #MuseumWeek stehen Frauen im Mittelpunkt. Wir wollen die #MuseumWeek jeden Tag mit einem thematisch passenden Blogbeitrag begleiten. Unter dem Hashtag #WomenMW führt uns unser Weg in die nur zwei und vier Kilometer von Burg Posterstein in Thüringen gelegenen Schlösser Löbichau und Tannenfeld. Dort gab es mit der Herzogin Anna Dorothea von Kurland nicht nur eine beeindruckende Salonniére. Auch unter den Gästen des Löbichauer Salons waren bedeutende Frauen – zum Beispiel Emilie von Binzer.

Der Salon der Herzogin von Kurland in Schloss Löbichau zählte zu den bekanntesten seiner Art.
Der Salon der Herzogin von Kurland in Schloss Löbichau zählte zu den bekanntesten seiner Art.

Aus den Pariser Salons des 18. Jahrhunderts, in denen sich Mitglieder des Hofes, Gelehrte und Künstler begegneten, ging in der Zeit der Aufklärung eine Kultur hervor, die sich über ganz Europa ausbreitete. Den gesellschaftlichen Mittelpunkt bildete stets die Gastgeberin. Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich Schloss Löbichau zu einem solchen Zentrum des geistig-kulturellen Lebens in Deutschland. Der Salon der Herzogin von Kurland in Löbichau gehörte zu den bekanntesten seiner Art.

Wie eine Mappe aus dem Besitz Emilie von Binzers nach Posterstein kam

2014 konnte das Museum Burg Posterstein aus Finanzmitteln des Freistaats Thüringen und der Bürgerstiftung Altenburger Land eine einmalige Sammlung von Portraitzeichnungen ankaufen: 47 aquarellierte Zeichnungen aus den Jahren 1819/20, die Gäste im Salon der Herzogin von Kurland als Fabelwesen darstellen. Aufbewahrt wurden die Unikate in einer dunkelgrünen Halblederkassette.

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Ernst Welker. – Museum Burg Posterstein, CC BY-SA 4.0, Link

Eines der Blätter, das Porträt von Fritz Piattoli, ist mit der Signatur „Emilie del.“gekennzeichnet.

Die Urheber dieser heiteren Portraits sind der Maler Ernst Welker und vermutlich teilweise auch seine Zeichenschülerin Emilie von Binzer, geb. von Gerschau – die spätere Schriftstellerin war eine Pflegetochter der Herzogin Wilhelmine von Sagan, der ältesten Tochter Dorothea von Kurlands.

In ihrem Erinnerungsroman „Drei Sommer in Löbichau“ schrieb Emilie von Binzer:

„Ich besitze eine Mappe, die klein Welkerchen in Löbichau mit Porträts der ihm zugänglichen anwesenden Gäste, meist in Thiergestalt, füllte; darunter stehen Fibelverse, die sich mehr durch gute Laune, ja Uebermuth, als durch Witz auszeichnen, die Mappe enthielt siebenundvierzig Blätter, die gelegentlichen Besucher aus der Nachbarschaft sind nicht darunter, nur solche, die wirklich in Löbichau wohnten.“

Man darf sich den etwa 35-jährige Zeichenlehrer und seine 19-jährige Schülerin vorstellen, die einen Sommer auf dem idyllischen Landsitz Löbichau und Tannenfeld verbringen und einen humoristischen Blick auf die bekannten und weniger bekannten Persönlichkeiten im Salon der Herzogin von Kurland werfen. Die Dargestellten treten als Fabelwesen auf, meist in Tiergestalt oder als Gegenstand mit einem menschlichen Portrait-Kopf. Es ist nicht bekannt, ob die abgebildeten Personen Kenntnis von der Existenz dieser Zeichnungen hatten. Immerhin, in Löbichau ging es sehr liberal zu. Die Urheber der Karikaturen schonten auch sich selbst nicht: Emilie ist als Spargel dargestellt, Welker als Auster.

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Ernst Welker. – Museum Burg Posterstein, CC BY-SA 4.0, Link

Ihre berühmte Tante führte sie in die Welt der Salons ein

Die Schriftstellerin Emilie Henriette Adelheid von Binzer (1801-1891) kam in Berlin als Emilie von Gerschau zur Welt. Sie wuchs bei ihrer Tante Wilhelmine von Sagan mit zwei weiteren Pflegetöchtern auf. Ihr Vater Peter von Gerschau soll ein illegitimer Sohn des Herzogs von Kurland gewesen sein. Er diente als russischer Generalkonsul in Kopenhagen. Durch ihr Leben bei Herzogin Wilhelmine wurde sie in das Salonleben eingeführt und lernte in jungen Jahren bedeutende Persönlichkeiten, wie Metternich, Talleyrand, Zar Alexander, Windischgrätz, Wellington, Blücher und Schwarzenberg kennen.

In den Jahren 1819/20 war sie mit dem Maler Ernst Welker und der Herzogin von Sagan in Löbichau und Tannenfeld. Nach über 50 Jahren schrieb sie ihr Erinnerungsbuch „Drei Sommer in Löbichau“, worin sie die von Welker porträtierten Personen einzeln charakterisiert.

Aufnahme Frauenlobs des 2 ten am 8. September in Löbichau 1819, Aquarell, gemalt von Ernst Welker, Museum Burg Posterstein
Aufnahme Frauenlobs des 2 ten am 8. September in Löbichau 1819, Aquarell, gemalt von Ernst Welker, Museum Burg Posterstein

In Löbichau traf Emilie den Dichter Jean Paul, die Familie Körner, die Feuerbachs, Carl August Böttiger, Friedrich Arnold Brockhaus, Christoph August Tiedge und Elisa von der Recke und auch den Burschenschaftler August Daniel von Binzer, den sie 1822 im Schloss Sagan heiratete. Unter dem Pseudonym „Ernst Ritter“ veröffentlichte sie die Novellensammlung „Mohnkörner“. Auf ihr literarisches Werk übten vor allem Personen und Erlebnisse der Zeit des Wiener Kongresses Einfluss aus. In ihren Häusern in Wien, Linz und Altaussee unterhielt sie musische Kreise. Freundschaften verband sie mit Adalbert Stifter und Franz Grillparzer. Über persönliche Empfehlung Grillparzers wurde Emilie von Binzer zur Beraterin und mütterlichen Freundin des jungen Erzherzogs Maximilian, Bruder des Kaisers Franz Joseph I. „Der Salon Binzer galt in Wien und später in Linz, wohin die Familie im Revolutionsjahr 1848 ihren Wohnsitz verlegte, als ein Mittelpunkt des künstlerischen und gesellschaftlichen Lebens.“, beurteilt das Literaturmuseum Altaussee.

Die Sammung Welker beim Kultur-Hackathon Coding da Vinci

2015 konnten die einmaligen Zeichnungen von Ernst Welker erstmals in einer Sonderausstellung mit dem Titel „Salongeschichten – Paris-Löbichau-Wien. Gäste im Salon der Herzogin von Kurland im Portrait des Malers Ernst Welker“ der Öffentlichkeit gezeigt werden. Danach wurden sie zunächst vor Ort digital in einen Touchscreen in der Dauerausstellung des Museums integriert und können dort auch weiterhin von den Besuchern betrachtet werden. Seit 2018 sind sie digitalisiert und über das Portal Museen in Thüringen zugänglich.

Für den Kultur-Hackathon Coding Da Vinci Ost sind die Blätter nun in hoher Auflösung und mit CC-BY-SA-Lizenz auch auf Wikimedia Commons zu finden.

Unser erster Kultur-Hackathon: Die Sammlung Welker bei Coding da Vinci Ost in der Universitätsbibliothek Leipzig.
Unser erster Kultur-Hackathon: Die Sammlung Welker bei Coding da Vinci Ost in der Universitätsbibliothek Leipzig.

Im Rahmen des Hackathons arbeiten einige der 140 Teilnehmer – darunter Designer, Programmierer und Studenten verschiedener Fachrichtungen – mit den Daten des Museums Burg Posterstein. Die nächsten neun Wochen verbringen sie ihre Freizeit damit, aus den spielerischen historischen Zeichnungen, moderne spielerische Anwendungen zu erstellen. Wir werden sie natürlich mit fachlichen Infos unterstützen und sind sehr gespannt auf die Ergebnisse, die am 16. Juni präsentiert werden! Die Projekte können im Hackdash von Coding da Vinci mitverfolgt werden und wer Lust hat, kann sogar noch einsteigen und mitmachen.

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

#TravelsMW: Reisewege durch Europa im 18. und 19. Jahrhundert

Am vorletzten Tag der diesjährigen MuseumWeek wollen wir die Reisekultur um 1800 in den Mittelpunkt stellen. Reisen wurden aus ganz unterschiedlichen Anlässen unternommen. Gelehrte reisten, um ihre Forschungen zu betreiben, Wissen zu vermehren und auszutauschen.
Junge Aristokraten schickte man auf „Kavalierstour“, damit sie an den besten ausländischen Höfen den Grundstock ihrer Ausbildung für den späteren höfischen Dienst erlangten. Badereisen nach Pyrmont oder Karlsbad hatten Hochkonjunktur. Künstler strömten in die pulsierenden Zentren der europäischen Kultur. Ein klassisches Reiseziel war Rom.

Bildungsreisen

Die Ausrichtung auf die Antike und das klassische Bildungsideal brachten eine ganz neue Reisekultur hervor – die Bildungsreise.
Anfangs ein Privileg des Adels, wurde sie später vom Bürgertum kultiviert. Nachlesen konnte der Daheimgebliebene die Erlebnisse der Reisenden in ihren Reisetagebüchern und Journalen. Landschaften, Lebensgewohnheiten, Kultur und Kunst wurden darin genauso beschrieben, wie Reisezweck, politisches Tagesgeschäft oder kriegerische Ereignisse. Eine ganze Branche von Verlagen war mit der Veröffentlichung der Reiseberichte beschäftigt.

Schloss Löbichau ((c) Museum Burg Posterstein)
Schloss Löbichau. Um 1800 war es üblich mit der Pferdekutsche zu reisen. Schlechte Straßen, wenig Licht und kaum gefederte Kutschen konnten das Reiseerlebnis schnell beschwerlich machen.

Reisen in dieser Zeit bedeuteten aber auch Beschwerlichkeit und Verzicht auf Komfort. Die Straßen waren unsicher, in schlechtem Zustand, schmutzig und selbst in Großstädten nicht immer beleuchtet. In den Betten der Gasthöfe lauerte Ungeziefer. Die Pferdekutschen, schlecht abgefedert und zudem im Winter eiskalt, schaukelten und rüttelten die Insassen durcheinander und ließen wenig Beschaulichkeit zu.

Manchmal zwangen unüberwindliche Hindernisse zum Aussteigen

In Frankreich ließ Napoleon schnurgerade Chausseen anlegen, auch aus England wurde von guten Straßenverbindungen berichtet. Doch in Deutschland waren die meisten Straßen unbefestigt und schlecht ausgebaut. Von Achsbrüchen der Wagen war oft die Rede und man vermutete wohl nicht zu Unrecht, dass die ständigen Reparaturen an Infrastruktur und Technik gute Einnahmen für das örtliche Handwerk bringen sollten. Zölle und Passkontrollen an den Grenzstationen kosteten Zeit und Geld oder verzögerten gar die Weiterfahrt. Die Reisezeiten waren dementsprechend lang und man soll für die Strecke von Berlin nach Rom etwa zwei Monate benötigt haben.

St. Petersburg – Paris – Vienna – Carlsbad: Die Herzogin von Kurland war immer auf Achse

Für eine Salondame wie Anna Dorothea von Kurland war eine musikalische Ausbildung ein Muss.
Die Salondame Anna Dorothea of Courland reiste viele Male quer durch Europa.

Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich Schloss Löbichau – nur zwei Kilometer von Posterstein entfernt gelegen – zusammen mit Schloss Tannenfeld zu einem Zentrum des geistig-kulturellen Lebens in Deutschland. Der Musenhof der Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761–1821) in Löbichau gehörte zu den bekanntesten seiner Art. Wichtige Impulse schöpfte die gebildete Adlige aus ihren erstklassigen Beziehungen zu den höchsten gesellschaftlichen Kreisen Europas, aus dem damit verbundenen Netzwerk der Personen, aus ihren Aufenthalten in bekannten Berliner und Pariser Salons sowie im mondänen Karlsbad. Bedeutende Staatsmänner ihrer Zeit kannte die Herzogin persönlich.

Anna Dorothea von Kurland verwandelte ihre Anwesen in Löbichau und Tannenfeld in einen Treffpunkt der europäischen Elite, in dem sie sich Künstler, Philosophen und führende Politiker ihrer Zeit an den Hof einlud, da sie günstig zwischen den damaligen deutschen Kulturzentren lagen. Der wohl berühmteste Gast mag wohl Zar Alexander I. von Russland (1777–1825) gewesen sein.

Löbichau zentral gelegen in Mitteldeutschland

Die Herzogin hatte ihren Landsitz nicht ohne Grund gewählt. Die beiden Schlösser lagen auf den großen Reiserouten ihrer Zeit – strategisch günstig, auf halbem Weg zwischen Berlin und Karlsbad, zwischen Dresden und Erfurt und in der Nähe der damaligen geistigen Zentren Weimar und Jena. Das nahe gelegene Ronneburg war zu Lebzeiten der Herzogin noch Kurbad und damit ein beliebtes Reiseziel.

Das Reiseerlebnis, damals noch in der Kutsche, war ein völlig anderes, als wir es heute kennen. Die Natur, die Landschaft und selbst die Straßen wurden völlig anders wahrgenommen. Eine gut ausgebaute Infrastruktur förderte das Wohlwollen der Reisenden. Schlaglöcher und Unebenheiten konnten den „Trip“ aber auch zu einer schier endlosen Odyssee ausufern lassen.

Der Minister und der Straßenbau

Hans Wilhelm von Thümmel’s priority were good streets and maps.

Die Straßen im Altenburger Landesteil des Herzogtums Sachsen-Gotha und Altenburg waren Dank der Bemühungen des Ministers Hans Wilhelm von Thümmels (1744–1824) gut befahrbar. Über die Beschaffenheit der Reisewege zu dieser Zeit berichtete unter anderem die Schriftstellerin Lili Parthey (1800–1829), die Schwester des Philologen Gustav Parthey (1798–1872). Sie verbrachte mit ihrem Bruder und ihren Eltern viel Zeit auf dem Musenhof der Herzogin Dorothea von Kurland (1761–1821) in Löbichau und kann auch zu den Gästen der Familie Thümmel auf ihrem Rittergut in Nöbdenitz gezählt werden. In ihrem Tagebuch schrieb sie:

“Donnerstag, den 18. [7. 1816], war, obgleich die Welt untergehen sollte, das Wetter sehr schön. Ganz früh um 7 ging es fort; unsere Reise ging ziemlich schnell und sehr glücklich. Das Altenburgische Gebiet ist ein ganz wunderhübsches Ländchen, mit herrlichen Wegen und Aussichten. Die Verbesserungen der Landstraße und Wege sind vorzüglich Herrn von Thümmel zu danken. Wir empfanden diese Wohlthat doppelt nach den wahren Mordwegen von Leipzig bis Krona. […] Um 7 waren wir in Löbichau, dem Ziel unserer Bestimmung angekommen. Es ist ein reizender Aufenthalt.“

Während einer ihrer Reisen nach Karlsbad traf die Herzogin Anna Dorothea von Kurland auch auf Johann Wolfgang von Goethe. Es war nur einer von vielen Begegnungen mit Dichtern, Denkern, Politikern und bekannten Persönlichkeiten der Gesellschaft. Nachweisliche Begegnungen mit Goethe hatte die Herzogin in den Jahren 1808, 1810, 1812 und 1820. Der Dichter folgt 1820 sogar einer Einladung nach Löbichau. Am 29. und 30. September verbringt er heitere Stunden und bezeichnet das Schloss der Herzogin als „wohlgelegenes Lusthaus“. Schließlich reist er nach Altenburg weiter.

Auf dem Weg von Schleiz nach Gera am 30. Mai 1816:

“Von früh halb 4 – bis 8 Uhr Abends sind wir auf eine strecke von 7 u. eine halbe Meile gefahren die Wege sind überaus schlecht. Ich bin viel zu fuße gegangen u. wäre so nach Auma gelangt hätte der Wagen mich nicht daran behindert.”

Die Herzogin von Kurland reiste selbst gern und viel. Paris, St. Petersburg oder Wien, Kurland, die Schweiz oder Italien – es zog sie immer wieder nach Löbichau zurück. So auch bei ihrer letzten Reise 1821. Im Mai 1821 bricht sie letztmalig von Paris auf. Ihre Gesundheit ist zu dieser Zeit stark angeschlagen. Der Ortswechsel nach Löbichau soll ihrem Leiden Linderung verschaffen. Am 30. Juni 1821 reisen die beiden Töchter der Herzogin, Pauline und Johanna, ab. Die Mutter beschreibt diesen Tag als „großen Trauer Tag“. Sie wird die Töchter nicht wiedersehen. Am 20. August stirbt Anna Dorothea von Kurland in ihrem Schloss in Löbichau. Die Töchter befinden sich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Schweiz. Johanna kehrt erst am 09. Mai 1822 nach Löbichau zurück. Zur Trauerfeier der Herzogin am 29. August 1821 reisten 7000 Gäste an.

By Leon Walter & Franziska Engemann / Museum Burg Posterstein; Übersetzung: M. Huberti

#MusicMW: Kein Salon ohne Musik

Bei der MuseumWeek 2017 steht heute die Musik im Zentrum. Das tat sie auch in den Salons um 1800, und nicht zuletzt am “Musenhof Löbichau”, nur zwei Kilometer von Burg Posterstein entfernt. Am Musenhof der Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761–1821) auf ihren Schlössern in Löbichau und Tannenfeld war eine musische Ausbildung Pflicht! Tanz, Gesang, Musik und Literatur galten nicht nur als abwechslungsreicher Zeitvertreib, sondern waren ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens.

Für eine Salondame wie Anna Dorothea von Kurland war eine musikalische Ausbildung ein Muss.
Für eine Salondame wie Anna Dorothea von Kurland war eine musikalische Ausbildung ein Muss.
Der Tagesablauf auf dem Musenhof war zwanglos. Einen Höhepunkt bildete die „Theestunde“ um 17 Uhr. Man traf sich im Schloss Löbichau zum „diner“. Anschließend wurde philosophiert, diskutiert, getanzt, gesungen und musiziert. Nicht selten blieb die Gesellschaft bis Mitternacht oder länger zusammen. Man spielte Theater und schrieb selbst Stücke, die später gemeinsam aufgeführt wurden. Chorale wurden komponiert und vorgetragen, wie zur Erhebung des Schriftstellers und Dichters Johann Friedrich Schink (1755-1835) zu „Frauenlob den 2 ten“ am 8. September 1819.

Augenzeuge dieser scherzhaften Feierlichkeit wurde der bekannte Dichter Jean Paul (1763-1825), der zu dieser Zeit Gast im Schloss der Herzogin von Kurland war. In seinen „Taschenbuch für Damen“ berichtet er:

„So wurde der Schriftsteller Schink […] nach aller der alten Zeiten nachgespielten Zeremoniell und Pomp zum Meistersänger Frauenlob der 2 te in einer öffentlichen allgemeinen Hof- und Krönsitzung ernannr und bekränzt […] Fürstin Pauline und ihre Schwester Wilhelmine und Fräulein v. Gersc[h]au konnten aus dem Tancred, oder ein Stabat mater meisterhaft singen.“

Aufnahme Frauenlobs des 2 ten am 8. September in Löbichau 1819, Aquarell, gemalt von Ernst Welker, Museum Burg Posterstein
Aufnahme Frauenlobs des 2 ten am 8. September in Löbichau 1819, Aquarell, gemalt von Ernst Welker, Museum Burg Posterstein

Musik, Theater und vor allem das Singen waren die großen Stärken der hier erwähnten Emilie von Binzer (1801–1891), einer geborenen von Gerschau. Sie war das Pflegekind der ältesten Tochter Dorotheas, der Herzogin Wilhelmine von Sagan (1781-1839). Gemeinsam verbrachten die beiden Damen viel Zeit auf dem Musenhof der Herzogin von Kurland. 1870 schrieb Emilie, die sich im Laufe ihres Lebens einen Namen als Schriftstellerin gemacht hatte, ihre Memoiren über diese „Drei Sommer in Löbichau“ und berichtet darin auch über ihre Gesangsstunden und ihre musikalische Ausbildung.

Emilie von Gerschau wurde später besser bekannt als Emilie von Binzer oder „Ernst Ritter“. In dieser Karikatur von Ernst Welker ist sie als Spargel dargestellt. Der heitere Spruch darunter lautet: „Den Spargel jeder gerne iszt / Emilie gar zu länglich ist.“
Emilie von Gerschau wurde später besser bekannt als Emilie von Binzer oder „Ernst Ritter“. In dieser Karikatur von Ernst Welker ist sie als Spargel dargestellt. Der heitere Spruch darunter lautet: „Den Spargel jeder gerne iszt / Emilie gar zu länglich ist.“
„Seitdem wir der Kinderbewahranstalt entwachsen waren, behielt sie Wilhelmine von Sagan] uns um sich und versäumte keine Mühe, sparte kein Geld, um uns eine ausgezeichnete Erziehung zu geben; für ihre eigenen Kinder hätte sie nicht sorgsamer sein können …] Sonst hatte sie nicht die mindeste Freude an der Musik, aber an meinen Singstunden nahm sie eifrigen Antheil, sang auch die zweite Stimme mit mir und auch wohl einmal mit meinem alten dicken Lehrer Tomaselli. Dieser war in der besten italienischen Singschule zu Bergamo mit dem berühmten Sopran Merchesi Luigi Marchesi (1754-1829)] und dem Vater des großen Tenoristen David gebildet worden, hatte aber, als er mein Lehrer ward, keine Spur von Stimme mehr, konnte aber Buffo-Duette, zu denen ich kein Talent hatte, noch mit einigem Reiz vortragen, die Oberstimme übernahm dann die Herzogin.“ (Emilie von Binzer, Drei Sommer in Löbichau, 1877.)

Eine gute Stimme sprach Emilie von Binzer ihrer verehrten Pflegemutter Wilhelmine von Sagan aber leider nicht zu. Dennoch schien auch Wilhelmine hinter verschlossenen Türen gern zu singen.

„Sie hatte wohl Stimme, aber keine schöne, und oft schwebte der Ton unter oder über der haarscharfen Linie, die ihm angewiesen ist.” (Emilie von Binzer, Drei Sommer in Löbichau, 1877.)

Wilhelmine von Sagan, nach Joseph Grassi (1757-1838), Museum Burg Posterstein
Wilhelmine von Sagan, nach Joseph Grassi (1757-1838), Museum Burg Posterstein
Wilhelmines Talent und Leidenschaft war vielleicht nicht das Singen, dafür aber umso mehr das Theater. Verschiedenste Rollen soll sie mit Bravur gespielt haben und bereits mit zehn Jahren durfte auch Emilie an den Theaterstücken der Erwachsenen, wie sie oft in Löbichau aufgeführt wurden, mitwirken.

Wilhelmine nahm ihre Pflegetöchter so oft es ging mit zu Stücken, die auf den großen Bühnen Europas – besonders in Wien – gespielt wurden. Die vielen Reisen der Herzogin von Sagan schärften Emilies Blick für das Musische umso mehr. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Emilie von Binzer sich später – unter dem Pseudonym „Ernst Ritter“ – einen Namen als Schriftstellerin machte. Ihre Dramen „Die Gauklerin“ und „Die Neuberin“ wurden 1846 sogar am Wiener Burgtheater aufgeführt. Den Grundstein dafür legte wohl schon die strenge Ausbildung ihrer Pflegemutter Wilhelmine von Sagan und ihre Aufenthalte am Musenhof ihrer Großmutter.

Von Franziska Engemann / Museum Burg Posterstein

Auf den Spuren des Wiener Kongresses: Bildungsfahrt des Museumsvereins

Passend zur aktuellen Sonderausstellung “Salongeschichten” führte die diesjährige Bildungsfahrt des Museumsvereins Burg Posterstein nach Wien. Über das Wandeln auf den Spuren der großen Staatsmänner und der einflussreichen Salondamen vom 23. bis 27. September 2015 berichtet Vereinsmitglied Monika Diedrich:

Kopie der Akte des Wiener Kongresses in der Ausstellung "Idee Europa" im Bundeskanzleramt Wien.
Kopie der Akte des Wiener Kongresses in der Ausstellung “Idee Europa” im Bundeskanzleramt Wien.
26 Mitglieder des Fördervereins begaben sich anlässlich der 200jährigen Wiederkehr des Wiener Kongresses (1814/15) nach Wien. Bei diesem Kongress wurde die Neugestaltung Europas nach 23 Jahren „Napoleonischer Kriege“ verhandelt. Die Töchter der Herzogin von Kurland – Wilhelmine von Sagan und Dorothée von Dino-Talleyrand – spielten dabei keine unwesentliche Rolle. Der Postersteiner Museumsverein wollte dieses Geschehen so gut wie möglich nacherleben.

Erste Station: Stifterhaus Linz

Passend zur Sonderausstellung "Salongeschichten" besichtigte der Museumsverein das Stifterhaus in Linz, das Wohnhaus Aldelbert Stifters (1805–1868).
Passend zur Sonderausstellung “Salongeschichten” besichtigte der Museumsverein das Stifterhaus in Linz, das Wohnhaus Aldelbert Stifters (1805–1868).
Erste Station auf der Reise war Linz, wo die Besichtigung des Stifterhauses, dem Wohnhaus Aldelbert Stifters (1805–1868), anstand. Die Einblicke in das Schaffen Stifters stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit unserer aktuellen Sonderausstellung „Salongeschichten“. Die darin erstmals gezeigte einmalige Sammlung von Zeichnungen des Malers Ernst Welker (1784/88–1857) stammen aus dem Besitz von Emilie von Binzer (1801–1891). Die Schriftstellerin, eine Pflegetochter Wilhelmine von Sagans, unterhielt zwischen 1849 und 1870 in ihren Häusern in Linz und Altaussee musische Kreise. Freundschaften verbanden sie mit Adalbert Stifter und Franz Grillparzer (1791–1872). Ihre Erinnerungen an den Musenhof in Löbichau hielt sie 1877 im Buch “Drei Sommer in Löbichau. 1819-21” fest.

An den Schauplätzen des Wiener Kongresses

Die Mitglieder des Museumsvereins im Bundeskanzleramt, wo einst die Schlussakte des Wiener Kongresses unterzeichnet wurde.
Die Mitglieder des Museumsvereins im Bundeskanzleramt, wo einst die Schlussakte des Wiener Kongresses unterzeichnet wurde.
Mit einer Stadtführung rund um die Wiener Hofburg versuchten wir uns, die Handlungsorte der Kongressteilnehmer und deren Gefolge zu veranschaulichen. Höhepunkt war der Besuch im Bundeskanzleramt, der früheren österreichischen Staatskanzlei und Amtssitz Metternichs, wo die Schlussakte des Kongresses unterzeichnet wurde.

Anlässlich des 200. Jahrestages wurden die Räumlichkeiten im Rahmen der Ausstellung „Idee Europa – der lange Weg Europas zu einem Kontinent des Friedens“ für Besucher geöffnet und mit einer Führung zum Thema zugänglich gemacht. Begleitend zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen.

Der Kongress fährt

Phaeton-Schlitten des Fürsten Windisch-Graetz - Foto: WGBG_DP_13_G_340_01; Wien, 1814 – 1815 Kaiserliche Wagenburg Wien; Reiches  Schlittengeschirr des Wiener Hofes Wien, 1814 – 1815 Kaiserliche Wagenburg Wien © KHM
Phaeton-Schlitten des Fürsten Windisch-Graetz – Foto:
WGBG_DP_13_G_340_01; Wien, 1814 – 1815
Kaiserliche Wagenburg Wien; Reiches Schlittengeschirr des Wiener Hofes
Wien, 1814 – 1815
Kaiserliche Wagenburg Wien © KHM

Pracht und Ruhm des Kaiserlichen Wien wurden nochmals offenbar beim Besuch des Prunksaals der Nationalbibliothek. Den Abschluss des Wien-Besuches bildete der Besuch von Schloss Belvedere und Schloss Schönbrunn, mit der Ausstellung „Der Kongress fährt“ in der Kaiserlichen Wagenburg. Thematisiert wurden hier anschaulich die logistischen Aufwendungen während der Kongresszeit und der Fuhrpark, der den Kongressteilnehmern zur Verfügung stand. Das Bild oben ist ein Pressebild der Kaiserlichen Wagenburg.

Abstecher nach Ungarn und in die Slowakei

Das Schloss des Fürsten Esterhazy in Fertöd in Ungarn.
Das Schloss des Fürsten Esterhazy in Fertöd in Ungarn.
Nicht nur Wien stand auf dem Reiseprogramm, sondern auch das Schloss des Fürsten Esterhazy in Fertöd in Ungarn und die Hauptstadt der Slowakei Bratislava. Schade nur, dass es in Strömen regnete und man nur einen vagen Eindruck von der schönen Stadt haben konnte.

Alles in allem waren es lehrreiche (anstrengende) Tage für die Postersteiner Besucher, die dafür aber einen lebendigen Einblick in die Zeitumstände des Wiener Kongresses von 1815 bekamen.

Von Monika Diedrich / Museumsverein Burg Posterstein e.V.

Sonderausstellung “Salongeschichten”: Versteckte Details entdecken

Schon über 1000 Besucher haben sich die aktuelle Sonderausstellung “Salongeschichten” mit Portraitzeichnungen Löbichauer Salongäste aus dem Jahr 1819/20 angesehen. Bei mehrmaligem Hinsehen fallen versteckte Details ins Auge.

Der Maler Ernst Welker stellte die schöne Herzogin als Pudel dar. Der französische Diplomat Talleyrand schrieb ihr hunderte von Briefen.
Der Maler Ernst Welker stellte die schöne Herzogin als Pudel dar.

Beim ersten Mal schauen bleibt der Blick an den mal witzig, mal sonderbar portraitierten Personen hängen. Die Herzogin als treuer Pudel. Emilie von Binzer als dünner Spargel. Der Strafrechtler Feuerbach als Nagel. Der Gothaer Herzog als stolzen Pfau und der Dichter Schink als Brunnen, der frisches Wasser spendet. Man liest darunter die in Versform säuberlich handschriftlich verfassten Zeilen, zum Beispiel: “Der Brunnen frisches Wasser giebt / Der Baer den süssen Honig liebt”, und überlegt, was das nun mit dem bekannten Dichter und Dramaturg Johann Friedrich Schink (1755-1835) zu tun haben könnte.

Wie viele Zeichner waren hier am Werk?

Im Vers zum Portrait von Christoph August Tiedge ist eine nachträgliche Änderung deutlich erkennbar. (Museum Burg Posterstein)
Im Vers zum Portrait von Christoph August Tiedge ist eine nachträgliche Änderung deutlich erkennbar. (Museum Burg Posterstein)

Auf den zweiten Blick und im milden Licht der Ausstellungsräume gut zu erkennen, bemerkt man die zarten Bleistiftstriche, mit denen der Zeichner seine ungewöhnlichen Portraits vorgezeichnet hat. Am oberen Blattrand wurde zunächst mit Bleistift der Name der dargestellten Person vermerkt und nachträglich mit Tusche von mindestens zwei Handschriften vervollständigt. Später fügte jemand ein Kreuz hinzu – offenbar, wenn die betroffene Person zum Zeitpunkt der Recherche für Emilie von Binzers Buch “Drei Sommer in Löbichau” bereits verstorben war. In diesem Spätwerk von 1877 beschreibt die bekannte Schriftstellerin auch einige der Portraitzeichnungen, die nun in der Ausstellung zu sehen sind.

Versteckte Details und nachträgliche Veränderungen

Bei manchen Zeichnungen wird eine nachträgliche Bearbeitung erkennbar. Der Schriftsteller Christoph August Tiedge (1752-1841) beispielsweise wurde als Stuhl dargestellt. Im zugehörigen und im wahrsten Sinne des Wortes auf Biegen und Brechen gereimten Vers “Wie herrlich pranget hier der Lehn Stuhl / Den Hals bricht wer vom Dache fuhl”, hat jemand nachträglich “ein Stuhl” in “der Lehn Stuhl” geändert.

Das Buch "Salongeschichten" erscheint zur Ausstellung
Das Buch “Salongeschichten” erscheint zur Ausstellung
Die kleinformatigen, aquarellierten Zeichnungen stammen von Ernst Welker (1784/88-1857), der als Zeichenlehrer Emilie von Binzers – der Enkelin der Herzogin von Kurland – einige Sommer am Musenhof Löbichau verbrachte. Sie geben einen spannenden Eindruck in das alltägliche Leben in dem kleinen Thüringer Schloss, wo die weltgewandte Herzogin Künstler und Staatsmänner, Bürgerliche und Adlige um sich scharte. Man dichtete und spielte Theater, sang und flanierte durch die Gärten. Am Abend sammelte sich die Gesellschaft zur Teestunde. 2014 konnte das Museum Burg Posterstein die gut erhaltene Sammlung aus dem Besitz Emilie von Binzers mit finanzieller Unterstützung des Freistaates Thüringen und der Bürgerstiftung Altenburger Land ankaufen und zeigt sie noch bis 15. November im Rahmen einer Sonderausstellung. Zur Ausstellung erscheint ein gleichnamiges Buch.

Außerdem zum Thema:
Blogpost: Was ist das eigentlich, ein Salon?
Blogpost über Carl August Böttiger: “Da steht mein armes Ich aus Stein”
Blogpost: Der Herzog kommt nach Posterstein
Blogpost zur Geschichte des Schlosses Tannenfeld
Blogpost: Jean Pauls Sommer in Löbichau
Blogpost: Rittergut Löbichau – Zeitweise 300 Gäste gleichzeitig

von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

Sonderausstellung “Salongeschichten”: Was ist das eigentlich, ein Salon?

Das Museum Burg Posterstein erzählt Salongeschichten aus dem Musenhof der Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761–1821), die in den Schlössern Tannenfeld und Löbichau in der Postersteiner Nachbarschaft viele Sommer lang residierte. An Hand von einmaligen Portraitzeichnungen Löbichauer Gäste, die der Maler Ernst Welker in Tiergestalt darstellte, kann man eintauchen in die Zeit um 1819/20. Hier tun sich Schicksale auf und Familienbande werden aufgedröselt. Man begegnet illustren Persönlichkeiten vom Herzog von Gotha über Christoph August Tiedge bis hin zum Strafrechtler Paul Johann Anselm von Feuerbach.

Von der Eröffnung der Ausstellung berichtet der TV-Journalist Gunter Auer:

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Burg Posterstein: Eröffnung Salongeschichten from Burg Posterstein on Vimeo.

Tanzen und Teetrinken? – Die Salons des frühen 19. Jahrhunderts

Aus den Pariser Salons des 18. Jahrhunderts, in denen sich Mitglieder des Hofes, Gelehrte und Künstler begegneten, ging in der Zeit der Aufklärung eine Kultur hervor, die sich über ganz Europa ausbreitete. Sowohl adlige als auch gebildete bürgerliche Damen gründeten Musenhöfe und Salons. Den gesellschaftlichen Mittelpunkt eines Musenhofs wie auch eines Salons bildete stets die Gastgeberin. Die adlige Initiatorin eines Musenhofs lud ihre Gäste nicht nur für einen Abend, sondern ließ sie zum Teil wochenlang in ihrem Schloss wohnen. Der berühmte Kreis um die Weimarer Herzogin Anna Amalia gilt als solcher Musenhof. Bekannte Salons unterhielten Madame de Staël oder Madame Récamier in Frankreich sowie Henriette Herz, Rahel Varnhagen oder Dorothea Schlegel in Berlin.

Kultur, Kunst und politische Diskussionen im kleinen Löbichau

Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich Löbichau – nur zwei Kilometer von Posterstein entfernt gelegen – zusammen mit Schloss Tannenfeld zu einem solchen Zentrum des geistig-kulturellen Lebens in Deutschland. Der Musenhof der Herzogin Anna Dorothea von Kurland in Löbichau gehörte zu den bekanntesten seiner Art. Wichtige Impulse schöpfte die gebildete Adlige aus ihren erstklassigen Beziehungen zu den höchsten gesellschaftlichen Kreisen Europas, aus dem damit verbundenen Netzwerk der Personen, aus ihren Aufenthalten in bekannten Berliner und Pariser Salons sowie im mondänen Karlsbad. Bedeutende Staatsmänner ihrer Zeit kannte die Herzogin persönlich.

Ernst Welker zeichnete die Krönung des Dichters Schink zum "Frauenlob dem 2ten" im Schloss Löbichau. (Museum Burg Posterstein)
Ernst Welker zeichnete die Krönung des Dichters Schink zum “Frauenlob dem 2ten” im Schloss Löbichau. (Museum Burg Posterstein)

Manchmal beherbergte die agile Herzogin, die dem alten Adelsgeschlecht Medem aus dem heutigen Lettland entstammte, 200 Gäste gleichzeitig in ihren Schlössern in Löbichau und im nahen Tannenfeld. Es wurde philosophiert, politisiert, diskutiert, musiziert, gedichtet und gezeichnet.

Musenhof Löbichau: Forschungsschwerpunkt im Museum Burg Posterstein

Das Museum Burg Posterstein bemüht sich seit vielen Jahren um die Bewahrung der Tradition des Musenhofes Löbichau, forscht und publiziert und zeigt die ausführlichste Ausstellung zu diesem Teil der europäischen Salongeschichte in einem deutschen Museum. Nicht nur die Biografie Anna Dorothea von Kurlands findet Eingang in die umfangreichen Postersteiner Recherchen, sondern auch die Lebensläufe ihrer ebenso weltgewandten Töchter und ihre vielfältigen Kontakte zur damaligen europäischen Elite. Neben der Dauerausstellung zeigte das Museum in den vergangenen Jahren mehrere Sonderausstellungen zum Thema.

Das Buch "Salongeschichten" erscheint zur Ausstellung
Das Buch “Salongeschichten” erscheint zur Ausstellung

Im Jahr 2014 konnte das Museum Burg Posterstein eine einmalige Sammlung von Portraitzeichnungen der 1819/1820 in Löbichau anwesenden Gäste ankaufen. Die 47 aquarellierten Zeichnungen fertigte bis auf eine der Maler Ernst Welker an.

Ohne die finanzielle Unterstützung des Freistaats Thüringen, der Bürgerstiftung Altenburger Land, des Landkreises Altenburger Land und des Fördervereins des Museums hätten Ankauf der Zeichnungen, Ausstellung und Publikation nicht realisiert werden können. Dafür gebührt herzlicher Dank.

Die Sonderausstellung „Salongeschichten“ läuft bis 15. November 2015. Zur Sonderausstellung erscheint die gleichnamige Publikation “Salongeschichten: Paris – Löbichau- Wien”.

Weitere Infos:
Blogpost über Carl August Böttiger: “Da steht mein armes Ich aus Stein”
Blogpost: Der Herzog kommt nach Posterstein
Blogpost zur Geschichte des Schlosses Tannenfeld
Blogpost: Jean Pauls Sommer in Löbichau
Blogpost: Rittergut Löbichau – Zeitweise 300 Gäste gleichzeitig

von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

Vertrag zwischen Paris und … Posterstein: Zusammenarbeit mit Les Amis de Talleyrand

200 Jahre nach dem Wiener Kongress ist am 16. August 2015 ein französisch-deutscher Vertrag unterzeichnet worden, der gemeinsame Forschungsarbeiten des Museums Burg Posterstein und der Pariser Gesellschaft Les Amis de Talleyrand ermöglichen und fortführen soll. Schon einmal in der Geschichte unterhielt man in dem kleinen thüringischen Ort Löbichau Relationen über europäische Grenzen hinweg. Vor zwei Jahrhunderten betrieb die schöne und gebildete Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761–1821) hier einen bekannten Salon und gemeinsam mit ihren Töchtern pflegte sie Kontakte in die höchsten politischen Ebenen, darunter zu Zar Alexander I., Friedrich Wilhelm III., Talleyrand und Metternich, in Paris, Löbichau und Wien.

Roland Martinet von Les Amis de Talleyrand und Sabine Hofmann vom Museumsverein Burg Posterstein in Löbichau nach der Unterzeichnung des Kooperationsvertrags.
Roland Martinet von Les Amis de Talleyrand und Sabine Hofmann vom Museumsverein Burg Posterstein in Löbichau nach der Unterzeichnung des Kooperationsvertrags.
Anlässlich der Eröffnung der Sonderausstellung “Salongeschichten: Paris – Löbichau – Wien” durften wir im Museum Burg Posterstein internationalen Besuch begrüßen: Roland Martinet, den Präsidenten der französischen Gesellschaft der Freunde Talleyrands, die historische Forschungen zum berühmten französischen Diplomat Charles Maurice de Talleyrand Perigord betreibt, Elisabeth Blaack von Einsiedel, eine Urenkelin der Herzogin von Kurland, mit ihrer Tochter, sowie weitere Mitglieder von Les Amis de Talleyrand. Die Pariser Besucher kamen nicht zum ersten Mal und nun, anlässlich einer weiteren Postersteiner Sonderausstellung zur europäischen Salonkultur, sollte die gemeinsame Arbeit im Dienste der Geschichte vertraglich festgehalten werden.

Talleyrands Briefe erstmals auf Deutsch

Der Maler Ernst Welker stellte die schöne Herzogin als Pudel dar. Der französische Diplomat Talleyrand schrieb ihr hunderte von Briefen.
Der Maler Ernst Welker stellte die schöne Herzogin als Pudel dar. Der französische Diplomat Talleyrand schrieb ihr hunderte von Briefen.

Im Archiv der Universität Breslau ist aufgezeichnet, dass bis 1914 in Sagan 379 handschriftliche Briefe des Ministers Talleyrand an Anna Dorothea von Kurland lagerten. 372 Briefe aus der Zeit zwischen 1809 und 1821 befinden sich heute im Archiv der Familie Talleyrand und wurden 1976 teilweise veröffentlicht vom ehemaligen Kabinettsleiter Präsident de Gaulles Gaston Palewski (1901–1984), der mit einer Talleyrand verheiratet war. Dieser historische Schatz, verfasst in französischer Sprache, erlaubt einen einmaligen Blick auf die Geschehnisse des Wiener Kongresses, abseits der offiziellen Korrespondenz Talleyrands.

Fotoshoot mit der Herzogin von Kurland und ihrer Tochter Wilhelmine von Sagan bei der Eröffnung der Sonderausstellung "Salongeschichten" in Posterstein.
Fotoshoot mit der Herzogin von Kurland und ihrer Tochter Wilhelmine von Sagan bei der Eröffnung der Sonderausstellung “Salongeschichten” in Posterstein.
Nicht zum ersten Mal kamen die französischen Gäste von Les Amis de Talleyrand - hier bei der Eröffnung der Sonderausstellung "Salongeschichten" - nach Posterstein.
Nicht zum ersten Mal kamen die französischen Gäste von Les Amis de Talleyrand – hier bei der Eröffnung der Sonderausstellung “Salongeschichten” – nach Posterstein.

Anlässlich des 250. Geburtstags der Herzogin von Kurland konnten 2011 erste Früchte der Zusammenarbeit zwischen dem Museum Burg Posterstein und Les Amis de Talleyrand gezeigt werden. Im Buch “Die Herzogin von Kurland im Spiegel ihrer Zeitgenossen” erschienen Beiträge verschiedener internationaler Autoren, darunter erstmals in deutscher Übersetzung Auszüge aus den zahlreichen Briefen, die Charles Maurice de Talleyrand während des Wiener Kongresses an seine “liebe Freundin” Anna Dorothea von Kurland schrieb. Egal, ob beide sich in Wien oder an verschiedenen Orten aufhielten, unterrichteten sie einander über das politische und menschliche Geschehen um sie herum. Als er am 25. Mai 1815 bald abreisen musste, schrieb er der Herzogin:

“Das ist die traurigste Abfahrt, die man machen kann. (…) Ich bitte Sie, gute Vorkehrungen wegen Ihrer Briefe zu treffen. Denn zum wenigsten brauche ich diese Kraftquelle. Adieu. Ich liebe Sie und umarme Sie von ganzem Herzen.”

Neben der eigenen persönlichen Freundschaft der Herzogin von Kurland zu Talleyrand, war ihre jüngste Tochter Dorothée, verheiratet mit Talleyrands Neffen, seine ständige Begleiterin beim Wiener Kongress und seine spätere Alleinerbin. Ihre ältere Schwester Wilhelmine von Sagan führte in der Wiener Schenkenstraße einen populären Salon und übte durch ihre Liaison mit Staatskanzler Metternich, dem Leiter des Kongresses, ebenfalls keinen geringen Einfluss auf die politischen Geschehnisse aus.

Paris, Wien und … Löbichau

Von links nach rechts: Wilhelmine von Sagan, Dorothea von Kurland, Landrätin Michaele Sojka, Elisabeth Blaack von Einsiedel und Ralph-Uwe Heinz als Herzog von Gotha zur Eröffnung der Sonderausstellung "Salongeschichten" auf Burg Posterstein.
Von links nach rechts: Wilhelmine von Sagan, Dorothea von Kurland, Landrätin Michaele Sojka, Elisabeth Blaack von Einsiedel und Ralph-Uwe Heinz als Herzog von Gotha zur Eröffnung der Sonderausstellung “Salongeschichten” auf Burg Posterstein.

2014 konnte das Museum Burg Posterstein mit finanzieller Unterstützung des Freistaats Thüringen und der Bürgerstiftung Altenburger Land eine einmalige Sammlung von 47 kleinformatigen Aquarellen des Malers Ernst Welker ankaufen. Die Zeichnungen aus den Jahren 1819/20 portraitieren Gäste des Musenhofs Löbichau auf witzige Art und Weise in Tiergestalt. Unter den Dargestellten befindet sich nicht nur die Herzogin von Kurland selbst, sondern auch ihre Tochter Wilhelmine von Sagan, deren Pflegetochter Emilie von Binzer, der Maler Ernst Welker und andere bekannte Persönlichkeiten dieser Zeit. Sie geben Einblicke ins Löbichauer Salonleben und das weitreichende Netzwerk der Herzogin.

Roland Martinet mit Monika Diedrich vom Museumsverein Burg Posterstein bei der Ausstellungseröffnung von "Salongeschichten" im Museum Burg Posterstein.
Roland Martinet mit Monika Diedrich vom Museumsverein Burg Posterstein bei der Ausstellungseröffnung von “Salongeschichten” im Museum Burg Posterstein.
Mit dem nun mit Les Amis de Talleyrand geschlossenen Vertrag werden nicht nur alle Mitglieder des Museumsvereins Burg Posterstein gleichzeitig Mitglieder der Pariser Gesellschaft und umgekehrt, es soll auch bei zukünftigen Publikationen zusammengearbeitet werden und bei Tagungen, Versammlungen und gegenseitigen Besuchen ein noch intensiverer Austausch stattfinden. Wir freuen uns darauf!

Weiterführende Informationen:
Zur Website von Les Amis de Talleyrand
Publikationen des Museums Burg Posterstein
Unsere Forschung zum Musenhof Löbichau

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

Der Herzog kommt nach Posterstein: Eröffnung der Sonderausstellung „Salongeschichten“

Die Sonderausstellung „Salongeschichten: Paris – Löbichau – Wien“ wird am Sonntag, 16. August 2015, 15 Uhr, feierlich eröffnet. Erstmals zeigt das Museum Burg Posterstein eine einmalige Sammlung witziger Portraitbilder von 47 historischen Persönlichkeiten, die 1819/20 als Gäste im Musenhof Löbichau der Herzogin von Kurland in Löbichau den Sommer verbrachten. Die weltgewandte Herzogin legte Wert darauf, Künstler und Schriftsteller zu fördern und stand in Kontakt mit den wichtigsten Persönlichkeiten ihrer Zeit. Zur Eröffnung der Ausstellung erwartet das Museum einen ganz besonderen Gast: Den Herzog von Gotha.

Im Herbst 1820 besuchte August Emil Leopold, Herzog von Sachsen-Gotha und Altenburg (1772–1822) den Musenhof der Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761–1821) im Schloss Löbichau. Der Herzog war eine auffällige Herrscherpersönlichkeit, die sich vor allem als Förderer der Künste und der Wissenschaft hervortat. Im Musenhof Löbichau zog er alle Aufmerksamkeit auf sich.

Der Herzog von Gotha besuchte 1820 den Musenhof der Herzogin von Kurland. Der Maler Ernst Welker portraitierte ihn als stolzen Pfau.
Der Herzog von Gotha besuchte 1820 den Musenhof der Herzogin von Kurland. Der Maler Ernst Welker portraitierte ihn als stolzen Pfau.

Zur gleichen Zeit befand sich der Maler Ernst Welker (1784/88–1857) als Gesellschafter und Zeichenlehrer der späteren Schriftstellerin Emilie von Binzer (1801–1891), einer Enkelin der Herzogin von Kurland, in Löbichau. Er portraitierte neben 46 anderen Löbichauer Gästen auch den Herzog von Gotha auf humoristische Art und Weise in Tiergestalt.

Im Handumdrehen das idyllische Leben in Löbichau in eine Hofhaltung verwandelt

„Welcker traf den Herzog vortrefflich als Pfau.“, notierte Emilie von Binzer Jahrzehnte später in ihrer Rückschau „Drei Sommer in Löbichau“. Während sie diesen humorvollen Rückblick auf ihre Jugend im Löbichauer Salon verfasste, betrachtete sie offenbar noch einmal Welkers Portraitzeichnungen, die sie in einer grünen Schachtel aufbewahrte, und schrieb einige Zeilen zu den dargestellten Personen. Die Ankunft des Herzogs beschrieb sie so:

„Im Anfang September traf ein Besuch ein, dessen Erscheinung keinen geringen Rumor in Löbichau machte, es war der Herzog von Gotha. (…) Im Handumdrehen war das idyllische Leben in Löbichau in eine Hofhaltung verwandelt; die Herzogin und ihre Töchter warfen sich in Staat, wir zogen unsere kleidsamsten Gewänder an, denn sonst nannte man Löbichau mit Unrecht einen Hof; …“ (Emilie von Binzer: Drei Sommer in Löbichau. Stuttgart 1877, S. 98)

2014 konnte das Museum Burg Posterstein aus Finanzmitteln des Freistaates Thüringen und der Bürgerstiftung Altenburger Land genau diese einmalige Sammlung kleinformatiger, aquarellierter Portraitzeichnungen erwerben. Von 16. August bis 15. November 2015 werden sie in der Sonderausstellung „Salongeschichten: Paris- Löbichau – Wien“ erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Der Herzog kommt zur Eröffnung

Zur Ausstellungseröffnung am 16. August, 15 Uhr, hat sich ein ganz besonderer Gast angekündigt: Der Gothaer Schauspieler Ralph-Uwe Heinz, der sonst unter anderem auf historischen Stadtführungen durch Gotha führt, kommt als Herzog von Gotha zur feierlichen Ausstellungseröffnung. Im Stil des Löbichauer Musenhofs wird er auf kurzweilige und witzige Art und Weise Kostproben aus dem schriftstellerischen Schaffen des Herzogs geben. Unser Teaser zur Ausstellung:

Zum Weiterlesen:
Jana Borath fängt am 3. August in der Ostthüringer Zeitung die Stimmung im Tannenfelder Park ein.
“Da steht mein armes Ich aus Stein” – Blogpost zur Sonderausstellung
Blogpost zur Geschichte des Schlosses Tannenfeld
Blogpost: Jean Pauls Sommer in Löbichau
Blogpost: Rittergut Löbichau – Zeitweise 300 Gäste gleichzeitig

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

2015 zelebriert das Museum Burg Posterstein ein Lieblingsthema im großen Stil

Sie war schön, gebildet, elegant, wortgewandt und weltoffen. Nach der unglücklchen Ehe mit dem 37 Jahre älteren Herzog kaufte die selbstbewusste Adlige aus dem heutigen Lettland 1794 ein Landgut in der Nähe der Burg Posterstein und ließ die klassizistischen Schlösser Löbichau und Tannenfeld errichten. Ihr kultureller und politischer Salon, der Musenhof Löbichau, avancierte zu einem der bekanntesten seiner Zeit und zog illustre Gäste aus ganz Europa an.

Die Forschung über die Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761-1821) liegt dem Museum Burg Posterstein seit über 25 Jahren besonders am Herzen. Bei der #MuseumWeek geht es heute um #favoritesMW – und Anna Dorothea zählt ganz klar zu unseren Forschungsfavoriten.

Das kleine Löbichau – für Jahrzehnte in der Mitte Europas

Die Löbichauer Sommerresidenz Anna Dorothea von Kurlands lag aus damaliger Sicht günstig, wenn man sich auf dem Weg von Berlin nach Wien oder von Paris ins schöne Karlsbad befand – und Gäste waren immerzu willkommen. Die weltgewandte Herzogin verfügte über hervorragende Kontakte in die höchsten gesellschaftlichen Kreise Europas. Sie weilte als Gast an den Höfen in Berlin, Warschau, Neapel, St. Petersburg, Wien und Paris, eine Privataudienz beim Papst nicht zu vergessen.

Schloss Löbichau ((c) Museum Burg Posterstein)
Schloss Löbichau (Museum Burg Posterstein)

Der weibliche Anteil an der Gestaltung der europäischen Geschichte im 19. Jahrhundert

Anna Dorothea von Kurland war bekannt mit den einflussreichsten Männern ihrer Zeit: Metternich, Alexander I., Friedrich Wilhelm III., Napoleon und Talleyrand kannte sie persönlich. Dieser Umstand ermöglichte ihr einen ganz speziellen Anteil an der Gestaltung europäischer Geschichte.

25 Jahre Forschung neu präsentiert

Die Herzogin als treuer Pudel - eine Zeichnung von Ernst Welker (Museum Burg Posterstein)
Die Herzogin als treuer Pudel – eine Zeichnung von Ernst Welker (Museum Burg Posterstein)
Die Herzogin als treuer Pudel – eine Zeichnung von Ernst Welker (Museum Burg Posterstein)[/caption]2015 jährt sich nicht nur der Wiener Kongress, den die politisch interessierte Herzogin mit Interesse verfolgte, zum 200. Mal. Das Museum Burg Posterstein möchte in diesem Sommer auch die bestehende Dauerausstellung zum Musenhof Löbichau und der Salonkultur Europas neu arrangiert und modernisiert präsentieren. Vorhandene Forschungsergebnisse sollen langfristig auf einer selbstständigen digitalen Plattform einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Gleichzeitig präsentiert das Museum die 2014 über eine Landesförderung und mit Unterstützung der Bürgerstiftung Altenburger Land erworbene einmalige Sammlung von Portraits der 1819 in Löbichau anwesenden Gäste – 47 aquarellierte Zeichnungen von Ernst Welker (1788-1857) und Emilie von Binzer (1801-1891) – in der Sonderausstellung “Salongeschichten”.

Ausführliche Informationen zur Forschung über den Musenhof Löbichau gibt es auf der Website des Museums.

Hier findet ihr die neusten Tweets & Statistiken zur #MuseumWeek.

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein