#WomenMW: Die Dame, die unter dem Pseudonym „Ernst Ritter“ schrieb

Am ersten Tag der diesjährigen internationalen Museumswoche #MuseumWeek stehen Frauen im Mittelpunkt. Wir wollen die #MuseumWeek jeden Tag mit einem thematisch passenden Blogbeitrag begleiten. Unter dem Hashtag #WomenMW führt uns unser Weg in die nur zwei und vier Kilometer von Burg Posterstein in Thüringen gelegenen Schlösser Löbichau und Tannenfeld. Dort gab es mit der Herzogin Anna Dorothea von Kurland nicht nur eine beeindruckende Salonniére. Auch unter den Gästen des Löbichauer Salons waren bedeutende Frauen – zum Beispiel Emilie von Binzer.

Der Salon der Herzogin von Kurland in Schloss Löbichau zählte zu den bekanntesten seiner Art.
Der Salon der Herzogin von Kurland in Schloss Löbichau zählte zu den bekanntesten seiner Art.

Aus den Pariser Salons des 18. Jahrhunderts, in denen sich Mitglieder des Hofes, Gelehrte und Künstler begegneten, ging in der Zeit der Aufklärung eine Kultur hervor, die sich über ganz Europa ausbreitete. Den gesellschaftlichen Mittelpunkt bildete stets die Gastgeberin. Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich Schloss Löbichau zu einem solchen Zentrum des geistig-kulturellen Lebens in Deutschland. Der Salon der Herzogin von Kurland in Löbichau gehörte zu den bekanntesten seiner Art.

Wie eine Mappe aus dem Besitz Emilie von Binzers nach Posterstein kam

2014 konnte das Museum Burg Posterstein aus Finanzmitteln des Freistaats Thüringen und der Bürgerstiftung Altenburger Land eine einmalige Sammlung von Portraitzeichnungen ankaufen: 47 aquarellierte Zeichnungen aus den Jahren 1819/20, die Gäste im Salon der Herzogin von Kurland als Fabelwesen darstellen. Aufbewahrt wurden die Unikate in einer dunkelgrünen Halblederkassette.

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Ernst Welker. – Museum Burg Posterstein, CC BY-SA 4.0, Link

Eines der Blätter, das Porträt von Fritz Piattoli, ist mit der Signatur „Emilie del.“gekennzeichnet.

Die Urheber dieser heiteren Portraits sind der Maler Ernst Welker und vermutlich teilweise auch seine Zeichenschülerin Emilie von Binzer, geb. von Gerschau – die spätere Schriftstellerin war eine Pflegetochter der Herzogin Wilhelmine von Sagan, der ältesten Tochter Dorothea von Kurlands.

In ihrem Erinnerungsroman „Drei Sommer in Löbichau“ schrieb Emilie von Binzer:

„Ich besitze eine Mappe, die klein Welkerchen in Löbichau mit Porträts der ihm zugänglichen anwesenden Gäste, meist in Thiergestalt, füllte; darunter stehen Fibelverse, die sich mehr durch gute Laune, ja Uebermuth, als durch Witz auszeichnen, die Mappe enthielt siebenundvierzig Blätter, die gelegentlichen Besucher aus der Nachbarschaft sind nicht darunter, nur solche, die wirklich in Löbichau wohnten.“

Man darf sich den etwa 35-jährige Zeichenlehrer und seine 19-jährige Schülerin vorstellen, die einen Sommer auf dem idyllischen Landsitz Löbichau und Tannenfeld verbringen und einen humoristischen Blick auf die bekannten und weniger bekannten Persönlichkeiten im Salon der Herzogin von Kurland werfen. Die Dargestellten treten als Fabelwesen auf, meist in Tiergestalt oder als Gegenstand mit einem menschlichen Portrait-Kopf. Es ist nicht bekannt, ob die abgebildeten Personen Kenntnis von der Existenz dieser Zeichnungen hatten. Immerhin, in Löbichau ging es sehr liberal zu. Die Urheber der Karikaturen schonten auch sich selbst nicht: Emilie ist als Spargel dargestellt, Welker als Auster.

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Ernst Welker. – Museum Burg Posterstein, CC BY-SA 4.0, Link

Ihre berühmte Tante führte sie in die Welt der Salons ein

Die Schriftstellerin Emilie Henriette Adelheid von Binzer (1801-1891) kam in Berlin als Emilie von Gerschau zur Welt. Sie wuchs bei ihrer Tante Wilhelmine von Sagan mit zwei weiteren Pflegetöchtern auf. Ihr Vater Peter von Gerschau soll ein illegitimer Sohn des Herzogs von Kurland gewesen sein. Er diente als russischer Generalkonsul in Kopenhagen. Durch ihr Leben bei Herzogin Wilhelmine wurde sie in das Salonleben eingeführt und lernte in jungen Jahren bedeutende Persönlichkeiten, wie Metternich, Talleyrand, Zar Alexander, Windischgrätz, Wellington, Blücher und Schwarzenberg kennen.

In den Jahren 1819/20 war sie mit dem Maler Ernst Welker und der Herzogin von Sagan in Löbichau und Tannenfeld. Nach über 50 Jahren schrieb sie ihr Erinnerungsbuch „Drei Sommer in Löbichau“, worin sie die von Welker porträtierten Personen einzeln charakterisiert.

Aufnahme Frauenlobs des 2 ten am 8. September in Löbichau 1819, Aquarell, gemalt von Ernst Welker, Museum Burg Posterstein
Aufnahme Frauenlobs des 2 ten am 8. September in Löbichau 1819, Aquarell, gemalt von Ernst Welker, Museum Burg Posterstein

In Löbichau traf Emilie den Dichter Jean Paul, die Familie Körner, die Feuerbachs, Carl August Böttiger, Friedrich Arnold Brockhaus, Christoph August Tiedge und Elisa von der Recke und auch den Burschenschaftler August Daniel von Binzer, den sie 1822 im Schloss Sagan heiratete. Unter dem Pseudonym „Ernst Ritter“ veröffentlichte sie die Novellensammlung „Mohnkörner“. Auf ihr literarisches Werk übten vor allem Personen und Erlebnisse der Zeit des Wiener Kongresses Einfluss aus. In ihren Häusern in Wien, Linz und Altaussee unterhielt sie musische Kreise. Freundschaften verband sie mit Adalbert Stifter und Franz Grillparzer. Über persönliche Empfehlung Grillparzers wurde Emilie von Binzer zur Beraterin und mütterlichen Freundin des jungen Erzherzogs Maximilian, Bruder des Kaisers Franz Joseph I. „Der Salon Binzer galt in Wien und später in Linz, wohin die Familie im Revolutionsjahr 1848 ihren Wohnsitz verlegte, als ein Mittelpunkt des künstlerischen und gesellschaftlichen Lebens.“, beurteilt das Literaturmuseum Altaussee.

Die Sammung Welker beim Kultur-Hackathon Coding da Vinci

2015 konnten die einmaligen Zeichnungen von Ernst Welker erstmals in einer Sonderausstellung mit dem Titel „Salongeschichten – Paris-Löbichau-Wien. Gäste im Salon der Herzogin von Kurland im Portrait des Malers Ernst Welker“ der Öffentlichkeit gezeigt werden. Danach wurden sie zunächst vor Ort digital in einen Touchscreen in der Dauerausstellung des Museums integriert und können dort auch weiterhin von den Besuchern betrachtet werden. Seit 2018 sind sie digitalisiert und über das Portal Museen in Thüringen zugänglich.

Für den Kultur-Hackathon Coding Da Vinci Ost sind die Blätter nun in hoher Auflösung und mit CC-BY-SA-Lizenz auch auf Wikimedia Commons zu finden.

Unser erster Kultur-Hackathon: Die Sammlung Welker bei Coding da Vinci Ost in der Universitätsbibliothek Leipzig.
Unser erster Kultur-Hackathon: Die Sammlung Welker bei Coding da Vinci Ost in der Universitätsbibliothek Leipzig.

Im Rahmen des Hackathons arbeiten einige der 140 Teilnehmer – darunter Designer, Programmierer und Studenten verschiedener Fachrichtungen – mit den Daten des Museums Burg Posterstein. Die nächsten neun Wochen verbringen sie ihre Freizeit damit, aus den spielerischen historischen Zeichnungen, moderne spielerische Anwendungen zu erstellen. Wir werden sie natürlich mit fachlichen Infos unterstützen und sind sehr gespannt auf die Ergebnisse, die am 16. Juni präsentiert werden! Die Projekte können im Hackdash von Coding da Vinci mitverfolgt werden und wer Lust hat, kann sogar noch einsteigen und mitmachen.

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

#WomenMW: The Lady behind the pseudonym „Ernst Ritter“

On the first day of this year’s international #MuseumWeek women take centre stage. The Hashtag #WomenMW leads us to Löbichau Castle and Tannenfeld Castle near Posterstein. Between 1795 and 1821 there was a living salon in both castles. The hostess was the beautiful duchess Anna Dorothea of Kurland (1761–1821), one of the most impressive salonniéres of her time. But also among her guests in Löbichau, important women can be found – like Emilie von Binzer.

Der Salon der Herzogin von Kurland in Schloss Löbichau zählte zu den bekanntesten seiner Art.
The salon of the Duchess of Courland was one of the most famous of its kind at the beginning of the 19th century.

With the 18th century Parisian salons, where members of the court, scholars and artists met, a culture emerged during the Enlightenment, spreading throughout Europe. At the end of the 18th century Löbichau Castle became such a center of intellectual and cultural life in Germany. The salon of the Duchess of Courland was one of the most famous of its kind at the beginning of the 19th century.

How a box came from the estate of Emilie von Binzer to Posterstein Castle

In 2014 the Museum Posterstein Castle – promoted by financial resources of the Free State of Thuringia and from Bürgerstiftung Altenburger Land – could purchase a unique collection of portrait drawings. The 47 watercolored drawings date back to 1819/20 and represent the guests in the salon of the Duchess of Courland as mythical creatures. The unique pieces were stored in a box made of dark green colored half leather.

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Ernst Welker. – Museum Burg Posterstein, CC BY-SA 4.0, Link

The authors of these amusing portraits are the painter Ernst Welker and probably also his pupil Emilie von Binzer, née von Gerschau (see picture above, which has the signature „Emilie del“). Emilie was a foster daughter of the Duchess Wilhelmine of Sagan, the eldest daughter of Dorothea of ​​Courland. The drawing of the caricatures is described by Binzer in her memoir „Three Summers in Löbichau“ („Drei Sommer in Löbichau“). One can imagine the drawing teacher aged 35 and his pupil at the tender age of 19 spending a summer on the idyllic country estate Löbichau and Tannenfeld and throw a humorous glance at the famous and lesser-known guests in the salon of the Duchess of Courland. The salon visitors are pictured as mythical creatures, mostly in animal form or as an object with a human portrait head. It’s a moot question whether the persons knew about the existence of these drawings. The authors of the caricatures did not spare themselves: Emilie is depicted as an asparagus, Welker as an oyster.

 

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Ernst Welker. – Museum Burg Posterstein, CC BY-SA 4.0, Link

Her famous aunt introduced her to the world of salons

The writer Emilie Henriette Adelheid von Binzer (1801-1891), née von Gerschau, was born in Berlin. She lived with her aunt Wilhelmine of Sagan and two other foster daugters. Her father Peter von Gerschau is said to have been an illegitimate son of the Duke of Courland. He served as Russian Consul General in Copenhagen. Duchess Wilhelmine introduced her to the salon life and so the young girl met famous personalities, such as Metternich, Talleyrand, Tsar Alexander, Windischgrätz, Wellington, Blücher and Schwarzenberg.

In 1819/20 Emilie stayed in Löbichau und Tannenfeld together with Wilhelmine of Sagan and her teacher Ernst Welker. More than 50 years later, she wrote her memoir „Three summers in Löbichau“ („Drei Sommer in Löbichau“), in which she individually characterizes the people portrayed by Welker.

Aufnahme Frauenlobs des 2 ten am 8. September in Löbichau 1819, Aquarell, gemalt von Ernst Welker, Museum Burg Posterstein
One of the authors in Dorothea of Courland’s salon is honoured with a special prize in September in Löbichau 1819, painted by Ernst Welker, Museum Burg Posterstein

In Löbichau Emilie met among others the poet Jean Paul, Families Körner and Feuerbach, Carl August Böttiger, Friedrich Arnold Brockhaus, Christoph August Tiedge and Elisa von der Recke. Here she also became acquainted with her future husband: the Burschenschaftler (member of a student fraternity) August Daniel von Binzer. They married in 1822 in Sagan Castle. By using the pseudonym „Ernst Ritter“ Emilie von Binzer published a collection of novellas entitled „Mohnkörner“ („poppy grains“). In particular, people and experiences of the time of the Congress of Vienna influenced her literary work. She formed a close friendship with Adalbert Stifter and Franz Grillparzer.

The collection Welker at the open cultural data hackathon „Coding da Vinci“

In 2015 the Museum Posterstein Castle showed the collection of caricatures drawn by Ernst Welker for the first time within the framework of a special exhibition. Afterwards, the pictures were integrated to a touchscreen in the museum’s permanent exhibition. Since 2018 they are digitized and accessible via platform “Museums in Thuringia”. For the cultural hackathon Coding Da Vinci East the leaves are now to find in high resolution and with CC-BY-SA license also on Wikimedia Commons.

 

Unser erster Kultur-Hackathon: Die Sammlung Welker bei Coding da Vinci Ost in der Universitätsbibliothek Leipzig.
Our first hackathon: the Welker collection takes part in the hackathon Coding da Vinci in the university library in Leipzig.

In context of the hackathon some of the 140 participants – including designers, programmers and students of various disciplines – work with the data of the Museum Posterstein Castle. For the next nine weeks they’ll spend their free time to create modern playful applications by using the playful historical drawings. We will support them with professional information and we are very excited about the results, which will be presented on the 16th of June!

The projects can be followed in the Coding da Vinci Hackdash. There is even still the opportunity to join the project.

by Marlene Hofmann, translation: Franziska Engemann / Museum Burg Posterstein

#MusicMW: Kein Salon ohne Musik

Bei der MuseumWeek 2017 steht heute die Musik im Zentrum. Das tat sie auch in den Salons um 1800, und nicht zuletzt am „Musenhof Löbichau“, nur zwei Kilometer von Burg Posterstein entfernt. Am Musenhof der Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761–1821) auf ihren Schlössern in Löbichau und Tannenfeld war eine musische Ausbildung Pflicht! Tanz, Gesang, Musik und Literatur galten nicht nur als abwechslungsreicher Zeitvertreib, sondern waren ein fester Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens.

Für eine Salondame wie Anna Dorothea von Kurland war eine musikalische Ausbildung ein Muss.
Für eine Salondame wie Anna Dorothea von Kurland war eine musikalische Ausbildung ein Muss.
Der Tagesablauf auf dem Musenhof war zwanglos. Einen Höhepunkt bildete die „Theestunde“ um 17 Uhr. Man traf sich im Schloss Löbichau zum „diner“. Anschließend wurde philosophiert, diskutiert, getanzt, gesungen und musiziert. Nicht selten blieb die Gesellschaft bis Mitternacht oder länger zusammen. Man spielte Theater und schrieb selbst Stücke, die später gemeinsam aufgeführt wurden. Chorale wurden komponiert und vorgetragen, wie zur Erhebung des Schriftstellers und Dichters Johann Friedrich Schink (1755-1835) zu „Frauenlob den 2 ten“ am 8. September 1819.

Augenzeuge dieser scherzhaften Feierlichkeit wurde der bekannte Dichter Jean Paul (1763-1825), der zu dieser Zeit Gast im Schloss der Herzogin von Kurland war. In seinen „Taschenbuch für Damen“ berichtet er:

„So wurde der Schriftsteller Schink […] nach aller der alten Zeiten nachgespielten Zeremoniell und Pomp zum Meistersänger Frauenlob der 2 te in einer öffentlichen allgemeinen Hof- und Krönsitzung ernannr und bekränzt […] Fürstin Pauline und ihre Schwester Wilhelmine und Fräulein v. Gersc[h]au konnten aus dem Tancred, oder ein Stabat mater meisterhaft singen.“

Aufnahme Frauenlobs des 2 ten am 8. September in Löbichau 1819, Aquarell, gemalt von Ernst Welker, Museum Burg Posterstein
Aufnahme Frauenlobs des 2 ten am 8. September in Löbichau 1819, Aquarell, gemalt von Ernst Welker, Museum Burg Posterstein

Musik, Theater und vor allem das Singen waren die großen Stärken der hier erwähnten Emilie von Binzer (1801–1891), einer geborenen von Gerschau. Sie war das Pflegekind der ältesten Tochter Dorotheas, der Herzogin Wilhelmine von Sagan (1781-1839). Gemeinsam verbrachten die beiden Damen viel Zeit auf dem Musenhof der Herzogin von Kurland. 1870 schrieb Emilie, die sich im Laufe ihres Lebens einen Namen als Schriftstellerin gemacht hatte, ihre Memoiren über diese „Drei Sommer in Löbichau“ und berichtet darin auch über ihre Gesangsstunden und ihre musikalische Ausbildung.

Emilie von Gerschau wurde später besser bekannt als Emilie von Binzer oder „Ernst Ritter“. In dieser Karikatur von Ernst Welker ist sie als Spargel dargestellt. Der heitere Spruch darunter lautet: „Den Spargel jeder gerne iszt / Emilie gar zu länglich ist.“
Emilie von Gerschau wurde später besser bekannt als Emilie von Binzer oder „Ernst Ritter“. In dieser Karikatur von Ernst Welker ist sie als Spargel dargestellt. Der heitere Spruch darunter lautet: „Den Spargel jeder gerne iszt / Emilie gar zu länglich ist.“
„Seitdem wir der Kinderbewahranstalt entwachsen waren, behielt sie Wilhelmine von Sagan] uns um sich und versäumte keine Mühe, sparte kein Geld, um uns eine ausgezeichnete Erziehung zu geben; für ihre eigenen Kinder hätte sie nicht sorgsamer sein können …] Sonst hatte sie nicht die mindeste Freude an der Musik, aber an meinen Singstunden nahm sie eifrigen Antheil, sang auch die zweite Stimme mit mir und auch wohl einmal mit meinem alten dicken Lehrer Tomaselli. Dieser war in der besten italienischen Singschule zu Bergamo mit dem berühmten Sopran Merchesi Luigi Marchesi (1754-1829)] und dem Vater des großen Tenoristen David gebildet worden, hatte aber, als er mein Lehrer ward, keine Spur von Stimme mehr, konnte aber Buffo-Duette, zu denen ich kein Talent hatte, noch mit einigem Reiz vortragen, die Oberstimme übernahm dann die Herzogin.“ (Emilie von Binzer, Drei Sommer in Löbichau, 1877.)

Eine gute Stimme sprach Emilie von Binzer ihrer verehrten Pflegemutter Wilhelmine von Sagan aber leider nicht zu. Dennoch schien auch Wilhelmine hinter verschlossenen Türen gern zu singen.

„Sie hatte wohl Stimme, aber keine schöne, und oft schwebte der Ton unter oder über der haarscharfen Linie, die ihm angewiesen ist.“ (Emilie von Binzer, Drei Sommer in Löbichau, 1877.)

Wilhelmine von Sagan, nach Joseph Grassi (1757-1838), Museum Burg Posterstein
Wilhelmine von Sagan, nach Joseph Grassi (1757-1838), Museum Burg Posterstein
Wilhelmines Talent und Leidenschaft war vielleicht nicht das Singen, dafür aber umso mehr das Theater. Verschiedenste Rollen soll sie mit Bravur gespielt haben und bereits mit zehn Jahren durfte auch Emilie an den Theaterstücken der Erwachsenen, wie sie oft in Löbichau aufgeführt wurden, mitwirken.

Wilhelmine nahm ihre Pflegetöchter so oft es ging mit zu Stücken, die auf den großen Bühnen Europas – besonders in Wien – gespielt wurden. Die vielen Reisen der Herzogin von Sagan schärften Emilies Blick für das Musische umso mehr. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Emilie von Binzer sich später – unter dem Pseudonym „Ernst Ritter“ – einen Namen als Schriftstellerin machte. Ihre Dramen „Die Gauklerin“ und „Die Neuberin“ wurden 1846 sogar am Wiener Burgtheater aufgeführt. Den Grundstein dafür legte wohl schon die strenge Ausbildung ihrer Pflegemutter Wilhelmine von Sagan und ihre Aufenthalte am Musenhof ihrer Großmutter.

Von Franziska Engemann / Museum Burg Posterstein

Der Herzog kommt nach Posterstein: Eröffnung der Sonderausstellung „Salongeschichten“

Die Sonderausstellung „Salongeschichten: Paris – Löbichau – Wien“ wird am Sonntag, 16. August 2015, 15 Uhr, feierlich eröffnet. Erstmals zeigt das Museum Burg Posterstein eine einmalige Sammlung witziger Portraitbilder von 47 historischen Persönlichkeiten, die 1819/20 als Gäste im Musenhof Löbichau der Herzogin von Kurland in Löbichau den Sommer verbrachten. Die weltgewandte Herzogin legte Wert darauf, Künstler und Schriftsteller zu fördern und stand in Kontakt mit den wichtigsten Persönlichkeiten ihrer Zeit. Zur Eröffnung der Ausstellung erwartet das Museum einen ganz besonderen Gast: Den Herzog von Gotha.

Im Herbst 1820 besuchte August Emil Leopold, Herzog von Sachsen-Gotha und Altenburg (1772–1822) den Musenhof der Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761–1821) im Schloss Löbichau. Der Herzog war eine auffällige Herrscherpersönlichkeit, die sich vor allem als Förderer der Künste und der Wissenschaft hervortat. Im Musenhof Löbichau zog er alle Aufmerksamkeit auf sich.

Der Herzog von Gotha besuchte 1820 den Musenhof der Herzogin von Kurland. Der Maler Ernst Welker portraitierte ihn als stolzen Pfau.
Der Herzog von Gotha besuchte 1820 den Musenhof der Herzogin von Kurland. Der Maler Ernst Welker portraitierte ihn als stolzen Pfau.

Zur gleichen Zeit befand sich der Maler Ernst Welker (1784/88–1857) als Gesellschafter und Zeichenlehrer der späteren Schriftstellerin Emilie von Binzer (1801–1891), einer Enkelin der Herzogin von Kurland, in Löbichau. Er portraitierte neben 46 anderen Löbichauer Gästen auch den Herzog von Gotha auf humoristische Art und Weise in Tiergestalt.

Im Handumdrehen das idyllische Leben in Löbichau in eine Hofhaltung verwandelt

„Welcker traf den Herzog vortrefflich als Pfau.“, notierte Emilie von Binzer Jahrzehnte später in ihrer Rückschau „Drei Sommer in Löbichau“. Während sie diesen humorvollen Rückblick auf ihre Jugend im Löbichauer Salon verfasste, betrachtete sie offenbar noch einmal Welkers Portraitzeichnungen, die sie in einer grünen Schachtel aufbewahrte, und schrieb einige Zeilen zu den dargestellten Personen. Die Ankunft des Herzogs beschrieb sie so:

„Im Anfang September traf ein Besuch ein, dessen Erscheinung keinen geringen Rumor in Löbichau machte, es war der Herzog von Gotha. (…) Im Handumdrehen war das idyllische Leben in Löbichau in eine Hofhaltung verwandelt; die Herzogin und ihre Töchter warfen sich in Staat, wir zogen unsere kleidsamsten Gewänder an, denn sonst nannte man Löbichau mit Unrecht einen Hof; …“ (Emilie von Binzer: Drei Sommer in Löbichau. Stuttgart 1877, S. 98)

2014 konnte das Museum Burg Posterstein aus Finanzmitteln des Freistaates Thüringen und der Bürgerstiftung Altenburger Land genau diese einmalige Sammlung kleinformatiger, aquarellierter Portraitzeichnungen erwerben. Von 16. August bis 15. November 2015 werden sie in der Sonderausstellung „Salongeschichten: Paris- Löbichau – Wien“ erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Der Herzog kommt zur Eröffnung

Zur Ausstellungseröffnung am 16. August, 15 Uhr, hat sich ein ganz besonderer Gast angekündigt: Der Gothaer Schauspieler Ralph-Uwe Heinz, der sonst unter anderem auf historischen Stadtführungen durch Gotha führt, kommt als Herzog von Gotha zur feierlichen Ausstellungseröffnung. Im Stil des Löbichauer Musenhofs wird er auf kurzweilige und witzige Art und Weise Kostproben aus dem schriftstellerischen Schaffen des Herzogs geben. Unser Teaser zur Ausstellung:

Zum Weiterlesen:
Jana Borath fängt am 3. August in der Ostthüringer Zeitung die Stimmung im Tannenfelder Park ein.
„Da steht mein armes Ich aus Stein“ – Blogpost zur Sonderausstellung
Blogpost zur Geschichte des Schlosses Tannenfeld
Blogpost: Jean Pauls Sommer in Löbichau
Blogpost: Rittergut Löbichau – Zeitweise 300 Gäste gleichzeitig

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

Wie eine Himmelsleiter mit Engeln besetzt: Kleine Reise in die Geschichte von Schloss Tannenfeld

Weil sie als Frau selbst keine rechtsfähigen Geschäfte abschließen durfte, kaufte 1794 der Bruder der Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761–1821), Reichsgraf Christoph Johann Friedrich (Jeannot) von Medem (1763–1838), für sie die Gutsherrschaft Löbichau, zu der auch Tannenfeld gehörte. Ein Jahr später richtete die Herzogin in Löbichau ihren Wohnsitz ein und ließ in Tannenfeld den heute noch stehenden klassizistischen Schlossbau mit englischem Park errichten. Anlässlich der kommenden Sonderausstellung „Salongeschichten“ wollen wir zu einer kleinen Reise in die Geschichte Tannenfelds einladen.

Schloss Tannenfeld im Sommer 2011
Schloss Tannenfeld im Sommer 2011 (Foto: Marlene Hofmann)

In dieser idyllischen Anlage wuchs ihre jüngste Tochter Dorothée auf. Als Pächter von Tannenfeld trat der polnische Graf Alexander von Batowski (1760–1841) auf, den die Herzogin Anna Dorothea von Kurland 1790–92 kennengelernt hatte, wo er Abgeordneter des polnischen Sejms war. 1793 kam ihre jüngste Tochter Dorothée zur Welt, die ihr Mann Peter von Biron, Herzog von Kurland (1724–1800), als eigenes Kind anerkannte. Dorothées Heiratsverhandlungen mit Zar Alexander I. und dem Haus Talleyrand führte später Batowski.

Dichter, Denker und Musen spazierten im Park von Tannenfeld

In dem kleinen Schloss spielte sich auch ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens des Löbichauer Musenhofs ab. Emilie von Binzer, die als Pflegetochter Wilhelmine von Sagans oft nach Löbichau kam, fing in ihrem Buch „Drei Sommer in Löbichau“das Flair solcher Zusammenkünfte im malerischen Park von Tannenfeld ein: „Das Schlößchen Tannenfeld hatte eine Freitreppe, die oft wie eine Himmelsleiter von weiblichen und männlichen Engeln besetzt war. Dort wurde gelacht, gescherzt, gefühlvoll gesprochen, philosophirt und gefrühstückt.“

Schloss Tannenfeld (Ansichtskarte, Museum Burg Posterstein)
Schloss Tannenfeld (Ansichtskarte, Museum Burg Posterstein)

Auch Johann Wolfgang von Goethe berichtet über einen Besuch in Tannenfeld. Der im 19. Jahrhundert berühmte Dichter Jean Paul (1763–1825) hielt hier Lesungen im Freien. Anna Dorothea von Kurland empfing in ihrem Musenhof in Löbichau einen illustren Kreis von Gästen aus Politik, Literatur, Kunst, Musik und Wissenschaft. Die bedeutendsten Politiker ihrer Zeit traf sie persönlich und erlangte dadurch einen ganz speziellen Anteil an der Gestaltung europäischer Geschichte.

Der Tannenfelder Park, den die Herzogin von Kurland und Graf Batowski im englischen Stil gestalteten, ist in seinen Grundzügen noch heute erhalten. Zu Zeiten der Herzogin gab es einen Bachlauf, sandige Wege, einen kleinen Teich mit Grotte und eine Wiese, die zum Gedenken an den 1800 verstorbenen Herzog von Kurland „Peterswiese“ hieß.

Die Gäste des Musenhofs in Tiergestalt

Das Buch "Salongeschichten" erscheint zur Ausstellung
Das Buch „Salongeschichten“ erscheint zur Ausstellung
Die Besucher verbrachten manchmal Wochen am Musenhof Löbichau. Adlige und Bürgerliche aus dem Umland kamen zu Besuch. Man dichtete und musizierte und die Herzogin legte Wert darauf, als Mäzenin aufstrebende Künstler zu fördern. In der neuen Sonderausstellung „Salongeschichten“ und dem zugehörigen Buch zeigt das Museum Burg Posterstein ab 16. August 2015 erstmalig eine einmalige Sammlung von Portraits der Löbichauer Gäste in Gestalt von wunderlichen, manchmal witzigen Fabelwesen. Gezeichnet hat die Blätter der Maler Ernst Welker (1784/88–1857), der der späteren Schriftstellerin Emilie von Binzer (1801–1891), der Enkelin der Herzogin von Kurland, Zeichenunterricht gab.

Nach dem Tod der Herzogin erbte ihre dritte Tochter Johanna von Acerenza-Pignatelli (1783–1876) Löbichau und Tannenfeld. Die Zeit des Musenhofs war vorbei.

Der Tannenfelder Park ist  wegen seiner exotischen Vegetation und den vielen Rhododendren ein beliebtes Ausflugsziel. (Foto: Marlene Hofmann)
Der Tannenfelder Park ist wegen seiner exotischen Vegetation und den vielen Rhododendren ein beliebtes Ausflugsziel. (Foto: Marlene Hofmann)

Schloss Tannenfeld blieb nach dem Tod der Herzogin weithin ungenutzt und geriet in Vergessenheit bis es 1899 der Nervenarzt Dr. Arthur Tecklenburg (1870–1957) aus Gera kaufte. Er ließ Tannenfeld mit Rücksicht auf die historische Architektur zu einem modernen Sanatorium für Gemüts- und Nervenkranke umbauen. Der Arzt soll auch derjenige gewesen sein, der 1908 die ersten Rhododendren gepflanzt haben. Um weitere Sorten ergänzt wurden diese 1983 durch den „Zentralen Arbeitskreis Rhododendron“.

Der Schriftsteller Hans Fallada in Tannenfeld

Der wohl berühmteste Patient war Rudolf Ditzen (1893–1947), als Schriftsteller bekannt unter dem Pseudonym Hans Fallada (Mehr dazu).

Von 1949 bis 1989 beherbergten die Gebäude in Tannenfeld ein eigenständiges Krankenhaus und später ein Alten- und Pflegeheim. Seit 2004 stehen Schloss und Nebengebäude mit kurzen Unterbrechungen leer und zum Verkauf. Jetzt soll mit Rücksicht auf die historische Anlage ein Pflegezentrum für Demenzkranke entstehen.

Zum Weiterlesen:
Jana Borath fängt am 3. August in der Ostthüringer Zeitung die Stimmung im Tannenfelder Park ein.
„Da steht mein armes Ich aus Stein“ – Blogpost zur Sonderausstellung
Blogpost: Jean Pauls Sommer in Löbichau
Blogpost: Rittergut Löbichau – Zeitweise 300 Gäste gleichzeitig

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein