#WomenMW: Die Dame, die unter dem Pseudonym „Ernst Ritter“ schrieb

Am ersten Tag der diesjährigen internationalen Museumswoche #MuseumWeek stehen Frauen im Mittelpunkt. Wir wollen die #MuseumWeek jeden Tag mit einem thematisch passenden Blogbeitrag begleiten. Unter dem Hashtag #WomenMW führt uns unser Weg in die nur zwei und vier Kilometer von Burg Posterstein in Thüringen gelegenen Schlösser Löbichau und Tannenfeld. Dort gab es mit der Herzogin Anna Dorothea von Kurland nicht nur eine beeindruckende Salonniére. Auch unter den Gästen des Löbichauer Salons waren bedeutende Frauen – zum Beispiel Emilie von Binzer.

Der Salon der Herzogin von Kurland in Schloss Löbichau zählte zu den bekanntesten seiner Art.
Der Salon der Herzogin von Kurland in Schloss Löbichau zählte zu den bekanntesten seiner Art.

Aus den Pariser Salons des 18. Jahrhunderts, in denen sich Mitglieder des Hofes, Gelehrte und Künstler begegneten, ging in der Zeit der Aufklärung eine Kultur hervor, die sich über ganz Europa ausbreitete. Den gesellschaftlichen Mittelpunkt bildete stets die Gastgeberin. Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich Schloss Löbichau zu einem solchen Zentrum des geistig-kulturellen Lebens in Deutschland. Der Salon der Herzogin von Kurland in Löbichau gehörte zu den bekanntesten seiner Art.

Wie eine Mappe aus dem Besitz Emilie von Binzers nach Posterstein kam

2014 konnte das Museum Burg Posterstein aus Finanzmitteln des Freistaats Thüringen und der Bürgerstiftung Altenburger Land eine einmalige Sammlung von Portraitzeichnungen ankaufen: 47 aquarellierte Zeichnungen aus den Jahren 1819/20, die Gäste im Salon der Herzogin von Kurland als Fabelwesen darstellen. Aufbewahrt wurden die Unikate in einer dunkelgrünen Halblederkassette.

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Ernst Welker. – Museum Burg Posterstein, CC BY-SA 4.0, Link

Eines der Blätter, das Porträt von Fritz Piattoli, ist mit der Signatur „Emilie del.“gekennzeichnet.

Die Urheber dieser heiteren Portraits sind der Maler Ernst Welker und vermutlich teilweise auch seine Zeichenschülerin Emilie von Binzer, geb. von Gerschau – die spätere Schriftstellerin war eine Pflegetochter der Herzogin Wilhelmine von Sagan, der ältesten Tochter Dorothea von Kurlands.

In ihrem Erinnerungsroman „Drei Sommer in Löbichau“ schrieb Emilie von Binzer:

„Ich besitze eine Mappe, die klein Welkerchen in Löbichau mit Porträts der ihm zugänglichen anwesenden Gäste, meist in Thiergestalt, füllte; darunter stehen Fibelverse, die sich mehr durch gute Laune, ja Uebermuth, als durch Witz auszeichnen, die Mappe enthielt siebenundvierzig Blätter, die gelegentlichen Besucher aus der Nachbarschaft sind nicht darunter, nur solche, die wirklich in Löbichau wohnten.“

Man darf sich den etwa 35-jährige Zeichenlehrer und seine 19-jährige Schülerin vorstellen, die einen Sommer auf dem idyllischen Landsitz Löbichau und Tannenfeld verbringen und einen humoristischen Blick auf die bekannten und weniger bekannten Persönlichkeiten im Salon der Herzogin von Kurland werfen. Die Dargestellten treten als Fabelwesen auf, meist in Tiergestalt oder als Gegenstand mit einem menschlichen Portrait-Kopf. Es ist nicht bekannt, ob die abgebildeten Personen Kenntnis von der Existenz dieser Zeichnungen hatten. Immerhin, in Löbichau ging es sehr liberal zu. Die Urheber der Karikaturen schonten auch sich selbst nicht: Emilie ist als Spargel dargestellt, Welker als Auster.

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Ernst Welker. – Museum Burg Posterstein, CC BY-SA 4.0, Link

Ihre berühmte Tante führte sie in die Welt der Salons ein

Die Schriftstellerin Emilie Henriette Adelheid von Binzer (1801-1891) kam in Berlin als Emilie von Gerschau zur Welt. Sie wuchs bei ihrer Tante Wilhelmine von Sagan mit zwei weiteren Pflegetöchtern auf. Ihr Vater Peter von Gerschau soll ein illegitimer Sohn des Herzogs von Kurland gewesen sein. Er diente als russischer Generalkonsul in Kopenhagen. Durch ihr Leben bei Herzogin Wilhelmine wurde sie in das Salonleben eingeführt und lernte in jungen Jahren bedeutende Persönlichkeiten, wie Metternich, Talleyrand, Zar Alexander, Windischgrätz, Wellington, Blücher und Schwarzenberg kennen.

In den Jahren 1819/20 war sie mit dem Maler Ernst Welker und der Herzogin von Sagan in Löbichau und Tannenfeld. Nach über 50 Jahren schrieb sie ihr Erinnerungsbuch „Drei Sommer in Löbichau“, worin sie die von Welker porträtierten Personen einzeln charakterisiert.

Aufnahme Frauenlobs des 2 ten am 8. September in Löbichau 1819, Aquarell, gemalt von Ernst Welker, Museum Burg Posterstein
Aufnahme Frauenlobs des 2 ten am 8. September in Löbichau 1819, Aquarell, gemalt von Ernst Welker, Museum Burg Posterstein

In Löbichau traf Emilie den Dichter Jean Paul, die Familie Körner, die Feuerbachs, Carl August Böttiger, Friedrich Arnold Brockhaus, Christoph August Tiedge und Elisa von der Recke und auch den Burschenschaftler August Daniel von Binzer, den sie 1822 im Schloss Sagan heiratete. Unter dem Pseudonym „Ernst Ritter“ veröffentlichte sie die Novellensammlung „Mohnkörner“. Auf ihr literarisches Werk übten vor allem Personen und Erlebnisse der Zeit des Wiener Kongresses Einfluss aus. In ihren Häusern in Wien, Linz und Altaussee unterhielt sie musische Kreise. Freundschaften verband sie mit Adalbert Stifter und Franz Grillparzer. Über persönliche Empfehlung Grillparzers wurde Emilie von Binzer zur Beraterin und mütterlichen Freundin des jungen Erzherzogs Maximilian, Bruder des Kaisers Franz Joseph I. „Der Salon Binzer galt in Wien und später in Linz, wohin die Familie im Revolutionsjahr 1848 ihren Wohnsitz verlegte, als ein Mittelpunkt des künstlerischen und gesellschaftlichen Lebens.“, beurteilt das Literaturmuseum Altaussee.

Die Sammung Welker beim Kultur-Hackathon Coding da Vinci

2015 konnten die einmaligen Zeichnungen von Ernst Welker erstmals in einer Sonderausstellung mit dem Titel „Salongeschichten – Paris-Löbichau-Wien. Gäste im Salon der Herzogin von Kurland im Portrait des Malers Ernst Welker“ der Öffentlichkeit gezeigt werden. Danach wurden sie zunächst vor Ort digital in einen Touchscreen in der Dauerausstellung des Museums integriert und können dort auch weiterhin von den Besuchern betrachtet werden. Seit 2018 sind sie digitalisiert und über das Portal Museen in Thüringen zugänglich.

Für den Kultur-Hackathon Coding Da Vinci Ost sind die Blätter nun in hoher Auflösung und mit CC-BY-SA-Lizenz auch auf Wikimedia Commons zu finden.

Unser erster Kultur-Hackathon: Die Sammlung Welker bei Coding da Vinci Ost in der Universitätsbibliothek Leipzig.
Unser erster Kultur-Hackathon: Die Sammlung Welker bei Coding da Vinci Ost in der Universitätsbibliothek Leipzig.

Im Rahmen des Hackathons arbeiten einige der 140 Teilnehmer – darunter Designer, Programmierer und Studenten verschiedener Fachrichtungen – mit den Daten des Museums Burg Posterstein. Die nächsten neun Wochen verbringen sie ihre Freizeit damit, aus den spielerischen historischen Zeichnungen, moderne spielerische Anwendungen zu erstellen. Wir werden sie natürlich mit fachlichen Infos unterstützen und sind sehr gespannt auf die Ergebnisse, die am 16. Juni präsentiert werden! Die Projekte können im Hackdash von Coding da Vinci mitverfolgt werden und wer Lust hat, kann sogar noch einsteigen und mitmachen.

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

Ein Geschenk mit italienischem Flair für unsere “Sammlung Kurland”

Museumsdirektor Klaus Hofmann mit Uwe Buchheim und dessen Schenkung.
Museumsdirektor Klaus Hofmann mit Uwe Buchheim und dessen Schenkung.

Ganz überraschend erhielt das Museum Burg Posterstein am Internationalen Museumstag am vergangen Sonntag ein kostbares Geschenk: Ein Aquarell des Malers Ernst Welker, der 1819 und 1820 als Zeichenlehrer mit Wilhelmine von Sagan an den Musenhof Löbichau kam. Der Musenhof der schönen Herzogin Anna Dorothea von Kurland steht seit nunmehr 25 Jahren im Mittelpunkt der Forschungsarbeit des Museums Burg Posterstein. Uwe Buchheim aus Altenburg entdeckte die von Ernst Welker auf einer Italienreise gezeichnete Stadtansicht bei einer Internetauktion, kaufte sie und schenkte sie nun dem Museum. Dort wird sie in die Sammlung Kurland eingehen. Uwe Buchheim stellt darüber hinaus als privater Leihgeber dem Musem derzeit wertvolle historische Bibeln für die Ausstellung “Das besondere Exponat zur Reformation: Kostbare Bibeln und das Rollbild Der Leipziger Festzug zur Reformationsfeier 1830” zur Vergügung und hat sich als Mitglied der Bürgerstiftung Altenburger Land schon seit vielen Jahren für das Regionalmuseum des Landkreises engagiert.

Dieses Aquarell des Malers Ernst Welker erhielt das Museum Burg Posterstein 2017 von Uwe Buchheim aus Altenburg
Dieses Aquarell des Malers Ernst Welker erhielt das Museum Burg Posterstein 2017 von Uwe Buchheim aus Altenburg

Erst 2015 präsentierte das Museum Burg Posterstein in der Ausstellung “Salongeschichten: Paris – Löbichau – Wien” ein Konvulut an witzigen Zeichnungen, die Ernst Welker von Löbichauer Gästen angefertigt hatte. Welker porträtierte die Herzogin und ihre hohen Gäste in Tiergestalt – darunter nicht nur Anna Dorothea von Kurland selbst, sondern auch ihre Töchter und Pflegetöchter, eine Reihe kurländischer Adliger, den Gothaer Herzog August Emil Leopold, den Strafrechtler Paul Johann Anselm von Feuerbach und die Familie Theodor Körners. In einem kleinen Buch veröffentlichte das Museum 2015 die Zeichnungen zusammen mit einem historischen Abriss zum Löbichauer Salon und Biografien der Abgebildeten.

Ernst Welker – Maler mit Humor

So zeichnete Ernst Welker sich selbst (Sammlung Museum Burg Posterstein).
So zeichnete Ernst Welker sich selbst (Sammlung Museum Burg Posterstein).
Der Maler und Lützower Jäger Ernst Welker (1784/88–1857) hatte laut seiner Zeichenschülerin Emilie von Binzer, später selbst eine angesehene Schriftstellerin, “einen gewaltigen Stutzbart, der wie eine Art von Äquator sich von einem Ohr zum anderen zieht”. In einer der Karikaturen aus der Postersteiner Sammlung nahm Welker sich auch selbst auf die Schippe, indem er sich als Auster darstellte. Darunter der Spruch:

“Die Auster ist von guter Art
Das groeste an ihr ist der Bart.”

Ernst Welker, der seine Ausbildung in Weimar und Wien absolviert hatte, befand sich mehrfach auf Studienreisen in Italien. Von welcher Reise das Bild stammt, das nun neu in die Postersteiner Sammlung eingehen konnte, soll dem Museum nun Anlass zu weiterer Forschungsarbeit geben.

Mehr erfahren zu Ernst Welkers Karikaturen Löbichauer Gäste:

Gesammelte Infos auf der Website des Museum

“Ein Besuch in Löbichau, dem wir mit Spannung entgegensahen” – Teestunde auf Burg Posterstein

Sonderausstellung “Salongeschichten”: Versteckte Details entdecken

Sonderausstellung “Salongeschichten”: Was ist das eigentlich, ein Salon?

Vertrag zwischen Paris und … Posterstein: Zusammenarbeit mit Les Amis de Talleyrand

Der Herzog kommt nach Posterstein: Eröffnung der Sonderausstellung „Salongeschichten“

Wie eine Himmelsleiter mit Engeln besetzt: Kleine Reise in die Geschichte von Schloss Tannenfeld

Da steht mein Armes Ich von Stein… Salongeschichten aus dem 19. Jahrhundert auf Burg Posterstein

2015 zelebriert das Museum Burg Posterstein ein Lieblingsthema im großen Stil

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

Sonderausstellung “Salongeschichten”: Versteckte Details entdecken

Schon über 1000 Besucher haben sich die aktuelle Sonderausstellung “Salongeschichten” mit Portraitzeichnungen Löbichauer Salongäste aus dem Jahr 1819/20 angesehen. Bei mehrmaligem Hinsehen fallen versteckte Details ins Auge.

Der Maler Ernst Welker stellte die schöne Herzogin als Pudel dar. Der französische Diplomat Talleyrand schrieb ihr hunderte von Briefen.
Der Maler Ernst Welker stellte die schöne Herzogin als Pudel dar.

Beim ersten Mal schauen bleibt der Blick an den mal witzig, mal sonderbar portraitierten Personen hängen. Die Herzogin als treuer Pudel. Emilie von Binzer als dünner Spargel. Der Strafrechtler Feuerbach als Nagel. Der Gothaer Herzog als stolzen Pfau und der Dichter Schink als Brunnen, der frisches Wasser spendet. Man liest darunter die in Versform säuberlich handschriftlich verfassten Zeilen, zum Beispiel: “Der Brunnen frisches Wasser giebt / Der Baer den süssen Honig liebt”, und überlegt, was das nun mit dem bekannten Dichter und Dramaturg Johann Friedrich Schink (1755-1835) zu tun haben könnte.

Wie viele Zeichner waren hier am Werk?

Im Vers zum Portrait von Christoph August Tiedge ist eine nachträgliche Änderung deutlich erkennbar. (Museum Burg Posterstein)
Im Vers zum Portrait von Christoph August Tiedge ist eine nachträgliche Änderung deutlich erkennbar. (Museum Burg Posterstein)

Auf den zweiten Blick und im milden Licht der Ausstellungsräume gut zu erkennen, bemerkt man die zarten Bleistiftstriche, mit denen der Zeichner seine ungewöhnlichen Portraits vorgezeichnet hat. Am oberen Blattrand wurde zunächst mit Bleistift der Name der dargestellten Person vermerkt und nachträglich mit Tusche von mindestens zwei Handschriften vervollständigt. Später fügte jemand ein Kreuz hinzu – offenbar, wenn die betroffene Person zum Zeitpunkt der Recherche für Emilie von Binzers Buch “Drei Sommer in Löbichau” bereits verstorben war. In diesem Spätwerk von 1877 beschreibt die bekannte Schriftstellerin auch einige der Portraitzeichnungen, die nun in der Ausstellung zu sehen sind.

Versteckte Details und nachträgliche Veränderungen

Bei manchen Zeichnungen wird eine nachträgliche Bearbeitung erkennbar. Der Schriftsteller Christoph August Tiedge (1752-1841) beispielsweise wurde als Stuhl dargestellt. Im zugehörigen und im wahrsten Sinne des Wortes auf Biegen und Brechen gereimten Vers “Wie herrlich pranget hier der Lehn Stuhl / Den Hals bricht wer vom Dache fuhl”, hat jemand nachträglich “ein Stuhl” in “der Lehn Stuhl” geändert.

Das Buch "Salongeschichten" erscheint zur Ausstellung
Das Buch “Salongeschichten” erscheint zur Ausstellung
Die kleinformatigen, aquarellierten Zeichnungen stammen von Ernst Welker (1784/88-1857), der als Zeichenlehrer Emilie von Binzers – der Enkelin der Herzogin von Kurland – einige Sommer am Musenhof Löbichau verbrachte. Sie geben einen spannenden Eindruck in das alltägliche Leben in dem kleinen Thüringer Schloss, wo die weltgewandte Herzogin Künstler und Staatsmänner, Bürgerliche und Adlige um sich scharte. Man dichtete und spielte Theater, sang und flanierte durch die Gärten. Am Abend sammelte sich die Gesellschaft zur Teestunde. 2014 konnte das Museum Burg Posterstein die gut erhaltene Sammlung aus dem Besitz Emilie von Binzers mit finanzieller Unterstützung des Freistaates Thüringen und der Bürgerstiftung Altenburger Land ankaufen und zeigt sie noch bis 15. November im Rahmen einer Sonderausstellung. Zur Ausstellung erscheint ein gleichnamiges Buch.

Außerdem zum Thema:
Blogpost: Was ist das eigentlich, ein Salon?
Blogpost über Carl August Böttiger: “Da steht mein armes Ich aus Stein”
Blogpost: Der Herzog kommt nach Posterstein
Blogpost zur Geschichte des Schlosses Tannenfeld
Blogpost: Jean Pauls Sommer in Löbichau
Blogpost: Rittergut Löbichau – Zeitweise 300 Gäste gleichzeitig

von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein