Die “Landschaft vor der Haustüre” und der Blick hinter Vorhänge – Holzschnitte und Malerei von Peter Zaumseil

Der Künstler Peter Zaumseil feierte 2020 seinen 65. Geburtstag, der Keramiker Ludwig Laser wurde 60. Das gab uns Anlass, auf Burg Posterstein einen umfangreichen Einblick in das Schaffen der beiden miteinander befreundeten Künstler zu geben. Zu sehen sind Malerei, Holzschnitte, Grafiken und Keramik, die teilweise eigens für diese Schau entstanden sind. Im Corona-Jahr 2020 eröffnete die Ausstellung später als geplant und ist nun ab 2. November 2020 erneut vom Lockdown betroffen.

Bilder oben: Drei Holzschnitte Peter Zaumseils aus der Serie “Vorhang auf” (Fotos: Hans-Joachim Hirsch)

Was die Keramik Ludwig Lasers so einzigartig macht, beschreiben wir hier im Blog. Dieser Beitrag gibt Einblicke in die künstlerische Arbeit Peter Zaumseils.

Das Spiel mit Figur und Landschaft

“Zwei Motivstränge durchziehen als Konstante die malerischen und druckgrafischen Arbeiten vom Jubilar Peter Zaumseil, das zeigt auch die Auswahl dieser Doppelausstellung: Das Figürliche und das Landschaftliche; beide Sujets tief verwurzelt im Inneren des Künstlers, die sich verweben und verfestigen”, schreibt der Kunsthistoriker Dr. Thomas Matuszak im Katalog zur Ausstellung über die Kunst Peter Zaumseils.

Holzschnitt "Neuschnee" von Peter Zaumseil
Holzschnitt “Neuschnee” von Peter Zaumseil (Foto: Hans-Joachim Hirsch)

Peter Zaumseil stellte 1997 gemeinsam mit der Keramikern Ute Klötzer auf Burg Posterstein aus. Damals standen seine Schwarz-Weiß-Holzschnitte in wunderbarem Kontrast zum historischen Ambiente. Unvergessen sind seine charakteristischen lebensfrohen „Strichfiguren“, wie die eigens für den Bergfried geschaffene Holzschnitt-Installation „Aufstieg und Fall des Herrn X“. Zaumseils Figuren sind aufs Wesentliche reduziert. Zwar erscheinen sie heute „fülliger“, aber dabei strotzen sie noch viel mehr vor Sinnlichkeit und prallem Leben.

Ruhe strahlen hingegen die Landschaften aus, die teilweise in zurückhaltenden Farben an japanische Holzschnittkunst erinnern, andererseits in leuchtenden Farben daherkommen.

Sein Werk "Postersteiner Hausaltar" schuf Peter Zaumseil 2020 extra für die Sonderschau im Museum Burg Posterstein. Im Vordergrund sieht man Keramik von Ludwig Laser.
Sein Werk “Postersteiner Hausaltar” schuf Peter Zaumseil 2020 extra für die Sonderschau im Museum Burg Posterstein. Im Vordergrund sieht man Keramik von Ludwig Laser.

Speziell für die Sonderschau schuf Peter Zaumseil den “Postersteiner Hausaltar”, ein Ensemble aus Burg-Ansichten, das er in der Tradition eines Tryptychons in genau dem Raum des Museums aufstellte, in dem sich in vergangenen Zeiten einmal die Hauskapelle der Burg befunden hat. “Bereits im Titel – Haus–Altar – wird die Sphäre des geweihten, sakralen Raumes aufgegeben zugunsten einer Verlagerung in die Atmosphäre des Intimen, des zivil Privaten”, beobachtet Kunsthistoriker Dr. Thomas Matuszak über das Werk.

Der Künstler Peter Zaumseil

Peter Zaumseil (*1955) wandte sich Ende der 1980er Jahre zunehmend dem Holzschnitt und dem Farbholzschnitt zu. Besonders im Farbholzschnitt, in der Technik der „verlorenen Form“ fand er jenes Ausdrucksmittel, das seiner Vorliebe für die Kontur und die Fläche weiten Raum eröffnete. Seine Arbeitsweise ist einerseits abstrahierend bei den Figuren, konkret realistisch bei den Landschaften.

Peter Zaumseil in seinem Atelier in Elsterberg im Vogtland.
Peter Zaumseil in seinem Atelier in Elsterberg im Vogtland.

Seit 1995 lebt Peter Zaumseil in Elsterberg/Vogtland. In den letzten Jahren ergänzte die Zusammenarbeit mit verschiedenen Künstlerkollegen, Keramikern und Holzbildhauern sein Werk.

2014 schenkte er einen Teil seines umfangreichen grafischen Werkes, ca. 1400 Druckgrafiken und Künstlerbüchern von 1979 bis 2014, dem “Grafikmuseum Stiftung Schreiner” Bad Steben.

Für das Video hat uns Peter Zaumseil sein Atelier in Elsterberg im Vogtland gezeigt und auch seine Drucktechnik ausführlich erklärt:

Please accept YouTube cookies to play this video. By accepting you will be accessing content from YouTube, a service provided by an external third party.

YouTube privacy policy

If you accept this notice, your choice will be saved and the page will refresh.

Eine Ausstellung, die die gesamte Burg erobert

Ihre Kunst plazierten Ludwig Laser und Peter Zaumseil nicht nur in den beiden Räumen der Sonderausstellung, sondern in der gesamten Burg Posterstein.

Zaumseil-Holzschnitt im künstlerischen Dialog mit der Büste Wilhelmine von Sagans im Museum Burg Posterstein
Zaumseil-Holzschnitt im künstlerischen Dialog mit der Büste Wilhelmine von Sagans im Museum Burg Posterstein

Da räkeln sich beispielsweise halbnackte Holzschnitt-Damen Peter Zaumseils neben der Portrait-Büste der Herzogin Wilhelmine von Sagan und spielen auf diese Weise mit deren Biografie. Neue Porzellan-Kreationen Ludwig Lasers fügen sich in ihrer Formgebung in das historische Ambiente ein.

Katalog-Titel Peter Zaumseil Burg Posterstein

Der Katalog zur Ausstellung:
Wir werden 125!
Peter Zaumseil & Ludwig Laser – Malerei, Grafik & Keramik
76 Seiten farbig, Musum Burg Posterstein 2020 (Preis: 15,00 Euro)

Zusätzlich zum Katalog und zur Ausstellung gibt es Grafik und Keramik zum Vorzugspreis. Mit dem Kauf unterstützen Sie die Burg Posterstein:

Holzschnitte „Burg Posterstein“, limitierte Auflage, von Peter Zaumseil zum Vorzugspreis von 65,00 €

Limitierte Raku-Keramik "Burg Posterstein" von Ludwig Laser
Die limitierte Raku-Keramik “Burg Posterstein” von Ludwig Laser kann auch nach Ausstellungsende noch erworben werden.

Von Ludwig Laser gibt es eine Raku-Kumme (Becher) „Burg Posterstein“, limitierte Stückzahl, zum Vorzugspreis von 24,00 €

Die Ausstellung wird unterstützt durch die Künstler, die Kulturstiftung Thüringen, die Bürgerstiftung Altenburger Land und den Museumsverein Burg Posterstein.

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

Einmalige Doppelwandgefäße aus Porzellan auf Burg Posterstein

Am Wochenende vom 3. und 4. Oktober 2020 feierte der Tag des Thüringer Porzellans 260 Jahre Thüringer Porzellan mit zahlreichen Ausstellungen und Sonderveranstaltungen. Passend dazu war auf Burg Posterstein eine Besonderheit der Thüringen Porzellankunst zu sehen: Die kristallglasierten Doppelwandgefäße des Thüringer Keramikers Ludwig Laser sind nicht nur ein Hingucker, sondern eine Rarität. Die Doppel-Ausstellung „Wir werden 125! – Peter Zaumseil & Ludwig Laser – Malerei, Grafik & Keramik“ zeigte bis 15. November 2020 neue Arbeiten der beiden befreundeten Künstler.

ein großes doppelwandiges Porzellangefäß des Thüringer Keramikers Ludwig Laser
Ludwig Laser, großes Doppelwandobjekt, Porzellan, Kristallglasur reduziert, H. 39cm, D. 44cm,
Foto: Hans Joachim Hirsch

Seit 2011 experimentiert Ludwig Laser aus  dem Ostthüringer Obergeißendorf mit doppelwandigen Porzellangefäßen in großen Dimensionen. Mit ihrer schillernden Glasur und ihrer Größe sind sie nicht nur ein Blickfang. Ihre Herstellung erfordert handwerkliche Meisterschaft und seine Doppelwand sind für Ludwig Laser auch ein künstlerisches Alleinstellungsmerkmal. Mit ihren dicken Wänden und ihrer Höhe sehen die Gefäße schwer aus, sind in Wirklichkeit aber ganz leicht.

“Für mich als Berufskollegin und Keramikerin gehen besonders diese neuen Keramikobjekte weit über das klassische Handwerk hinaus und beweisen wieder einmal, dass auch das Genre der freien Keramik, trotz klassischer Formensprache, in die Gattung der KUNST einbezogen werden sollte und sogar muss”, schreibt die Keramikerin Annekatrin Räthe-Schönert in ihrem Kapitel über Ludwig Lasers Keramik.

Für das Video führte uns Ludwig Laser durch seine Werkstatt und erklärte auch die Raku-Technik:

Please accept YouTube cookies to play this video. By accepting you will be accessing content from YouTube, a service provided by an external third party.

YouTube privacy policy

If you accept this notice, your choice will be saved and the page will refresh.


Der Katalog zur Ausstellung:
Wir werden 125!
Peter Zaumseil & Ludwig Laser – Malerei, Grafik & Keramik
76 Seiten farbig, Musum Burg Posterstein 2020 (Preis: 15,00 Euro)

Ausstellung in der gesamten Burg

Die Doppel-Ausstellung zeigt Malerei, Holzschnitte und Grafiken und Keramik, die teilweise speziell dafür geschaffen wurden. Von Anfang an wollten beide die historische Situation in Posterstein einbeziehen. Einige der Werke fügen sich wunderbar in die ständige Ausstellung des Museums ein. Den Großteil sieht man in der Sonderschau im Erdgeschoss der Burg.

Blick in die Ausstellung "Wir werden 125!" mit Keramik, Malerei und Holzschnitten von Ludwig Laser und Peter Zaumseil - bis 15. November 2020 auf Burg Posterstein
Blick in die Ausstellung “Wir werden 125!” mit Keramik, Malerei und Holzschnitten von Ludwig Laser und Peter Zaumseil – bis 15. November 2020 auf Burg Posterstein

Zusätzlich zum Katalog und zur Ausstellung gibt es Grafik und Keramik zum Vorzugspreis. Mit dem Kauf unterstützen Sie die Burg Posterstein:

Holzschnitte „Burg Posterstein“, limitierte Auflage, von Peter Zaumseil zum Vorzugspreis von 65,00 €

Von Ludwig Laser gibt es eine Raku-Kumme (Becher) „Burg Posterstein“, limitierte Stückzahl, zum Vorzugspreis von 24,00 €

Die Ausstellung wird unterstützt durch die Künstler, die Kulturstiftung Thüringen, die Bürgerstiftung Altenburger Land und den Museumsverein Burg Posterstein.

von Marlene Hofmann / Burg Posterstein

Aus dem Staub gemacht – Ein Resümee zur Ausstellung „Zum Wesen des Staubes“

Das “Staubbild 14.12.2018” von Wolfgang Stöcker enthält Stäube des Posterstein, vor allen Dingen Spinnenweben und Erdpartikel, vermalt mit Kalkleimfarbe, Tusche, Bleistift auf Papier. Das Werk konnte für die Sammlung des Museums angekauft werden.

Die außergewöhnliche Kunstausstellung „Zum Wesen des Staubes“ mit Skulpturen und Collagen des Kölner Künstlers Wolfgang Stöcker ging am Sonntag, 18. August, auf Burg Posterstein zu Ende. Insgesamt haben sich 4000 Besucher die Schau angesehen, bevor sie nun wieder „zu Staub zerfällt“, wie gewitzte Kommentare in den sozialen Netzwerken tönten. Wolfgang Stöcker las auf seine unterhaltsame Art aus dem Buch zur Ausstellung. Der Museumsverein Burg Posterstein überraschte mit einem „Staub-Buffet“ mit Sandkuchen, reichlich „Huckelkuchen“ mit Staubzucker, Blütenstaub-Bowle und gefilzten Wollmäusen. Als besonderes Geschenk überreichte der Musiker Matthias von Hintzenstern dem Künstler für seine Sammlung eine kugelförmige Wollmaus aus seinem fast 300 Jahre alten Cello.

Ausstellung regte überregional zu Aktionen und Reaktionen an

Der Kölner Künstler Wolfgang Stöcker gründete 2004 das „Deutsche Staubarchiv“, das inzwischen „Internationales Staubarchiv“ heißt. Mit akribischer Liebe zum Detail sammelt er Staubproben von besonderen Orten. 2017 und 2018 unternahm er „Staubexpeditionen“ auf Burg Posterstein und verarbeitete sie zu hochwertiger und ganz und gar nicht staubiger Kunst.

Einige der zentralen Fragen seines künstlerischen Schaffens spielen direkt auf die Arbeit eines Museums an: Wie lange können wir alte Dinge erhalten, bevor auch sie irgendwann zu Staub zerfallen? Was ist es wert, für spätere Generationen bewahrt zu werden und was gerät für immer in Vergessenheit?

Zur Ausstellungseröffnung gab es eine Staub-Expedition durch die Burg, die bis ins sonst nicht zugängliche Turmstübchen führte. Gunter Auer begleitete die Tour mit seiner Kamera:

Please accept YouTube cookies to play this video. By accepting you will be accessing content from YouTube, a service provided by an external third party.

YouTube privacy policy

If you accept this notice, your choice will be saved and the page will refresh.

Unter dem Titel „In jeder Wollmaus steckt die ganze Welt“ berichtete das renommierte Kunstmagazin Monopol über die ungewöhnliche Ausstellung und auch in der Kölner Heimat des Künstlers fand die Thüringer Schau Beachtung.

Das Kölner Kultur-Kollektiv „Die Herbergsmütter“ stellte mit seiner Social Media-Aktion #kunstputz im Jahr 2015 nicht nur den ersten Kontakt zwischen Museum und Künstler her. Im Zuge der Ausstellung gingen sie in Köln gemeinsam mit Wolfgang Stöcker auf Staubexpedition und lenkten unter dem Schlagwort #Staubrausch die Aufmerksamkeit auf die Postersteiner Ausstellung. Mit Fotos von der Bekämpfung des Staubs in den eigenen vier Wänden nahmen zahlreiche Menschen in den sozialen Netzwerken an der Aktion teil.

Als besonderes Geschenk überreichte der Musiker Matthias von Hintzenstern dem Künstler für seine Sammlung eine kugelförmige Wollmaus aus seinem fast 300 Jahre alten Cello.

Neue Staubproben für das Internationale Staubarchiv

Auch Thüringer Kultureinrichtungen und Künstler fühlten sich dazu inspiriert, Staubproben an das Deutsche Staubarchiv zu schicken. So entnahm beispielsweise das Residenzschloss Altenburg Flusen aus der Trostorgel in der Schlosskirche. Das Programmkino Metropol Gera gab eine Probe mit möglicherweise 100 Jahre altem Kinostaub in die Post. Und auch aus Holland erreichte Wolfgang Stöcker eine Staubprobe: Flusen aus der Mütze des „Museumsbären“ Gustaafje, der mit seinem Besitzer bereits zahlreiche internationale Ausstellungshäuser besuchte. Als Höhepunkt der Finissage überreichte der Musiker Matthias von Hintzenstern aus Kühdorf bei Greiz dem Künstler eine kugelförmige Wollmaus, die sich durch den Luftstrom beim Musizieren im F-Loch seines fast 300 Jahre alten Cellos gebildet hatte, das der Tiroler Instrumentenbauer Michael Platner im Jahr 1735 hergestellt hat.

Dieses Werk mit Proben aus dem Postersteiner Bergfried und lyrischen Texten über das Kehren im Turm hat Wolfgang Stöcker dem Museum Burg Posterstein freundlicherweise geschenkt. Wir danken herzlich!

Am 27. August 2019 erreichte das Museum ein Brief aus Köln, der beschreibt, wie und wo die Stäube aus dem Metropol-Kino und aus der Mütze des Museumsbären ins Staubarchiv eingingen. Der Künstler Wolfgang Stöcker hält fest:

“Aus der Reihenfolge der Archivierung ergeben sich folgende Eigentümlichkeiten:
Die Geraer Probe wurde am 09.07.2019 verschickt (Quersumme: 28 = 10 = 1)
Die Probe des Bären wurde am 13.07.2019 verschickt (Quersumme: 23 = 5)
Somit erreichte uns die Bärenprobe etwas später, wurde aber auf Grund einer Unachtsamkeit des Archivars zuerst archiviert und liegt somit eine Probennummer vor der Geraer Metropolprobe. Daher besitzt die Probe aus Gera eine höhere Archivierungsnummer, wohingegen die Quersumme des Briefstempels (27.09.2019 = 30 = 3) eine niedrigere Zahl im Vergleich zur Quersumme des Briefstempels der Bärenprobe aufweist. Auf die Nummern und Quersummen wirkte offensichtlich eine ausgleichende Kraft ein!”

Das Lesebuch „Zum Wesen des Staubes“ zur Ausstellung ist auch nach der Schau noch im Museum Burg Posterstein erhältlich.

Ein Lesebuch zum Wesen des Staubes

aus dem Inhalt: 

Zur Ausstellung – Die Begegnung mit dem Staub.
Die Dokumentation internationaler Stäube.
Das Wesen des Staubes.
Das Deutsche Staubarchiv Köln Posterstein – Eine Archäologie des Staubes.
Postersteiner Staub im Bericht: Staubexpedition I. (09.08. – 10.08.2017).
Postersteiner Staub im Bericht: Staubexpedition II. (06.04.–08.04.2018).
Die Staubschreine.

Zusammengefasst von Marlene Hofmann

Wie Burg Posterstein zum #Burgstaub kam

Ab Sonntag, 19. Mai 2019 zeigen wir die Ausstellung “Zum Wesen des Staubes: Staubexpeditionen auf Burg Posterstein mit Kunstwerken von Dr. Wolfgang Stöcker aus Köln. Dass der Gründer des Internationalen Staubarchivs auf Burg Posterstein aufmerksam und daraus eine Ausstellung wurde, ist keine Selbstverständlichkeit – sondern wieder einmal unserem tollen Netzwerk auf Twitter zu verdanken. Museumsarbeit lebt von einem aktiven Freundeskreis – vor Ort und im World Wide Web. Den Artikel widmen wir zur internationalen Museumswoche #MuseumWeek folgerichtig auch dem Tagesthema #FriendsMW.

Wolfgang Stöcker mit Staubturm auch #Burgstaub vor Burg Posterstein.

2015 veranstaltete das Kölner „Kollektivs für Kreativitätscoaching und Kulturevents – Herbergsmütter“ die Social Media-Aktion #Kunstputz. Dass das auch in Posterstein ankam, liegt daran, dass die drei „Herbergsmütter“ Anke von Heyl, Ute Vogel und Wibke Ladwig ihr Projekt nicht nur in Köln vor Ort, sondern auch auf Twitter veranstalteten. Sie forderten ihre Community dazu auf, “Staubscout” zu werden und sich auf unterschiedliche Art selbst am #Kunstputz zu beteiligen. Als Museum sprach und diese Aufforderung an: “Wenn Ihr Teil einer Kulturinstitution, Kulturarbeiter oder Künstler seid, könnt Ihr Eure Wollmäuse der Sammlung der weltweit gesammelten Stäube hinzuzufügen.”

Postersteiner Burgstaub gibt es inzwischen auch als Souvenir.

Auf Twitter kamen wir ins Gespräch und das Museum Burg Posterstein, neugierig geworden, sendete eine Staubprobe aus dem Verlies der Burg nach Köln. Wolfgang Stöcker nahm die Probe dankbar in sein umfangreiches Staubarchiv auf. 2017 fuhren Marlene Hofmann und Franziska Engemann vom Museum Burg Posterstein nach Köln und besuchten Wolfgang Stöcker in seinem Atelier. Im Gepäck hatten sie mehrere Postersteiner Staubproben, die seither – vermischt mit Wachs – zu kleinen Skulpturen gewachsen sind.

Ebenfalls von Twitter kennen wir Petra Neumann, deren Wachsspende nun in der Postersteiner Ausstellung verewigt ist.

Die Idee zur Ausstellung “Zum Wesen des Staubes” war geboren. Es folgte ein Aufruf, dem Künstler Wachs – inklusive seiner Geschichte – zu spenden. Auf diese Art gelangte einiges Wachs in Wolfgang Stöckers Atelier nach Köln, das zusammen mit Postersteiner Staub zu “Staubschreinen” gegossen wurde. Eine Wachsspende erreichte Wolfgang Stöcker in einer besonders schönen, handbemalten Tüte, die nun wiederum in der Ausstellung vor Ort zu sehen sein wird.

Wolfgang Stöcker bei der Staubentnahme in der Salon-Ausstellung auf Burg Posterstein

Mitte August 2017 reiste Wolfgang Stöcker schließlich zur ersten Staubexpedition nach Posterstein und fotografierte, dokumentierte und „entnahm“ weitere Staubproben. Die Idee für eine gemeinsame Ausstellung wurde Realität und in einer zweiten Staubexpedition im April 2018 fortgesetzt.

„Staub ist das kleinste gemeinsame Vielfache unserer Kultur. Staub ist ein Demokrat. Er besiedelt Paläste und einfache Hütten. Staub ist zudem vielleicht das einzige wirkliche Kunstwerk. In der Natur kommt Staub nämlich nicht vor. ‚Lästiger‘ Staub ist daher eine wirkliche Kunst- und Kulturerscheinung.“

Wolfgang Stöcker

Mit seiner Sammelleidenschaft wirft Wolfgang Stöcker spannende Fragen auf: Warum sammeln wir das eine und ignorieren das andere? Was ist es wert, für spätere Generationen bewahrt zu werden und was gerät für immer in Vergessenheit? Wie lange können wir alte Dinge erhalten, bevor auch sie irgendwann zu Staub zerfallen?

“Das Wesen des Staubes” ist eine Ausstellung, die ohne Twitter und die Menschen dahinter, mit denen wir teilweise schon viele Jahre in Kontakt stehen, vermutlich nicht stattgefunden hätte. Damit sich der Kreis von Posterstein nach Köln wieder schließt, erstellte Wibke Ladwig von den Herbergsmüttern für die Ausstellung ein Portrait Wolfgang Stöckers:

Please accept YouTube cookies to play this video. By accepting you will be accessing content from YouTube, a service provided by an external third party.

YouTube privacy policy

If you accept this notice, your choice will be saved and the page will refresh.

Portrait von Wolfgang Stöcker – erstellt von Wibke Ladwig

In seinem Gast-Blogpost erklärt Wolfgang Stöcker seine Philosophie des Staubes.

#SecretsMW: “Täglich durchlebt der Mensch die tragische Illusion des staubfreien Moments”

Der Kölner Künstler Dr. Wolfgang Stöcker ging 2017 und 2018 in der Burg Posterstein auf “Staubexpedition”. Seine Fundstücke dokumentierte er sorgfältig und goss sie anschließend in turm- und hausartige Wachsobjekte ein, vermalte sie und archivierte sie in Folien. Das Museum Burg Posterstein will diesen geheimnisvollen, normalerweise verborgenen Mikrokosmos der Burg ab 19. Mai 2019 in der Ausstellung und dem zugehörigen Buch “Zum Wesen des Staubes: Staubexpeditionen auf Burg Posterstein” sichtbar machen. Zum heutigen Thema #secretsMW der internationalen Museumswoche #MuseumWeek beschreibt Dr. Wolfgang Stöcker seine “Philosophie des Staubs”:

“Salonstaub” aus den Räumen des Museums Burg Posterstein | (c) Wolfgang Stöcker

Staub ist ein grundsätzliches Material. Der interessante Stoff bedeutet Anfang und Ende. Zu Beginn war alles loser Sternenstaub, dann geschah eine Verdichtung hin zu mannigfachen Formen, die seither ständig entstehen und wieder zu Staub zerfallen. Somit ist die Beschäftigung mit Staub ein ständiges Betrachten dieses Kreislaufs, wobei die Dokumentation von Staub an kulturell bedeutenden Orten zugleich Fragen aufwirft: Was wird aufbewahrt und dem Staub (dem Verfall) entzogen? Was wird dem Verfall preisgegeben? In diesem Zusammenhang sind schließlich drei weitere Aspekte wichtig: Wer beurteilt den Wert einer Sache? Wie lange ist ein Aufbewahren überhaupt möglich und was bedeutet es für eine Gesellschaft letztlich dem Aufbewahren beizuwohnen, sprich: Museen zu besuchen, Historisches zu bestaunen, Archive zu pflegen?

An diesen Schnittstellen agiert das Internationale Staubarchiv (Anfang 2019 erfolgte die Umbenennung von Deutsches Staubarchiv in Internationales Staubarchiv) und entwickelt im Grenzbereich zwischen Kunst und Geschichtswissenschaft Bilder, Texte, Plastiken, untersucht Bauwerke, vermisst den Staub an seinen Entstehungsorten. Zur Zeit befinden sich rund 600 Proben aus aller Welt im Archiv. 

Das von Besuchern auf Burg Posterstein verlorene grüne Bonbonpapier dokumentierte Wolfgang Stöcker auf seiner Staubexpedition sorgfältig.

Im Staub ist alles enthalten. Er bildet das Biotop für neues Beginnen und ist ein Übergangsmaterial voller Kraft und Potenz. Doch sind die Freunde des Staubes begrenzt. Er wird als störend empfunden. Seine versteckt durchaus bestehende Schönheit wird nicht oft gewürdigt. Tatsächlich ist es auch eine eher morbide Schönheit. Übertreiben darf man die Verehrung keinesfalls und ein guter Besen ist nicht verkehrt. Über den Besen hinaus sind allerhand Geräte zur Entfernung des Staubes im Umlauf und jene temporär aus dem fruchtbaren Urstaub (oder Urschlamm) geschaffenen Gebilde müssen ständig gekehrt werden, damit sie der Staub nicht verfrüht zurück in sein Reich holt. Und obwohl jedes Ding letztlich Staub ist, ist es für eine gewisse Zeit eben nicht Staub, sondern dieses oder jenes Ding, gar eine lebende Kreatur. Im Moment der Entstehung entfernt sich etwas vom staubhaften Grundzustand und nimmt ein Wesen an. Es wäre Frevel diese Anstrengung hinfort vom Staub nicht zu respektieren. Also Kehren!

Entstauben bedeutet Wertschätzung – in Museen, wie hier in der Ausstellung zur europäischen Salongeschichte im Museum Burg Posterstein, sei das besonders spürbar, sagt Wolfgang Stöcker.

Kehren ist eine Kulturtechnik, Kehren ist wortwörtlich die bewusste Abkehr vom Staub, ein Aufbäumen gegen diesen lästigen Gesellen der auf lange Sicht hin zwar Sieger sein wird, jedoch kurz- und mittelfristig durchaus bekämpft werden kann. Vor diesem Hintergrund erwächst die Faszination gegenüber „dem Alten“, gegenüber Kunstwerken oder ähnlichen Gegenständen. Aus ihnen spricht  die Übereinkunft der Generationen diesen oder jenen Gegenstand zu erhalten. Die Mühe der Pflege ist eine Art kultureller Klebstoff, eine Brücke zwischen dem Gestern, dem Heute und einem Morgen. An manchen Orten ist die Sorge um den Erhalt geradezu fühlbar. Kunst- und Kulturgüter stehen im Spannungsfeld des Putzens. Die starke Präsenz des potentiell immer drohenden Verfalls macht die gesäuberten Zeugnisse unserer Kultur erst wertvoll. Im Gegenzug heißt dies ganz deutlich: Staub liefert dem Menschen eine starke Rechtfertigung zur Errichtung von Zivilisation. Zivilisation bedeutet Kehren! Die Schöpfungsmythen kennen den Zustand des Nichts. Aus der Ödnis gehen die Dinge plötzlich hervor. Sind sie aber erst einmal erschienen, bleiben sie nicht automatisch sauber. Ist die Schöpfung vollzogen, muss der Besen folgen. Schon Tiere sind nicht in der Lage verschmutzt zu existieren. Sogar einige Pflanzen entwickelten Strategien die Oberflächen ihrer Blätter frei von Staub zu halten. Alle Kreaturen putzen. Der Mensch verwendet einen Großteil seiner Lebenszeit auf diese Tätigkeit. Kultur bedeutet im ursprünglichen Sinn Pflege: Pflege des Bodens (agricultura) und schließlich Körperpflege (der Kulturbeutel). Architektur, Kleidung, Möbel, Gefäße, all dies sind Vorrichtungen die neben vielen anderen Funktionen vor allem die Abwehr des Staubes garantieren. Leider sind diese Staubbarrieren zugleich neue Quellen des Staubes. Wohnen erzeugt Staub. Der Ruß des Kamins, der Küchendreck, Haare und Haut, Schuppen, Läuse, Milben, Wanzen und Wolle und Flusen! Zivilisation ist ein ständiges Dilemma. Täglich durchlebt der Mensch die tragische Illusion des staubfreien Moments.

Das Staubarchiv hat sich in diesem Widerspruch eingenistet und lotet die Möglichkeiten zwischen pflegender Kultur und drohendem Verfall neu aus. Es ist der Versuch dem Staub nicht feindlich zu begegnen. Mittels Katalogisieren und Archivieren des Staubes entsteht eine Wertschätzung gegenüber dem ansonsten nur lästigen Material. Eine Fluse mit Archivnummer und Datum ihrer Auffindung, Staub in Vitrinen und hinter Glas gerahmt, ist kein normaler Staub mehr. Für die nun kommende Ausstellung in Posterstein wurden Partikel der Burg sogar als Malmittel benutzt. Die „Postersteiner Staubportraits“ zeigen die mögliche Schönheit des Staubes. Eigenartig genug, kann Staub plötzlich selbst zur pflegebedürftigen Materie werden, wenn Strategien der Inszenierung und Überhöhung auf ihn angewendet werden. 

von Wolfgang Stöcker

Köln, 05.Mai, Wetter sehr kalt, bewölkt, 9.27 Uhr

Die Ausstellung “Zum Wesen des Staubes: Staubexpeditionen auf Burg Posterstein mit Woflgang Stöcker, Köln” ist von 19. Mai bis 18. August 2019 im Museum Burg Posterstein zu sehen. Als Gründer des „Deutschen Staubarchivs“ in Köln sammelt und archiviert Dr. Wolfgang Stöcker Staubproben von bedeutsamen Orten und setzt sie künstlerisch-überhöht in neue Zusammenhänge. 2017 und 2018 ging er auf Staubexpedition in der Burg Posterstein. Seine Fundstücke dokumentierte er sorgfältig und goss sie anschließend in turm- und hausartige Wachsobjekte ein, vermalte sie und archivierte sie in Folien. Die Ausstellung und das zugehörige Buch wollen den sonst unbeachteten Mikrokosmos des „Burgstaubs“ sichtbar machen.

Die Ausstellung “Versteckte Orte”: Romy @sosfernweh im Portrait

Schloss Wolfsbrunn – fotografiert von Romy @sosfernweh für die Ausstellung “Versteckte Orte”

Nur noch bis 12. Mai 2019 ist die Ausstellung “Versteckte Orte: Instagramer auf #Schlössersafari in Mitteldeutschland” auf Burg Posterstein zu sehen. 7 Instagramer zeigen in 49 Bildern Schlösser und Burgen ihrer Region. Über den Instagram-Hashtag #Schlössersafari hat jeder die Möglichkeit, der Ausstellung eigene Bilder hinzuzufügen. Am 12. Mai, ab 16 Uhr, fassen wir gemeinsam mit den Ausstellenden das Projekt zusammen. Schon jetzt steht fest, dass die Idee #Schlössersafari weiterleben wird. In welcher Form soll am letzten Tag der Ausstellung gemeinsam – auch mit dem Publikum – entschieden werden. An der Postersteiner Ausstellung beteiligt sind Cindy Hiller (auf Instagram zu finden unter @chillerunterwegs), Sandro Deus (@fineartinsilver), Frank Burchert (@franksfotografie), Simone Stahn (@silentfotografie_simone), Romy (@sosfernweh), Patrick Weidenmueller (@vogtland_prinz) und Manja Reinhardt (@vogtlandzauber). In diesem Portrait steht Romy im Mittelpunkt. Im Internet findet man sie als @sosfernweh auf Instagram, auf Facebook und in ihrem Blog.

Dies ist der achte Teil unserer Blogpost-Reihe zur #Schlössersafari. Hier geht’s zum Überblick (Teil 1).

Beim Fotografieren ist Romy der Blick fürs Detail wichtig.

Romy ist in ihrer Freizeit gern mit ihrer Kamera unterwegs. Ihr Interesse gilt dem auf den ersten Blick unscheinbaren Details, den Schönheiten am Wegesrand, die beim schnellen Vorbeigehen oft übersehen werden. Auf ihrem Foto-Blog teilt sie Bilder und Gedanken auf Englisch. Für die Ausstellung “Versteckte Orte” wählte sie unter anderem versteckte Blickwinkel auf Blumen und Raumstrukturen in Schlössern und Burgen. Im Interview erzählt sie von ihrem Hobby.

Warum fotografierst du?

Alles entstand aus dem eigenen Überlebenswillen heraus und weil ich Menschen mit meinen Bildern erreichen möchte. Ich möchte sie zum Hinsehen bewegen, denn es gibt so vieles, was wir im Alltag nicht mehr wahrnehmen.

Blick in die Ausstellung “Versteckte Orte” mit Fotos von Romy @sosfernweh

Wie fotografierst du?

Mit meiner Canon EOS M 100. Halte ich sie in Händen, werden wir zu einem Team.

Welche Motive interessieren dich?

Alles kann Motiv sein – ob mit dem Auge wahrgenommen oder später mit dem Objektiv. Es ist alles interessant und schön.

Romys Bilder in der Ausstellung “Versteckte Orte” auf Burg Posterstein

Warum teilst du deine Bilder auf Instagram?

Um viele Menschen auf der ganzen Welt erreichen zu können und zu triggern.

Welches ist dein interessantestes Instagram-Erlebnis?

Wie auch auf vielen meiner Fototouren öffnen mir Menschen ihr Herz. So auch auf Instagram und das ist immer wieder sehr bewegend.

Welchen Einfluss hat Instagram auf dich und deine Bilder?

Keinen. Ich fotografiere was ich möchte ohne auf eine Plattform oder Zielgruppe zu schauen.

Für die Ausstellung “Versteckte Orte” hat Romy folgende Schlösser ausgesucht:

Burg Kriebstein
Burg Posterstein
Schloss Rochlitz
Leuchtenburg
Schloss Wolfsbrunn
Schloss Blankenhain
Burg Stein

Fragiles Europa – Pernille Egeskovs Kunstwerk “Europa” als Beitrag zu #SalonEuropa

Zur #MuseumWeek im April 2018 auf Twitter stellten wir zum ersten Mal unser Projekt #SalonEuropa vor. Schon damals erhielten die ersten Antworten auf die Frage “Was bedeutet Europa für mich…?” via Twitter. Darunter auch die von Merete Sanderhoff, Kurator am Statens Museum for Kunst in Kopenhagen. Sie schrieb: “My statement is an interview with the artist Pernille Egeskov whose recent exhibition deals with the Cracks & Crevices in Europe – leading to dissolution or a new beginning?” Ihr Beitrag zu #SalonEuropa war der Hinweis auf eine Kunstausstellung in Kopenhagen, wo unter anderem die Künstlerin Pernille Egeskov ihr neues Werk “Europa” ausstellte (Hier geht es zum ganzen Interview auf Englisch).

“Europa” von Pernille Egeskov

Das Werk “Europa” besteht aus 28 langen Bahnen dünnem Skizzenpapier, die von zwei Holzklammern zusammengehalten werden. Auf jede Schicht des durchscheinenden Papiers hat die Künstlerin mit Bleistift in geschwungener Schreibschrift das Wort “Europa” geschrieben. Übereinander gelegt, beginnen die Lettern zu verschwimmen und ergeben etwas Neues. Aber was ist Europa eigentlich? Klar ist, dass es ein fragiles Gebilde ist.

Pernille Egeskov: Europa, 28 Schichten Skizzenpapier in verschiedenen Längen, Bleistift, Holzklammern, variable Breite, 2018. Foto: Isak Hoffmeyer
Pernille Egeskov: Europa, 28 Schichten Skizzenpapier in verschiedenen Längen, Bleistift, Holzklammern, variable Breite, 2018. Foto: Isak Hoffmeyer.

Merete Sanderhoff hatte Pernille Egeskov für einen Blogbeitrag interviewt, eine wunderbare Referenz zu unserem Thema. Im Interview wie im Kunstwerk geht es nämlich genau wie im Projekt #SalonEuropa vor Ort und digital um ein persönliches Verständnis von Europa und welche Rolle Europa für uns Europäer spielt. Pernille Egeskov antwortete auf eine der Fragen: “For various reasons we are shaken, and this forces us to adopt new attitudes to where Europe stands, and where we stand as Europeans.” Während uns Europäer viele Dinge zusammenschweißen, sind die Kräfte, die uns auseinandertreiben, unübersehbar – wie Risse auf einer früher glatten Oberfläche. Die aktuelle Entwicklung sei eine Öffnung in eine neue Richtung, aber in welche, sei noch unklar, erklärt Pernille Egeskov im Interview.

“Europa” in Posterstein

Nachdem ich das Interview gelesen hatte, schrieb ich Pernille Egeskov eine E-Mail und fragte sie, ob sie nicht für unser Projekt #SalonEuropa ihre Meinung zu Europa mit uns teilen wolle. Ich dachte an ein paar Zeilen Text, aber Pernille Egeskov schlug vor, das ganze Kunstwerk “Europa” als ihre Antwort auf die Frage im Museum Burg Posterstein zu zeigen. Die Idee gefiel uns gut, schließlich vereinte die Ausstellung Meinungsäußerungen in Form von Text, Foto und Video. Warum nicht auch als Kunstwerk?

Die Ausstellung #SalonEuropa vor Ort und digital versammelte Meinungsäußerungen von Menschen aus 15 Ländern zu Europa in Form von Text- und Videobeiträgen - und als Kunstwerk von Pernille Egeskov, Dänemark
Die Ausstellung #SalonEuropa vor Ort und digital versammelte Meinungsäußerungen von Menschen aus 15 Ländern zu Europa in Form von Text- und Videobeiträgen – und als Kunstwerk von Pernille Egeskov, Dänemark.

Pernille Egeskov, geboren 1970, studierte Kostümdesign an Det Kongelige Danske Kunstakademis Skole for Design und ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt.

Ihre Ausstellung Cracks & Crevices ist als nächstes vom 22. März bis 21. April 2019 in Haus8 in Kiel zu sehen.

Von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

#SalonEuropa im Hier und Jetzt: Die Künstlerin Marta Pabian im Portrait

Marta Pabians Installationen aus Draht und ihre Gemälde und Fotografiken in der Postersteinr Ausstellung.
Marta Pabians Installationen aus Draht und ihre Gemälde und Fotografiken in der Postersteinr Ausstellung.

„Europa im Hier und Jetzt: Schloss Tannenfeld – Inspiration und Wirklichkeit“ ist ein Kunstprojekt, das noch bis 9. September 2018 im Museum Burg Posterstein zu sehen ist. Vier Künstlerinnen aus Deutschland, Frankreich und Polen treten zusammen in Dialog über den #SalonEuropa. Fotografie, Installation und Malerei schlagen den Bogen vom Musenhof der Herzogin von Kurland, wo der europäische Gedanke aktive gelebt wurde, bis hin zum Europa im Hier und Heute.

Unser viertes und letztes Porträt widmet sich – last but not least – der polnischen Künstlerin Marta Pabian. Ihr Thema: Der Mensch. Ihre Arbeit: beeindruckend vielfältig. Installation, Malerei, Druck und Fotografie reichen sich in ihren Werken die Hand, um die Individualität jedes Einzelnen ans Tageslicht zu bringen.

Marta Pabian – Die Einzigartigkeit eines jeden Menschen

Marta Pabian besuchte von 1990 bis 1995 die Kunstoberschule in Kielce und war in der Abteilung Kunstweben tätig. Im Anschluss nahm sie ein Studium an der Akademie der bildenden Künste in Wrocław auf und wandte sich der Malerei und Bildhauerei, später auch dem Bühnenbild zu. Seit 2014 arbeitet sie an ihrer Promotion an der Jan Kochanowski Universität in Kielce im Institut der bildenden Künste, wo sie auch im Fach Modedesign unterrichtet. Ihre Doktorarbeit konnte sie 2018 erfolgreich verteidigen. Ihre vielseitigen Werke zeigte sie bereits in Ausstellungen in Łódz, Toruń, Kielce und Kraków, sowie in Gera und Berlin.

Die polnische Künstlerin Marta Pabian beschäftigt sich künstlerisch mit dem Ich in der Gesellschaft.
Die polnische Künstlerin Marta Pabian beschäftigt sich künstlerisch mit dem Ich in der Gesellschaft.

Über ihre Arbeiten sagt die Künstlerin selbst:

„Ich beschäftige mich mit dem Thema Mensch, seiner Gestalt, seinem Umfeld und der daraus resultierenden Atmosphäre, den Emotionen und Relationen. Im Mittelpunkt meines künstlerischen Schaffens steht der Mensch als Wesen in Bezug auf die Gesellschaft der Gegenwart, hier und jetzt. Er ist beeinflusst von den Gedanken seines Umfeldes und seinen eigenen, bezogen auf die Akzeptanz seiner Entscheidungen und der daraus resultierenden Verantwortung für seine Taten. Sein Dasein ist eine Art der Identifikation und unterstreicht seine Identität.“

Grundlage der 2018 entstanden Werke, die in der Sonderschau #SalonEuropa im Museum Burg Posterstein gezeigt werden, ist eine Installation aus Draht. Bei genauer Betrachtung schälen sich mit der Zeit aus dem Netz feiner Drahtseile menschliche Körper heraus. Nicht nur einer, sondern viele – verbunden durch Strukturen der Linien.

Diese Drahtinstallation dient der Künstlerin schließlich als Quelle der Interpretation. In einer beeindruckenden Mischtechnik, in der unter anderen Fotografie, Siebdruck und Malerei Verwendung finden, schlüsselt sie die verschiedenen Gestalten im Einzelnen auf. Sie zeigt dem Betrachter die Vielfalt der Körper, die sich in einem Werk vereinen, doch gleichzeitig so unterschiedlich und individuell darstellen. Als Werkstoffe dienen Marta Pabian dabei Papier, Leinwand und sogar Glas.

Marta Pabians Werke werfen Fragen zum Individuum in der Gesellschaft auf.
Marta Pabians Werke werfen Fragen zum Individuum in der Gesellschaft auf.

Im übertragenen Sinne bildet die Künstlerin die heutige Gesellschaft in ihren Arbeiten ab. EIN Drahtgeflecht, EINE Einheit und doch verbirgt sich hinter dem Wirrwarr aus Formen und Strukturen das Individuum, der einzelne Mensch. Keine der Figuren, die sich hinter den zahlreichen Linien verbergen, ist einer anderen gleich. Jede scheint in den Bildern ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Pabian selbst beschreibt ihre Intension wie folgt:

„ICH, oder WIR? Wieviel ICH wird eingebracht damit WIR als Gesellschaft davon profitieren? Die Grenzen zu zeichnen, die Vergrößerung eigener Emanation, deformieren bekannter anatomischer und biologischer Formen. Die geschaffene Linie baut neue Qualitäten. Priorität hat dabei die Selbstfindung der eigenen Identität, der Mut sich selbst zu manifestieren und zu glauben, dass der Dialog mit sich selbst ein ehrlicher ist.“

Im Museum Burg Posterstein bereiteten wir gerade die interaktive Ausstellung #SalonEuropa vor Ort und digital vor, in der wir einen gesellschaftlichen Diskurs und ein Nachdenken über Europa anregen wollen. Marta Pabian hat ihre Gedanken über Europa mit uns geteilt:

Marta Pabian – Europa bedeutet für mich …?

„Ich sehe aktuell, dass Europa in Bezug auf Einheit, gemeinsame Interessen und Werte im Konflikt mit Personen, die in Gruppierungen, Vereinen und Institutionen tätig sind und eigene Rechte durchsetzen wollen, steht. Die jetzige so genannte Toleranz, welche ein Gefühl der Freiheit geben soll, versteht sich wie eine Hülle, die vor Eingriffen der angenommenen Rolle schützen soll. Die entstehende Angst äußert sich in Isolierung und Trennung von Werten, so wie es jetzt in Polen passiert. Wenn man sich voll akzeptiert und seine Schwächen sieht, kann man das demaskieren, was uns bei anderen stört.“

Was bedeutet Europa für Sie? Teilen Sie hier ihre Meinung mit uns.

Zusammengefasst von Franziska Engemann / Museum Burg Posterstein

Zum Weiterlesen:

Die Ausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt

#SalonEuropa im Hier und Jetzt: Die Künstlerin Jana Borath im Portrait

#SalonEuropa im Hier und Jetzt: Die Künstlerin Verok Gnos im Portrait

#SalonEuropa im Hier und Jetzt: Die Künstlerin Petra Herrmann im Portrait

Please accept YouTube cookies to play this video. By accepting you will be accessing content from YouTube, a service provided by an external third party.

YouTube privacy policy

If you accept this notice, your choice will be saved and the page will refresh.

#SalonEuropa im Hier und Jetzt: Die Künstlerin Petra Herrmann im Portrait

Petra Herrmanns fragiler, schwebender Tisch symbolisiert Europa.
Petra Herrmanns fragiler, schwebender Tisch symbolisiert Europa.

Bis 9. September 2018 zeigt das Museum Burg Posterstein die erste Sonderschau zur Themenreihe #SalonEuropa. Vier Künstlerinnen aus Deutschland, Frankreich und Polen realisieren ein gemeinsames Kunstprojekt. Anlass sind die bevorstehenden Veränderungen für die Parkanlage und das Schloss Tannenfeld. Mit ihrem Projekt verweisen die Künstlerinnen auf den europäischen Gedanken, der an diesem Ort unter Anna Dorothea von Kurland gelebt wurde und bringen ihre jetzige Sichtweise zum Thema Europa zum Ausdruck.

Im Künstlerporträt stellen wir dieses Mal Petra Herrmann vor. Die Installations-Künstlerin aus Kratschütz kann ohne Umschweife als die „treibende Kraft“ hinter der Ausstellung „#SalonEuropa im Hier und Jetzt: Schloss Tannenfeld – Inspiration und Wirklichkeit“ bezeichnet werden. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Jana Borath entwickelte sie die Idee, Schloss Tannenfeld und dem Europäischen Gedanken, der dort einst gelebt wurde, in ihre Kunst einzubeziehen und ihm eine Sonderschau zu widmen.

Petra Herrmann – „Europa zu Tisch“

Petra Herrmann wurde 1957 in Berlin geboren. Bereits 1986 kam sie als freischaffende Künstlerin nach Thüringen. Ab 1988 folgten erste Einzelausstellungen und Performances. 1994 wurde sie Mitglied der GEDOK Leipzig/Sachsen und war zeitweise auch im dortigen Vorstand tätig.
In ihrer Kunst setzt sich Petra Herrmann mit dem Matriarchat, feministischer Theologie, Religionen und Körpern auseinander. Ihre teilweise preisgekrönten Arbeiten präsentierte sie bereits in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland.

Petra Herrmann ist freischaffende Künstlerin in Thüringen.
Petra Herrmann ist freischaffende Künstlerin in Thüringen.

Für die Ausstellung „#SalonEuropa im Hier und Jetzt“ fertigte Herrmann eine fragile, leichte und doch so bedrückende Installation an, die aktueller kaum sein könnte. Im Raum schwebt ein imaginärer Tisch aus Zeitungspapier, der in seinen Umrissen keine abgeschlossene, sondern eine eher bizarre, offene, ja zerrissene Form darstellt. Zeitungen aus Polen, Frankreich, Deutschland und anderen EU-Ländern sind lesbar verwendet.

Das Fragile des Tisches ist bestimmend und zeigt die Unsicherheit, die Ängste vor dem sich zeigenden Rechtsruck in einigen europäischen Ländern, zeigt die Gratwanderung, die von allen erwartet wird. – Ein Drahtseilakt zwischen Diplomatie und bestimmender Konsequenz.

Petra Herrmanns Installation "Europa zu Tisch" schwebt im Raum.
Petra Herrmanns Installation “Europa zu Tisch” schwebt im Raum.

Dazu kommen Fotos, die in drei Formaten von der Künstlerin auf dem Tisch platziert wurden – Fotos, die „boatspeople“ – Flüchtlinge aus Syrien – zeigen. Die Fotos, die im Ursprung eine klare Aussage hatten, sind verfremdet, sodass Konturen unklar werden und die Herkunft nicht definierbar. Petra Herrmann zeigt sie als Ausdruck für die Manipulation, die wir über die Medien erfahren, in der Aussage als ein Ausschnitt von Wirklichkeit betrachtet werden muss.
In Herrmanns Installation geht es um Fluchten, die meist mit ungeeigneten, zudem überladenen Booten unternommen werden. Die Ursachen von Bootsflucht reichen heute, wie bei jeder Flucht, von individueller Verfolgung – die eine Person im rechtlichen Sinne als Flüchtling qualifiziert – über allgemeine Unsicherheit und bewaffnete Konflikte bis hin zur Suche nach besseren Lebensbedingungen.

Es ist Aufgabe der EU- und anderer Staaten, solche Fluchtursachen zu bekämpfen – für jeden gäbe es Platz an diesem Tisch, der fragileraber wohl nicht sein kann. Genauso fragil wie jedes einzelne der Fluchtboote, die seit Jahren über das Mittelmeer an europäischen Stränden anlegen wollen. Voll- und überladen mit Menschen aus Syrien, vom afrikanischen Kontinent und aus Nahost. Menschen, die vor Krieg, Tod, bewaffneten Konflikten, Hunger, wirtschaftlicher Not und bitteren Lebensbedingungen flüchten. Menschen, die versuchen sich zu retten – auch vor den Folgen des europäischen Wohlstandsappetites.

Kommt Europa noch an einen Tisch und haben Flüchtlinge dort einen Platz? Solche Fragen wirft die Installation Petra Herrmanns auf.
Kommt Europa noch an einen Tisch und haben Flüchtlinge dort einen Platz? Solche Fragen wirft die Installation Petra Herrmanns auf.

Mit ihrer Installation legt Petra Herrmann den Finger in eine Wunde Europas, die spätestens seit 2015 weit klafft. Als Flüchtlingskrise wird jenes Phänomen diagnostiziert, welches europäische Länder, Bevölkerungen, Familien und Freundschaften spaltet und strapaziert, Gewalt hervorruft und Rechtspopulisten die politische Bühne erobern lässt. Doch Flüchtlinge sind Menschen, keine Krise, so Herrmann. Das definieren die Grundlagen unseres heutigen europäischen Weltbildes. Es zählen sowohl der Wert des einzelnen als auch der aller Menschen. In der Krise befindet sich indes der Umgang Europas mit globalen Problemen wie Hunger, Krieg, bewaffnete Konflikte und Naturkatastrophen, die die wohlstandsorientierte Staatenvereinigung zum nicht geringen Teil mit verursacht. Durch aggressiven Kapitalismus, ausgelagerte Umweltprobleme, durch florierende Waffengeschäfte in Länder mit Krisenherden. Hinzu kommt die Krise Europas, die Notwendigkeit seine internen Probleme zu lösen.

Im Museum Burg Posterstein bereiteten wir gerade die interaktive Ausstellung #SalonEuropa vor Ort und digital vor, in der wir einen gesellschaftlichen Diskurs und ein Nachdenken über Europa anregen wollen. Petra Herrmann hat ihre Gedanken über Europa mit uns geteilt:

Petra Herrmann – Europa bedeutet für mich …?

„Die Schere innerhalb und zwischen Europa und angrenzenden Ländern bis hin nach Afrika ist unübersehbar, ebenso die Diskrepanzen. Wir als Europäer, die auf dem Rücken aller ihren Wohlstand ausbauen, in aller Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass ein Kleidungsstück natürlich von Frauen in Indien hergestellt wurde, hier Schuhe – egal welcher Marke – unter martialischen Bedingungen gegerbt und gefärbt werden. Dass ein Konzern in afrikanischen Staaten sich bereichert und Entwicklungshilfegelder von ebendiesen vergeudet werden und die Menschen dort nicht erreichen. Niemand kann es einem Menschen verdenken, dass er solches Unrecht nicht mehr ertragen möchte, sein Leben aufs Spiel setzt, die Ausweglosigkeit in sein Gesicht gemeißelt.“

Was bedeutet Europa für Sie? Teilen Sie hier ihre Meinung mit uns.

Zusammengefasst von Franziska Engemann / Museum Burg Posterstein

Zum Weiterlesen:

Die Ausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt

#SalonEuropa im Hier und Jetzt: Die Künstlerin Jana Borath im Portrait

#SalonEuropa im Hier und Jetzt: Die Künstlerin Verok Gnos im Portrait

Please accept YouTube cookies to play this video. By accepting you will be accessing content from YouTube, a service provided by an external third party.

YouTube privacy policy

If you accept this notice, your choice will be saved and the page will refresh.

#SalonEuropa im Hier und Jetzt: Die Künstlerin Jana Borath im Portrait

Schloss Tannenfeld steht seit vielen Jahren leer
Schloss Tannenfeld steht seit vielen Jahren leer

Wir vom Museum Burg Posterstein widmen 2018 gleich zwei Ausstellungen dem Motto #SalonEuropa. Bis 9. September 2018 ist die Kunstausstellung „Schloss Tannenfeld – Inspiration und Wirklichkeit“ im Museum Burg Posterstein zu sehen. Anlass sind die bevorstehenden Veränderungen, die für Parkanlage und Schloss Tannenfeld ab Sommer 2018 anstehen. Die Idee dazu kam von zwei Künstlerinnen aus Thüringen, die eine Künstlerin aus Polen und eine Künstlerin aus Frankreich mit ins Boot holten. Zu sehen sind Bilder, Fotos, eine Installation im Raum und eine dreidimensionale Installation. In diesem Blogpost – Teil 2 einer Reihe – möchten wir die Fotografin Jana Borath vorstellen. Hier geht es zu Teil 1.

Steht Schloss Tannenfeld bald nicht mehr leer?

Der idyllische Ort Tannenfeld nahe Löbichau – einst von Anna Dorothea von Kurland beseelt – bekommt nach Jahren des Stillstandes neue Nutzung und neue Bewohner. Die Besitzverhältnisse haben sich geändert: Das Ensemble ist aus dem Eigentum des Landkreises Altenburger Land in Privathand übergegangen. Jana Borath nahm diese Veränderungen zum Anlass, den stillen Ort Tannenfeld zu dokumentieren.

Jana Borath dokumentierte ein Jahr lang Schloss und Park Tannenfeld.
Jana Borath dokumentierte ein Jahr lang Schloss und Park Tannenfeld.

Jana Borath – Fotografien eines verlorenen Ortes?

Jana Borath wurde 1970 in Gera geboren und lebt seit 2007 in Schmölln. Seit 1992 ist sie als Journalistin für die Ostthüringer Zeitung tätig und im Altenburger Land unterwegs. Ihre Leidenschaft gilt der Fotografie und dem Reisen fernab touristischer Pfade. Ihre Fotos dokumentieren zum einen die Schönheit und verblichene Eleganz des weitläufigen Parks Tannenfeld. Zu jeder Jahreszeit lädt er zum Verweilen ein, spendet Ruhe und schenkt Augenblicke der Stille und des Innehaltens. Zum anderen richten sie den Blick auf den Verfall, dem vor allem das Schloss Tannenfeld in jüngster Vergangenheit preisgegeben wurde.

Im 19. Jahrhundert gaben sich hier auf Einladung von Anna Dorothea von Kurland Politiker, Künstler, Dichter und damalige Akteure des politischen Europas die Klinke in die Hand. Ihr Leben, ihr Agieren, ihre Offenheit wirken bis heute nach. Auch in Tannenfeld. Der Park, das Schloss animieren, sich mit dem Tun ihrer einstigen Besitzer, Besucher und Gäste näher zu beschäftigen. Ein verlorener Platz? Nur auf den ersten Blick. Eher ein geheimer Ort, der mehr Achtsamkeit verdient, als er in den vergangenen Jahren erfuhr.

Besucherin in der Ausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt.
Besucherin in der Ausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt.

Lost Places: Tannenfeld zwischen Vergessen und Hoffnung – ein fotografischer Kurzbesuch

Jana Borath beschreibt Tannenfeld mit Schloss, Villen und Park selbst als ihren Lieblingsort im Altenburger Land.

„Auch, weil er für all das steht, was Europa so wertvoll macht für seine Bewohner und was heute bedrohter scheint als je zuvor. Der einstige Musenhof war ein Podium für offenes Denken und Reisen, für das Kennen- und Verstehenlernen über Grenzen hinweg. Seine Bewohner und ihre Gäste galten als weltoffen, modern und fortschrittlich. Vor 200 Jahren, unter Regie der Herzogin von Kurland, waren hier Austausch von Kunst, Literatur, Gedanken, Ideen und Meinungen so normal, wie Toleranz und Akzeptanz. Bis vor wenigen Jahren war Tannenfeld zudem ein Ort, der Menschen ausruhen und genesen ließ, der Schutz bot und Geborgenheit, an dem geholfen wurde, gepflegt, getröstet und wieder aufgerichtet. Selbst verlassen war und ist Tannenfeld ein Ort, der Ruhe und Erholung spendet, der Alltag und Stress aussperrt für einen langen Moment, um Harmonie und klares Denken zu schenken.“ (Jana Borath, Europa im Hier und Jetzt. Ein Kunstprojekt, S. 6)

Doch Tannenfeld steht auch für das Vergessen, für das Brutale und das Respektlose. Besonders das Schloss trägt deutlich sichtbare Spuren von Verfall, Einbruch und das auf Funktion beschränkte Denken seiner Besitzer in jüngerer Zeit.

„Einbruchsspuren an Türen und Möbeln. Billige Bad-Armaturen brechen wertvollen Marmor. Zerschlagene Ornamente. Ein Art-Déco-Brunnen als Aschenbecher. Moos im Waschbecken. Vernagelte Fenster. Ein Spaten als Türsicherung. Schmutzige Krankenwäsche im Schrank, die niemand mitnehmen wollte beim Auszug.“ (Jana Borath)

Augenblick der Vergänglichkeit, (c) Jana Borath, 2017
Augenblick der Vergänglichkeit, (c) Jana Borath, 2017

Trotzdem birgt dieser verlassen anmutende Ort Schönheit und neue Hoffnung für die Fotografin:

„Eine Motte breitet an der Quelle ihres Todes ein letztes Mal ihre Flügelchen aus. Ehe sie verglüht, wird sie zum Engel. Durch Löcher in dünnen Holzplatten, mit denen die Fenster vernagelt wurden, dringt fingerbreit Tageslicht und verwandelt die billigen Gardinen drinnen in feurige Mäntel, die sacht im einst prachtvollen Saal schwingen.“ (Jana Borath)

All diese Momente hält sie mit ihrer Kamera fest. Dabei war das ursprünglich gar nicht ihr Ziel. Eine Ausstellung daraus zu entwickeln, schon gar nicht.

Im Sommer 2017 besiegelten der Landkreis Altenburger Land und eine Investorengruppe mit sieben Unternehmern aus Leipzig, Erfurt, Altenburg, Kriebitzsch, Gößnitz und Schmölln den Verkauf von Schloss und Park Tannenfeld. Jana Bortah wollte ab August 2017 lediglich den Ist-Zustand vor allem des Schlossparkes dokumentieren, bevor die Bauarbeiten für das Pflegezentrum beginnen. Zusammen mit der Künstlerin Petra Herrmann und dem Museum Burg Posterstein entwickelte sich aus diesem Vorhaben schließlich die Idee zur Ausstellung.

Die Investorengruppe als neue Besitzerin von Schloss und Park Tannenfeld begegnete dem Projekt offen und unterstütze es mit der Erlaubnis einer Fotodokumentation sowie einem Ausblick in die Zukunft Tannenfelds.

Blick in die Ausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt mit den Bildern von Jana Borath
Blick in die Ausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt mit den Bildern von Jana Borath

Aus der Vielzahl der Bilder und Eindrücke, die Jana Borath im Laufe eines Jahres sammelte, wählte sie 16 Motive aus, die sie als Fotodrucke auf großformatigen Alu-Dibond-Platten in die Ausstellung einbrachte. Ein Teilbereich der Ausstellung wird von drei großen Foto-Fahnen eingerahmt. Eine Bank lädt den Betrachter ein, sich im Park sitzend zu wähnen. Schloss und Park Tannenfeld aus einem ganz anderen, einmaligen Blickwinkel zu betrachten, sollte nicht nur für Kenner der Anlage eine Besonderheit sein. Die Bilder sind Ausgangspunkt für eine Entwicklung, die sich in Tannenfeld vollziehen wird. Sie zeigen schöne, wenn auch verlassene Orte, die vielleicht bald mit Leben erfüllt werden.

„Es gibt Hoffnung, dass all das Besondere nicht nur bewahrt, sondern mit neuem Leben erfüllt werden kann. Tannenfeld mit Schloss, Villen und Parkanlage soll wieder ein Ort werden, an dem Menschen ausruhen können, Hilfe und Geborgenheit finden. Und er könnte erneut ein Ort werden, der offenen Austausch von Kunst, Ideen und Meinungen ermöglicht. Ganz im Sinne seiner Erschaffer.“ (Jana Borath)

Hinter den Bäumen kann man Schloss Tannenfeld erahnen (Foto: Jana Boarath 2017)
Hinter den Bäumen kann man Schloss Tannenfeld erahnen (Foto: Jana Boarath 2017)

#SalonEuropa – Europa bedeutet für mich …?

Ab 23. September 2018 zeigt das Museum Burg Posterstein die Ausstellung „#SalonEuropa vor Ort und digital: Vernetzung damals und heute – Europa bedeutet für mich …?“. Das Projekt ist auch für uns als Museum ein Experiment. Ausgehend von der historischen Salonkultur um 1800 wollen wir den Bogen schlagen in die heutige Zeit und zur aktuellen politischen Lage. Wir wollen das Format “Salon” ins Heute übertragen und den Besuchern im #SalonEuropa vor Ort und im Digitalen die Möglichkeit geben, ihre Gedanken zu Europa heute zu äußern. Auf einem Bildschirm in der Ausstellung und auf der Website #SalonEuropa sollen unter der Überschrift “Europa bedeutet für mich…?” in Videos, kurzen Statements und Blogposts unterschiedliche Meinungen zu Europa zu Wort kommen.

Auch die vier Künstlerinnen des Kunstprojektes „#SalonEuropa im Hier und Jetzt: Schloss Tannenfeld – Inspiration und Wirklichkeit“ haben ihre Statements zu Europa eingebracht und nicht nur in ihrer Arbeit, sondern auch in Wort und Schrift in die Ausstellung eingebracht. Jana Borath schrieb dazu:

„Mein Europa: Meine Idealvorstellung von Europa ist ein großes, gemeinsames Haus. Für all seine Bewohner gilt eine verbindliche Hausordnung und es gibt genug Platz, dass sich jeder Bewohner selbst verwirklichen kann. Die Zimmertüren können geschlossen werden, sind aber niemals verschlossen. Dafür gibt es regen Austausch: über Kultur, Gesellschaftliches, Politik, Umweltschutz… Man besucht Zimmer für Zimmer, man hilft sich gegenseitig. Es ist ein Haus, in dem Hinzukommende mit offenen Armen willkommen geheißen werden und man gemeinsam überlegt, wie Probleme gelöst werden können. Zu naiv?“

Zusammengefasst von Franziska Engemann / Museum Burg Posterstein

Zum Weiterlesen:

Die Ausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt

Please accept YouTube cookies to play this video. By accepting you will be accessing content from YouTube, a service provided by an external third party.

YouTube privacy policy

If you accept this notice, your choice will be saved and the page will refresh.