Ausstellung vereint Familien: Noch eine Woche #MascherMarchen

Unter dem Hashtag #MascherMarchen geistern Altenburger Bauern des 19. Jahrhunderts seit Frühjahr 2016 durch die Netzwelt. Die Gemeinschaftsausstellung von Museum Burg Posterstein und Schloss- und Spielkartenmuseum im Residenzschloss Altenburg zeigt Pastellporträts des Wandermalers Friedrich Mascher (1815–1880), der bevorzugt die wohlhabenden Bauern der Region detailreich darstellte. In Altenburg läuft die Sonderausstellung noch bis Sonntag, 6. November 2016.

Eine Ausstellung, die Familien zusammenführt

Immer noch tauchen von Mascher gezeichnete Portraits in Privatsammlungen auf, oft sind die Bilder unsigniert und nur am Stil erkennbar. Auf die Ausstellung auf Burg Posterstein hin meldete sich beispielsweise eine Familie Mehlhorn aus Ponitz, die ein Bild mit drei Kindern besitzt. Sie zeigten es den Kollegen vom Schloss- und Spielkartenmuseum Altenburg und erwähnten, dass die Bildnisse der Eltern, die aus Garbisdorf stammten, leider verschollen seien. Es stellte sich heraus, dass sich die Portraits der Eltern in der Sammlung des Schloss- und Spielkartenmuseums befinden. – In der Sonderausstellung war die Familie nun erstmals wieder “vereint” zu sehen.

Ein Kinderbild aus Privatbesitz passte unerwartet zu Portraits eines Ehepaars aus der Sammlung des Schloss- und Spielkartenmuseums Altenburg
Ein Kinderbild aus Privatbesitz passte unerwartet zu Portraits eines Ehepaars aus der Sammlung des Schloss- und Spielkartenmuseums Altenburg

Die Portraits der Mehlhorns können zum Frühwerk Maschers gezählt werden. Gustav Wolf von der Geschichts- und Altertumsforschenden Gesellschaft des Osterlandes konnte über die abgebildeten Eheleute in Kirchenbüchern Folgendes herausfinden:

Zacharias Mehlhorn kam am 4. Juni 1810 in Garbisdorf zur Welt. Sein Vater war der Anspanner Gottfried Mehlhorn und seine Mutter hieß Christine, geborene Bauer, aus Langenleuba-Niederhain.
Zacharias Mehlhorn heiratete am 10. Februar 1842 in der Kirche Ziegelheim Christine Müller, die Tochter des Anspanners Jacob Müller aus Niederarnsdorf. Die Kirchenbücher betiteln ihn dabei mit „Anspanner und Waldenburgischer Amtsrichter alhier“. Noch im Jahr 1880 diente er als zweiter Amtsschulze in der Gemeinde Garbisdorf.
Den gemeinsamen Hof kaufte Zacharias Mehlhorn am 5. Februar 1834 mit Zubehör für 6.050 Gulden von seinen Vater Gottfried Mehlhorn. Sein Vater besaß seit 27. Juni 1807 das ehemalige Veit‘sche Pferdefrongut „mit 2 ¾ Hufen“, das heißt 21,2 Hektar, als Folge seiner Hochzeit mit Christiane Veit am 5. April 1804. Weitere Vorbesitzer waren: die gleichnamige Christiane Veit (seit 24. August 1765), Michael Veit (seit 1. Februar 1736), Jacob Veit der Untere und Michael Veit (seit 11. Juli 1693).
1880 wurde der Besitz mit einer Größe von 41,1 Hektar angegeben. Um 1883 übernahm Emil Mehlhorn das Anspanngut.

Welcher der Söhne auf dem Portrait Emil Mehlhorn ist, bleibt jedoch unklar.

#MascherMarchenMemo mit Christine Mehlhorn aus Garbisdorf

Wer noch einmal online #MascherMarchenMemo spielen möchte, kann dies hier tun – das Kartenspiel zum Anfassen gibt es noch in den Museumsshops in Altenburg und Posterstein. – Das Portrait von Christine Mehlhorn ist mit dabei.

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

Weitere Blogposts zu Friedrich Mascher und Altenburger Bauern:

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Der von Mascher portraitierte Bauern Julius Schellenberg (1835–1900) erhielt im Zuge der neuen Sonderausstellung seinen Namen zurück (Museum Burg Posterstein)
Bei dem von Friedrich Mascher portraitierteb Bauer könnte es sich um Melchior Schellenberg handeln (Museum Burg Posterstein)

Im Zuge der Recherchen für die kommende Sonderausstellung “Der Portraitmaler Friedrich Mascher: Ausstellung zum 200. Geburtstag”, zu der auch ein Buch erscheinen wird, kamen neue Informationen zu den Bildern Friedrich Maschers ans Tageslicht. Gustav Wolf, Vorsitzender der Geschichts- und Altertumsforschenden Gesellschaft des Osterlandes zu Altenburg, konnte durch tiefgründige Recherchen im Thüringischen Staatsarchiv Altenburg, in Kirchenbüchern und anderen Quellen neue Details über die auf Maschers Bildern abgebildeten Altenburger Bauern herausarbeiten. Auf diese Art erhielt das 2014 vorgestellte Bauernpaar aus der Sammlung des Museum Burg Postersteins eine neue Identität.

2014 konnten die Bilder restauriert werden. Damals gingen wir davon aus, dass es sich bei den darauf abgebildeten Bauern um ein Ehepaar Pfrenger aus Greipzig handelt, weil sie aus dem Besitz der Familie, die dem Museum die Bilder verkauften, stammten. Greipzig ist ein kleiner Ort nahe Altenburg, der heute rund 40 Einwohner zählt. Genauere Informationen über die abgebildeten Personen waren dem Museum zum Zeitpunkt der Restaurierung nicht bekannt – klar war nur, dass es sich um zwei gut erhaltene und sehr typische Pastellzeichnungen von Friedrich Mascher handelte. Für die neue Ausstellung konnte Gustav Wolf nun völlig neue Informationen recherchieren und fand dabei heraus, dass es sich bei dem abgebildeten Paar tatsächlich um Vorfahren der Familie Pfrenger handeln könnte.

Die Ahnen der Familie Pfrenger lassen sich auf zwei benachbarten Höfen nachweisen. Das Portrait des Mannes ist auf der Vorderseite signiert und mit der Jahreszahl 1860 versehen. Mit Blick auf dieses gesicherte Datum kommen mehrere Ehepaare in Frage, die damals auf den beiden Höfen lebten und somit portraitiert sein könnten:

Melchior und Sophie Schellenberg

Der Anspanner Melchior Schellenberg (25. Juni 1805 in Gleina–9. Juli 1889 in Greipzig) und Sophie, geborene Kratzsch (1816–1882), heirateten am 9. Juli 1833 in Saara. Sophie erbte am 16. September 1834 den Hof ihrer Eltern Gottfried Kratzsch (1768–1830) und Christine, geborene Brauer (1777–1834) in Greipzig.

Julius und Anna Louise Schellenberg

Eigentlich hieß sie nicht Prenger, sondern Anna Louise Schellenberg, geborene Dietze (1839–1905) (Museum Burg Posterstein)
Sophie Schellenberg? Anna Louise Schellenberg? Oder doch Anna Köhler? (Museum Burg Posterstein)
Die Bilder könnten auch ihren einzigen Sohn Julius Schellenberg (1835–1900) und seine Frau Anna Luise, geborene Dietze (1839–1905), zeigen. Julius kaufte das elterliche Gut am 27. März 1861 von seiner Mutter für 10.800 Taler mit Auszugsbedingungen und Vorbehalt der Bewirtschaftung bis Johannis 1871. Er heiratete am 4. April 1861 in Saara Anna Luise, Tochter des dortigen Erb- und Eigentumsmüllermeisters Christian Karl Dietze und Anna, geborene Diezmann, aus Kauritz bei Gößnitz. Dagegen spricht, dass Julius und Anna Luise erst 1861, ein Jahr nach der Fertigstellung der Portraits, heirateten und das Gut übernahmen. Zudem scheint der abgebildete Mann älter als 25 Jahre alt zu sein.

Michael und Anna Köhler

Eine dritte Möglichkeit wäre, dass die Portraits Schellenbergs damalige Nachbarn, Michael Köhler (1817–1891) und Anna Köhler, geborene Apel (1836–1888), zeigen – Mascher portraitierte in Modelwitz ihre Mutter Anna, geborene Apel (1806–1875), und ihren Bruder Julius Apel. Denn nachdem Julius Schellenbergs Sohn Arno (1877–1915) im Ersten Weltkrieg fiel, heiratete seine Witwe Marie Margarete, geborene Kirste (*1883), aus Gieba, den jungen Landwirt Oskar Richard Wilhelm Pfrenger (*1899 in Heiligenkreuz) und zog mit ihm auf den Nachbarhof, der auf der Fotografie abgebildet ist. Ihre Kinder aus erster Ehe führten währenddessen den väterlichen Hof weiter und somit befanden sich seitdem beide Höfe im Besitz der Familien Schellenberg und Pfrenger. Als die Portraits gemalt wurden, lebte auf dem Pfrenger‘schen Hof Michael Köhler, der ihn 1854 seinem Vater Melchior (1780–1855) für 8.000 Taler abgekauft hatte. Michael Köhler heiratete 1862 in Stünzhain Anna Apel.

Hof Schellenberg in Greipzig - Foto aus dem Familienarchiv (Museum Burg Posterstein)
Hof der Familie Pfrenger in Greipzig – Foto aus dem Familienarchiv (Museum Burg Posterstein)

Dagegen, dass die Portraits das Ehepaar Köhler zeigen, spricht, dass sie erst zwei Jahre nach dem auf der Signatur angegebenen Datum heirateten und dass es unwahrscheinlich erscheint, dass die gut erhaltenen Pastelle über zwei Zwischenbesitzer des Hofs (Louis Albin Kirmse ab 1889 und Herbert Kirmse (*1895) ab 1922) an die Familie Pfrenger weitergegeben wurden. Marie Margarete Pfrenger, geborene Kirste und verwitwete Schellenberg, und ihr zweiter Mann übernahmen den Hof erst am 15. November 1928. Ihre Nachfahren bewahrten schließlich die Portraits und gaben sie ans Museum Burg Posterstein.

Die Geschichte der Familien Schellenberg, Pfrenger und Köhler gibt einen schönen Einblick in die reichhaltige Geschichte der Altenburger Bauern, die der Maler Friedrich Mascher als seine wichtigste Klientel entdeckt hatte.

Historische Informationen: Gustav Wolf, Vorsitzender der Geschichts- und Altertumsforschenden Gesellschaft des Osterlandes zu Altenburg

Weitere Informationen zur Sonderausstellung

Außerdem im Blog:
Reinschnuppern in die neue Ausstellung mit dem #MascherMarchenMemory

In den sozialen Netzwerken werden Infos zur Ausstellung unter dem Hashtag #MascherMarchen verbreitet.

von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

Reinschnuppern in die neue Ausstellung mit dem #MascherMarchenMemory

MascherMarchenMemory

Der Maler Friedrich Mascher (1815-1880) zog in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu Fuß durch die Altenburger Region und hatte die wohlhabenden Altenburger Bauern als wichtigste Klientel für sich entdeckt. Als empfindliche Pastelle auf Tapete fertigte er detailreiche Portraits mit leuchtend blauem Hintergrund, denen eine hohe Ähnlichkeit nachgesagt wird. Seine Auftraggeber ließen sich in ihrer traditionellen Tracht abbilden.

Was bitte ist eine Marche?

Mundartlich wurde der Altenburger Bauer “Malcher” genannte – abgeleitet vom verbreiteten Namen Melchior. Die Bäuerin hieß analog eine “Marche”, was an den Namen “Marie” angelehnt war. Ausführliche Informationen zum Künstler Friedrich Mascher und der Kultur der Altenburger Bauern gibt es bereits in einem früheren Blogpost.

Das #MascherMarchenMemory

Friedrich Mascher hat viele Bäuerinnen in ihrer traditionellen Tracht sehr detailreich dargestellt. Mit unserem kleinen #MascherMarchenMemory-Spiel auf der Website des Museums lassen sich diese Details besonders gut bemerken und einprägen! – Einfach gleiche Paare finden.

Maschers Portraits als Zeugnis Altenburger Bauernkultur

Die oft unsignierten Pastelle Maschers stellen heute ein wichtiges Zeugnis der bäuerlichen Kultur im ehemaligen Herzogtum Sachsen-Altenburg dar. Mit über 60 Bildern besitzt das Schloss- und Spielkartenmuseum Altenburg die größte Sammlung. In der Sammlung des Museum Burg Postersteins befinden sich sechs Bilder Friedrich Maschers, darunter aber auch seltene bürgerliche Portraits, die belegen, dass Mascher nicht ausschließlich Bauern malte. Das Lindenau-Museum Altenburg verfügt über zwei weitere Werke, in der Kirche in Neuenmörbitz hängen fünf Portraits.

Auf unseren Aufruf hin konnten noch bisher unbekannte Bilder in Privatbesitz ausfindig gemacht und zum Teil sogar für die Ausstellung geliehen werden. Wir danken den Leihgebern jetzt schon recht herzlich!

Plakat_Mascher_BurgPostersteinDie Sonderausstellung “Der Portraitmaler Friedrich Mascher: Ausstellung zum 200. Geburtstag” läuft von 6. März bis 5. Juni 2016 im Museum Burg Posterstein und ist eine Kooperation mit dem Schloss- und Spielkartenmuseum Altenburg, das ab September ebenfalls eine Mascher-Ausstellung zeigt. Diesem gilt auch unser besondere Dank für die Bereitstellung der Bilder für das kleine Memoryspiel. Bis zur Ausstellungseröffnung wird noch das ein oder andere neue “Marchenpaar” zum Spiel hinzukommen.

Zur Ausstellung erscheint ein Buch.

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

Sonderausstellung “Salongeschichten”: Versteckte Details entdecken

Schon über 1000 Besucher haben sich die aktuelle Sonderausstellung “Salongeschichten” mit Portraitzeichnungen Löbichauer Salongäste aus dem Jahr 1819/20 angesehen. Bei mehrmaligem Hinsehen fallen versteckte Details ins Auge.

Der Maler Ernst Welker stellte die schöne Herzogin als Pudel dar. Der französische Diplomat Talleyrand schrieb ihr hunderte von Briefen.
Der Maler Ernst Welker stellte die schöne Herzogin als Pudel dar.

Beim ersten Mal schauen bleibt der Blick an den mal witzig, mal sonderbar portraitierten Personen hängen. Die Herzogin als treuer Pudel. Emilie von Binzer als dünner Spargel. Der Strafrechtler Feuerbach als Nagel. Der Gothaer Herzog als stolzen Pfau und der Dichter Schink als Brunnen, der frisches Wasser spendet. Man liest darunter die in Versform säuberlich handschriftlich verfassten Zeilen, zum Beispiel: “Der Brunnen frisches Wasser giebt / Der Baer den süssen Honig liebt”, und überlegt, was das nun mit dem bekannten Dichter und Dramaturg Johann Friedrich Schink (1755-1835) zu tun haben könnte.

Wie viele Zeichner waren hier am Werk?

Im Vers zum Portrait von Christoph August Tiedge ist eine nachträgliche Änderung deutlich erkennbar. (Museum Burg Posterstein)
Im Vers zum Portrait von Christoph August Tiedge ist eine nachträgliche Änderung deutlich erkennbar. (Museum Burg Posterstein)

Auf den zweiten Blick und im milden Licht der Ausstellungsräume gut zu erkennen, bemerkt man die zarten Bleistiftstriche, mit denen der Zeichner seine ungewöhnlichen Portraits vorgezeichnet hat. Am oberen Blattrand wurde zunächst mit Bleistift der Name der dargestellten Person vermerkt und nachträglich mit Tusche von mindestens zwei Handschriften vervollständigt. Später fügte jemand ein Kreuz hinzu – offenbar, wenn die betroffene Person zum Zeitpunkt der Recherche für Emilie von Binzers Buch “Drei Sommer in Löbichau” bereits verstorben war. In diesem Spätwerk von 1877 beschreibt die bekannte Schriftstellerin auch einige der Portraitzeichnungen, die nun in der Ausstellung zu sehen sind.

Versteckte Details und nachträgliche Veränderungen

Bei manchen Zeichnungen wird eine nachträgliche Bearbeitung erkennbar. Der Schriftsteller Christoph August Tiedge (1752-1841) beispielsweise wurde als Stuhl dargestellt. Im zugehörigen und im wahrsten Sinne des Wortes auf Biegen und Brechen gereimten Vers “Wie herrlich pranget hier der Lehn Stuhl / Den Hals bricht wer vom Dache fuhl”, hat jemand nachträglich “ein Stuhl” in “der Lehn Stuhl” geändert.

Das Buch "Salongeschichten" erscheint zur Ausstellung
Das Buch “Salongeschichten” erscheint zur Ausstellung
Die kleinformatigen, aquarellierten Zeichnungen stammen von Ernst Welker (1784/88-1857), der als Zeichenlehrer Emilie von Binzers – der Enkelin der Herzogin von Kurland – einige Sommer am Musenhof Löbichau verbrachte. Sie geben einen spannenden Eindruck in das alltägliche Leben in dem kleinen Thüringer Schloss, wo die weltgewandte Herzogin Künstler und Staatsmänner, Bürgerliche und Adlige um sich scharte. Man dichtete und spielte Theater, sang und flanierte durch die Gärten. Am Abend sammelte sich die Gesellschaft zur Teestunde. 2014 konnte das Museum Burg Posterstein die gut erhaltene Sammlung aus dem Besitz Emilie von Binzers mit finanzieller Unterstützung des Freistaates Thüringen und der Bürgerstiftung Altenburger Land ankaufen und zeigt sie noch bis 15. November im Rahmen einer Sonderausstellung. Zur Ausstellung erscheint ein gleichnamiges Buch.

Außerdem zum Thema:
Blogpost: Was ist das eigentlich, ein Salon?
Blogpost über Carl August Böttiger: “Da steht mein armes Ich aus Stein”
Blogpost: Der Herzog kommt nach Posterstein
Blogpost zur Geschichte des Schlosses Tannenfeld
Blogpost: Jean Pauls Sommer in Löbichau
Blogpost: Rittergut Löbichau – Zeitweise 300 Gäste gleichzeitig

von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

Da steht mein Armes Ich von Stein… Salongeschichten aus dem 19. Jahrhundert auf Burg Posterstein

Böttiger185Der bekannte Schriftsteller und Archäologe Carl August Böttiger (1760–1835) weilte häufig als gern gesehener Gast am Musenhof der Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761–1821) in Löbichau. Der Oberinspektor der Altertumsmuseen in Dresden stand nicht nur mit Goethe und Schiller in regem Briefwechsel, sondern auch mit der Schriftstellerin Elisa von der Recke (1754–1833) – der Halbschwester der Herzogin von Kurland. 1819 oder 1820 portraitierte ihn der Maler Ernst Welker (1784/88–1857) als Torso aus Stein und setzte darunter den Zweizeiler:

Da steht mein armes Ich von Stein
Und tränke gern ein Gläschen Wein.

Ernst Welker kam als Gesellschafter und Zeichenlehrer der späteren Schriftstellerin Emilie von Binzer (1801–1891), damals noch Emilie von Gerschau, nach Löbichau. Diese wiederum reiste zusammen mit ihrer Tante und Pflegemutter Wilhelmine von Sagan (1781–1839), der ältesten Tochter der Herzogin.

Geistiges Zentrum für einen Wimpernschlag der Geschichte

Ende des 18. Jahrhunderts war das kleine Löbichau – nur zwei Kilometer von Posterstein entfernt gelegen – zusammen mit Schloss Tannenfeld ein Zentrum des geistig-kulturellen Lebens in Deutschland. Der Musenhof der Herzogin von Kurland gehörte zu den bekanntesten seiner Art. Einflussreiche Staatsmänner, Dichter, Künstler, Bürgerliche und Adlige zählten zu den regelmäßigen Besuchern.

In der zwanglosen, künstlerischen Atmosphäre dieses Musenhofs müssen Ernst Welker und seine Schülerin Emilie von Gerschau (Binzer) sich den Spaß gemacht haben, von insgesamt 46 Salongästen sowie der Herzogin aquarellierte Portraits in Gestalt von Tieren oder Gegenständen mit Menschenkopf zu fertigen. Spruch und Bild nehmen mal witzig, mal banal Bezug auf die jeweilige historische Persönlichkeit.

Einmalige Portraits – erstmals öffentlich gezeigt

Im Jahr 2014 konnte das Museum Burg Posterstein diese einmalige Sammlung von Portraitzeichnungen der 1819/1820 in Löbichau anwesenden Gäste ankaufen. Die Sammlung aus dem Besitz von Emilie von Binzer wird in der Sonderausstellung „Salongeschichten“ (16. August bis 15. November 2015) und in der zugehörigen Publikation erstmals gezeigt. Die dargestellten Personen werden portraitiert und in den historischen Kontext gestellt.

In ihrem späten Rückblick auf ihre Zeit in Löbichau, dem Buch „Drei Sommer in Löbichau“ aus dem Jahr 1877, beschreibt Emilie von Binzer die anwesenden Gäste ungeschönt, aber doch gutmütig. Über Hofrath Böttiger notierte sie Folgendes:

„Der Archäolog Böttiger war keine anziehende Erscheinung; so wenig er Tieck gefallen hatte, ebenso wenig gefel er Goethe. Dieser sagte einst Jemanden, der es mir wieder erzählt hat: ‚Ich sah auf der Wiese in Karlsbad eine Gestalt, und dachte bei mir: welche Aehnlichkeit mit Böttiger! Endlich kommt sie näher, und ich sehe, daß er es selbst ist. Gottlob, rief ich aus, so existiert er doch nur einmal.’ Frau von der Recke und Tiedge aber waren nicht der Ansicht und hielten ihn hoch […].“ (Emilie von Binzer: Drei Sommer in Löbichau, Stuttgart 1877, S. 89)

Die Eröffnung der Ausstellung findet am 16. August 2015, 15 Uhr, auf Burg Posterstein statt.

Cover_salon_2-214x300Katalog zur Ausstellung:
Salongeschichten. Paris – Löbichau – Wien. Gäste im Salon der Herzogin von Kurland im Porträt des Malers Ernst Welker, Museum Burg Posterstein, 2015. 120 Seiten, farbig, ISBN 978-3-86104-094-1, 15 Euro.



Zum Weiterlesen:
Schloss Löbichau
Hans Fallada & Schloss Tannenfeld
Jean Pauls Sommer in Löbichau

(Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein)