Denk’ ich an Europa in der Nacht

Barbara Fischer sendet uns ihren Beitrag zur Blogparade #SalonEuropa.  Mitmachen könnt ihr bis 23. Oktober 2018. Wer keinen eigenen Blog hat, dessen Artikel veröffentlichen wir gern als Gastbeitrag hier im Blog.

Als junger Mensch war Europa für mich ein Versprechen. Frieden, Völkerverständigung, Wohlstand für alle und umfassender Umweltschutz. Erst im Kleinen, in Europa, dann für die ganze Welt. Diese Hoffnung gab mir die Kraft nicht zu verzweifeln, trotz Kalter Krieg, trotz Umweltzerstörung und trotz Tschernobyl. Mit 17 brannte ich für den europäischen Gedanken. Ich trampte zu den großen europäischen Friedensdemos und sammelte Atomkraft-Nein-Danke-Sticker in europäischen Sprachen auf meiner Jeansjacke. Ich vertraute in die Kraft der mündigen Bürger. Ich glaubte an Kant, Picasso und Simone de Beauvoir.

Bildunterschrift: die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug; Athena mit der Eule Minerva, heute im Metropolitan Museum of Art [CC0], via Wikimedia Commons
Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug*; Athena mit der Eule Minerva, heute im Metropolitan Museum of Art [CC0], via Wikimedia Commons
Zunächst wurde alles besser. Die Wälder, die Flüsse und die Luft in Europa erholten sich. Solarenergie und Windräder als Alternativen zur Atomkraft erhielten staatliche Subventionen und fanden große Verbreitung. Gorbatschow kam und der Kalte Krieg ging. Europa trennte kein eiserner Vorhang mehr. Im Vertrag von Maastricht nahm die Europäische Union Gestalt an. Keine Grenzkontrollen mehr, der europäische Pass, das europäische Parlament, die europäische Währung. Man konnte wieder in der Elbe schwimmen. Die Robben kamen zurück. Die Welt schien doch besser zu werden.

Dunkle Seifenblasen

Frage ich heute meinen Sohn an dessen 17. Geburtstag nach Europa, scheint von den Hoffnungen nur Bitterkeit geblieben zu sein. Er spricht von Betrug, von Ungerechtigkeit, von Menschen an Zäunen und von Ertrinkenden im Meer. Er ist wütend, das Privileg der Jugend. Die Bitterkeit liegt mir auf der Seele: Frieden, Rettung der Natur, Gerechtigkeit für alle? Immer noch nur ein Traum, schlimmer, Seifenblasen? Ich muss die letzten Jahrzehnte wohl verschlafen haben. Die europäische Idee, die die Freiheit des Einzelnen in ihren Mittelpunkt stellt, ist zum Alptraum des Egoismus verkommen. Die europäische Rationalität, auf der unser Reichtum gründet, zeigt ihr Janusgesicht. Denn unser europäischer Wohlstand gefährdet im Klimawandel das Überleben der Spezies Mensch. Erst sterben die Bienen …

Hinzu kommt wie ein höhnischer Reflex auf den gewachsenen Wohlstand, auf die verbesserten Standards im Umwelt- und Gesundheitsschutz, auf den schon Jahrzehnte währenden Frieden und auf die Verbreitung vom Recht auf freie Wahlen, freie Meinungsäußerung und Freizügigkeit der Wohnung, der Arbeit und der Reisen – als wäre es ein Zuviel des Guten – ein Zuwachs von rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen in Europa. In Polen, Ungarn, Dänemark, Italien, Österreich, Tschechien sitzen sie bereits in der Regierung. In Schweden, Deutschland, Niederlande, Frankreich, Bulgarien, Griechenland, Zypern, England, Slowenien, im Baltikum, Finnland, Luxemburg und Belgien gewinnen sie an Diskursmacht.** Wie viele rechte Staaten hält der europäische Gedanke noch aus? Wann zerbricht Europa am neoliberalen Kalkül von Menschen, die offenbar glauben, es gäbe kein Morgen, der von ihnen Rechenschaft fordert, die sich nicht in Dollar oder Euro ausdrücken lässt? Die sich die Hände reiben, wenn rechte Populisten, den Rechtsstaat aushöhlen. Drohen die Funken der Europa-Hymne*** zu verglühen noch ehe sie das Licht der weltweiten Aufklärung, treffender im Englischen “enlightment”, entzündet haben?

Die Aufklärer wie Diderot und Voltaire glaubten im 18. Jahrhundert an die weltverbessernde Macht des Wissens. Sie traten ein für Rationalität, Wissenschaft und die Freiheit des Individuums. Mit ihnen betrat die Menschheit und allen voran Europa das Anthropozän. Die erste Geoepoche, der die Menschen ihren Stempel aufdrücken. Noch im letzten Jahrhundert waren individuelle Freiheit, Wachstum und Fortschritt unangefochten universale heilsbringende Buzzworte. Einiges von diesem Glauben in die Kraft der Technologie von einzelnen genialen Entrepreneuren ausgedacht hält sich hartnäckig im transatlantischen Silicon Valley. Aber offenbar sind doch viele Menschen gerade in Europa von der Komplexität der Abhängigkeiten, von den Konsequenzen des Anthropozäns und von der schieren Menge an Information schlicht überfordert. Sie ziehen sich zurück in ein Biedermeier des 21. Jahrhunderts. Es ist bevölkert von Einhörnern und Elfen, eingemummelt in eine weichgespülte Sprache der Political Correctness, die Unterschiede einebnet oder verzerrt, und die Bedrohungen durch Klimawandel, Plastikmüll oder unfaire Handelspolitik in kurzen heiteren DIY-Videos abzuwehren meint. Beunruhigend viele Menschen in Europa lassen sich verführen von einfachen Antworten und von Schuldzuweisungen, die stets bei den anderen liegen. Alles Menschen, die lesen und rechnen können, die keinen Hunger kennen und die die Freiheit haben, alles zu fragen, alles zu kritisieren und alles zu ändern. Es ist so still. Es ist so düster in Europa.

Der Eulenflug

Welche Rolle spielen Kunst und Kultur in dieser Stunde der Dämmerung? Eine Zeit, in der man nie sicher weiß, kündigt sie die Nacht oder den Tag an. Welche Bedeutung hat in dieser Zeit das europäische Kulturerbe? Welche Bedeutung haben die Kunst, die Musik, die Literatur, der Gedanke und das Wort in Europa? Brauchen wir überhaupt noch die teuren Sammlungen der Museen, die Bibliotheken, die Archive? Ist GLAM**** etwa nur verzichtbarer Glamour?

Bildunterschrift: Stolz, selbstbewußt und im echten Tütü berührt sie den Betrachtenden noch 150 Jahre später; Edgar Degas, die Tänzerin, heute Musée d’Orsay [CC0] via Wikimedia Commons
Stolz, selbstbewußt und im echten Tütü berührt sie den Betrachtenden noch 150 Jahre später; Edgar Degas, die Tänzerin, heute Musée d’Orsay [CC0] via Wikimedia Commons
Einmal liegt die  Bedeutung der Artefakte in der Erbauung, die sie bieten. Ein zu unrecht aus der Zeit gefallener Begriff. Eine Sinfonie zu hören, sich in den Anblick einer Skulptur oder in ein Gedicht zu vertiefen oder die Schönheit eines alten Gebrauchsgegenstand zu genießen, baut meine Energiereserven wieder auf. Ich brauche das Schöne, das nicht gefällig meint, um nicht zu verzagen vor der Hässlichkeit der Welt. Zum anderen bieten Kunst und das kreative Schaffen generell den einzigen kreativen Reflexionsraum für das Geschehen um mich herum. Komprimiert im Kunstwerk, ob Gemälde, Musik oder Roman, zugleich eingebettet in seine Zeit und losgelöst von ihr, finde ich hier Gedanken, Gefühle und Ideen, die mir helfen, die Welt um mich herum besser zu begreifen. Indem ich nicht jede Erfahrung selbst machen, nicht jede Perspektive allein einnehmen und nicht alle Facetten einzeln erschließen muss, sondern darauf bauen kann, was andere dachten, malten, komponierten und schufen, steige ich mit dem Bonmots Newtons auf die Schultern des Riesen und weite meinen Blick. Der Zugang zu den Werken, auf die andere wiederum Bezug nehmen, die sie zitieren, weiterentwickeln und verfremden, lässt mich an einem Diskurs teilhaben, der mich erst zu dem mündigen Bürger macht, der Kant vorschwebte*****. Und natürlich erwarte ich, dass ich Zugang zu diesem Reichtum auch und gerade im Netz habe, in dem ich mich beruflich und privat zunehmend mehr aufhalte. Und selbstverständlich will ich nicht kriminalisiert werden, wenn ich mir die Digitalisate aneigne, oft nur für einen Moment des Teilens, weil ich angeblich Rechte am geistigen Eigentum verletze. Die Rechteinhaber haben doch zuvor, wenn überhaupt, falls sie nicht nur in einer verwertenden Position stehen, ebenfalls davor Geschaffenes aufgegriffen, reproduziert, kommentiert und verbreitet. Europas Reichtum ist just dieser schöpferische Schmelztiegel der Ideen. Nur im freien Austausch entfaltet sich sein ganzes geistiges Potenzial der Vielfalt. Aus seiner Verantwortung für viele der Probleme, die heute den ganzen Globus betreffen, sollten sich gerade die Menschen in Europa mit Verve dafür einsetzen, dass das kulturelle Erbe digitalisiert frei zugänglich, gut erschlossen und nutzbar ist, egal ob am Rechner in Rom, Athen, Acra, Guangdong, Rio oder Paris, Texas.

Das Prinzip Hoffnung dagegen setzen. “Die feindlichen Gewalten” Detail im Beethoven Fries von Gustav Klimt, heute in der Galerie Belvedere (Wien), [CC0] via Wikimedia Commons
Das Prinzip Hoffnung dagegen setzen. “Die feindlichen Gewalten” Detail im Beethoven Fries von Gustav Klimt, heute in der Galerie Belvedere (Wien), [CC0] via Wikimedia Commons
Georg Friedrich Hegel schrieb vor 200 Jahren mehr ab- als aufgeklärt, die Philosophie käme immer erst, “nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß vollendet und sich fertig gemacht hat”. ****** In diesem Zusammenhang lässt Hegel die Eule der Weisheit viel zitiert fliegen: “die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug”. Hegels Bild prosaischer ausgedrückt: Hinterher ist man immer klüger. Wir haben aber keine Zeit abzuwarten, bis die Wirklichkeit sich vollendet. Wenn wir als zivilisierte Spezies überleben wollen, müssen wir schon jetzt klug wie die Eule sein und Europas Kulturerbe als enormes Wissensreservoir nutzen, um Kraft, Ideen und Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit zu finden. Daher öffnet die Sammlungen, die Archive und Depots und verleiht dem Kulturerbe die digitalen Flügel, mit der die Eule Minervas ihren Flug beginnen kann. Europa, möge es noch immer der Ruf der Hoffnung sein!

von Barbara Fischer, zur Blogparade #SalonEuropa, 26.9.2018

*zitiert nach Georg Friedrich Hegel “Philosophie des Rechts”; http://www.zeno.org/Philosophie/M/Hegel,+Georg+Wilhelm+Friedrich/Grundlinien+der+Philosophie+des+Rechts/Vorrede
**Zur Verbreitung des Rechtspopulismus in Europa siehe interaktive Karte der Bundeszentrale für Politische Bildung 2017, http://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtspopulismus/242635/europakarte
***Die Europa-Hymne ist eine Instrumentalfassung aus Beethovens Neunter Sinfonie “Ode an die Freude”, die wiederum eine Vertonung von Schillers Gedicht “Freude, schöner Götterfunken…” darstellt. https://de.wikipedia.org/wiki/Europahymne.
**** GLAM das internationale Akronym für Galleries, Libraries, Archives and Museums sowie deren Aktivitäten im digitalen Raum.
***** Immanuel Kant: Sapere aude! in “Was ist Aufklärung?”, Berlinische Monatsschrift, 1784, 2, S. 481–494
****** Hegel; ebd. http://www.zeno.org/Philosophie/M/Hegel,+Georg+Wilhelm+Friedrich/Grundlinien+der+Philosophie+des+Rechts/Vorrede

6 Antworten auf „Denk’ ich an Europa in der Nacht“

  1. Liebe Frau Fischer,

    vielen herzlichen Dank für diesen wunderbaren Beitrag zur Blogparade #SalonEuropa. Bei vielem musste ich nicken und bei den rosa Einhörnern schmunzeln, denn just heute morgen reagierte ich auch auf so einen Post – bin ich deshalb verflacht? Falsche Frage, es amüsierte mich und tat gut zwischen all den ernsten und mancher seltsamen Diskussion im Web (nicht diese hier).

    Ich dachte, ich könnte auch Juniors Stimme zu Europa einfangen. Gut, direkt nach der Schule, nachdem ein Kartoffeleintopf schwer im Magen liegt, war seine Bereitschaft zur Diskussion nicht ausgeprägt. Tatsächlich fiel ihm dazu vorerst nichts ein, außer dass Europa schon wichtig ist, wie gesagt Magen gefüllt und nebenher am Smartpone – vielleicht versuche ich es erneut zu einem anderen Zeitpunkt. Denn bei der Menschlichkeit, Respekt und Umwelt da habe ich ihn, Punkte, die für ihn jedoch nicht unbedingt mit Europa verbunden sind. Hm …

    Zugleich hatte ich heute morgen eine noch ganz andere Diskussion mit ihm. Es ging um scheinbar “banale” Diskussionen im Museum, was es darf und was nicht. Auch hier reagierte er mit Unverständnis, denn für ihn sind Museen deshalb so leer, da sie nicht wirklich mit den Menschen sprechen, sprich mit den Jugendlichen.

    Gerade deshalb finde ich den Kontakt mit Kunst und Kultur absolut wichtig, egal wo und wie dieser stattfindet, ob über Remixes, besondere Events. Und hier können Museen eine wichtige Rolle einnehmen. Für mich eint uns die europäische Kultur, deren Wurzeln wir gerade zu vergessen drohen. Deshalb finde ich den Satz und die Umsetzung wichtig:

    “Wenn wir als zivilisierte Spezies überleben wollen, müssen wir schon jetzt klug wie die Eule sein und Europas Kulturerbe als enormes Wissensreservoir nutzen, um Kraft, Ideen und Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit zu finden.”

    Diese sind vielfältig und verlangen ganz unterschiedliche Ansprachen.

    Vielen Dank also!
    Herzlich,
    Tanja

  2. Liebe Barbara Fischer,

    herzlichen Dank für diesen spannenden und ganz persönlichen Blogpost! Ich habe ihn mit Begeisterung gelesen.
    Sie sprechen so viele brandaktuelle Themen an, besonders in Bezug auf die freie, digitale Nutzung unseres kulturellen Erbes. Wir müssen dieses Wissen nutzen können, um neue Ideen schaffen zu können.
    Es gibt so viele tolle Beispiele, wie diese Wissensvermittlung funktionieren kann. Mir fiel zum Beispiel sofort der Beitrag der Europeana ein (# 8), der ebefalls im Zuge der Blogparade zum #SalonEuropa bei uns einging.
    Ich kann Ihnen nur zustimmen, wenn Sie sagen: “Daher öffnet die Sammlungen, die Archive und Depots und verleiht dem Kulturerbe die digitalen Flügel, mit der die Eule Minervas ihren Flug beginnen kann.”

    Vielen Dank und herzliche Grüße
    Franziska

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