Mysteriöser Maler: Landschaftsmaler, Italien-Reisender, Zeichenlehrer im Salon

Der Maler Ernst Welker aus Gotha starb vor genau 165 Jahren, am 30. September 1857, in Wien. Das Museum Burg Posterstein widmet dem Künstler noch bis 13. November 2022 die umfangreiche Ausstellung „Sehnsuchtsziel Italien: Der Maler Ernst Welker auf Reisen und im Salon der Herzogin von Kurland“, zu der auch ein gleichnamiges Buch erschienen ist.

Salongäste in Löbichau (Bleistiftzeichnung, Museum Burg Posterstein)
Ernst Welker (links) auf einem Sofa im Salon (Bleistiftzeichnung, Museum Burg Posterstein)

Wer war Welker?

Der Maler Ernst Welker erhielt schon während seines Studiums an der Wiener Akademie der Bildenden Künste Auszeichnungen für seine Landschaftsmalereien. Bis ins hohe Alter lebte er von seiner Kunst, stellte aus und verkaufte seine Werke zu beachtlichen Preisen. Mit befreundeten Malern wie Johann Christoph Erhard, Johann Adam Klein und den Brüdern Friedrich Philipp Reinhold und Heinrich Reinhold aus Gera begab er sich auf künstlerische Expeditionen nach Salzburg und Berchtesgaden oder in die nähere Umgebung Wiens. Ernst Welker war Lützower Jäger an der Seite Theodor Körners und zeichnete dessen Grab. Mehrere Jahre beschäftigte ihn die Herzogin Wilhelmine von Sagan als Zeichenlehrer und Gesellschafter für ihre Pflegetöchter – darunter die spätere Schriftstellerin Emilie von Binzer. In Gesellschaft der Herzogin von Sagan hielt er sich auf deren schlesischen Gütern Sagan und Ratiborschitz auf und verbrachte den Sommer auf Schloss Löbichau im Salon der Herzogin von Kurland, der Mutter Wilhelmine von Sagans. In Löbichau porträtierte er die anwesenden Gäste als Fabelwesen, halb Mensch, halb Tier oder Gegenstand – diese Aquarelle befinden sich heute in der Sammlung des Museums Burg Posterstein und sind auch in der Europeana zu sehen. Von 1821 an weilte Ernst Welker mehrere Jahre in Italien. Man kann davon ausgehen, dass er sich im Kreis der deutsch-römischen Künstlerkolonie bewegte und namhafte Künstler seiner Zeit ­persönlich kannte. Im Gefolge Wilhelmine von Sagans reiste er bis Neapel, wovon seine Aquarelle zeugen.

Postkarte mit Ernst Welker-Aquarell vor der Burg Posterstein in Thüringen
Ernst Welkers Aquarell „Blick auf den Petersdom in Rom von der Villa Borghese aus“ als Postkarte – im Hintergrund die Burg Posterstein

Und trotz alledem blieb Ernst Welker bisher von der Forschung weitgehend unbeachtet. Bis zum Erscheinen der neuen Publikation „Sehnsuchtsziel Italien – Der Maler Ernst Welker auf Reisen und im Salon der Herzogin von Kurland“ des Museums Burg Posterstein stand Ernst Welker noch nie im Mittelpunkt eines Buchs. Viele Kunstkataloge erwähnen ihn lediglich nebenbei. Dabei sind bereits zeitgenössischen Publikationen Fehler unterlaufen – beispielsweise hinsichtlich des korrekten Geburtsortes (Gotha), dem genauen Geburtsjahr (1784), der familiären Herkunft (Sohn des Sachsen-Gotha-Altenburgischen Archivars Philipp Friedrich Welker) und den genauen Reisezielen Welkers (er war vermutlich nie im Nahen Osten). Seinen Lebensweg nachzuvollziehen, glich einer detektivischen Arbeit, die mit dem 2022 erschienenen Buch erst begonnen hat – und lange noch nicht abgeschlossen ist.

Welker porträtierte seine Arbeitgeberin als stolzes Ross

2014 gelang es dem Museum Burg Posterstein mit Unterstützung der Bürgerstiftung Altenburger Land sowie des Freistaats Thüringen, ein außergewöhnliches Konvolut an Zeichnungen anzukaufen. Die Rede ist von den Löbichauer Salongästen als Fabelwesen, die sich lange Zeit im Besitz von Emilie von Binzer befunden haben. Der Salon der Herzogin von Kurland in Löbichau, das nur wenige Kilometer von Posterstein entfernt liegt, ist eines der wichtigsten Forschungsthemen des regionalgeschichtlichen Museums Burg Posterstein. Der Sammlungsteil Salongäste als Fabelwesen besteht aus 47 Aquarellen mit namhaften Löbichauer Gästen und zwei Skizzen, die alle in einer grünen Halblederkassette aufbewahrt wurden. Sie sind bereits digitalisiert und in der Europeana und auf Wikimedia Commons frei zugänglich und nutzbar. (Weitere Infos zur Sammlung Welker)

Als schönes, wildes Pferd stellte Ernst Welker Wilhelmine von Sagan, die älteste Tochter der Herzogin von Kurland dar.
Als schönes, wildes Pferd stellte Ernst Welker Wilhelmine von Sagan, die älteste Tochter der Herzogin von Kurland dar.

Die Salongäste der Herzogin von Kurland stellte Ernst Welker als humorvolle Fabelwesen dar. Unter den so Porträtierten befinden sich nicht nur die Herzogin Anna Dorothea von Kurland selbst (dargestellt als treuer Pudel) sowie Welkers Arbeitsgeberin Wilhelmine von Sagan (als stolzes Ross), sondern auch der Sachsen-Gotha-Altenburgische Herzog August (als eitler Pfau – dieses Bild ist derzeit nicht in Posterstein, sondern in der Ausstellung „Luxus, Kunst und Phantasie – Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg als Sammler“ im Herzoglichen Museum Gotha zu sehen), die Schriftstellerin Elisa von der Recke (als Tintenfass), der Dichter Christoph August Tiedge (als Lehnstuhl), der Archäologe Carl August Böttiger (als Statue) und der Jurist Paul Johann Anselm von Feuerbach (als Nagel). Jedes Aquarell ist mit einem Reim versehen. Emilie von Binzer bezeichnete diese Sprüche unter den Porträts als „Fibelverse“. Schon im 18. Jahrhundert verstand man unter einer Fibel ein bebildertes, mit einzelnen, zum jeweiligen Buchstaben passenden Bildmotiven versehenes Leselernbuch. Eine solche Fibel könnte die Vorlage für Welkers Porträts gebildet haben, denn auch hier gibt es in der oberen linken Bildecke jeweils einen Buchstaben in Groß- und Kleinschreibung – z.B. das „A, a“ des possierlichen Affen Graf Peter von Medem und das „Z, z“ des bunt gefleckten Zebras Gräfin Jeannette Bressler. Tatsächlich kommen alle 26 Buchstaben vor, einige sogar mehrfach. Das Bestreben, das gesamte Alphabet abzudecken, erklärt dann auch eher gewollt klingende Verse wie: „Schwer zu finden ist ein X, / Es fehlt nicht viel, so fanden wir nix.“, der zum Porträt des Staatsrats Christian Gottfried Körner als Scherenstuhl gehört. 

Ernst Welker - dargestellt als Auster
Sich selbst porträtierte Ernst Welker als Auster mit großem Bart. (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Dass sich ein Zeichenlehrer solche Bilder erlauben durfte, die sehr wahrscheinlich in Löbichau gezeigt wurden, unterstreicht die Freiheit und Offenheit, die im Salon der Herzogin von Kurland herrschte. Auch der Dichter Jean Paul rühmte deren Salon in Löbichau für genau diese Redefreiheit und Offenheit. Sich selbst zeichnete Ernst Welker übrigens als Auster, versehen mit dem Spruch: „Die Auster ist von guter Art, das größte an ihr ist der Bart“.

Welkers eigentliche Spezialisierung: Landschaftsaquarelle

Der zweite Teil der Postersteiner Sammlung Welker umfasst 13 Landschaftsbilder des Malers, die das Museum besitzt bzw. die über Dauerleihgaben an das Haus gebunden sind. Acht Aquarelle und ein Ölgemälde zeigen Landschaften. Bis auf ein Blatt sind alle Werke mit Welker; E. Welker; E.W.; Welker fec.; E. Welker fec.; und Ernst Welker fec. signiert.

Historische Ansicht der Stadt Rom - Aquarell von Ernst Welker aus der Sammlung des Museums Burg Posterstein
Blick auf den Petersdom in Rom von der Villa Borghese aus, Ernst Welker, Aquarell, signiert: Welker fec., o. J., Museum Burg Posterstein

Ergänzt wird der kleine Bestand durch Arbeiten von Johann Christoph Erhard, Johann Adam Klein, Johann Christian Reinhart und Carl Trost.

Zu verdanken ist die Kollektion zum Großteil dem Sammler Uwe Buchheim. Er fühlt sich dem Museum Burg Posterstein seit Jahren verbunden und ist Mitglied im Förderverein. Ihn beeindrucken die Forschungen und Ausstellungen zum Salon der Herzogin von Kurland, durch die er begann, sich mit dem Maler Ernst Welker zu beschäftigen. Er setzte sich nicht nur dafür ein, dass die Porträtsammlung Salongäste 2014 vom Museum erworben werden konnte, sondern sammelt seither selbst und stellt die erworbenen Werke dem Museum zur Verfügung. Dafür sind wir sehr dankbar.

Ausstellung und Buch „Sehnsuchtsziel Italien“

Die Sonderschau und das gleichnamige Buch „Sehnsuchtsziel Italien – Der Maler Ernst Welker auf Reisen und im Salon der Herzogin von Kurland“ zeigen nun erstmals alle diese Welker-Arbeiten. Auf 156 Seiten zeichnet das Buch das Leben des Malers anhand der Sammlungen und Forschungen des Museums nach.

Historische Ansicht einer italienischen Stadt bei Castelamare - Aquarell von Ernst Welker
Bey Castelamare im Neapolitanischen, Ernst Welker, Aquarell, signiert: Welker, o. J., Museum Burg Posterstein

Im Lauf der Arbeit daran stießen wir auf neue Informationen und weitere Werke Welkers in verschiedenen internationalen Sammlungen. Besonders freut uns, dass wir erstmals einen bisher noch nicht erschlossenen Teil der Sammlung Biron der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena aufarbeiten konnten. Es handelt sich unter anderem um Salonszenen, Porträts und Skizzen für die Postersteiner Sammlung von Porträts der Salongäste.

Wichtige Quellen eröffneten sich auch durch die Einsicht in das digitale Archiv des Thorvaldsens Museum in Kopenhagen. Abbildungen zum Buch erhielten wir von der Albertina Wien, der Kunstsammlung Gera, der Hamburger Kunsthalle, den Kunstsammlungen Dresden, dem Lindenau-Museum Altenburg, dem Deutsches Literaturarchiv Marbach, den Städtische Museen Nürnberg, der Österreichische Nationalbibliothek, der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek, der Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek, dem Thorvaldsens Museum Kopenhagen, dem British Museum und der Klassikstiftung Weimar.

Buchcover "Sehnsuchtsziel Italien - Der Maler Ernst Welker auf Reisen und im Salon der Herzogin von Kurland"
Das Buch „Sehnsuchtsziel Italien“ kann man über das Museum Burg Posterstein kaufen

Welkers Arbeiten stellen wir im Buch Abbildungen von Werken seiner Malerkollegen gegenüber. Da Welker – außer seinen Zeichnungen – selbst kaum schriftliche Quellen hinterlassen hat, bleiben durchaus Lücken in der Biografie bestehen.

Welker wanted!

Wir möchten deshalb dazu aufrufen, Forschungsdaten zum Maler Ernst Welker zu sammeln und auszutauschen. Über Hinweise sind wir sehr dankbar. Einen Überblick über verschiedene Stationen in Welkers Leben und über Sammlungsbestände weltweit möchten wir auf unserer Website salon-europa.eu bündeln und langfristig pflegen. Über Ergänzungen freuen wir uns sehr.

Im Anschluss an die Ausstellung planen wir, die Wikipedia-Seite zu Ernst Welker durch die neuen Informationen zu ergänzen.

Von Marlene Hofmann

Zum Weiterlesen

Infos zur Ausstellung:

Sehnsuchtsziel Italien – Der Maler Ernst Welker auf Reisen und im Salon der Herzogin von Kurland, 17. Juli bis 13. November 2022, Museum Burg Posterstein

Infos zum Buch:

Sehnsuchtsziel Italien – Der Maler Ernst Welker auf Reisen und im Salon der Herzogin von Kurland
Museum Burg Posterstein, 2022
156 Seiten, farbig
Preis: 25,00 Euro

Infos zur Salongeschichte:

www.salon-europa.eu

Podcast LeseZEIT (Salongeschichte, demnächst: Reinhold):

https://blog.burg-posterstein.de/lesezeit/

Sammlung Welker digital:

Europeana:
https://www.europeana.eu/de/collections/organisation/1482250000044968001-posterstein-castle-museum

Wikimedia Commons:
https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Sammlung_Kurland?uselang=de

Deutsche Digitale Bibliothek:
https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/searchresults?query=&offset=0&rows=20&facetValues%5B%5D=provider_id%3DNY7AR3HGHPOM4YPQ2I5HFWPPFGK43QNH&isThumbnailFiltered=false

Museen Thüringen:
http://www.museen.thueringen.de/Objektsuche/%7CEinrichtung%7CDE-MUS-875314%7C

Eine lokalgeschichtliche Ausstellung mit reger Besucherbeteiligung – Resümee zur Ausstellung „Damals in der ‚Esse‘“

Die Ausstellung „Damals in der ‚Esse‘ – Erinnerungen an das Kulturhaus ‚Stadt Schmölln‘“ im Museum Burg Posterstein erreichte die lokale Bevölkerung aus Schmölln und den umliegenden Dörfern wie selten eine Ausstellung vor ihr. Die Mischung aus Erinnerungsstücken, Zeitzeugen-Interviews und Teilhabe schien einen Nerv getroffen zu haben. Teile der Postersteiner Ausstellung sind von 9. Juli bis 31. Dezember 2022 im Knopf- und Regionalmuseum Schmölln in der Ausstellung „Brauchen wir die ‚Esse‘ oder welche Kultur möchte Schmölln?“ zu sehen. In diesem Blogpost wollen wir die Postersteiner Sonderschau zusammenfassen, dokumentieren und auswerten.

Kulturhaus "Stadt Schmölln" damals und heute auf der Postkarte des Museums Burg Posterstein
Kulturhaus “Stadt Schmölln” damals und heute auf der Postkarte des Museums Burg Posterstein

Die Ausstellung: Partizipation und Dokumentation jüngerer Geschichte

Mit der Sonderschau „Damals in der ‚Esse‘ – Erinnerungen an das Kulturhaus ‚Stadt Schmölln‘“ (30. Januar bis 20. März 2022) verband das Museum Burg Posterstein lokale Geschichte mit Partizipation und der Dokumentation jüngerer Geschichte. Das regionalgeschichtliche Museum des Landkreises Altenburger Land konnte so ein stückweit Alltagsgeschichte der DDR zeigen und für nachfolgende Generationen bewahren. Gleichzeitig bot die Ausstellung zahlreiche Anknüpfungspunkte, um mit dem Publikum vor Ort ins Gespräch zu kommen und Barrieren abzubauen. Damit passte sie hervorragend zum Konzept des Modellprojekts „Der fliegende Salon – Kulturaustausch im Altenburger Land“, das die Menschen im Landkreis mit den am Projekt beteiligten Kultureinrichtungen ins Gespräch bringen soll.

Salon-Abend im Oktober 2021 in der Ostthüringenhalle in Schmölln (Foto: Jörg Neumerkel)
Salon-Abend im Oktober 2021 in der Ostthüringenhalle in Schmölln (Foto: Jörg Neumerkel, www.neumerkel.info)

So entstand die Ausstellung auch aus einem Zeitzeugen-Salon zum Kulturhaus „Stadt Schmölln“ heraus, der am 30. Oktober 2021 in der Ostthüringenhalle Schmölln stattfand. Im Vorfeld dieses Salonabends wurden Video-Interviews mit Zeitzeugen geführt, die während der Veranstaltung gezeigt wurden. Dazu unterhielten sich Zeitzeugen und Nachgeborene über die Vergangenheit und Zukunft der Kulturszene der Stadt Schmölln. Das Interesse an diesem Abend war so groß, dass die Karten innerhalb eines Tages vergeben waren – beinahe eine Hommage an die ausgebuchten Konzerte und Feiern im historischen Kulturhaus „Stadt Schmölln“. Da viele Bürgerinnen und Bürger mit Andenken und Anekdoten auf uns zukamen, fiel der Entschluss, das Thema in einer Sonderschau aufzugreifen.

Das Phänomen „Esse“

Das Kulturhaus „Stadt Schmölln“, das durch seinen markanten Schornstein umgangssprachlich „Esse“ (im Dialekt: Schornstein) genannt wurde, war seit seiner Eröffnung 1969 bis zu seiner Schließung 1991 das kulturelle Zentrum der Stadt. 1999 wurde das Gebäude komplett abgerissen. Seitdem fehlt ein solcher zentraler Treffpunkt für Vereine und Kultur, für Jung und Alt.

Das Kulturhaus "Stadt Schmölln" auf Postkarte von 1988 (Sammlung Museums Burg Posterstein)
Das Kulturhaus “Stadt Schmölln” auf Postkarte von 1988 (Sammlung Museums Burg Posterstein)

Die Ausstellung erreichte ein lokales Publikum wie selten zuvor

Insgesamt kamen zwischen 30. Januar und 20. März 2022 rund 1700 Besucher, um die Ausstellung „Damals in der ‚Esse‘“ anzusehen. Und das in einer Zeit außerhalb der Hochsaison des Museums, in der zudem zur Pandemie-Beschränkung zunächst die 2G- und später die 3G-Regelung galt.

Blick in die Ausstellung "Damals in der Esse" im Museum Burg Posterstein mit Zeitungsausschnitten und historischen Originalplakaten
Zeitungsausschnitte und ein originales Plakat in der Ausstellung über das Kulturhaus “Stadt Schmölln” im Museum Burg Posterstein

An der Museumskasse befragten wir fast 60 Prozent der Besucher nach ihren Besuchsgründen und ihrem Herkunftsort. Diese Befragung zeigte deutlich, dass die Ausstellung ihr lokales Publikum erreichte. Denn 64 Prozent der Besucher kamen aus dem Altenburger Land, dazu noch sechs Prozent aus dem Raum Gera und vier Prozent aus Westsachsen. Fast 70 Prozent aller Besucher nannten die Besichtigung der Sonderschau als Grund ihres Kommens.

In den Gesprächen zeigte sich deutlich, dass viele von ihnen das Museum zum ersten Mal besuchten. Neben Zeitungs- und Fernsehberichten wurden sie vor allem durch Empfehlungen von Bekannten (auch per WhatsApp und Facebook) auf die Ausstellung aufmerksam. Nach Aufhebung der 2G-Beschärnkung im März kamen mehr Besucher als zuvor.

Erinnerungsstücke in der Ausstellung

Für die Ausstellung erhielt das Museum über 50 Leihgaben von über 20 privaten Leihgebern – darunter zahlreiche Fotos, ganze Fotoalben und Zeitungsausschnitte und Urkunden. Besonderer Dank gilt hierbei dem Heimat- und Verschönerungsverein Schmölln e.V., der viele Fotos beisteuerte. Zu sehen war auch Festkleidung aus der damaligen Zeit – vom Minikleid, Mantel und Hut über Hochzeitsschmuck und Parka bis zu Aufnäher, Taschen und Fransenschuhen. Sogar ein aus einem Bauhelm selbst gebastelter Germanenhelm – einst im Einsatz als Faschingsverkleidung in der ‚Esse‘ – wurde für die Ausstellung abgegeben.

Blick in die Ausstellung "Damals in der Esse" im Museum Burg Posterstein.
Blick in die Ausstellung “Damals in der Esse” im Museum Burg Posterstein.

An die vielen Konzerte erinnerten eine Gitarre, Konzertplakate und Autogrammkarten von Künstlern sowie originale Programmpläne und Veranstaltungsflyer.

Ausstellung zum Kulturhaus Stadt Schmölln im Museum Burg Posterstein, links in einer Vitrine eine Gitarre
Ausstellung zum Kulturhaus Stadt Schmölln im Museum Burg Posterstein, links in einer Vitrine eine Gitarre, die beim letzten Konzert zum Einsatz kam.

Außerdem waren noch Dokumente und Gegenstände aus den gastronomischen Einrichtungen des Kulturhauses bei ehemaligen Mitarbeitern zu Hause verwahrt: Rechnungsblöcke, Tischdecken, Aufsteller, Servietten, aber auch eine Hausarbeit zur Facharbeiterprüfung und sogar mehrere Gästebücher. Ehemalige Besucherinnen und Besucher behielten Speisekarten, Rechnungen und Eintrittskarten als Andenken

Sogar ein Ziegelstein aus dem ehemaligen Kulturhaus und ein Faschingshelm waren unter den persönlichen Erinnerungsstücken ans Kulturhaus "Stadt Schmölln" im Museum Burg Posterstein.
Sogar ein Ziegelstein aus dem ehemaligen Kulturhaus und ein Faschingshelm waren unter den persönlichen Erinnerungsstücken ans Kulturhaus “Stadt Schmölln” im Museum Burg Posterstein.

. Schließlich gab es eine Reihe von Gegenständen, die vorausschauende ehemalige Esse-Besucher vor dem Abriss aus dem Gebäude retteten, darunter Teile der Bühnendekoration und Verzierung des Saals, das Metallschild „Weinabteil“ und ein Notausgangsschild. Kurz vor Ausstellungsbeginn wurde ein originaler Ziegelstein abgegeben, der nach Jahren der Aufbewahrung im Privathaus nun einen großen Auftritt hatte.

Persönliche Erinnerungen an der Pinnwand-Esse in der Ausstellung

In der Ausstellung gab es eine schornsteinförmige Pinnwand, an der persönliche Erlebnisse aus dem Kulturhaus und Meinungen zur Ausstellung geteilt werden konnten. Als einfache Form der Interaktion konnten die Besucher die Frage „Wie hat Ihnen die Ausstellung gefallen?“ mit Aufklebern in die Spalten „gut“ und „schlecht“ beantworten. Hierbei gab es über 150 Gut-Bewertungen und keine Schlecht-Bewertungen. Auch so bekam die Ausstellung viel Lob und entwickelte sich wochenends zu einem Treffpunkt, an dem sich alte Bekannte wiederbegegneten und in Erinnerungen schwelgen konnten.

Es gab auch weitere Möglichkeiten einfach per Aufkleber zu interagieren, indem die Besucher auf die Fragen „Haben Sie in der ‚Esse‘ Ihre Jugendweihe gefeiert?“ (48 x ja; 12 x nein) und „Waren Sie 1991 dabei, als ‚Odyssee‘ das letzte Konzert in der ‚Esse‘ spielte? (5 x ja; 9 x nein) reagieren konnten.

An einer schornsteinförmigen Pinnwand konnten Ausstellungsbesucher eigene Erinnerungen hinterlassen.
An einer schornsteinförmigen Pinnwand konnten Ausstellungsbesucher eigene Erinnerungen hinterlassen.

Darüber hinaus konnten Besucher ihre Erlebnisse auf Karteikarten schreiben und an die Pinnwand heften. Die Bandbreite ist groß – darunter eine lustige Begebenheit:

„Ich war von 1970–1975 als Konditor (vorher Koch) im Café der Esse beschäftigt. Im Jahr 1975 war der Auftritt von ‚Soulful Dynamics‘. Um Plätze für meine Frau und Freunde zu reservieren, benutzte ich den Küchenaufzug während der Arbeitszeit, ca. 14 Uhr. Leider blieb der Aufzug stecken und ich mit ihm. Vergeblich versuchten jetzt die anderen Kollegen, mir zu helfen; lautstark. Dies war auch im Restaurant zu hören, wo unser Ökonomischer Direktor […] und seine Frau zum Mittagstisch waren. Nach ca. 45 Minuten gelang die ‚Befreiung‘. Zu meinem großen Entsetzen empfing mich [der Direktor] und drohte mir mit einem Verweis. Dies war mir in diesem Moment egal, denn ich war wieder ‚befreit‘ und die begehrten Plätze waren auch reserviert.“

Auf diese Geschichte hin kommentierte ein anderer Gast, ebenfalls per Karteikarte: „Da waren Sie eindeutig zu schwer, meine 50 kg sind öfter im Essensaufzug hoch, hatte gute Bekannte in der Küche – Jugendtanz gesichert ohne Anstehen! 😊“

Unter den Beiträgen gibt es sehr persönliche Erinnerungen:

Ein Paar schrieb beispielsweise: „Zum ‚Rockrummel 1989‘ – Haben uns hier kennen und lieben gelernt! … Und sind heute noch glücklich verheiratet!“

Ein anderes: „Wir feierten unsere Hochzeit 5.8.1977 in der Esse“

„1987 Schulanfang, 1989 Blumenmädchen bei einer Hochzeit, 1988 oder 1989 Auftritt mit dem Mädchenturnen – wahrscheinlich 89 zur 40-Jahrfeier der DDR“

„Habe von 1975–1980 dort gearbeitet, war meine schönste Zeit“

„Mein Schulanfang 1990“

„1962 Schulanfang, 1977 Jugendweihe, 1979 Abschluss 10. Klasse – klasse“

„Tanzen in der ‚ESSE‘ war das Tollste in meiner Jugend in den 60er Jahren. Ich erinnere mich an die Bar, wo man immer mal zu einem ‚Getränk‘ eingeladen war. Mein erster Rausch fand auch in der Esse statt 😊 Weihnachtsball der EOS – jedes Jahr am 27.12. Mein Sohn ging später in die ESSE zum Gitarrenunterricht.“

„Ich bekam mal für das ganze Haus ‚Lokalverbot‘ für einige Zeit. Zur Jugendweihefeier meiner großen Tochter konnte ich nach Absprache diese Feier besuchen.“

Im Laufe der Ausstellung auf Burg Posterstein füllte sich die Pinnwand mit püersönlichen Erinnerungen.
Im Laufe der Ausstellung auf Burg Posterstein füllte sich die Pinnwand mit püersönlichen Erinnerungen.

Andere erinnern sich gern an Getränke, Veranstaltungen und das Ambiente:

„Sekt mit Früchten war das Getränk meiner ‚wilden Zeit‘. Die Bar in der ‚Esse‘ war der Sitzplatz für viele Stunden. Fasching war klasse. Schöne Zeit.“

„Der beliebte Sportlerball in der Esse – es war probbe voll aber schön …“

„1981 Jugendweihe, 1989 Silberhochzeit, und ganz viele schöne Abende beim Jugendtanz verbracht + Extrablätter“

„1977–78 ? genau weiß ich es nicht mehr, Hot & Blues-Jazzband spielte und Peter Schönhoff las und moderierte – war klasse“

„Zum Tag des Gesundheitswesens überraschte die Belegschaft der Auftritt von Katja Eckstein. Große klasse“

„‘Renft‘ Konzert“

Die Mitmach-Aktion #EsseSchmölln

Die Mitmach-Aktion #EsseSchmölln funktionierte – im Gegensatz zu den anderen Mitmach-Aktionen des Museums – am besten auf Facebook. Denn die Zielgruppe 50+ ist vor allem in diesem sozialen Netzwerk aktiv und über große lokale Facebook-Gruppen wie „Unser Schmölln“ fand der Aufruf zusätzlich Verbreitung. Darüber hinaus richteten wir anlässlich der Ausstellung die eigene Facebook-Gruppe „Regionale Geschichte Dreiländereck Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt“ ein, die innerhalb kurzer Zeit rund 200 Mitglieder zählte. Sie wird auch nach der Sonderschau dem Austausch über regionale Geschichte dienen und wird rege genutzt.

Auch über Facebook erhielten wir einige persönliche Geschichten aus dem Kulturhaus „Stadt Schmölln“. Spannend sind beispielsweise die Berichte aus den 1960er Jahren: „Zum Jugendtanz stand in der Anzeige: ‚Einlass nur in tanzgerechter Kleidung.‘ Das hieß Jungen mussten einen Schlips tragen. Ohne, oder gar in ‚Nietenhosen‘ (Bluejeans) wurde der Eintritt verweigert. Mädchen sollten ein Kleid oder Rock und Bluse tragen! Wurden aber in langen Hosen trotz alledem eingelassen, aber verwarnt! Westliche Tanzkultur war verboten! Man durfte das Mädchen beim Tanz nicht loslassen und schon garnicht drehen! Das wurde vom Saalrand aus überwacht und Verwarnungen verteilt, für die die es trotzdem wagten! Nach drei Verwarnungen musste man den Saal verlassen! Jugendliche unter 18 Jahren mussten 22 Uhr gehen. Zu meiner Zeit, Anfang der 60iger Jahre stand Herr [Name] am Rand des Saales und war für die Einhaltung dieser Regeln handlungsbefügt! Wurde der Tanzabend von der HO veranstaltet, waren diese Regeln eher nicht gültig. War schon ne komische Zeit. Aber schön war es trotzdem!“

Die Bar im Kulturhaus "Stadt Schmölln" in den 1970er Jahren (Foto: Sammlung Heimat- und Verschönerungsverein Schmölln e.V.)
Die Bar im Kulturhaus “Stadt Schmölln” in den 1970er Jahren (Foto: Sammlung Heimat- und Verschönerungsverein Schmölln e.V.)

Der gleiche Zeitzeuge ergänzte später noch Erinnerungen an die Silvester- und Faschingsfeiern im Kulturhaus: „Noch ne kleine Erinnerung! Silvester und Rosenmontag wurde im ganzen Haus gefeiert. Saal, Restaurant und Café waren für alle zugänglich. Die Eintrittskarten dafür wurden einige Wochen vorher, immer an einem Sonntag ab 9 Uhr im Haus verkauft! Diese Karten waren sehr begehrt. Deshalb sammelten sich bereits am Sonnabend Abend vorher eine größere Personenzahl vor der verschlossenen Tür des Gewerkschaftshauses ein, um die ganze Nacht über, bis zum Sonntag Morgen zu warten. Während der Nacht wurde die Personenzahl immer größer! Da jeder nur vier Eintrittskarten kaufen konnte haben wir uns „in Schichten“ angestellt! Wir benötigten acht Karten. Also teilten wir uns in zwei Schichten ein. 2 Personen von 22 Uhr bis 3:30 Uhr! Die wurden in der Nacht von 2 anderen abgelöst! Ab und zu fuhr der Streifenwagen der Polizei vorbei, die die Menschenansammlung offenbar nicht einordnen konnten! Dann fingen etwa 100 Personen laut an zu johlen und Stimmung zu machen. Anzuhalten trauten sich die Polizisten aber nicht! Aber kamen dann öfter vorbei! Das hat viel Spaß gemacht. Wir waren jung und die Veranstaltungen waren wirklich unvergesslich. Schade, dass es das in der Form für die jungen Leute von heute nicht mehr gibt.“

Diese Beiträge wurden dann von weiteren Schmöllnern kommentiert, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. Viele schrieben, es waren „schöne Zeiten“ und „man erinnert sich gern zurück“. Es wurde sich ausgetauscht über gemeinsame Bekannte, ehemalige Mitarbeiter und über verschiedene Veranstaltungsformate wie Familientanz und Tanz im Restaurant. Andere verabredeten sich zum Ausstellungsbesuch und anschließend auf ein Bier. Auch der Leihgeber der Gästebücher aus dem Kulturhaus wurde erst über Facebook auf die Ausstellung aufmerksam. Da für solche Fälle eine leere Ausstellungsvitrine bereitstand, konnten die Bücher die Ausstellung noch ergänzen.

Die Abendkarte vom Abiball 1977 wurde als Erinnerungsstück aufgehoben.
Die Abendkarte vom Abiball 1977 wurde als Erinnerungsstück aufgehoben.

Ebenfalls Dank Facebook fanden Fotos von einer Jugendweihefeier und eine von allen Schülern und Lehrern signierte Abendkarte vom Abiball 1977 in die Ausstellung. Deren Besitzerin, die heute nicht mehr in Schmölln lebt, beschrieb in einem Brief ihre Erinnerungen: „Tatsächlich habe ich die ausreichend gezeichnete Abendkarte als Andenken an unseren Abiball im Jahre 1977 aufgehoben, da diese ja durch die vielen Unterschriften meiner Mitschüler und auch der Lehrer sowie diverser Weinflecke zu einem Unikat wurde. Entstanden ist die Unterschriftensammlung am späten Abend und nach einer tollen Feier mit Musik, Tanz und ausreichend Alkohol anlässlich des bestandenen Abiturs. […] Dennoch war es ein sehr schöner Abschluss vor allem der Abiturzeit und nach bestandener Prüfung konnten wirausgelassen feiern und uns verabschieden, denn das bevorstehende Studium oder für die Männer der Beginn der NVA-Zeit verstreute uns in der ganzen damaligen DDR und man verlor sich aus den Augen. Generell bleibt die „ESSE“ für unsere Generation (Jahrgang 1958/59) in sehr guter Erinnerung, denn wir erlebten tolle Konzerte diverser Bands, zahlreiche Jugendtanz-Veranstaltungen und Diskotheken, Faschingsball, Silvesterball, Frühlingsball und Weihnachtsball der Schule, und, und, und … – später den so genannten monatlichen Familientanz. Besonders beliebt war die „obere“ Bar – Lieblingsgetränk der Mädels „Grüne Wiese“.“

Cocktails und Zeitgeschichte

Eben jene „Grüne Wiese“ sowie drei andere im Kulturhaus beliebte Cocktails mischte Kuratorin Franziska Huberty unter fachmännischer Anleitung des ehemaligen Restaurantleiters Bernd Adam in einer Video-Reihe auf YouTube nach. Dabei ging es nicht nur um die Rezepte, sondern jedes Video behandelte auch ein Stück Gastronomiegeschichte der DDR.

Franziska Huberty und Bernd Adam beim Zeitzeugengespräch Cocktail-Zeit zur Gastronomiegeschichte im DDR-Kulturhaus Stadt Schmölln
Franziska Huberty und Bernd Adam beim Zeitzeugengespräch Cocktail-Zeit zur Gastronomiegeschichte im DDR-Kulturhaus Stadt Schmölln

Über diese Video-Reihe berichtet dieser Blogpost ausführlich.

Die „Esse“ hat eine Lücke hinterlassen

Im Frühjahr 1991 wurde das Kulturhaus „Stadt Schmölln“ geschlossen. Der letzte Eintrag im letzten Gästebuch aus dem Kulturhaus lautet: „Entgegen der Beschwerden von den vorhergehenden Seiten können wir bestätigen ‚Esse bleibt Esse‘. Seit Jahren sind wir Gäste des Hauses und bringen zum Ausdruck, trotz unterschiedlicher Silvesterproblemstellung bleibt der 31.12. der letzte Tag des Jahres. Auf ein gesamtdeutsches Jahr 1991 verbleibt die alte Sippschaft in jugendlicher Frische.“ (31.12.1990)

Einige Gästebücher aus dem Kulturhaus "Stadt Schmölln" erreichten die Ausstellung des Museums via Facebook.
Einige Gästebücher aus dem Kulturhaus “Stadt Schmölln” erreichten die Ausstellung des Museums via Facebook.

Nach der Wende verfiel das leerstehende Kulturhaus. Der Sprengung des namensgebenden Schornsteins wohnte 1999 eine große Menschenmenge bei – damals eher neugierig als nostalgisch.

Der Schornstein des Kulturhauses kurz vor der Sprengung (Foto: Heimat- und Verschönerungsverein Schmölln e.V.)
Der Schornstein des Kulturhauses kurz vor der Sprengung (Foto: Heimat- und Verschönerungsverein Schmölln e.V.)

Inzwischen, über zwanzig Jahre später, wurde in den Zeitzeugengesprächen und Gesprächen mit den Besuchern deutlich, dass das Verschwinden des Kulturhauses in der Schmöllner Kulturlandschaft eine Lücke hinterlassen hat, die Musikclub, Stak und Ostthüringenhalle so nicht ausfüllen können. Gleichzeitig herrschte Einigkeit darüber, dass ein Konzept wie damals mit buntem Programm für alle heute nicht mehr funktionieren würde. Gefragt sind daher Ideen und Konzepte für die Zukunft.

Fortsetzung der Ausstellung im Knopf- und Regionalmuseum Schmölln

Hier setzen die Ausstellung im Knopfmuseum Schmölln und das zukunftsweisende Konzept für das Kultur- und Bürgerservicezentrum „El Button“ an. Die Ausstellung „Brauchen wir die ‚Esse‘ oder welche Kultur möchte Schmölln?“ ist von 9. Juli bis 31. Dezember 2022 zu sehen. Teile der Postersteiner Ausstellung werden ergänzt durch neue Exponate und Fragestellungen, die auf die Zukunft der Schmöllner Kultur abzielen.

Ausstellungsplakat #EsseSchmölln in Schmölln
Das Plakat zur Schmöllner Esse-Ausstellung

Auch diese neue Ausstellung möchte mit den Schmöllner Bürgern ins Gespräch kommen und Konzepte entwerfen. Gefördert wird sie im Rahmen des Projekts „Der fliegende Salon – Kulturaustausch im Altenburger Land“ in TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel, eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes sowie durch die Thüringer Staatskanzlei.

Ein Zeitzeugengespräch der besonderen Art: Die Video-Reihe „Cocktail-Zeit“ zur Gastronomiegeschichte in der DDR

Franziska Huberty und Bernd Adam beim Zeitzeugengespräch Cocktail-Zeit zur Gastronomiegeschichte im DDR-Kulturhaus Stadt Schmölln
Franziska Huberty und Bernd Adam beim Zeitzeugengespräch Cocktail-Zeit zur Gastronomiegeschichte im DDR-Kulturhaus “Stadt Schmölln”

Begleitend zur Sonderschau „Damals in der ‚Esse‘ – Erinnerungen an das Kulturhaus ‚Stadt Schmölln‘“ vom 30. Januar bis 20. März 2022 im Museum Burg Posterstein entstand die Video-Reihe „Cocktail-Zeit“. Darin interviewte Franziska Huberty, Historikerin im Museum Burg Posterstein, Bernd Adam, den langjährigen Restaurantleiter des ehemaligen DDR-Kulturhauses „Stadt Schmölln“. Jede der vier Folgen hatte einen inhaltlichen Themenschwerpunkt zum Gastronomiealltag in der DDR. Zum Abschluss jedes Gesprächs wurde ein Cocktail-Klassiker nach Originalrezept gemixt. Das jeweilige Rezept finden Sie immer am Ende eines Videos.

Das ungewöhnliche Konzept kam richtig gut an – wie die verhältnismäßig hohe Zahl an Zuschauern, Kommentaren und neuen YouTube-Abonnenten zeigt. Wie auch in der Ausstellung zählte besonders die lokale Bevölkerung aus Schmölln und den umliegenden Dörfern zum Publikum. Die kurzen Filme wecken Erinnerungen und bieten Anlass zum Reden. Für das Museum sind sie ein wichtiges Zeitzeugen-Dokument, das archiviert wird.

Da wir im Museum Burg Posterstein einen großen Teil unserer Forschungsergebnisse hier im Blog dokumentieren, fasst dieser Blogpost einige Aspekte der Gespräche zusammen.

Folge 1: Das Kulturhaus „Stadt Schmölln“

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Die erste Folge widmete sich der Frage, welche Funktion ein Kulturhaus zu DDR-Zeiten eigentlich hatte. Bernd Adam erläutert, dass es zwar reine Kulturhäuser gab, in denen ausschließlich Kulturveranstaltungen stattfanden. Beim Kulturhaus „Stadt Schmölln“ wurde jedoch Gastronomie und Kultur gemeinsam betrieben.

Kurzer historischer Exkurs: Seit 1864 eine wichtige Kultur-Adresse in Schmölln

Das Kulturhaus „Stadt Schmölln“ befand sich in der Nähe des Bahnhofs an der Stelle, wo seit 1864 bereits das „Hotel Wartburg“ für kulturelle Veranstaltungen, Feste und Konzerte genutzt wurde. 1946 wurde es verstaatlicht und samt Inventar an den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) übergeben. Ab 1952 verwaltete die Stadt Schmölln das „Gewerkschaftshaus“ und 1961 übernahm es die Handelsorganisation (HO).

Postkarte vom Bahnhofsplatz Schmölln mit dem Hotel Wartburg aus dem Jahr 1909 (Sammlung Heimat- und Verschönerungsverein Schmölln)
Postkarte vom Bahnhofsplatz Schmölln mit dem Hotel Wartburg aus dem Jahr 1909 (Sammlung Heimat- und Verschönerungsverein Schmölln)

Unter Einbeziehung der alten Bausubstanz fanden ab 1967 Umbauarbeiten statt. Im April 1969 tagte im neuen Saal die Kreisdelegiertenkonferenz der SED. Zum 20. Jahrestag der DDR eröffnete das neue Restaurant. Die dritte Ausbaustufe umfasste ein Café, drei Klubräume und eine Wohnung. Mit der Einweihung als neues Kulturzentrum erhielt das Gebäude schließlich auch den Namen „Stadt Schmölln“. Auf Grund seines 27 Meter hohen Schornsteins wurde das Gebäude im Volksmund „Esse“ genannt, denn so heißt ein Schornstein im lokalen Dialekt. Im Interview erzählt Bernd Adam, dass diese Höhe des Schornsteins wirklich notwendig zum Betrieb des Brennöfen mit Braunkohle gewesen ist: „Wir kriegen ja kaum Brikett, manchmal schon, aber vorwiegend war es Braunkohle und das war einfach nur furchtbar“, erzählt er.

Das Kulturhaus "Stadt Schmölln" auf Postkarte von 1988 (Sammlung Museums Burg Posterstein)
Das Kulturhaus “Stadt Schmölln” auf Postkarte (Ausschnitt) von 1988 (Sammlung Museums Burg Posterstein)

Ein Programm für alle Zielgruppen

Das Kulturhaus umfasste einen Saal für 500 Personen, einen Speisesaal für 36 Personen, eine Bar für 50 Gäste, ein Restaurant für 170 Gäste und ein Café für 56 Personen. Das Angebot des Kulturhauses „Stadt Schmölln“ war vielseitig und richtete sich an alle Altersgruppen. Neben der Gastronomie, offiziellen Veranstaltungen wie zu Jugendweihen oder Abiturfesten fanden unter anderem private Feiern, Konzerte, Jugend- und Familientanz, Faschings- und Silvesterfeiern, Kreistagssitzungen, Parteiveranstaltungen, Schachturniere und Arbeitsgruppentreffen statt.

Ausschnitt aus dem Veranstaltungskalender der Stadt Schmölln im Jahr 1971 - mit dem Programm im Kulturhaus "Stadt Schmölln (Sammlung Museum Burg Posterstein)
Ausschnitt aus dem Veranstaltungskalender der Stadt Schmölln im Jahr 1971 – mit dem Programm im Kulturhaus “Stadt Schmölln (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Unser Gesprächspartner Bernd Adam war dort acht Jahre lang Restaurantleiter. Nach dem Studium kam er 1972 von Leipzig nach Schmölln, schrieb dort seine Abschlussarbeit und wurde als gastronomischer Leiter eingesetzt – mit Unterbrechungen, in denen er zur Armee musste und anschließend den Gasthof “Drei Schwäne” übernahm. 1982 kam Bernd Adam zum Kulturhaus „Stadt Schmölln“ zurück und bildete dort die Gastronomielehrlinge der HO aus. Nach der Schließung des Kulturhauses kaufte er das Hotel „Reußischer Hof“, welches er bis zu seiner Pensionierung betrieb.

Folge 2: Logistische Herausforderungen und verschnittene Weine

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In der zweiten Folge dreht sich das Gespräch um die Logistik, die notwendig war, um das Kulturhaus zu betreiben. In der Mangelwirtschaft der DDR gestaltete es sich oftmals schwierig, alle Waren zu beschaffen und Bernd Adam schildert, dass man besonderes organisatorisches Geschick, aber auch gute Beziehungen für alles benötigte. Er beschreibt, dass es ohne den Kontakt zu einem lokalen Jagdleiter, der wiederum ebenfalls über hervorragende Kontakte verfügte, fast unmöglich gewesen wäre, für große Veranstaltungen ausreichend Fleisch zur Verfügung zu haben. „Das Wild war unser Retter, wenn man es so will“, fasst Adam die Lage zusammen.

Der Festsaal im Kulturhaus "Stadt Schmölln" in den 1970er Jahren (Foto: Heimat- und Verschönerungsverein Schmölln e.V.)
Der Festsaal im Kulturhaus “Stadt Schmölln” in den 1970er Jahren (Foto: Heimat- und Verschönerungsverein Schmölln e.V.)

Auch eine gute Vorratswirtschaft trug maßgeblich zum Erfolg bei. Im Keller des Kulturhauses gab es ein riesiges Lager, verwaltet mit Karteikarten. Waren vom Zucker, Mehl bis hin zum Wein und Sekt wurden über die Großhandelsgesellschaft (GHG) angekauft.

Sonderlieferungen und Waren aus dem „nicht-sozialistischen Ausland“

Im dritten Video geht Bernd Adam ebenfalls auf das Thema ein: „Es gab nicht alles, aber es gab vieles“, erläutert er, „Wenn wir bestellt haben, haben wir immer zwei Drittel mehr bestellt, um ein Drittel zu bekommen, was wir brauchten.“ Dreimal im Jahr erhielt das Kulturhaus Sonderlieferungen: vor der Jugendweihe, vor dem Schulanfang und vor Weihnachten. „Dann gab es ‚erlesene Konserven‘, spricht: Ananas, Mandarinen, Champignons, auch Letscho, und Ölsardinen“, erzählt Bernd Adam.

Getränkekarte aus dem Café des Kulturhaus "Stadt Schmölln" aus dem Jahr 1973 (Sammlung Heimat- und Verschönerungsverein Schmölln)
Getränkekarte aus dem Café des Kulturhaus “Stadt Schmölln” aus dem Jahr 1973 (Sammlung Heimat- und Verschönerungsverein Schmölln)

Auf besondere Regionalität wurde dabei nicht geachtet, auch wenn beispielsweise Kartoffeln von den Bauern vor Ort geliefert wurden. Wein kam aus dem „nicht-sozialistischen Ausland“ in großen Behältern in Zügen in Leipzig-Panitzsch an. „Wir haben dann gesagt: Panschitz“, erzählt Bernd Adam im Video, „Denn dort wurden die die Weine verschnitten und dabei kamen dann solche Weine raus wie ‚Natalie‘, ‚Hemus‘ und dergleichen. Die hießen dann so, aber die waren nur ein Cuvée. Man schmeckte das dann ab, das habe ich live erlebt vom Kellermeister, ich wollte es immer nicht glauben. Und dann war es natürlich so, dass dem Zucker zugegeben wurde und zu DDR-Zeiten haben sich alle gewundert: Och, ich hab gestern wieder gesoffen. Nein! Es war der Wein, dem nachträglich Zucker zugegeben wurde und dadurch kamen die Kopfschmerzen.“

Folge 3: Zu verschiedenen Anlässen gab es verschiedene Preise

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In der dritten Folge sprachen Franziska Huberty und Bernd Adam über verschiedene Preisstufen im Kulturhaus „Stadt Schmölln“. Gleich zu Beginn des Gesprächs ging es um den Preis für einen Cocktail, der im Kulturhaus „Stadt Schmölln“ zwischen 2,50 und 3,50 DDR-Mark lag. Das war nicht so günstig wie es auf heutiger Sicht klingt, wenn man es in Relation setzt zum durchschnittlichen Bruttogehalt eines vollbeschäftigten Arbeitnehmers in der DDR, das laut Bundesamt für Statistik 1975 rund 900 DDR-Mark und 1980 rund 1000 DDR-Mark betrug (Zur Quelle).

Tageskarte aus dem Café des Kulturhaus "Stadt Schmölln" aus dem Jahr 1973 (Sammlung Heimat- und Verschönerungsverein Schmölln)
Tageskarte aus dem Café des Kulturhaus “Stadt Schmölln” aus dem Jahr 1973 (Sammlung Heimat- und Verschönerungsverein Schmölln)

Je nachdem, ob es zusätzliche Kulturveranstaltungen gab, bot das Kulturhaus „Stadt Schmölln“ Getränke und Speisen zu unterschiedlichen Preisen an. Bernd Adam erzählt: „Wir hatten ja zu DDR-Zeiten verschiedenen Preisstufen. Preisstufe 1 bis 4 und dann noch ‘S 1’ war die einfachste Preisstufe, ich sag mal, ohne das abzuwerten: die Gaststuben auf dem Lande und die 4, das waren die gehobenen Hotels in den Städten und in den Großstädten. Und die hatten dann auch S. Und Leipzig zum Beispiel, das ‚Astoria‘, wo ich auch mal gearbeitet habe, hatte dann zur Messe ‚S plus 100 Prozent‘ und dann kam dann schon das Bier vier Mark …“ Die Preisstufen richteten sich also nach der Ausstattung und dem Angebot. Wenn “Stadt Schmölln” sonntags und mittwochs nachmittags Tanz im Restaurant stattfand, galt nicht die Preisstufe 3, sondern die Preisstufe 4. Dann kostete das Bier nicht 56 Pfennige, sondern 61 Pfennige.

Einkauf zum Verkaufspreis

Die unterschiedlichen Preisstufen bedeuteten nicht automatisch, dass sich das Geschäft für das Kulturhaus rechnete. „Das ist ja das Verrückte“, erzählt Bernd Adam im Interview, „Wir haben die Waren und Lebensmittel zum Verkaufspreis eingekauft.“ Er erläutert das am Beispiel des Kaffees, von dem das Kilo 130,80 Mark in der Preisstufe 3 kostete. Laut Preisanordnung war der Gastronom gezwungen 6,5 Gramm Kaffee auf die Tasse zu verwenden. Mit Zucker und Sahne kostete die Tasse Kaffee dann 84 Pfennige. Ob das ökonomisch war, hat Bernd Adam nie erfahren: „Wir haben gewirtschaftet, das wurde auch nie nach der ökonomischen Kennziffer abgerechnet, es wurde aber ein Schnitt gemacht und gesagt: ihr seid gut, ihr seid nicht so gut, aber da stand die Ökonomie nicht gesamt im Fokus.“

Folge 4: „Die Lehrlinge haben mich gehasst“

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Das Kulturhaus „Stadt Schmölln“ war auch Ausbildungsbetrieb der Handelsorganisation (HO) und Bernd Adam war zeitweise für die Ausbildung und Prüfung der angehenden Köchinnen und Köche und Kellnerinnen und Kellner verantwortlich.

„Wir waren ein ganz junges Team und in der ‚Esse‘ waren ja bis 60 Mitarbeiter“, berichtet Bernd Adam. 30 Lehrlinge gab es alleine im Bereich Service und Küche. Nicht für alle war es ihr erster Berufswunsch. Bernd Adam beschreibt sehr anschaulich, warum auch der Beruf des Kellners gelernt sein will und dass es eben nicht jeder automatisch kann. Seine Methoden stießen dabei nicht sofort auf Gegenliebe: „Von dem Tag an haben sie mich gehasst, bis sie begriffen haben, dass das gut war, dass das richtig war“, erzählt der Mann, den auch heute noch viele Schmöllner persönlich kennen, „Aber es war eine sehr schöne, eine sehr praktische und auch eine sehr intensive Lehre.“

Die Bar im Kulturhaus "Stadt Schmölln" in den 1970er Jahren (Foto: Sammlung Heimat- und Verschönerungsverein Schmölln e.V.)
Die Bar im Kulturhaus “Stadt Schmölln” in den 1970er Jahren (Foto: Sammlung Heimat- und Verschönerungsverein Schmölln e.V.)

„Die Lehre war auch deswegen wichtig, damit wir Fachkräfte hatten, weil ich immer der Meinung war und bin, dass man eine gute Gastronomie vorwiegend mit Fachkräften gestalten kann“, erklärt er. In den 1970er Jahren baute er die Prüfungskommission für Köche und Kellner mit auf, pflegte einen guten Kontakt zur Berufsschule und gehörte später auch dort der Prüfungskommission an.

„Also ich hab Gastronomie gelebt. Ich war auf den Tag genau 51 Jahre in der Gastronomie, ich möchte keinen Tag missen, es hat mir von Anfang an Spaß gemacht, es war meine Welt“, bekundet Bernd Adam voller Herzblut.

Mit der Wende kam auch der Niedergang des Kulturhauses

Bereits 1991 wurde das Kulturhaus „Stadt Schmölln“ geschlossen. Das letzte Konzert fand am 2. März 1991 statt. Es spielte die Band „Odyssee“. Als Schließtag war der 31. Mai vorgesehen, der Termin wurde aber um einen Monat vorverlegt. Die letzte (inoffizielle) Veranstaltung fand trotzdem nach dem 30. April statt – ein Klassentreffen.

Kulturhaus "Stadt Schmölln" damals und heute auf der Postkarte des Museums Burg Posterstein
Kulturhaus “Stadt Schmölln” damals und heute auf der Postkarte zur Ausstellung “Damals in der Esse” des Museums Burg Posterstein

1999 wurde das Gebäude komplett abgerissen. Am 16. September 1999 wurde der namensgebende Schornstein der „Esse“ gesprengt. Auf der Fläche des ehemaligen Kulturhauses befindet sich heute ein Parkplatz.

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein – Ein herzliches Dankeschön geht an den Heimat- und Verschönerungsverein Schmölln e.V. für die Bereitstellung von Fotos und Scans aus seiner Sammlung.

Göttliche Dorothea: Würdigung der Herzogin von Kurland erschienen

Eine neue, umfangreiche Würdigung der Herzogin Anna Dorothea von Kurland ist 2018 auf Lettisch und 2021 auf Französisch erschienen. Monika Diedrich aus Ponitz, ausgebildete Französischlehrerin und Mitglied des Museumsvereins Burg Posterstein, hat das 400 Seiten starke Werk ehrenamtlich ins Deutsche übersetzt.

Blick in die Ausstellung zur europäischen Salongeschichte im Museum Burg Posterstein
Blick in die Ausstellung zur europäischen Salongeschichte im Museum Burg Posterstein

Im Jahr 2018 hatte das Schlossmuseum Rundāle das Buch „Dievinātā Doroteja“ als späte Widmung zum 250. Geburtstag der Herzogin Dorothea von Kurland (1761-1821) auf Lettisch veröffentlicht. Im September 2021 erschien im französischen Verlag Lacurne anlässlich ihres 200sten Todestages nun eine französische Fassung dieser ausführlichen Würdigung der letzten Herzogin von Kurland. Verfasser ist der langjährige Direktor des Schlossmuseums Rundāle in Lettland, Dr. Imants Lancmanis. Die französische Ausgabe wurde um neue Fakten und Bilder erweitert. Die Übersetzung des Textes aus dem Lettischen ins Französische stammt von Dita Podskočija.

Monika Diedrich aus Ponitz, ausgebildete Französischlehrerin und Mitglied des Fördervereins Museum Burg Posterstein e.V., hat das opulente, über 400 Seiten umfassende Werk nun ehrenamtlich ins Deutsche übersetzt.

Lancmanis, einer der bedeutendsten lettischen Wissenschaftler und verdienter Kulturmanager, ist es gelungen, zahlreiche, bislang unveröffentlichte Abbildungen aus Museen und Privatsammlungen der ganzen Welt zusammenzutragen. Er benutzt Forschungsergebnisse aus Frankreich, Lettland, Tschechien und Deutschland.

Anna Dorothea von Kurland - Ausstellung im Museum Burg Posterstein
Anna Dorothea von Kurland – Ausstellung im Museum Burg Posterstein

Der Weg der letzten Herzogin von Kurland führte von Kurland nach Rom, Berlin, Paris und Wien. Und natürlich geht der Autor in seiner Biografie nicht nur darauf oder auf den gesellschaftlichen und politischen Einfluss der schönen, charmanten und reichen Herzogin ein, sondern er beschreibt auch ausführlich ihren Salon in Löbichau. Dabei würdigt Lancmanis ausdrücklich die Forschungen und Ausstellungen des Museums Burg Posterstein, die nach seiner Meinung wesentlich zum internationalen Verständnis und zur Kenntnis über die Herzogin beigetragen haben.

Vorerst kann man das schöne neue Buch und seine Übersetzung nur in der Museumsbibliothek in Posterstein benutzen. Wir möchten uns jedoch dafür einsetzen, dass das Werk auch auf Deutsch erscheinen kann. Das Gespräch darüber mit Imants Lancmanis und dem Schlossmuseum Rundāle dürfte leicht zustande kommen, denn der Museumsverein Burg Posterstein arbeitet schon seit den frühen 1990er Jahren mit dem lettischen Museum zusammen. Schon mehrmals fanden gegenseitige Austausche und Besuche statt. 2011 erschien die umfangreiche Postersteiner Biografie „Die Herzogin von Kurland im Spiegel ihrer Zeitgenossen“, zu der Imants Lancmanis neben weiteren, internationalen Autoren, zwei Kapitel beisteuerte. Das Buch ist im Museumsladen der Burg Posterstein erhältlich.

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

Postersteiner Stele kehrt nach Köln zurück – Rückblick auf ein besonderes Kunstprojekt

Die Stele von Wolfgang Stöcker im Burgpark der Burg Posterstein
Die Stele von Wolfgang Stöcker im Burgpark der Burg Posterstein

Als Museen und kulturelle Orte in ganz Deutschland wegen der Pandemie geschlossen bleiben mussten, fotografierte und dokumentierte der Kölner Künstler Wolfgang Stöcker die plötzlich “hermetisch verschlossenen”, sonst öffentlich zugänglichen Orte. In einer deutschlandweiten Kunstaktion machte er mit Skulpturen und Kunstwerken im öffentlichen Raum auf diese Kulturorte und den kulturellen Reichtum aufmerksam. In seinen Fotografieren, collagenhaft nebeneinandergestellt, traten die verschiedensten Orte auf ästhetische Weise miteinander in Korrespondenz.

Die Postersteiner Stele stand vom 28. September 2021 bis 8. März 2022 im Burgpark Posterstein. Über QR-Code und ein Plakat in unmittelbarer Nähe konnten sich interessierte Besucher über das Projekt informieren, das farblich mit den herbstlich-braunen Tönen der Natur harmonierte.

Das informative Video kann man hier anschauen:

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Im Video erzählt der Kölner Künstler Wolfgang Stöcker über die Idee hinter der Skulptur

Die Motive auf der Stele

Auf der Stele zu sehen waren Fotografien, die während des Lockdowns und kurz danach in verschiedenen deutschen Museen entstanden sind. Die Idee: Innenräume werden über Fotografien nach außen getragen. Neben der Postersteiner Stele wählte der Künstler noch andere Projektionsformen, beispielsweise Pavillons (Bergisch Gladbach, April 2021) oder Bildtafeln im öffentlichen Raum (Köln, Mai – Okober 2021).

Auf der Postersteiner Stele waren sowohl ganze Architekturansichten wie auch kleine Detailaufnahmen von Wandstrukturen, Stuck sowie Möbeln, Schnitzereien, Figuren und Holzkonstruktionen zu sehen. Zusammengesetzt ergeben die Motive eine lebendige optisch-assoziative Mischung von sehr unterschiedlicher Wirkung. 

Wolfgang Stöcker beim Aufbau seiner Skulptur "Postersteiner Stele" am 28. September 2021 im Park der Burg Posterstein. Im Vordergrund die Stele mit Fotocollage mit Büsten aus dem Museum Burg Posterstein. Im Hintergrund der Künstler und die Burgmauer.
Wolfgang Stöcker beim Aufbau seiner Skulptur “Postersteiner Stele” am 28. September 2021 im Park der Burg Posterstein.

Die Motive von oben nach unten:

Ganz oben:
kleiner Quader mit Aufnahmen aus Burg Posterstein (15.06.2021) und dem Residenzschloss Altenburg (14.06.2021) sowie der dortigen Schlosskirche (14.06.2021).

Würfel darunter:
Detailaufnahmen des gerade in Restauration befindlichen Speichers im Stadtmuseum Lindau (09.07.2021), eine Detailaufnahme aus dem Lehmbruckmuseum (16.03.2021) sowie des Kölner Museum Ludwig (Dezember 2020). Zusätzlich tauchen Stuckelemente des Altenburger Schlosses auf.

Länglicher Sockel:
Bildcollagen, vorwiegend mit Büsten der Herzogin von Kurland und ihren Töchtern, alle Burg Posterstein (15.06.2021). Fragmentarisch tauchen darin Motive aus dem Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (05.08.2021) und dem Speicher des Stadtmuseums Lindau (09.07.2021) auf.

Unterer Sockel:
Der untere Sockel weist vier Seitenansichten mit je zwölf Motiven auf. Einige davon wiederholen sich in einem nicht symmetrisch verlaufendem, lockeren Rhythmus. 

Die Zuordnung der Motive beginnt immer von links oben nach rechts unten:

Die Fotografien auf Seite 1 der Skulptur "Postersteiner Stele" von Wolfgang Stöcker

ganz oben: MARTA Herford, Museum Burg Posterstein
2. von oben: Schloss Augustusburg in Brühl, Schloss Augustusburg in Brühl
3. von oben: Museum Ludwig in Köln, Museum Burg Posterstein
4. von oben: Residenzschloss Altenburg, MARTA Herford
5. von oben: Museum Ludwig, Köln, Museum Burg Posterstein
ganz unten: arpmuseum, Rolandseck, Schloss Augustusburg in Brühl

Die Fotografien auf Seite 2 der Skulptur "Postersteiner Stele" von Wolfgang Stöcker

ganz oben: arpmuseum in Rolandseck, Schloss Augustusburg in Brühl
2. von oben: Museum Ludwig in Köln, Lehmbruckmuseum in Duisburg
3. von oben: MARTA Herford, Museum Burg Posterstein
4. von oben: Schloss Augustusburg in Brühl, Residenzschloss Altenburg
5. von oben: Museum Burg Posterstein, Museum Burg Posterstein
ganz unten: Schloss Augustusburg in Brühl, Schloss Augustusburg in Brühl

Die Fotografien auf Seite 3 der Skulptur "Postersteiner Stele" von Wolfgang Stöcker

ganz oben: Schloss Augustusburg in Brühl, Lehmbruckmuseum in Duisburg
2. von oben: Residenzschloss Altenburg, Schloss Augustusburg in Brühl
3. von oben: Museum Burg Posterstein, Museum Ludwig in Köln
4. von oben: arpmuseum in Rolandseck, MARTA Herford
5. von oben: Museum Burg Posterstein, Museum Burg Posterstein
ganz unten: Lehmbruckmuseum in Duisburg, Schloss Augustusburg in Brühl

Die Fotografien auf Seite 4 der Skulptur "Postersteiner Stele" von Wolfgang Stöcker

ganz oben: Museum Ludwig in Köln, Schloss Augustusburg in Brühl
2. von oben: Museum Burg Posterstein, Residenzschloss Altenburg
3. von oben: Residenzschloss Altenburg, Schloss Augustusburg in Brühl
4. von oben: Museum Burg Posterstein, Stadtmuseum Lindau
5. von oben: Schloss Augustusburg in Brühl, MARTA Herford
ganz unten: arpmuseum in Rolandseck, Schloss Augustusburg in Brühl

Schichten

Eine Sammlung von Wolfgang Stöckers so entstandenen Detailaufnahmen finden Sie hier auf seiner Website. Unter der Überschrift “Schichten – Archäologie der ersten Oberfläche” zeigt er ungewöhnliche Details und Blicke auf Museumsexponate und Architektur.


Gefördert durch das Stipendium „Auf Geht´s“ / NRW.

Ausstellung zeigt Erinnerungsstücke an das DDR-Kulturhaus „Stadt Schmölln“

Mit der Sonderschau „Damals in der ‚Esse‘ – Erinnerungen an das Kulturhaus ‚Stadt Schmölln‘“ widmet sich das Museum Burg Posterstein bis 20. März 2022 der neueren regionalen Geschichte. Das Kulturhaus, in den 1970er und 80er Jahren ein regionales Zentrum, hieß wegen seines markanten Schornsteins im Volksmund „Esse“, was im regionalen Dialekt ein Synonym für Schornstein ist. Nach einigen Jahren Leerstand wurde es 1999 abgerissen. Die multimediale Zusammenstellung basiert auf Fotos, Erinnerungen, Zeitungsausschnitten und Zeitzeugengesprächen und lässt Raum für weitere Erinnerungen der Besucher.

Die Postkarte zur Ausstellung "Damals in der Esse" vor dem Museum Burg Posterstein
An der Stelle des früheren Kulturhauses befindet sich heute ein Parkplatz. – Die Ausstellung im Museum Burg Posterstein sammelt Erinnerungen von Zeitzeugen.

Rund dreißig Jahre nach dem letzten Konzert im Kulturhaus „Esse“ Schmölln sammelte das Museum Burg Posterstein im Rahmen des Projekts “Der Fliegende Salon” Erinnerungen und Erinnerungsstücke von Zeitzeugen. Die Ausstellung fasst die Ergebnisse des Zeitzeugen-Salons in Schmölln am 30. Oktober 2021 zusammen und erweitert sie.

Rund private 50 Erinnerungsstücke

Für die Ausstellung erhielt das Museum rund fünfzig persönliche Erinnerungsstücke, darunter Fotos, Autogrammkarten, Eintrittskarten, Kleidung und aus dem Kulturhaus stammende Gegenstände.

Ausstellung zum Kulturhaus Stadt Schmölln im Museum Burg Posterstein, links in einer Vitrine eine Gitarre
Blick in die Ausstellung über das ehemalige Kulturhaus “Stadt Schmölln”. Eines der Erinnerungsstücke ist eine Gitarre, die beim letzten Konzert 1991 zum Einsatz kam.

Die „Esse“ war mit großem Saal, Restaurant, Café und Bar ein Treffpunkt für alle Generationen. Das Programm war breit angelegt. Eine tragende Rolle spielte dabei die Musik. Das Angebot reichte von Rock-, Pop- und Bluesbands über Schlagersänger bis hin zu klassischen Chorauftritten, Tanzorchestern. Zu den jährlichen Höhepunkten zählten die Silvester- und Faschingsfeiern. Zum wiederkehrenden Programm gehörten Familientanz, Jugendtanz, Messen und Märkte. Aber auch politische Versammlungen und Jugendweihefeiern fanden regelmäßig dort statt. Zudem war das Kulturhaus ein beliebter Ort für private Feierlichkeiten jeder Art: Betriebsfeste, Hochzeiten, Geburtstage oder Trauerfeiern wurden in den entsprechenden Räumen ausgerichtet. Die Ausstellung versucht die Zeit und ihre Alltagskultur auch für nachgeborene Generationen anschaulich darzustellen.

Blick in die Ausstellung "Damals in der Esse" im Museum Burg Posterstein mit Zeitungsausschnitten und historischen Originalplakaten
Zeitungsausschnitte und ein originales Plakat in der Ausstellung über das Kulturhaus “Stadt Schmölln” im Museum Burg Posterstein

Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, persönliche Erinnerungen an die Zeit des Kulturhauses an einer Pinnwand zu hinterlassen. Auch in der Facebook-Gruppe „Regionale Geschichte Dreiländereck Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt“ und unter dem Hashtag #EsseSchmölln in den anderen sozialen Netzwerken lädt das Museum Zeitzeugen herzlich ein, persönliche Erinnerungen an das ehemalige Kulturhaus der Stadt Schmölln zu teilen. Auf diese Weise sind bereits Berichte darüber, wie schwer es war, an begehrte Silvesterkarten zu kommen oder was die Kleidungsordnung in den 1970ern vorschrieb, und auch Leihgaben für die Sonderschau im Museum eingegangen.

Video-Einblick in die Ausstellung

Kuratorin Franziska Huberty gibt per Video einen Einblick in die Ausstellung. Das Video finden Sie über den YouTube-Kanal des Museums. – Wir freuen uns über ein Abo.

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Eine kleine Video-Reihe zur Ausstellung ist geplant.

Passendes „Esse-Special“ im Café „Zur eisernen Bank“

Für die Zeit der Ausstellung hat sich das direkt neben der Burg Posterstein gelegene Café „Zur eisernen Bank“ ein „Esse-Special“ ausgedacht – angelehnt an das Menü, das es damals im Kulturhaus „Stadt Schmölln“ gab. Das Café hat mittwochs bis sonntags immer nachmittags geöffnet und ist unter (034496) 16 39 11 erreichbar.

Fortsetzung der Ausstellung im Knopf- und Regionalmuseum Schmölln

Im Sommer 2022 wird es eine Fortsetzung dieser Sonderschau im Knopf- und Regionalmuseum Schmölln geben. Dabei soll neben der Rückschau dann auch in die Zukunft geblickt werden: Was fehlt den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Schmölln heute ohne Kulturhaus? Was wünschen sie sich für die Zukunft?

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

LeseZEIT – Folge 7: Gustav Parthey Weihnachts-Spezial

In der Weihnachtszeit möchten wir Sie in Folge 7 unseres Podcasts LeseZEIT mitnehmen in den Berliner Salon der Herzogin von Kurland. Anhand von Gustav Partheys Jugenderinnerungen reisen wir ins Jahr 1806 in die stimmungsvollen Räume des kurländischen Palais Unter den Linden.

Wie immer können Sie diese Folge als Blogpost lesen oder als Podcast anhören:


„Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.“

aus: “Weihnachten” von Joseph von Eichendorff (1788–1857)

Und mit diesen berühmten Worten aus der ersten Strophe des Gedichtes „Weihnachten“ des Lyrikers Joseph von Eichendorff (1788–1857) beginnt unsere weihnachtlich-winterlichen siebten Folge der LeseZEIT mit Geschichte und Geschichten aus dem Museum Burg Posterstein.

Schlitten und Pferde des Prinzen Carl von Preußen
Schlitten und Pferde des Prinzen Carl von Preußen by Krüger, Franz (1797-1857) (Maler) (Herstellung) – Stiftung Stadtmuseum Berlin, Germany – CC0 / Europeana

Passend zur Jahreszeit tauchen wir heute gemeinsam in eine winterliche Geschichte ein, die uns Gustav Parthey (1798–1872) in seinen Jugenderinnerungen beschreibt. Vielleicht erinnern Sie sich an unsere dritte LeseZEIT-Folge, in der wir schon einmal mit dem Altertumsforscher und Buchhändler Gustav Parthey (1798–1872) im Jahr 1812 von Berlin zur Herzogin von Kurland nach Löbichau reisten?

Heute wollen wir mit dem jungen Parthey einen Winter in Berlin verbringen und besuchen dabei auch die Herzogin Anna Dorothea von Kurland in ihrem Salon, den Sie seit 1805 im „kurländischen Haus“ führte. Dort, im Palais Unter den Linden Nummer 7, verbrachte Sie oft die Wintermonate. Das Haus wurde um 1734 erbaut und diente im 18. Jahrhundert u.a. Prinzessin Amalie, der Schwester Friedrichs II., als Wohnstätte. 1805 ging es in den Besitz der Herzogin Anna Dorothea von Kurland über. Während der französischen Besatzung Berlins unter Napoleon I. bewohnte der französische Stadtkommandant das Palais. 1837 verkaufte die jüngste Tochter der Herzogin von Kurland, Dorothée, das Haus an Zar Nikolaus I., der dort die Russische Botschaft zu Berlin einrichtete. Nach nationalsozialistischer Nutzung seit 1942 wurde das Kurländische Palais im Februar 1944 bei den alliierten Luftangriffen auf Berlin zerstört. An seiner Stelle befindet sich aber noch heute die Botschaft der Russischen Föderation in Berlin.

Russische Gesandtschaft im Palais Kurland um 1840, Druck (Sammlung Museum Burg Posterstein)
Russische Gesandtschaft im Palais Kurland um 1840, Druck (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Da wir in der dritten Folge der Lesezeit unseren heutigen Autor Gustav Friedrich Konstantin Parthey bereits vorgestellt haben, möchte ich Ihnen an seiner statt, kurz die Protagonisten unserer heutigen Episode nennen. Zu einigen der Personen liefert Parthey selbst eine Erläuterung. Zu anderen möchte ich gern noch ein paar Worte verlieren.

Neben dem Erzähler Gustav, um dessen Erinnerungen aus Jugendzeiten es schließlich geht, treten dessen Eltern – Hofrat Friedrich Parthey (1745–1822), einstiger Gesellschafter der Herzogin von Kurland, und seine Frau Charlotte Wilhelmine (1767–1803), älteste Tochter des Buchhändlers Friedrich Nicolai, auf. Zudem wird Gustav fast immer von seiner Schwester Lili Parthey und seinem Pflegebruder Fritz begleitet.

Das Portrait von Fritz Piattoli hat Emilie von Binzer, Zeichenschülerin Ernst Welkers, unterschrieben (Sammlung Welker, Museum Burg Posterstein)
Das Portrait von Fritz Piattoli hat Emilie von Binzer, Zeichenschülerin Ernst Welkers, unterschrieben (Sammlung Welker, Museum Burg Posterstein)

Fritz von Piattoli (1800–1849) war der uneheliche Sohn Johannas, der dritten Tochter Dorothea von Kurlands. Sein Vater war der Musikdirektor Arnoldi aus Sagan. Im Alter von zehn Jahren wurde er von der Baronesse Julie Vietinghoff, einer Hofdame und Begleiterin der Herzogin von Kurland, adoptiert. Seit 1808 wurde Fritz schließlich als Pflegekind in die Familie Parthey aufgenommen und lebte bis 1818 in deren Haus.

Auf Seiten der Kurländer finden neben der Herzogin Dorothea selbst, auch ihre Töchter Wilhelmine, Pauline, Johanna – hier Jeanette genannt – und Dorothée – im Laufe der Geschichte gern als „Prinzeßchen“ bezeichnet – Erwähnung. Besonderes Augenmerk sollte hier auf Prinz Konstantin, den Sohn Paulines geworfen werden. Konstantin oder besser vollständig: Friedrich Wilhelm Konstantin Hermann Thassilo von Hohenzollern-Hechingen (1801–1869), war das einzige Kind des Fürsten Friedrich von Hohenzollern-Hechingen (1776–1838) aus dessen Ehe mit Prinzessin Pauline Biron von Kurland (1782–1845), der zweiten Tochter Dorotheas. Der Bericht Partheys bezieht sich auf die Jahre nach 1806. Noch in der Obhut der Mutter, müssen wir uns den Erbprinzen des Hauses Hohenzollern-Hechingen also im zarten Alter von sechs oder sieben Jahren vorstellen.

Portrait Henriette Herz
Henriette Herz aus: “Berlin som tysk Rigshovedstad. Erindringer, etc” – 1884 – The British Library, United Kingdom – Public Domain / Europeana

Zum krönenden Schluss soll noch Madam Herz hervorgehoben werden. Bei dieser Dame handelt es sich um keine Geringere als Henriette Julie Herz (1764–1847), die einen der bekanntesten jüdischen Salons in Berlin führte. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Arzt Marcus Herz (1747–1803), etablierte Henriette Herz einen Doppelsalon in ihrem Hause, der sowohl den wissenschaftlichen Kreis um ihren Mann, als auch ihren eigenen literarischen Zirkel umfasste. Nach dem Tod ihres Mannes musste Henriette Herz ihre Gesellschaften einschränken und schloss sich u.a. dem Kreis um Rahel Varnhagen an. Auf den Vorschlag des Lyrikers und Finanzrats Leopold Friedrich Günther von Goeckingks (1748–1828) wurde sie nach einigem Zögern Englischlehrerin für die jüngste Tochter der Herzogin von Kurland und so ebenfalls Teil der Gesellschaft Dorotheas in Berlin.

Nun aber genug der Vorrede! Kommen wir zum eigentlichen Höhepunkt: Ein Winterbericht mit weihnachtlichen Episoden aus der Feder Gustav Partheys.

Ich lese aus dem Kapitel „Herzogin von Kurland in Berlin“, in: Gustav Parthey: Jugenderinnerungen. Handschrift für Freunde, Erster Theil“, erschienen im Verlag Ernst Frensdorff, Berlin 1907. Die Ausschnitte befinden sich auf den Seiten 95 bis 107.

Einen grellen Gegensatz zu den dunkeln einförmigen Winterabenden beim Grosvater Nicolai bildeten die glänzenden Gesellschaften bei der Herzogin von Kurland, wohin mein Vater uns nur in sehr seltnen Fällen mitnahm, weil er den richtigen Grundsatz hatte, daß für einfache, bürgerlich erzogene Kinder eine solche fürstliche Pracht nichts tauge.

Die Herzogin Anna Dorothea von Kurland - Portrait aus dem Buch Hans Wilhelm von Thümmels
Die Herzogin Anna Dorothea von Kurland – Portrait aus einem Buch Hans Wilhelm von Thümmels (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Die Herzogin hatte sich nach dem Tode des Herzogs in Deutschland niedergelassen; sie lebte den Winter in Berlin, den Sommer auf ihrem Landgute Löbichau bei Altenburg. Ihr Mann, der letzte Herzog von Kurland, hatte sich entschlossen, da sein einziger Sohn gestorben war, sein Herzogthum i. J. 1795 an Rußland zu verkaufen. Der Preis war auf eine Million Dukaten festgesetzt worden, allein nach dem Tode des Herzogs (i. J. 1800) gerieten die russischen Abzahlungen allmälig in’s Stocken; alle Reclamationen waren umsonst; im Wege des Prozesses blieb gar nichts zu erwarten, und so erhielten denn die Erben, wie ich dies später aus dem Munde der Herzogin selbst erfuhr, statt eines Dukaten nicht mehr als 17 Silbergroschen.

Schon früher hatte der Herzog in Deutschland große Güterankäufe gemacht; in Schlesien erwarb er das Herzogthum Sagan, in Böhmen die Herrschaft Nachod, in Sachsen das Landgut Löbichau. In Berlin besaß die Herzogin ein schönes Haus unter den Linden No. 7, das in meiner Jugend allein mit dem Namen des kurländischen Hauses bezeichnet wurde. Sie richtete sich darin auf das geschmackvollste ein, und versammelte einen Kreis von allen Berliner Notabilitäten um sich.

Wilhelmine von Sagan, nach Joseph Grassi (1757-1838), Museum Burg Posterstein
Wilhelmine von Sagan, nach Joseph Grassi (1757-1838), Museum Burg Posterstein

Von den vier Töchtern der Herzogin erhielt die älteste, Wilhelmine, das Herzogthum Sagan; sie war zuerst an den französischen Prinzen Rohan, dann an den russischen Fürsten Trubetzkoi verheirathet. Die zweite Tochter Pauline heirathete den regierenden Fürsten von Hohenzollern-Hechingen, die dritte, Jeanette, den neapolitanischen Fürsten Acerenza-Pignatelli. Die vierte Tochter Dorothea lebte bei ihrer Mutter; sie war im Jahre 1806, als wir Kinder anfingen in das herzogliche Haus zu kommen, 13 Jahre alt und von wunderbarer Schönheit. […]

Wir Kinder verkehrten bei der Herzogin meist in einem Zimmer neben dem Salon. Eines Abends belustigte uns Fritz durch die Nachahmung der verschiedensten Thierstimmen, worin er eine große Virtuosität besaß. Er krähte wie ein Hahn, bellte wie ein Hund und miaute wie eine Katze. Dies alles wußte er anfangs so geschickt zu mäßigen, daß er hoffen konnte, im Salon nicht gehört zu werden; allein beim Blöken des Kalbes vergaß er sich so sehr, daß der unharmonische Ton weithin durch die Zimmer schallte. Ganz entrüstet und mit gerunzelter Stirn eilte mein Vater herein; er wurde aber bald durch Prinzeßchens [Dorothée] Schmeichelworte begütigt.

Dorothée von Dino-Talleyrand auf einem Holzstich nach Gérard
Dorothée von Dino-Talleyrand auf einem Holzstich nach Gérard

Eines Abends fanden wir bei Prinzeßchen eine nicht mehr ganz junge Frau von hoher Gestalt und von wahrhaft wunderbarer Schönheit. Wir erfuhren, es sei eine arme Jüdin, Madam Herz, von der die Prinzessin englischen Unterricht erhielt. Nie werde ich den Glanz dieser Erscheinung vergessen. Wenn die Prinzessin eine ideale jugendliche Figur, eine Hebe oder Venus darstellte, so konnte man Madam Herz einer Juno oder Proserpina vergleichen. […]

Eines Winters erhielt die Herzogin den Besuch ihrer zweiten Tochter, der Fürstin von Hohenzollern-Hechingen mit den Erbprinzen Konstantin, der ungefähr in meinem Alter war (geb. 1801, ⴕ 1869). Anfangs hatte ich einen großen Respekt vor ihm, und wagte bei meiner angebornen Zurückhaltung kaum, ihn anzureden. Als ich sah, daß er ein Mensch sei, wie alle andern, so faßte ich bald mehr Muth, und wir spielten sehr vergnügt zusammen. Weil aber allen Knaben die Kampflust angeboren ist, und sie ihre Kräfte gegen einander versuchen wollen, so kam es auch zwischen uns sehr bald zum Balgen und Ringen, das ich in der Schule zwar weniger als andre, aber doch geübt hatte. Dabei galt es nun als höchst unwürdig, gegen alles Kriegs- und Völkerrecht verstoßend, einander in den Haaren zu raufen. Ich setzte dies als stillschweigende Bedingung bei meinem fürstlichen Gegner voraus; da er indessen, als ich einmal im Vortheil war, mir in die Haare fuhr, so that ich dasselbe mit solcher Vehemenz, daß er in ein fürchterliches Geschrei ausbrach. Der ganze Salon eilte herbei, die Fürstin von Hohenzollern fand ihren Thronerben in Thränen, ich stand, einen Flausch seiner blonden Haare haltend, sehr verlegen daneben, und erwartete ein schreckliches Strafgericht. Aber o Wunder! nachdem ich die Sache wahrheitsgetreu erzählt, und der Prinz nicht läugnen konnte, daß er mir zuerst in die Haare gefahren sei, so ward ich von seiner Mutter mit Liebkosungen überhäuft, dafür, daß ich ihrem ungezogenen Sohn gezeigt, wie er sich nicht alles gegen andre erlauben dürfe. „Siehst du wohl, Konstantin“, so schloß sie ihren Sermon an den zerzausten Erbprinzen, „wer ausgiebt, der muß einnehmen!“

In diesem Winter schickte der galante Kaiser Alexander von Rusland der Herzogin zwei gewaltig große Spiegel aus einem Stücke mit prachtvollen goldnen Rahmen, vielleicht um sie über die ausbleibenden Geldzahlungen zu trösten. Mein Vater besorgte das Auspacken, und ließ sie vorläufig in einer Entrée des kurländischen Hauses aufstellen. Dies gab dem Prinzen Konstantin und mir die schönste Gelegenheit, uns recht oft und recht lange davor zu bewegen, und in Rüstungen aus Pappe gehüllt, davor zu exerciren. Als aber mein Vater eines Tages bemerkte, daß der Prinz mit seinem blechernen Säbel den kostbaren Platten in eine gefährliche Nähe kam, so fanden wir das nächste Mal das Zimmer verschlossen, und alle Bitten um Einlaß wurden von dem an Gehorsam gewöhnten Haushofmeister abgewiesen.

Ernst Welker portraitierte die Fürstin von Hohenzollern, Tochter der Herzogin von Kurland, als Eidechse. (Sammlung Welker, Museum Burg Posterstein)
Ernst Welker portraitierte die Fürstin von Hohenzollern, Tochter der Herzogin von Kurland, als Eidechse. (Sammlung Welker, Museum Burg Posterstein)

Zu Ehren des Besuches der Fürstin von Hohenzollern wurde in jenem Winter das Weihnachtsfest im kurländischen Hause mit besonderem Glanze gefeiert; ich erinnere mich sehr wohl, daß nur auf ganz besonderes Bitten der Herzogin mein Vater darin willigte, uns mitzubringen. Es ereignete sich dabei ein Unfall, der mich, wenn ich daran denke, noch immer mit Schrecken erfüllt. In den hellerleuchteten Sälen waren viele Tische mit bunten Weihnachtspyramiden und Geschenken aufgestellt, eine froh bewegte Gesellschaft wogte auf und ab. Die Herzogin Mutter, ja sogar –Großmutter strahlte im Schimmer einer unverwelklichen Schönheit, und konnte in vieler Hinsicht die Vergleichung mit ihrer Tochter wohl aushalten. Nie werde ich die seelengewinnende Freundlichkeit vergessen, mit der sie uns drei, meine Schwester, Fritz und mich zu den für uns bestimmten Tischchen hinführte, die mit allerhand werthvollen Geschenken bedeckt waren. Als Hauptstück stand auf meinem Tische ein kleines zweirädriges Wägelchen, inwendig mit einem Uhrwerk versehn. Wurde dieses aufgezogen, so fuhr der Wagen von selbst in der Stube herum. Diese eigne Bewegung eines unbelebten Körpers hatte für die Kinder etwas wunderbares, beinahe übernatürliches, und wurde von allen Seiten angestaunt. Jeder wollte das Uhrwerk aufziehn, um den Wagen noch einmal laufen zu lassen, und als zuletzt Prinz Konstantin etwas unsanft damit umging, so versagte die Feder und das schöne Spielzeug war verdorben.

Indem wir noch damit beschäftigt waren, gerieth mitten im Saale eine von den großen Weihnachtspyramiden in Brand; die Flamme, von dem leichten Holzwerk genährt, stieg mächtig leuchtend empor, und ein dicker brauner Qualm wälzte sich an der hohen Decke entlang. Das unmittelbare Hereinbrechen der Gefahr in die heiter geordneten und festlich geschmückten Prachtgemächer hatte etwas schauerliches, aber anfangs konnte der Gedanke, daß nicht allein die schönen, so eben erhaltenen Geschenke, sondern auch die Räume selbst vom Untergange bedroht seien, von der kindlichen Seele kaum gefaßt werden. Ich stand, den zerbrochenen Wagen haltend, ruhig neben meinen Aeltern, und betrachtete das überraschende, nie gesehene Schauspiel mit Erstaunen.

Indessen wurde das Uebel, noch ehe die Kunde davon in die andern Säle gelangen konnte, durch rasche Hülfe beseitigt. Der Haushofmeister war gleich mit den Lakaien zur Hand, die durch einige Flaschen Wasser das Feuer dämpften, und sehr bald die schwarz verkohlten, rauchenden Reste der Pyramide aus dem Saale forttrugen. Hatte der herrliche, rasch vorüberrauschende Anblick der auflodernden Flammen uns erfreut, so war die Verwüstung desto widerwärtiger, die durch Nässe und Schmutz auf dem schöngetäfelten Fußboden entstand. So oft nachher bei uns das Weihnachtsfest im frohen Familienkreise gefeiert ward, so verging selten ein Jahr, wo jenes frühen Jugendereignisses nicht gedacht worden wäre, indem wir den Vater oder die Mutter mit sorglicher Stimme sagen hörten: daß nur keine Pyramide in Brand geräth! […]

Von solchen Vorkommnissen erzählte ich ganz unbefangen meinen Freunden und Schulkameraden. Es fiel mir nicht ein, etwas besonderes daraus zu machen, daß unser Weihnachten bei der Herzogin von Kurland gefeiert sei, oder daß ich den Prinzen von Hohenzollern in den Haaren gerauft, aber bald wurde ich zurückhaltender, als ich hörte, daß ein Mitschüler beim Nachhausegehn zu einem andern sagte: der Parthey weiß sich recht viel mit seinen vornehmen Bekanntschaften! und der andre erwiederte: es wird wohl die Hälfte davon erfunden sein! Seitdem hütete ich mich wohl, jemals wieder etwas aus dem herzoglichen Zirkel mitzutheilen.

Weihnachtspyramide aus dem Erzgebirge, mit vier Ebenen, ca. 1,20 Meter hoch, in einer der jährlichen Weihnachtskrippenausstellungen des Museums (Sammlung Museum Burg Posterstein)
Weihnachtspyramide aus dem Erzgebirge, mit vier Ebenen, ca. 1,20 Meter hoch, in einer der jährlichen Weihnachtskrippenausstellungen des Museums (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Und die Moral von der Geschicht‘: Behalten Sie immer ihre brennenden Kerzen im Auge! Ein Rat, der damals genauso praktisch und aktuell war, wie heute noch. Und was lernen wir noch aus dieser kleinen Episode? – Kinder haben schon vor gut 200 Jahren Unsinn getrieben, waren auch einmal laut und haben nie das „Wesentliche“ an Weihnachten aus dem Blick verloren: Die Geschenke!

Und mit diesen Erkenntnissen möchte ich mich für dieses Jahr von ihnen, liebe Zuhörende, verabschieden. Sollten sie noch nicht gänzlich in Weihnachtsstimmung sein, empfehle ich ihnen einen Blick in unsere Weihnachtskrippenausstellung. In diesem Jahr unternehmen wir mit ihnen eine kleine Weltreise mit Weihnachtskrippen – von Europa nach Amerika, Asien und Afrika, zurück in hiesige Gefilde. Begleitet wird unsere diesjährige Auswahl an Exponaten von persönlichen Geschichten aus heutiger Zeit, aber auch von historischen Berichten. Und natürlich finden sie auch unseren Gustav Parthey dort wieder.

Ein Teil unserer Weihnachtskrippen lässt sich aber auch bequem von zu Hause aus erkunden: in unserer digitalen Krippenausstellung.

Das gesamte Team des Museums Burg Posterstein wünscht ihnen und ihren Familien eine besinnliche und schöne Weihnachtszeit und einen gesunden Start ins neue Jahr!

Von Franziska Huberty / Museum Burg Posterstein

Quelle:

Gustav Parthey: „Herzogin von Kurland in Berlin“, in: Jugenderinnerungen. Handschrift für Freunde, Erster Theil, Verlag Ernst Frensdorff, Berlin 1907, S.95 – 107.

Resümee: Ausstellung #GartenEinsichten “Wie der Gärtner, so der Garten”

Die Ausstellung #GartenEinsichten “Wie der Gärtner, so der Garten” begleitete uns durch das Jahr 2021: Sie eröffnete mit Ende des zweiten Kultur-Lockdowns am 6. Juni und endete am 14. November. Bereits im Vorfeld lief die Mitmach-Aktion #GartenEinsichten in den sozialen Netzwerken an – im Oktober gewann sie den DigAMus-Award in der Kategorie “Social Media Aktion”! Zum Jahresabschluss möchten wir Ausstellung und Mitmach-Aktion hier im Blog zusammenfassen und allen, die daran mitgewirkt haben, herzlich danken.

Die Ausstellung schmückte der wöchentlich wechselnde "Blumenstrauß der Woche"
Die Ausstellung #GartenEinsichten schmückte der wöchentlich wechselnde “Blumenstrauß der Woche”

Auch die Ausstellung #GartenEinsichten strebte Vernetzung an

Die Sonderschau nahm ihren Ausgangspunkt in der Gartengeschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Bei der inhaltlichen Arbeit unterstützte uns die Erfurter Gartenarchitektin Christiane Nienhold.

Blick in die Ausstellung #GartenEinsichten im Museum Burg Posterstein mit einer Bank und einem großen Bildschirm
Auf einem Bildschirm in der Ausstellung wurden verschiedene Gartentypen im Wandel der Zeit vorgestellt.

An Hand von Thüringer Beispielen stellten wir verschiedene Gartentypen vor. Dabei unterstützten uns Thüringer Kultureinrichtungen und Vereine mit Bildern und Kurztexten, darunter die Wartburg-Stiftung Eisenach, die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, das Museum Kloster Veßra, das Residenzschloss Altenburg, das Lindenau-Museum Altenburg, das Kulturgut Quellenhof in Garbisdorf und der Urban Gardening-Verein Lagune e.V.. Auf diese Weise begann die Vernetzung schon innerhalb der Ausstellung.

Blick in die Sonderschau #GartenEinsichten im Museum Burg Posterstein - mit zwei Gartenstühlen, Rasenteppich und Gartenmotiven
Blick in die Sonderschau #GartenEinsichten im Museum Burg Posterstein – mit zwei Gartenstühlen, Rasenteppich und Gartenmotiven

Zwei Gartentypen haben das Altenburger Land besonders geprägt: Die Gärten der historischen Rittergüter und die für die Region typischen Bauerngärten. Historische Vermessungskarten aus der Zeit um 1800 ließen die oftmals längst vergangene Pracht der Gärten und Parks ehemaliger Rittergüter wieder aufleben.

In Prößdorf ist eine Sphinx eines der wenigen Überbleibsel eines Landschaftsgartens
In Prößdorf ist eine Sphinx eines der wenigen Überbleibsel eines Landschaftsgartens

Heute ist kaum mehr vorstellbar, dass dort Gartengestaltungen mit Grotten, Wasserkünsten oder Gebäude- und Figurenensembles, die einen Hauch von Antike verbreiteten, existierten. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf historischen, noch erhaltenen Bauerngärten. Sie prägen bis heute das Altenburger Land.

Mit Buchsbaum eingefasste Beete im Nutzgarten eines Bauerngartens im Altenburger Land. (Foto: Petra Nienhold)
Mit Buchsbaum eingefasste Beete im Nutzgarten eines Bauerngartens im Altenburger Land. (Foto: Petra Nienhold)

Instagramer aus der Region zeigten in Fotos ihren Blickwinkel auf die historischen Gärten. Manche dieser Gärten sind noch heute prachtvoll, andere kaum noch als solche erkennbar. Die in der Ausstellung vorgestellten Rittergutsgärten sind auf der Webseite des Museums auf einer Karte markiert und somit für jedermann zu finden. Dadurch können sie, zumindest von außen, eigenständig erkundet werden.

Einige der an der Ausstellung beteiligten Instagramer vor der Burg Posterstein.
Einige der an der Ausstellung #GartenEinsichten beteiligten Instagramer vor der Burg Posterstein.

Eine der beteiligten Hobby-Fotografen und Fotografinnen war Alexandra, die ihre Bilder auf ihrem Instagram-Account @lumixlexxa teilt. Über ihre Teilnahme an der Ausstellung sagt sie:

“Das war ein für mich ganz neues Projekt und ich war sehr überrascht, dass Ihr mich ausgewählt habt. Ich hätte mir so etwas Tolles nie selbst zugetraut. Also ging es auf Reisen um die #GartenEinsichten festzuhalten. Die Gärten sind ja teilweise nicht leicht zu finden, also war man auch ein wenig Pfadfinder. Leider waren nicht mehr alle Objekte im guten Zustand, sodass man wirklich viel Kreativität beweisen musste.”

Alexandra, auf Instagram: @lumixlexxa
Die Orangerie in Meuselwitz, an den Rändern ist das Bild unscharf
Die Orangerie in Meuselwitz, fotografiert von Alexandra (Instagram-Account @lumixlexxa )

Die Ausstellung war Teil der gemeinsamen Ausstellungsreihe “Grünes im Quadrat – Historische Gärten im Altenburger Land” zum Thema Gärten der vier Museen im Altenburger Land. Mit dabei: Lindenau-Museum Altenburg, Residenzschloss Altenburg, Naturkunde-Museum Mauritianum und Museum Burg Posterstein. Gezeigt wurden vier Ausstellungen zum Thema Gärten im Altenburger Land. Das Buch zur Ausstellung erschien unter dem Titel “Grünes im Quadrat” im Sandstein-Verlag.

Die Mitmach-Aktion #GartenEinsichten

Ausstellung wie Mitmach-Aktion wollten auch zum Nachdenken und zur Diskussion anregen über den Garten als Element unserer Landschaft und über die Frage, wie wir unsere öffentlichen Orte nachhaltig gestalten.

Eine Auswahl an Antworten zur Mitmach-Aktion GartenEinsichten war in der Ausstellung und auf Pinterest zu sehen.
Eine Auswahl an Antworten zur Mitmach-Aktion #GartenEinsichten war in der Ausstellung und auf Pinterest zu sehen.

Die Hauptfragen der Mitmach-Aktion lauteten: Wie sieht für Sie der Garten der Zukunft aus? Was bedeutet Gärtnern für Ihren Alltag? Und: Was bedeutet Ihnen ein Spaziergang im Park? Dabei konnte man seine Antworten per Formular einreichen, aber gern auch analog oder per Mail im Museum abgeben. Selbst originale Kunstwerke der Künstlerin Sabine Müller aus dem Altenburger Land waren Teil der Beiträge zur Mitmach-Aktion.

“Im Garten der Zukunft ist nicht nur Schönheit ein wichtiger Faktor, sondern auch Umweltbewusstsein, Biodiversität und die Fähigkeit, vor Ort und selber gesunde Nahrung zu erzeugen. Der ‘Nutzgarten’ kann auch schön sein und unser Menschsein bereichern. Er kann und sollte auch mitten in der Großstadt vorhanden sein.”

Anonyme Antwort auf die Frage “Wie sollte der Garten der Zukunft aussehen?”

Federal Garden Show Brandenburg 2015 – Location Rathenow
Der Fotograf Matthias Schüler begleitete die Mitmach-Aktion #GartenEinsichten von Anfang an auf Twitter (Foto: G. Matthias Schüler)

Im Rahmen der Mitmach-Aktion wurden über 1200 Fotos auf Instagram, über 900 Tweets, über 170 Facebook-Posts, 21 Videos, 8 Blogposts und rund 20 Antworten per Formular eingereicht. Manche begleiteten die Aktion übers ganze Jahr hinweg mit Fotos, Videos, Blogposts und Tweets zum Thema. Besondere Beiträge sowie alle eingereichten Antworten haben wir auf der Website gesammelt und dokumentiert.

LeseZEIT live, Lesungen, Spaziergänge und Pflanzentauschbörse

Zum Rahmenprogramm der Ausstellung #GartenEinsichten gehörten mehrere Spaziergänge durch den Tannenfelder Schlosspark mit Gartenarchitektin Christiane Nienhold.

Die Gartenarchitektin Christiane Nienhold im Schlosspart Tannenfeld, wo neben ihr Rhododendren blühen
Die Gartenarchitektin Christiane Nienhold im Schlosspart Tannenfeld, wo neben ihr Rhododendren blühen

An der Stelle, an der sich einst in Hans Wilhelm von Thümmels Landschaftsgarten in Nöbdenitz eine Einsiedelei befunden hat, fand eine musikalische Lesung aus dem Buch “Wasserspiele” von Marlene Hofmann statt. Das Büchlein beinhaltet drei Kurzgeschichten, die an historischen Orten im Altenburger Land spielen. Der Schauspieler und Sänger Robert Gregor Kühn las, begleitet vom Musiker Matthias von Hintzenstern am Bandoneon, die Geschichte “Rauschen”, in der Hans Wilhelm von Thümmel eine Zeitreise macht.

Lesung “Wasserspiele” mit Marlene Hofmann, Robert Gregor Kühn und Matthias von Hintzenstern in Nöbdenitz - rundherum grüne Bäume
Lesung “Wasserspiele” mit Marlene Hofmann, Robert Gregor Kühn und Matthias von Hintzenstern in Nöbdenitz

Seit Anfang 2021 betreibt das Museum Burg Posterstein einen eigenen Podcast – die LeseZEIT auf Burg Posterstein, die fest in den Blog integriert ist. In den Folgen lassen wir historische Persönlichkeiten im Originaltext zu Wort kommen und ordnen diese Texte geschichtlich ein. Im Rahmen der Ausstellung #GartenEinsichten gab es die erste “Live-LeseZEIT”, bei der wir eine spätere Folge vorab vor Publikum im Museum lasen. Den Titel der späteren Folge durfte ein Gast aus dem Publikum einsprechen.

Live-LeseZEIT im Museum Burg Posterstein 2021
Im Sommer 2021 präsentierten wir zwei Podcast-Folgen vorab live.

Inzwischen kann man Folge 6 über den Freiherrn Jacob Friedrich von Bielfeld (1717–1770) auch im Podcast hören. Der einstige Gesellschafter Friedrich des Großen gilt als eigentlicher Bauherr der heutigen barocken Schlossanlage in Treben im heutigen Altenburger Land. Zum Schlossensemble gehörte ein 2,2 Hektar großer, weitläufiger Landschaftsgarten, dessen Zentrum ein langgestreckter, großer Teich bildete. Auch das Rittergut Haselbach gehörte zu diesem Besitz. In seinen Briefen beschreibt der Freiherr Schloss und Garten sehr anschaulich. Eine interessante Quelle, die auch das Interesse des lokalen Förderverein Rittergut Treben e.V. geweckt hat. Zum Tag des offenen Denkmals 2022 sind wir bereits jetzt dorthin eingeladen, aus den Briefen des Freiherrn vorzulesen.

Zwei selbstgemalte Schilder von der PFlanzentauschbörse auf Burg Posterstein - Anemonen und Herbstastern
Die Pflanzentauschbörse fand im Freien in gemütlicher Atmosphäre und mit viel Platz und Abstand statt.

Darüber hinaus fand in Verbindung mit der Ausstellung erstmals eine Pflanzentauschbörse vor der Burg Posterstein statt.

Ausgezeichnet – Die Mitmach-Aktion #GartenEinsichten gewinnt den DigAMus Award in der Kategorie “Social Media”

Die Mitmach-Aktion #GartenEinsichten gewann in der Kategorie „Social Media-Aktionen“ den DigAMus Award, einen Preis für digitale Museumsprojekte im deutschsprachigen Raum. Vorgeschlagen waren 136 digitale Museumsprojekte aus Deutschland, Österreich, Schweiz und Südtirol. Eine hochkarätige Jury mit Vertreterinnen und Vertretern aus Kultur, Forschung und Museen, darunter der europäischen Online-Bibliothek Europeana sowie der Geschäftsführung des Deutschen Museumsbunds, wählte davon acht Projekte für die Preise in mehreren Kategorien.

DigAMus Award vor der Burg Posterstein
Der krönende Abschluss für die Mitmach-Aktion #GartenEinsichten war die Auszeichnung mit dem DigAMus-Award in der Kategorie Social Media

Wir freuen uns sehr und danken allen, die so engagiert ihre GartenEinsichten mit uns geteilt haben! Einen ausführlichen Hintergrund zum Award gibt es hier.

#Kinderburg: Wer hat gewonnen? – Die Gewinner des Kinderburg-Rätsels 2021 stehen fest

Die Burggeister Posti und Stein beim Ziehen der Gewinner des Kinderburg-Rätsels

Burggespenst Posti und Drache Stein, die Burggeister der Burg Posterstein, zogen die Gewinner des Kinderburg-Gewinnspiels vor dem Tannenbaum in der Sonderschau „Mit Weihnachtskrippen um die Welt“. Gewonnen haben in diesem Jahr ein Kind aus Gößnitz (Thüringen), eines aus Zwickau (Sachsen) und eines aus Ried (Bayern). Sie bekommen noch pünktlich zum Weihnachtsfest je ein Geschenk von den Postersteiner Burggeistern Posti und Stein.

Die Postersteiner Burggeister Posti und Stein haben die Gewinner des Kinderburg-Rätsels 2021 gezogen
Die Postersteiner Burggeister Posti und Stein haben die Gewinner des Kinderburg-Rätsels 2021 gezogen

Insgesamt warfen 950 Kinder das richtige Lösungswort in den Lostopf von Burggespenst Posti und Burgdrache Stein. Das waren 300 mehr als 2020, obwohl das Museum 2021 bis 5. Juni wegen der Corona-Pandemie geschlossen bleiben musste und das ganze Jahr über keine Führungen stattfinden konnten. Daran spiegelt sich deutlich, wie gut die neue Familien-Ausstellung „Die Kinderburg – Aus dem Alltag eines Burgherrn“ bei Familien mit Kindern ankam.

Wie funktioniert das Kinderburg-Rätsel?

Wer die Familienausstellung „Die Kinderburg“ besucht, bekommt zur Eintrittskarte eine Schatzkarte durch die Burg. An verschiedenen Stationen geben schwarze Würfel Antworten auf von Kindern gestellte Fragen: Wie schwer ist ein Kettenhemd? Wie pullerte ein Ritter in Rüstung? Hatte jeder Ritter eine Burg? Die Kinder erkunden interaktiv wie Burgherren und Burgfrauen der vergangenen Jahrhunderte lebten, sehen wie Ritter ihre Rüstungen anzogen und hören, was Kinder im Mittelalter lernten.

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Trailer zur Familien-Ausstellung “Die Kinderburg” auf Burg Posterstein

Überall in der Ausstellung verbergen sich Buchstaben, die richtig zusammengesetzt ein Lösungswort ergeben. 2021 lautete das Lösungswort – passend zur Jahres-Ausstellung „#GartenEinsichten „Wie der Gärtner, so der Garten“ Gartenkultur im Spiegel der Zeit“ – BURGGARTEN. Ab jetzt gibt es ein neues Lösungswort und damit eine neue Chance auf Geschenke der Postersteiner Burggeister Posti und Stein. Schon jetzt steht fest: Die Familien-Ausstellung „Aus dem Alltag eines Burgherrn“ wird weiterhin zu sehen sein.

Was gab’s zu gewinnen?

Zu gewinnen gab es in diesem Jahr unter anderem das neue Kinderbuch „Ritter und Burgherren ganz privat: 10 Fragen und Antworten zum Alltag auf Burgen im Mittelalter“ sowie Freikarten für die Burg Posterstein.

Blick ins Kinderbuch "Ritter und Burgdamen ganz privat - 10 Fragen & Antworten zum Alltag auf Burgen im Mittelalter"
Blick ins Kinderbuch “Ritter und Burgdamen ganz privat – 10 Fragen & Antworten zum Alltag auf Burgen im Mittelalter”

Das Kinderbuch beantwortet kurz und leicht verständlich Fragen zum Leben auf Burgen. Zum Beispiel: Trugen Ritter immer Rüstung? Wohnten alle Ritter auf Burgen? Und: Langweilten sich Ritter und Burgdamen im Winter? Jede Buchseite ist bunt illustriert, es gibt ein Rezept, eine Spielanleitung und ein kleines Quiz. Das Buch kann man im Museumsladen der Burg Posterstein kaufen sowie in allein Buchhandlungen im Internet und vor Ort bestellen.

Allen Kindern, die in diesem Jahr nicht gewonnen haben, lassen Posti und Stein ausrichten: Wir drücken euch die Daumen fürs nächste Mal!

Was ist eine Weihnachtskrippe?

Franziska Huberty aus dem Museum Burg Posterstein hält eine spanische Tonkrippe in der Hand. Sie steht vorm Museum Burg Posterstein.

Hallo! Ich bin Franziska Huberty, wissenschaftliche Mitarbeiterin hier im Museum Burg Posterstein und ich möchte heute die Frage klären: Was ist eine Weihnachtskrippe? Die Antwort darauf gibt es wahlweise im Video oder hier im Blogtext.

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Hier gibt es den Beitrag auch als Video.

Eine Weihnachtskrippe ist die bildliche oder figürliche Darstellung der biblischen Weihnachtsgeschichte. Bei der Krippe steht das Futtergefäß der Tiere, in dem das Jesuskind gebettet wurde, als “Pars pro toto” (das ist Latein!) für die gesamte Krippendarstellung. Die Krippe steht also als Teil eines Ganzen für das Gesamtgebäude samt Figuren, Gegenständen und Tieren.

Was gehört in so eine Weihnachtskrippe hinein?

Das möchte ich an Hand dieser spanischen Tonkrippe aus unserer Sammlung erklären. Daran sehen wir schon: Ganz wichtig ist das Heilige Paar und natürlich das Christuskind in der Krippe selbst – sie dürfen nie fehlen. Ansonsten sehen wir hier Ochse und Esel. Darüber hinaus gibt es in vielen Krippen Hirten mit Schafen und die Heiligen Drei Könige, die dem Christuskind dann Geschenke brachten. Oft kommen in Weihnachtskrippen auch Tiere vor, Schafe zum Beispiel, hier auch ein Hund und Vögel, die über die ganze Szenerie wachen.

Schweizer Weißlasur-Krippe aus der Schweiz. (Krippensammlung, Museum Burg Posterstein, VI 24 K6/Ri).
Weißlasur-Krippe aus der Schweiz. (Krippensammlung, Museum Burg Posterstein, VI 24 K6/Ri).

Hier im Museum Burg Posterstein haben wir eine umfangreiche Krippensammlung. Die kann man jedes Jahr zum Teil im Museum selbst, aber teilweise auch online in unserer digitalen Ausstellung besichtigen.