#StoriesMW: Wie ein Minister unter eine uralte Eiche kam…

Zum heutigen Thema der MuseumWeek gibt es eine ganz besondere Geschichte zu erzählen: In Nöbdenitz, nur zwei Kilometer von Posterstein entfernt, steht eine Eiche, deren Alter auf 1000 Jahre geschätzt wird. Der Baum ist im Inneren hohl, ein genaues Alter kann daher nicht bestimmt werden. Leer ist dieser Baum jedoch nicht. Im hohlen Stamm der Eiche wurde am 3. März 1824 der Sachsen-Gotha-Altenburgische Minister Hans Wilhelm von Thümmel (1764-1824) auf eigenen Wunsch und mit herzoglicher Genehmigung beerdigt. Die außergewöhnliche Grabstätte hatte Thümmel der Pfarrgemeinde abgekauft, um sich auf Bewilligung der herzoglichen Regierung in einer ausgemauerten Grabgruft in den Wurzeln des Baumes beisetzen zu lassen.

Die 1000jährige Eiche in Nöbdenitz, Museum Burg Posterstein
Die 1000jährige Eiche in Nöbdenitz, Museum Burg Posterstein
Der Minister hatte angeordnet, dass man ihn unter der Eiche begraben sollte, damit seine irdischen Überreste unweit als sprossende Zweige und grüne Blätter an die freie Himmelsluft hinausgelangen möchten […]“, erklärte der Altertumsforscher Gustav Parthey (1798–1872) in seinem Tagebuch von 1812 rückblickend Thümmels Wunsch. (Ernst Friedel (Hrsg.): Gustav Parthey. Jugenderinnerungen, Band 1, Berlin 1907, S. 292f.)

Parthey war bereits als Kind Gast auf dem Musenhof der Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761-1821) und kannte den Minister Thümmel, der in den nahe gelegenen Orten Nöbdenitz und Untschen Rittergüter sowie Land besaß und den Musenhof oft besuchte, noch persönlich.

Minister – Diplomat – aufgeklärter Geist

Die Aktivitäten Hans Wilhelm von Thümmels waren umfassend und reichten von diplomatischen Missionen im Auftrag der Herzöge von Sachsen–Gotha-Altenburg über die Kartierung des Herzogtums, architektonische Gestaltung, den Chauseebau und die Tätigkeit als Finanz- und Regierungsoberhaupt des Altenburgischen Landesteils bis hin zur Organisation von Festen und sein Engagement für die Armen und Kranken. Seine besondere Leidenschaft galt allerdings dem Landschafts- und Gartenbau. Bereits zu Lebzeiten hielt Thümmel in seiner „Lieblingseiche“ Teestunden ab und schrieb im Schatten des hohlen Stammes seine bekannten Aphorismen nieder, die er später – auf Wunsch seiner Freunde und seiner Familie – sogar veröffentlichte.

Grabkultur im Zeichen der Aufklärung

Sein Wunsch, in dieser alten Eiche auch beerdigt zu werden, ging aus dem damaligen Zeitgeist hervor. Bereits in seinen Gärten war Hans Wilhelm von Thümmel dem Leitspruch der Aufklärung „Zurück zur Natur“ (Jean-Jacques Rousseau) gefolgt. Und auch in seinem Grabmal wählte er für sich konsequent einen Begräbnisort, der eng mit der Natur verbunden war. Ein Phänomen, dass auch stark mit der Entwicklung des Landschaftsgartens und dessen Gestaltungs- und Wahrnehmungsprinzipien verknüpft war. Denn Beisetzungen und Grabstätten außerhalb eines kirchlichen Sakralraums gewannen erst mit den Gedanken der Aufklärung und der Entstehung des Landschaftsgartens im 18. Jahrhundert an Bedeutung. So entstanden im deutschen Raum mit den ersten Landschaftsgärten ab 1770 auch vermehrt Begräbnisstätten in Gärten und Parks.
Zu den bekanntesten Vertretern dieser neuen Grabkultur zählte vor allem der preußische König Friedrich II. (1712-1786), dem 1752 sein Wunsch nach einer Beisetzung in einer Gartengruft in Sanssouci von seinen Erben allerdings nicht gewährt wurde.

Diplomatische Missionen, Gartenbau oder Grabkultur - Das bewegte Leben Thümmels im Katalog zusammengefasst. Im Dienste der Ernestiner: Hans Wilhelm von Thümmels Aufstieg vom Pagen zum Minister, Museum Burg Posterstein, 2016.
Diplomatische Missionen, Gartenbau oder Grabkultur – Das bewegte Leben Thümmels im Katalog zusammengefasst. Im Dienste der Ernestiner: Hans Wilhelm von Thümmels Aufstieg vom Pagen zum Minister, Museum Burg Posterstein, 2016.

Während der Verstorbene mit der Entscheidung für ein Gartengrab sicher gehen wollte, mit dem immer währenden Kreislauf der Natur vereint zu sein, sollten Familie und Freunde darin einen angemessenen und ruhigen Erinnerungsort für ihre Trauer und ihr Gedenken, ohne öffentliche Zurschaustellung, finden. Auch die Begräbnis-Zeremonien, oft mitten in der Nacht bei Fackelschein abgehalten, waren schlicht in der Ausführung. Das Formen-Repertoire der Grabstätten reichte dabei von historisierenden Formen, wie Pyramiden, Kapellen oder Obelisken, bis zu einfachen Grabhügeln mit Blumen- und Baumschmuck wie Nadelhölzern, Pappeln, Trauerweiden und Hängebirken. Einige Grabstätten waren weithin sichtbar platziert, während andere auf nur eingeschränkt oder gar nicht zugänglichen Inseln lagen.

Die Begräbnisinsel im Park von Schloss Friedenstein.
Die Begräbnisinsel im Park von Schloss Friedenstein.

Für diese Variante hatte sich auch der Landesherr Herzog Ernst II. (1745–1804) von Sachsen-Gotha-Altenburg, der Thümmel seit ihrer Jugendzeit kannte, entschieden. 1779 ließ er auf einer Insel im englischen Garten von Gotha für den verstorbenen Erbprinzen Ernst eine Gruft einrichten und darin auch den bereits 1777 verstorbenen Bruder Ludwig begraben. Zwei Jahre später wurde neben den Gräbern eine Granitsäule mit einer Marmor-Urne aufgestellt.

Die Herzogin Anna Dorothea von Kurland, die von Thümmel ebenfalls sehr bewundert wurde, wünschte sich ein schlichtes Begräbnis im „Hain“ bei ihrem Löbichauer Schloss. Diesem Wunsch wurde nach dem Tod der Herzogin 1821 Folge geleistet. Die letzte Ruhestätte im „Hain“ nahe des Schlosses Löbichau war der Herzogin Dorothea von Kurland allerdings nicht lange vergönnt. 1845 hatte sich zwar noch die Tochter der Herzogin, Pauline von Hohenzollern-Hechingen, neben ihrer Mutter beerdigen lassen. 1876 entschloss sich die Familie aber zu einer Umbettung in die Familiengruft in Sagan.

View of the 1000 year old oak tree from 19th century (Museum Burg Posterstein)
Ansicht der 1000-jährigen Eiche aus dem 19. Jahrhundert (Museum Burg Posterstein)
An diesen beiden kurzen Beispielen wird allerdings ersichtlich, dass Thümmels Wunsch nach einem Grab im Schoße der Natur kein außergewöhnlicher Gedanke war. Die Besonderheit hinter dieser “Story” zur MuseumWeek liegt allerdings im Begräbnisort selbst. Thümmel wählte seine letzte Ruhestätte nicht in einem Hain oder unter einem Baum, sondern im Inneren dieser alten, majestätischen Eiche.

Noch immer treibt die Eiche jedes Jahr neues Laub und ist als Naturdenkmal eingestuft. Nach dem Bundesnaturschutzgesetz ist sie eine als besonders schützenswert eingestufte Schöpfung der Natur, die nicht ohne weiteres beseitigt werden darf. So kann Thümmel wohl noch heute „seiner Lieblingsphantasie, einst in den Blättern des Baumes den Lebenden noch einen Gruß zuzuflistern“ nachkommen.

Von Franziska Engemann und Christiane Nienhold

Weitere Artikel zu Hans Wilhelm von Thümmel

Im Dienste der Ernestiner – Hans Wilhelm von Thümmels Aufstieg vom Pagen zum Minister

Der Altenburger Minister Hans Wilhelm von Thümmel (nach Grassi).
Der Altenburger Minister Hans Wilhelm von Thümmel (nach Grassi).

Im Zusammenhang mit der Thüringer Landesausstellung „Die Ernestiner – eine Dynastie prägt Europa“ zeigt das Museum Burg Posterstein von 26. Juni bis 30. Oktober 2016 eine Sonderausstellung zum bedeutenden Gotha-Altenburgischen Minister Hans Wilhelm von Thümmel (1744–1824). Dem langjährigen Staatsdiener und Diplomaten des Herzogtums Sachsen-Gotha und Altenburg gehörte nicht nur das Rittergut im Postersteiner Nachbarort Nöbdenitz, sondern er zählte auch zu den regelmäßigen Gästen am Musenhof Löbichau der Herzogin von Kurland.

Für das Herzogtum Sachsen-Gotha und Altenburg leistete Hans Wilhelm von Thümmel Großes – zu seinen wichtigsten Verdiensten zählt sicherlich die Vermessung und Kartierung des Herzogtums. In der Sammlung des Museum Burg Postersteins befindet sich auch das von Thümmel in Auftrag gegebene Kartenwerk von 1813.

Thümmel als Dichter: Aphorismen

„Die Stärke des Neides ist gewöhnlich der richtige Maßstab für die Größe des Verdienstes“ (Aph. 57, 134), notierte einst Hans Wilhelm von Thümmel.

Thümmel, ein aufgeklärter und musischer Geist, veröffentlichte auch eigene Schriften. Darunter sind die 1821 und 1827 herausgegebenen „Aphorismen, aus den Erfahrungen eines SiebenundSiebzigjährigen“ sicherlich bemerkenswert und haben auch nach fast 200 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt. Ursprünglich im Selbstverlag erschienen und vor allem an enge Freunde verschenkt, kann man den ersten Teil von 1821 inzwischen auch auf Google Books lesen.

Thümmels Aphorismen erschienen zunächst im Selbstverlag für Freunde.
Thümmels Aphorismen erschienen zunächst im Selbstverlag für Freunde.

„Nichts ist törichter als Religionszwist. Auf den Feldern steht Weizen, Korn, Gerste und gedeiht nebeneinander. Jedes einzeln verbacken gibt ein gesundes, zusammen verbacken ein weißes und schmackhaftes Brot. Warum nicht in Religionssachen die Meinungen einigen? Huldigung, Anbetung dem großen Verwalter der Natur ist doch allein der Zweck aller Religionen.“ ( 22, 54)

Diese kleinen Weisheiten aus einer über 50 Jahren im Dienst der Ernestiner Herzöge in Gotha und Altenburg verfasste Hans Wilhelm von Thümmel auf seinem Gut Nöbdenitz, wo er seinen Lebensabend verbrachte. Oftmals saß der Minister und Geheime Rat dabei im Inneren der 1000jährigen Eiche, die ihn inspirierte und welche er zu seiner Grabstätte bestimmt hatte.

„Wenig Bedürfnisse zu haben, ist der erste Schritt zur Freiheit.“ (249)

Die 1000-jährige Eiche von Nöbdenitz.
Die 1000-jährige Eiche von Nöbdenitz.

Der Schriftsteller, Journalist, Archäologe, Studiendirektor und Oberinspektor der Altertumsmuseen in Dresden, Carl August Böttiger, (1760-1835), u.a. auch befreundet mit Elisa v. der Recke und der Herzogin von Kurland, verfasste nach Thümmels Tod einen Nachruf, der in der Abend-Zeitung, Nr. 65, am Dienstag, den 16. März 1824, in Dresden in der Arnoldschen Buchhandlung erschien. Darin erwähnt der Autor, der Thümmel am Löbichauer Musenhof persönlich kennengelernt hatte:

 „Er hatte in den, sein Gut Nöbdenitz (eine Stunde von Ronneburg) umgebenden Lustwegen eine gewaltige Eiche in ihrem Innern so einrichten lassen, daß sich darin ein bequemer Moossitz und auch noch Platz für eine kleine Gesellschaft befand. In diese Baum-Lesche, wie sie ein Altenburger Antiquar einst benannte, pflegte er sich noch im höchsten Alter während des Sommers niederzusetzen und im kühlenden Schatten auszuruhen. Dort schrieb er auch einige der Aphorismen nieder, wovon er zwei Sammlungen bloß als Manuscript für Freunde drucken ließ und in welche er über Hofhaushalt und die mannigfaltigsten Lebensverhältnisse, die den bis ins höchste Alter in der Erinnerung und Gegenwart kräftigen Greis oft noch ein Lächeln abgewannen, so wie über alle Umtriebe des großen geschäftigen Bienenkorbes, den uns einst Mandeville beschrieb, seine Bemerkungen niederlegte.

Nach seiner ausdrücklichen Verordnung ward nun auch die sterbliche Hülle des Entschlafenen in dieser Eiche bestattet und so seiner Lieblingsphantasie, einst in den Blättern des Baumes den Lebenden noch einen Gruß zuzuflistern von seinen treuesten Pflegerinnen, seiner ihn überlebenden Gemahlin und Kindern, Gewährung zugestanden.“

Plakat zur Sonderausstellung 2016
Plakat zur Sonderausstellung 2016

Sonderausstellung

26. Juni – 31. Oktober 2016

Im Dienste der Ernestiner

Hans Wilhelm von Thümmels Aufstieg vom Pagen zum Minister.

Eröffnung: 26. Juni, 15 Uhr

Zum Weiterlesen:

“Der Mann unter der 1000-jährigen Eiche” 

Romantically minded minister burried under a 1000 year old oak 

Nöbdenitzer Kita-Kinder malen die “1000-jährige Eiche” – Museum Burg Posterstein bereitet Sonderausstellung zu Hans Wilhelm von Thümmel, dem Mann unter der Eiche, vor

Die 1000-jährige Eiche von Nöbdenitz, gemalt von einem Kind der lokalen Kindertagesstätte.
Die 1000-jährige Eiche von Nöbdenitz, gemalt von einem Kind der lokalen Kindertagesstätte.

Wenn die Kinder der Gruppe “Wiesenkobolde” der Kindertagesstätte Nöbdenitz dieser Tage zu Hause von “Thümmel” reden, dann ist das kein kindliches Fantasiewort, sondern der Name eines Sachsen-Gotha-Altenburgischen Ministers. Hans Wilhelm von Thümmel (1744–1824), einst Besitzer der Rittergüter Nöbenitz und Untschen, wählte sich die mächtige knorrige Nöbdenitzer Eiche zur Grabstätte. Die Kinder der “Nemzer Rasselbande” statteten der alten Eiche auf Initiative von Berufspraktikantin Marlen Schwabe einen Besuch ab. Walter Mehlhorn vom Nöbdenitzer Aktionsbündnis “Rettung der 1000-jährigen Eiche Nöbdenitz” erzählte den Kindern etwas zum langen Leben und den Besonderheiten der “ältestens Einwohnerin von Nöbdenitz”, zu den Nöbdenitzern, die sich seit 2014 ganz intensiv für deren Erhaltung stark machen, und natürlich zur Grabstätte unter dem hohlen Baum.

Zurück in der Kita dichteten die Kinder und Erzieherinnen sogar ein Lied über die 1000-jährige Eiche, in dem es zum Beispiel heißt: “Die Eisenringe halten dich, damit du lange bei uns bist.” Außerdem malten die Kinder die Eiche, viele betonten in ihren Bildern die Stützen und starken Eisenringe, die den Baum teilweise schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts halten, und andere malten die Kinder und Erzieher neben den Baum.

Das alles passt wunderbar zu der aktuell im Vorfeld des Internationalen Museumstags am 22. Mai laufenden Aktion #PaintMuseum, die dazu einlädt, Museumsstücke und kulturelles Andenken zu malen oder zu zeichnen und in den sozialen Netzwerken zu teilen.

Hans Wilhelm von Thümmel bekommt eine Ausstellung und eine Biografie

Darstellung der Grabeiche Thümmels aus dem 19. Jahrhundert (Museum Burg Posterstein)
Darstellung der Grabeiche Thümmels aus dem 19. Jahrhundert (Museum Burg Posterstein)

Das Museum Burg Posterstein nimmt nicht nur am Museumstag mit einem besonderen Programm teil, sondern bereit auch schon intensiv die nächste Sonderausstellung vor. Die Ausstellung “Im Dienste der Ernestiner: Hans Wilhelm von Thümmels Aufstieg vom Pagen zum Minister” soll an die diesjährige Thüringer Landesausstellung „Die Ernestiner – eine Dynastie prägt Europa“ anknüpfen. Von 26. Juni bis 31. Oktober 2016 möchte das Museum dem verdienstvollen Altenburger Minister erstmals eine eigene Schau samt Biografie widmen. Und so viel vorweg: Auch die 1000-jährige Eiche wird darin eine große Rolle spielen.

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein