Meer und Migration im 19. Jahrhundert – wie sich Auswanderer aus Sachsen-Altenburg in den USA eine neue Heimat aufbauten

Felsen im Mississippi
Nach einer langen Schiffsreise nach Amerika strandeten Einwanderer aus dem Altenburger Land 1839 an diesem Felsen im Mississippi.

„Altenburg: Home is Where Our Story Begins“ lautete der Titel einer Internationalen Konferenz der “Perry County Lutheran Historical Society“ (PCLHS) und des “The Foreign Languages & Anthropology Department” der Southeast Missouri State University über die deutsche Auswanderung in die Vereinigen Staaten im Jahr 1839, die 2010 in Altenburg Missouri (USA) stattfand. Zwar sind seither fast acht Jahre vergangen, aber die Thematik der Migration ist aktueller denn je. In unserem Beitrag zur Blogparade #DHMMeer des Deutschen Historischen Museums wollen wir unsere eigene Migrationsgeschichte über das Meer im 19. Jahrhundert beleuchten.

Etwa ein Sechstel der heutigen US-Bevölkerung hat deutsche Vorfahren

Im 19. Jahrhundert zog es viele Deutsche nach Amerika, wo sie sich ein besseres Leben versprachen. Die Menschen verließen ihr Heimatland damals vor allem aus religiösen, sozialen und wirtschaftlichen Gründen – wegen Überbevölkerung, fehlenden Erwerbsmöglichkeiten, Arbeitslosigkeit oder den Missernten der Jahre 1846/47.

1839 wanderten über 1200 Personen aus Preußen aus, darunter 570 aus Pommern, 313 aus Sachsen, 270 aus Schlesien und 36 aus Berlin. In diese Phase der so genannten altlutherischen Auswanderung fällt auch die Auswanderung aus der Region des damals selbständigen Herzogtums Sachsen-Altenburg.

Eine Tafel erinnert in Altenburg, Missouri, an die Migrationsgeschichte von Sachsen-Altenburg in die "Neue Welt"
Eine Tafel erinnert in Altenburg, Missouri, an die Migrationsgeschichte von Sachsen-Altenburg in die “Neue Welt”

Anschließend, also nach 1848, verließen tausende Menschen die deutschen Staaten, darunter 1844 bis 1848 etwa 40.000 aus Preußen und 1850 bis 1855 rund 59.000 aus Baden. Um 1860 soll es 1,3 Millionen deutschstämmige Einwanderer in den Vereinigten Staaten gegeben haben. Allein 1882 wanderten 250.000 Deutsche in die USA ein und schon 1890 waren dort inzwischen 2,8 Millionen deutschstämmige Einwanderer registriert.
Zentren der deutschen Einwanderung bildeten beispielsweise Cincinnati, Milwaukee, St. Louis oder Chicago. Es gab etwa 800 deutschsprachige Zeitungen.

Die Welle reißt weitere Menschen mit

Von der geglückten Reise und dem neuen Leben erzählten Briefe der Auswanderer und Reisebeschreibungen, wie zum Beispiel Gottfried Dudens „Bericht über eine Reise nach den westlichen Staaten Nordamerikas und einen mehrjährigen Aufenthalt am Missouri“ aus dem Jahr 1829. Aber auch reisende Anwerbeagenten beschleunigten die Migration. Zwischen 1842 und 1852 erschienen über 300 Reiseberichte. Ab 1847 übernahm der Nationalverein für Deutsche Auswanderung eine koordinierende Funktion.

Unter Pastor Stephan (1777-1846) aus Dresden wanderten 750 Lutheraner nach Missouri aus

Eine bunt gemischte Gruppe von Auswanderern aus Sachsen-Altenburg, der Region Dresden und Hannover strandete 1839 an einem Felsen im Fluss Mississippi. Direkt am Fluss gründeten die einem strengen lutherischen Glauben anhängenden Siedler den Ort Wittenberg. Nicht selten wurden die in Blockbauweise, an die heimische Baukultur erinnernden Häuser von den Hochwassermassen des legendären Flusses mitgerissen, weshalb heute von dieser Siedlung nur noch der Wittenberg Boat Club und eine verfallene Poststation zeugen.

Diese wahrscheinlich größte evangelische Auswanderung organisierten verschiedene Geistliche unter der Leitung von Pfarrer Martin Stephan aus Pirna bei Dresden. Stephan vertrat eine sehr extreme, antiökumenische Theologie, die außerhalb des lutherischen Glaubens kein Heil versprach. Seine Anhänger, „Stephanianer“ genannt, verehrten ihn und seine Schriften.
In Folge sozialer Missstände nach den napoleonischen Kriegen und verschärften Abgabelasten auf dem Lande erwogen parallel zu ersten revolutionären Unruhen auch in der Region Altenburg immer mehr Menschen, ihr Glück in der Ferne zu suchen. Ursprünglich zogen die Auswanderer um Martin Stephan auch Australien als mögliche neue Heimat in Betracht, aber südlich von St. Louis, in Missouri, bot man ihnen rund 10.000 Morgen Land zu günstigen Preisen an.

Die gefährliche Reise übers Meer

Im Winter 1838/39 reisten insgesamt fünf Schiffe mit Siedlern aus dem Königreich Sachsen und dem Herzogtum Sachsen-Altenburg in die so genannte „Neue Welt“. Mit an Bord nahmen die frommen Auswanderer auch 900 Exemplare von Luthers Katechismus. Sogar während der langen Seereise erhielten die Kinder Unterricht. Alle Schiffe erreichten ihr Ziel, bis auf ein kleineres Boot namens „Amalia“, das höchstwahrscheinlich bei Frankreich mit einem größeren Schiff kollidierte.

Ein Farmhaus in Altenburg, Missouri
Ein Farmhaus in Altenburg, Missouri

Allmählich wurde die Überfahrt zum Geschäft und dauerte anfangs zwischen sieben und zwölf Wochen mit zwei- oder dreimastigen Segelschiffen. Die Auswanderer mussten Matratzen, Decken und Geschirr selbst vorhalten. Die Unterbringung erfolgte meist im Zwischendeck bei großer Enge und schlechten hygienischen Bedingungen. Als Verpflegung gab es Salzfleisch, Kartoffeln, Bohnen, Erbsensuppe, Sauerkraut, Speck, hartes Brot, Tee, Kaffee und manchmal galt Selbstverpflegung. Wasser war knapp, weshalb Ruhr, Typhus und Pocken zu den häufigsten Krankheiten zählten.

Seit 1728 galt das so genannte „Redemptionssystem“, bei dem die Reeder die Kosten der Überfahrt vorstreckten und der Auswanderer in Amerika dann diese Summe abarbeiten musste, wobei man sich den Dienstherrn nicht immer aussuchen konnte. Zahlreiche Agenten warben in ganz Europa für die Auswanderung.

Seit 1822 verkehrten regelmäßige Schiffslinien von Bremerhaven nach New York. 1847 erfolgte die Gründung der HAPAG „Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft“ und 1857 die Gründung des „Norddeutschen Lloyd“ in Bremen. Seit den 1850er Jahren lösten Dampfschiffe die Segelschiffe schrittweise ab. Ab 1870 gewann der Auswandererhafen in Hamburg immer mehr an Bedeutung und 1892 wurde der Nordatlantische Dampfer-Linien-Verband gegründet, zu dessen Mitgliedern Norddeutscher Lloyd, HAPAG, Red Star-Linie und Holland-Amerika-Linie zählten.

Altenburg, Dresden und Wittenberg in der „neuen Welt“

1839 kamen die Siedler aus Sachsen-Altenburg in Missouri an. Zu dieser Zeit glich die dortige Landschaft einer noch unbewohnten Wildnis. Die Neuankömmlinge hätten den Winter dort kaum überstanden, wären sie nicht von der lutherischen Gemeinde in St. Louis unterstützt worden. Im heutigen Bundesstaat Missouri, im Landkreis Perry County, gründeten die deutschen Siedler nach ihren Heimatstädten bzw. -regionen benannte Orte wie Dresden, Seelitz, Johannisberg, Altenburg, Frohna, Paitzdorf und Wittenberg. Dresden, Seelitz und Johannisberg wurden bereits 1841 nach Altenburg, Missouri, eingemeindet. Weil natürlich nur das Beste aus der neuen Heimat berichtet wurde, trafen auch später noch weitere Auswanderer aus der Region Altenburg in der neu gegründeten Stadt ein.

Schulgebäude von 1839 in Altenburg Missouri
Das 1839 errichtete Schulgebäude ist das älteste Haus in Altenburg, Missouri

Als eine ihrer ersten Handlungen errichteten die Siedler im August 1839 eine Schule, an der Kinder eine umfassende gymnasiale Bildung erhalten sollten: Religion, Latein, Griechisch, Hebräisch, Deutsch, Französisch, Englisch, Geschichte, Geografie, Mathematik, Physik, Naturgeschichte, Philosophie, Musik und Zeichnen standen auf dem Lehrplan. Der Anspruch der Schule war kein geringerer, als die Absolventen für ein Universitätsstudium zu rüsten. Im ersten Jahr begannen sieben Jungen und drei Mädchen dort den Unterricht.

“Indianer, wilde Bestien und mexikanische Soldaten” brauchte man in Altenburg nicht zu fürchten

Der Pfarrer Martin Stephan derweil lebte in der neuen Heimat ein nicht eben sittlich-christliches Leben und ließ sich zum Bischof ernennen und hofieren wie ein König. Nachdem die Gemeinde endlich erkannt hatte, wie sehr sie durch ihren geistlichen Führer betrogen worden war, entließ sie ihn. Erster Präsident der Missouri Synode, die heute zwei Millionen Mitglieder verzeichnet, wurde der aus Langenchursdorf stammende Ferdinand Wilhelm Walther. Gotthold Heinrich Loeber aus Kahla übernahm den Posten als Pfarrer im neu gegründeten Altenburg. Er beschrieb am 10. September 1839 in einem Brief nach Deutschland das Leben in der neuen Welt, wo die meisten Familien zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Häusern, sondern in provisorischen Baracken lebten. Beruhigend fügte er aber hinzu, dass sich die Verwandten in der Heimat keine Sorgen wegen Indianern, wilden Bestien oder mexikanischen Soldaten machen müssten, denn solche Dinge bräuchte man in Altenburg bislang nicht zu fürchten.

Wer mehr zur Geschichte des amerikanischen Altenburgs erfahren möchte, dem sei das Lutheran Heritage Center & Museum der Perry County Lutheran Historical Society oder auch das in den USA auf Englisch erschienene Buch „Altenburg Missouri and the surrounding Parishes“ empfohlen (Hrsg.: Mary Beth Mueller Dillon, Lynhorst, Indianapolis, 2010).

Und Europa heute?

Noch immer liegt das Meer zwischen Europa und Amerika und manchmal scheint die Distanz zwischen den Kontinenten größer denn je. Auf der Hand liegt, dass Europa ein neues Selbstverständnis braucht und sich seiner Werte besinnen muss.

Das Museum Burg Posterstein hat das Thema aufgegriffen und 2018 eine Reihe von Ausstellungen gestartet, die sich unter dem Motto #SalonEuropa mit dem Thema Europa auseinandersetzen. Ausgangspunkt ist die Salonkultur um 1800, ein Forschungsschwerpunkt im Museum Burg Posterstein.

Brachte der Wiener Kongress 1815 nach den verheerenden napoleonischen Kriegen für Jahrzehnte wieder Frieden und Stabilität in Europa, so kann man das in vergleichbarer Weise von der europäischen Einigung und der Überwindung der europäischen Teilung nach dem zweiten Weltkrieg behaupten. Nach der Euphorie der 1990er Jahre, als Europa in den Augen vieler seiner Bürger für Wachstum und Stabilität stand, hat sich die Lage spätestens mit der Finanzkrise 2007/08 gewandelt. Es findet Einwanderung nach Europa und Deutschland statt und es scheint unter dem Einfluss von Terror, Flüchtlingskrise und Populismus Europaskepsis vorzuherrschen.
Im Salon der Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761-1821) in Löbichau und Tannenfeld im heutigen Altenburger Land durfte jeder frei seine Meinung äußern, wenn sie nur höflich vorgetragen wurde. Mit der Ausstellungsreihe #SalonEuropa wollen wir den Versuch starten, diese Salonkultur des frühen 19. Jahrhunderts aufzunehmen und sie aufs Heute zu übertragen.

Sonderausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt: Schloss Tannenfeld – Inspiration und Wirklichkeit

Vier Künstlerinnen aus Deutschland, Frankreich und Polen knüpfen in der Ausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt an die Tradition des historischen Salons an und stellen ein gemeinsames Kunstprojekt auf die Beine, in dem sie explizit auf den prägenden europäischen Gedanken verweisen, der in Schloss Tannenfeld unter der Herzogin Anna Dorothea von Kurland gelebt wurde. Mit ihren Arbeiten bringen die vier Künstlerinnen ihren jetzigen Standpunkt, ihre jetzige Sichtweise zum Thema EUROPA zum Ausdruck. Angesichts der aktuell beunruhigenden politischen Tendenzen innerhalb des Kontinentes geht es vor allem ums Bewahren, um nach vorne schauen zu können.

Das Werk "Europa" von Verok Gnos ist derzeit in der Ausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt zu sehen.
Das Werk “Europa” von Verok Gnos ist derzeit in der Ausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt zu sehen.

So verfasste beispielsweise die Französin Verok Gnos dieses Statement für den Katalog:

„Die Konstruktion Europa entstand nach dem Willen von Männern mit Visionen, die danach strebten, den Frieden in Europa zu schützen und den wirtschaftlichen Aufschwung zu sichern. Diese Konstruktion ist in mehreren Etappen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis in unsere Tage entstanden. Aber am schwierigsten war es, ein Band zwischen Frankreich und Deutschland (feindlichen Ländern in aufeinanderfolgenden Kriegen) und den anderen Ländern zu erschaffen, um eine Gemeinschaft aufzubauen. Diese Vereinigung lässt Europa Beziehungen und den nachhaltigen Austausch in allen Gebieten erschaffen: Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft, Bildung, Forschung, Gesundheitswesen und Umweltschutz. Ein einzelnes und isoliertes Land hätte weder solche Kraft noch solchen Reichtum. Aber seit 2016 ist dieses Europa zerbrechlich geworden: Brexit, Terrorgefahr, Anschläge, Flüchtlingskrise und Aufstieg von Populismus. Sind wir uns bewusst, was uns Europa bringt?“


Wir nehmen den Staffelstab zur nächsten Blogparade auf!

Mit der Blogparade #SalonEuropa – Vernetzung damals und heute – Europa bedeutet für mich…? wollen wir von 23. September bis 23. Oktober 2018 den Reigen der Blogparaden von Schlösser und Gärten in Deutschland e.V. und dem Deutschen Historischen Museum fortsetzten. Unsere Blogparade wird in Kooperation mit Dr. Tanja Praske von KULTUR-MUSEUM-TALK stattfinden.

Wir suchen Unterstützung für das Labor #SalonEuropa vor Ort und digital
Wir suchen Unterstützung für das Labor #SalonEuropa vor Ort und digital


Wir suchen Europa-Meinungen und Fotos für unsere nächste Ausstellung #SalonEuropa vor Ort und digital

Die Schau #SalonEuropa vor Ort und digital versteht sich als ein Labor. Ausgehend von der historischen Salonkultur um 1800 soll sie den Bogen schlagen in die heutige Zeit und zur aktuellen politischen Lage. Im #SalonEuropa Labor soll Besuchern vor Ort und im Digitalen die Möglichkeit gegeben werden, ihre Gedanken zu Europa heute zu äußern. Auf einem großen Bildschirm in der Ausstellung und der Website salon-europa.eu sollen unter der Überschrift “Europa bedeutet für mich…?” in Videos, kurzen Statements und Blogposts unterschiedliche Meinungen zu Europa zu Wort kommen. Durch Bilder von verschiedenen europäischen Orten um 1800 und heute (in Lettland, Polen, Deutschland, Österreich und Frankreich) soll die Ausstellung das Damals und das Heute verbinden. Wir suchen Fotos von europäischen Orten heute und Menschen, die mit ihrer Meinung zur Frage “Europa bedeutet für mich…?” in der ein oder anderen Form in der Ausstellung vertreten sein möchten. Kontaktieren Sie uns gern in den sozialen Netzwerken, per Mail oder persönlich.

Von Klaus Hofmann / Museum Burg Posterstein

Visuelle Reise in die USA mit Ulrich Fischer

Foto "South Dakota, Nr.256, 2009" von Ulrich Fischer.
Foto “South Dakota, Nr.256, 2009” von Ulrich Fischer.

Der Thüringer Fotograf Ulrich Fischer, der lange Zeit in Gera tätig war, beschäftigt sich seit über 40 Jahren mit der Kunst, außergewöhnliche Momente auf Fotos festzuhalten. In der Sonderausstellung “Die Ferne & die Nähe” im Museum Burg Posterstein nimmt Fischer die Besucher mit auf ausgedehnte Streifzüge durch die Vereinigten Staaten von Amerika, aber auch in seine nähere Umgebung.

In Zeiten der Präsidentschaft Donald Trumps rücken die USA immer mehr in der Fokus der Öffentlichkeit. Was ist das für eine Nation? Fischers Fotos dokumentieren die Kontraste des riesigen Landes. Über seine Entdeckungsreisen in den USA sagt Fischer:

„Zuweilen argwöhnisch beobachtet und dann freundlich-neugierig befragt suche ich leise Momente, in denen ich mich selbst besinne auf meine Haltung zu diesem Land und seinen Bewohnern – unvoreingenommen und neugierig.“

Ulrich Fischer, geboren 1951 in Grümpen, erwarb an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig sein Diplom als Fotografiker. 35 Jahre lang war er freiberuflich in Gera tätig, wo er die Künstlergruppe “schistko jetno” mitgründete und die hiesige Kunstszene maßgeblich mitgestaltete.

Ausstellung “Die Ferne & die Nähe – Fotografie von Ulrich Fischer”

12. Februar, 15 Uhr: Feierliche Eröffnung mit Ulrich Fischer
2. April, 15 Uhr: Vortrag “Von Altenburg (Thüringen) nach Altenburg (Missouri, USA)” über die Auswanderungswelle im 19. Jahrhundert
1. Mai, 15 Uhr: Finissage mit Ulrich Fischer

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

Hans Thummel auf den Spuren von Hans Wilhelm von Thümmel

Hans Thummel aus Chicago beim Besuch der 1000-jährigen Eiche in Nöbdenitz, dem Grab des Sachsen-Gotha-Altenburgischen Ministers Hans Wilhelm von Thümmel
Hans Thummel aus Chicago beim Besuch der 1000-jährigen Eiche in Nöbdenitz, dem Grab des Sachsen-Gotha-Altenburgischen Ministers Hans Wilhelm von Thümmel

Die umfangreiche Biografie über den Sachsen-Gotha-Altenburgischen Minister Hans Wilhelm von Thümmel (1744–1824) war gerade veröffentlicht und die Postersteiner Begleitausstellung zur Thüringer Landesausstellung “Die Ernestiner” lief noch. Da erreichte das Museum über den Nöbdenitzer Bürgermeister eine E-Mail von einem Hans Thummel aus Amerika. Der Architekt aus Chicago hatte auf dem Blog des Museums einen englischsprachigen Artikel über Hans Wilhelm von Thümmel entdeckt.

In seiner Familie, die um 1840 nach Amerika ausgewandert sei, existiere auch die Kopie der Ansicht des Thümmelschen Palais und er wolle sich auf die Suche nach seinen familiären Wurzeln auf eine Reise nach Deutschland machen. Zunächst hielt er das Nöbdenitzer Herrenhaus für das Palais auf der historischen Ansicht. Im Museum war er im Hinblick auf neuste Infos zu Hans Wilhelm von Thümmel an der richtigen Adresse.

Der Architekt weilte zu zwei Tagungen in Deutschland in Freiburg und Berlin. Am 21. November 2016 reiste Hans Thummel schließlich von Leipzig nach Altenburg. In der Thümmelstraße klingelte er auf gut Glück am Palais und erhielt eine umfangreiche Führung durch den neuen Besitzer Wolfgang Herget, der das historische Wohnhaus Hans Wilhelm von Thümmels liebevoll renoviert.

Die 1000-jährige Eiche in Nöbdenitz - außergewöhnliche Grabstätte von Hans Wilhelm von Thümmel.
Die 1000-jährige Eiche in Nöbdenitz – außergewöhnliche Grabstätte von Hans Wilhelm von Thümmel.
Danach fuhr er weiter nach Nöbdenitz, wo er sich an Hans Wilhelm von Thümmels außergewöhnlicher Grabstätte, der 1000-jährigen Eiche, mit den Mitarbeitern des Museums Burg Posterstein traf. Man besichtigte das Herrenhaus, den Teich und die Überreste des Mausoleums, das in den 1960er Jahren abgerissen wurde. Die Kirchgemeinde Nöbdenitz öffnete die Kirche für eine kurze Besichtigung. Eine Führung durch Burgkirche und das Museum Burg Posterstein rundete das Ausflugsprogramm ab. In den Vereinigten Staaten beschäftigt sich der Architekt unter anderem mit der Renovierung historischer Gebäude, die in den USA allerdings oft nur etwa hundert Jahre alt sind. Umso mehr beeindrucken ihn die 800 Jahre alte Burg, die Sanierung des Postersteiner Herrenhauses, die historischen Kirchen und der 1000-jährige Baum.

“Ich bin der einzige aus meiner Familie, der es je bis hierher geschafft hat”, sagte Thummel ergriffen. “Ich mache so viele Fotos, um sie zu Hause zeigen zu können.” Die Reise sei für ihn Anlass, sich näher mit seiner Familiengeschichte zu befassen. “Bewaffnet” mit der Thümmel-Biografie des Museums will er sich mit weiteren offenen Fragen beschäftigen: Von welcher Thümmel-Linie stammt er ab, warum wanderte seine Familie aus?

Über den historischen Hans Wilhelm von Thümmel:

Hans Wilhelm von Thümmel (1744–1824) stieg am Hof der Ernestiner Herzöge in Gotha zwischen 1760 und 1804 vom Pagen zum Minister auf. In Altenburg brachte er viele wichtige Projekte voran, darunter die Vermessung und Kartierung des Altenburger Landesteils, den Straßenbau sowie den Bau eines modernen Krankenhauses und mehrerer Armenhäuser.

Nach 57 Dienstjahren für die Herzöge von Sachsen-Gotha und Altenburg nahm der 73-jährige Thümmel im Jahr 1817 seinen Rücktritt aus den Staatsdiensten. Die Familie verbrachte dann mehr Zeit als zuvor auf den Rittergütern in Nöbdenitz und Untschen. Von dort aus war es nicht weit zum Musenhof Löbichau der Herzogin von Kurland, es herrschte damals ein regelmäßiger Austausch zwischen diesen Rittergütern. Obwohl seine Familie auch ein herrschaftliches Erbbegräbnis besaß, wählte sich Thümmel eine selbst für die damalige Zeit ungewöhnliche Grabstätte: die mächtige Eiche am Pfarrhof, genannt die „Tausendjährige“.

thummel-umschlaglWer das Buch zur Ausstellung noch vor Weihnachten erwerben möchte sollte sich beeilen, denn der Verkauf läuft ausgesprochen gut.

Buch zur Ausstellung: 168 Seiten, farbig, Museum Burg Posterstein, 2016
ISBN 978-3-86104-136-8, 20.00 Euro

Zum Weiterlesen im Blog:
Frag Thümmel! – Wir beantworten Fragen zur Ausstellung am #AskACurator-Tag
Hans Wilhelm von Thümmels Gesandtschaften: Paris
Mit Baron von Thümmel durch Nöbdenitz: Gut besuchte Wanderung des Museums Burg Posterstein
Fast so viele Holländer wie Nöbdenitzer besuchten bisher die Postersteiner Ernestiner-Ausstellung
Im Dienste der Ernestiner – Hans Wilhelm von Thümmels Aufstieg vom Pagen zum Minister
Die Weisheiten eines langjährigen Ernestiner Staatsmannes – als Glückskeks
Blogpost: Hans Wilhelm von Thümmel – der Mann unter der 1000-jährigen Eiche
Die 1000-jährige Eiche in Nöbdenitz
Weitere Infos zum Musenhof Löbichau

Von Marlene Hofmann/Museum Burg Posterstein

Aufbruch von Altenburg nach Altenburg

Wie deutsche Siedler im 19. Jahrhundert ihre Heimatstadt in Missouri neu gründeten

Eine bunt gemischte Gruppe von Auswanderern aus Sachsen-Altenburg, der Region Dresden und Hannover strandete 1839 an einem Felsen im Fluss Mississippi. Direkt am Fluss gründeten die einem strengen lutherischen Glauben anhängenden Siedler den Ort Wittenberg. Nicht selten wurden die Häuser von den Hochwassermassen des legendären Flusses mitgerissen, weshalb  heute von dieser Siedlung nur noch der Wittenberg Boat Club und eine verfallene Poststation zeugen.

Felsen im Mississippi
Nach einer langen Schiffsreise nach Amerika strandeten Einwanderer aus dem Altenburger Land 1839 an diesem Felsen im Mississippi.

Die Auswanderung organisierten verschiedene Geistliche unter der Leitung von Pfarrer Martin Stephan aus Pirna bei Dresden. In Folge sozialer Missstände nach den napoleonischen Kriegen und verschärften Abgabelasten auf dem Lande, erwogen parallel zu ersten revolutionären Unruhen auch in der Region Altenburg immer mehr Menschen, ihr Glück in der Ferne zu suchen. Ursprünglich zogen die Auswanderer um Martin Stephan auch Australien als mögliche neue Heimat in Betracht, aber südlich von St. Louis, in Missouri, bot man ihnen rund 10.000 Morgen Land zu günstigen Preisen an.

Wittenberg Boat Club
Wittenberg Boat Club

Im Winter 1838/39 reisten insgesamt fünf Schiffe mit Siedlern aus dem Königreich Sachsen und dem Herzogtum Sachsen-Altenburg in die so genannte „Neue Welt“. Mit an Bord nahmen die frommen Auswanderer auch 900 Exemplare von Luthers Katechismus. Sogar während der langen Seereise erhielten die Kinder Unterricht. Alle Schiffe erreichten ihr Ziel, bis auf ein kleineres Boot namens „Amalia“, das höchstwahrscheinlich bei Frankreich mit einem größeren Schiff kollidierte.

Altenburg, Dresden, Wittenberg, Frohna, Paitzdorf und Seelitz in der „neuen Welt“

1839 kamen die Siedler also in Missouri an. Zu dieser Zeit glich die dortige Landschaft einer noch unbewohnten Wildnis. Die Neuankömmlinge hätten den Winter dort kaum überstanden, wären sie nicht von der lutherischen Gemeinde in St. Louis unterstützt worden. Im heutigen Bundesstaat Missouri, im Landkreis Perry County, gründeten die deutschen Siedler die nach ihren Heimatstädten bzw. -regionen benannten Orte wie Dresden, Seelitz, Johannisberg, Altenburg, Frohna, Paitzdorf und Wittenberg. Dresden, Seelitz und Johannisberg wurden aber bereits 1841 nach Altenburg, Missouri, eingemeindet. Weil natürlich nur das Beste aus der neuen Heimat berichtet wurde, trafen auch später noch weitere Auswanderer aus der Region Altenburg in der neu gegründeten Stadt ein.

Indianer, wilde Bestien und mexikanische Soldaten braucht man in Altenburg bislang nicht zu fürchten

Der Pfarrer Martin Stephan derweil lebte in der neuen Heimat ein nicht eben sittlich-christliches Leben und ließ sich hofieren wie ein König. Nachdem die Gemeinde endlich erkannt hatte, wie sehr sie durch ihren geistlichen Führer betrogen worden war, entließ sie ihn. Erster Präsident der Missouri Synode (heute zwei Millionen Mitglieder) wurde der aus Langenchursdorf stammende Ferdinand Wilhelm Walther. Gotthold Heinrich Loeber aus Kahla übernahm den Posten als Pfarrer im neu gegründeten Altenburg. Er beschrieb am 10. September 1839 in einem Brief nach Deutschland das Leben in der neuen Welt, wo die meisten Familien zu diesem Zeitpunkt noch nicht in Häusern, sondern in provisorischen Baracken lebten. Beruhigend fügte er aber hinzu, dass sich die Verwandten in der Heimat keine Sorgen wegen Indianern, wilden Bestien oder mexikanischen Soldaten machen müssten, denn solche Dinge bräuchte man in Altenburg bislang nicht zu fürchten.

Schulgebäude von 1839 in Altenburg Missouri
Das 1839 errichtete Schulgebäude ist das älteste Haus in Altenburg, Missouri

Als eine ihrer ersten Handlungen errichteten die Siedler im August 1839 eine Bildungsstätte, an der Kinder eine umfassende gymnasiale Bildung erhalten sollten: Religion, Latein, Griechisch, Hebräisch, Deutsch, Französisch, Englisch, Geschichte, Geografie, Mathematik, Physik, Naturgeschichte, Philosophie, Musik und Zeichnen standen auf dem Lehrplan. Der Anspruch der Schule war kein geringerer, als die Absolventen für ein Universitätsstudium zu rüsten. Im ersten Jahr begannen sieben Jungen und drei Mädchen dort den Schulunterricht.

Welcome to Altenburg, Missouri!

Im Oktober 2010 fuhren Historiker ins amerikanische Altenburg zu einer internationalen Konferenz unter dem Motto „Home is where our story begins“ (Zuhause ist, wo unsere Geschichte beginnt). Die Kontakte nach Amerika knüpfte der Genealoge Wilfried Piehler aus Gera bereits vor Jahrzehnten. Die Altenburger aus Missouri waren auch schon mehrfach zu Besuch in ihrer alten Heimat. Manche von ihnen überraschten damit, dass sie sich die deutsche Sprache – genau genommen, die Altenburger Mundart aus dem 19. Jahrhundert – über Generationen hinweg bewahrt haben.

Altenburg Missouri
Das amerikanische Altenburg ist eine gemütliche Kleinstadt mit lebhafter christlicher Gemeinde

Auf der zweitägigen Konferenz hielten einheimische Historiker und Genealogen verschiedene Vorträge, die der Geschichte des amerikanischen Altenburgs auf den Grund gingen. Die Historie des deutschen Altenburgs beleuchtete unter anderem Sabine Hofmann vom Lindenau-Museum Altenburg. Am Freitag, 18. März, 19 Uhr, fassen Wilfried Piehler sowie Sabine und Klaus Hofmann in einem Vortrag im Museum Burg Posterstein die Ergebnisse der Konferenz zusammen. Wer mehr zur Geschichte des amerikanischen Altenburgs erfahren möchte, dem sei auch das im vergangenen Jahr in den USA auf Englisch erschienene Buch „Altenburg Missouri and the surrounding Parishes“ empfohlen (Hrsg.: Mary Beth Mueller Dillon, Lynhorst, Indianapolis, 2010).

 

(Marlene Hofmann, auch erschienen in der Ostthüringer Zeitung vom 16. März 2011, http://www.otz.de/)

Moving from Altenburg to Altenburg

How German settlers in 19th century founded a new hometown in Missouri

A motley group of emigrants from Saxony-Altenburg, Dresden region and Hannover stranded on a rock in Mississippi river in 1839. Right beside the river the strict Lutheran settlers founded the town Wittenberg. Frequently the legendary river carried Wittenbergs houses away – that is why only the Wittenberg Boat Club and a crumbling old post office remind of the town today.

rock in Mississippi
After a long journey by ship a group of German emigrants from Altenburg County stranded at this rock in Mississippi in 1839.

The emigration was organized by different clergymen, under the leadership of reverend Martin Stephan from Pirna near Dresden. As a result of social problems after the Napoleonic Wars and tightened taxes in the countryside, parallel to first revolutionary riots, a lot of people in Altenburg region considered to try out their luck in the „new world“. In the beginning they considered Australia as a new home as well, but south from St. Louis in Missouri they were offered 10.000 acre land to a cheap price.

Wittenberg Boat Club
Wittenberg Boat Club

In Winter 1838/39 five ships with settlers from the kingdom of Saxony and the duchy of Saxony-Altenburg headed for the so called „new world“. The devotional emigrates took 900 copies of Luther’s catechism with them on board of the ships. Even during the long crossing the children were taught. All ships reached the US, except for a small boat called „Amalia“, which apparently collided with a bigger ship near France.

Altenburg, Dresden, Wittenberg, Frohna, Paitzdorf and Seelitz in the „new world“

As mentioned before, the settlers arrived in Missouri in 1839. At that time this region still was a nearly uninhabited wilderness. The newcomers probably wouldn’t have survived the first winter, if they wouldn’t have been supported by the Lutheran community in St. Louis. In today’s Perry County the German settlers founded towns, which they named after the regions and towns they came from – like Dresden, Seelitz, Johannisberg, Altenburg, Frohna, Paitzdorf and Wittenberg. Dresden, Seelitz and Johannisberg were later on suburbanized by Altenburg, Missouri. Of course the emigrants only reported the best things to their friends and families in Germany and in the following years a lot of other people from Altenburg region moved to the new founded Altenburg.

You don’t need to fear Indians, wild animals and Mexican soldiers in Altenburg

Reverend Martin Stephan lived a very little moral life in the new world, while he let himself celebrate as a king. When the community finally had realized how badly their spiritual leader had betrayed them, they dismissed him. The first president of the Missouri synod, which has two million members today, was Ferdinand Wilhelm Walter from Langenchursdorf. Gotthold Heinrich Loeber from Kahla overtook the job as reverend in the new founded Altenburg. In a letter to Germany on September 10th, 1839 he described the life in the new world, where the most people at this time did still not live in houses, but in temporary sheds. To comfort his reader he added that one did not have to fear Indians, wild animals or Mexican soldiers in Altenburg.

school building from 1839 in Altenburg Missouri
The school building from 1839 is the oldest house in Altenburg, Missouri.

As one of their first projects, the settlers built a school in august 1839 to provide grammar school education for the children: Religion, Latin, Greek, Hebrew, German, French, English, history, geography, mathematics, physics, natural history, philosophy, music and drawing were on the schedule. The goal was to prepare the pupils for later university studies. In the first year seven boys and three girls were enrolled.

Welcome to Altenburg, Missouri!

In October 2010 historians from the German Altenburg travelled to the American Altenburg to take part in an international conference named „Home is where our story begins“. Already decades before the genealogist Wilfried Piehler from Gera (Thuringia) established first contacts to Missouri. Inhabitants from Altenburg, Missouri, have already a few times visited Altenburg County in Germany. Some of them surprised the Germans by speaking German with Altenburg dialect from 19th century.

Altenburg Missouri
The American Altenburg is a gemuetlich small town with a living Christian community.

On the two-day conference local historians and genealogists from Missouri presented their research on the history of the town. German historians, as Sabine Hofmann from Lindenau Museum Altenburg, described the history of the German Altenburg. On Friday, March 18th, 7pm, Wilfried Piehler and Klaus and Sabine Hofmann will present the results of this conference at Posterstein Castle. To learn more about the history of Altenburg, Missouri, you should take a look at the book „Altenburg Missouri and the surrounding Parishes” (editor: Mary Beth Mueller Dillon, Lynhorst, Indianapolis, 2010).

(by Marlene Hofmann, also published in Ostthüringer Zeitung, March 16th 2011, http://www.otz.de/)