Europa ist für uns ein großer Kulturraum, ein intensiv verflochtener kultureller Rahmen

Die Alte Sternwarte in Mannheim.
Die Alte Sternwarte in Mannheim.

Helen Heberer und Raimund Gründler von LeseZeichen Mannheim senden uns ihren Gast-Beitrag zu unserer Blogparade #SalonEuropa. Mitmachen könnt ihr bis 23. Oktober 2018. Wer keinen eigenen Blog hat, dessen Artikel veröffentlichen wir gern wie diesen hier als Gastbeitrag hier im Blog. 

Als der Kurfürst von Bayern die Münchner Theatinerkirche errichten ließ, beauftragte er mit Planung und Umsetzung den Architekten und Baumeister Agostino Barelli aus Bologna. In seiner norditalienischen Heimatstadt hatte dieser sein Handwerk bei seinem Vater erlernt und bereits eine Kirche errichtet. Ab 1662 schuf er dann mit den Kenntnissen und Erfahrungen, die er aus seiner Heimat mitbrachte, in München das erste Bauwerk des Hochbarocks nördlich der Alpen. Der barocke Baustil hatte nun auch die deutschen Lande erreicht, nachdem er sich zuvor von Rom kommend bereits nach Frankreich und England verbreitet hatte.

Anders vollzog sich Jahrhunderte zuvor die Verbreitung der Gotik. Hier liegt der Ursprung in Frankreich und die Kathedralen von Saint Denis unweit von Paris und von Sens (Burgund) aus der Mitte des 12. Jahrhunderts gelten als die ersten Kirchenbauten in diesem Stil. Wandernde Handwerker und Baumeister trugen ihr Wissen von Baustelle zu Baustelle, von Land zu Land. Knapp 30 Jahre später hatte die Gotik England erreicht und Anfang des 13. Jahrhunderts wird in Deutschland mit dem Magdeburger Dom der erste gotische Kirchenbau in Angriff genommen. Der rege Austausch hielt an, Vorbild für den Kölner Dom waren beispielsweise die Kathedrale von Amiens und die Saint Chapelle in Paris.

Auch in den anderen kulturellen Domänen lässt sich ein beständiger Transfer nachweisen. Kunst-, Literatur- und Musikstile wurden übernommen. Künstler reisten quer durch Europa, um sich zu bilden und Erfahrungen zu sammeln. Viele kehrten nach einer gewissen Zeit wieder in ihre Heimat zurück. Andere wurden in der Fremde heimisch und sind dort aus der örtlichen Kulturgeschichte nicht mehr wegzudenken. So wurde der Komponist Georg Friedrich Händel in Halle an der Saale geboren. Seine berufliche Laufbahn startete er in Hamburg. Zur Weiterbildung reiste er durch Italien. Doch sesshaft wurde er in London. Hier feierte er seine großen Erfolge, er ging am Hofe ein und aus und hier wurde er 1750 in Westminster Abbey inmitten all der englischen Geistesgrößen begraben.

Obwohl in unterschiedlichen Sprachen geschrieben wurde, existierte selbst in der Literatur ein reger europäischer Austausch. Erfolgreiche Autoren wirkten über die Sprachgrenzen hinweg stilbildend. Theodor Fontane, der Chronist des kaiserlichen Preußens, verwies beispielsweise selbst auf den Einfluss, den der englische Autor Charles Dickens auf ihn ausübte.

Durch eine rege Übersetzertätigkeit wurden Sprachbarrieren niedergerissen. Mit großer Ernsthaftigkeit wurden interessante Werke in die einzelnen Landessprachen übersetzt. Selbst Johann Wolfgang von Goethe war immer wieder als Übersetzer tätig. Zeitgenössische Werke französischer und englischer Autoren nahm er sich genauso vor wie die Schriften Homers. Er wiederum profitierte natürlich davon, dass seine Werke sehr schnell in viele Sprachen übersetzt wurden. Mit seinem Werther prägte er den Stil einer ganzen europäischen Schriftstellergeneration.

Astrid Lindgren wiederum ließ mit ihren Büchern über Michel, Pippi Langstrumpf und Bullerbü Generationen von Kindern in ganz Europa davon träumen, nach Schweden auszuwandern.

Unzählige Beispiele für Wirkung und Gegenwirkung, für Austausch und Befruchtung könnten noch aufgeführt werden.

Wer heute von der deutschen, französischen oder polnischen Kultur spricht, wer die bayerischen, flämischen oder bretonischen Besonderheiten betrachtet, sollte diesen alle Zeiten und Epochen überdauernden Dialog vor Augen haben. Die kulturelle Entwicklung aller europäischen Länder und Regionen lässt sich als ein beständiger, überregionaler Prozess verstehen, der Sprachgrenzen genauso überschreitet, wie geographische Grenzen. Es war nicht Abschottung, sondern intensiver Dialog und vielfältiger Kontakt in Kombination mit örtlichen Besonderheiten und geographischen Vorgaben, die unsere vielfältige europäische Kulturlandschaft hervorgebracht haben. Mit hunderten, ja tausenden unverwechselbaren Einheiten. Jede auf ihre Art einzig und an vielen Stellen doch geprägt von gleichen Wurzeln und Impulsen.

Auch in Zukunft werden Einflüsse aus den unterschiedlichen Gegenden Europas den kulturellen Rahmen des ganzen Kontinents mitprägen. Der europäische Lesesalon des Mannheimer LeseZeichens, das regelmäßig Literaturveranstaltungen organisiert, wird immer wieder diesen kulturellen Spuren folgen, die sich quer durch Europa ziehen.

Von LeseZeichen Mannheim / Helen Heberer und Raimund Gründler

5 Antworten auf „Europa ist für uns ein großer Kulturraum, ein intensiv verflochtener kultureller Rahmen“

  1. Jetzt bin ich aber baff. Eine Mannheimer Beteiligung bei dieser Blogparade. Ein Lesesalon im Café Herrdegen?
    Aber Hallo! Eine sehr gute Idee. Ich bin ganz bewusst nicht mehr Mitglied bei Facebook. Gerne käme ich da einmal vorbei, gibt es sonstige Hinweise? Ich bin Viernheimer und Frau Heberer bin ich schon begegnet. Wie wäre es denn, wenn Sie ihren Beitrag hier im Salon lesen und ich meine zwei aus Speyer und Wissembourg auch? Hier verlinkt als Nummer 2 und 23. Nur so eine Idee. Von Salon zu Salon …. Meinen ersten Beitrag verlinke ich unten.
    Kann die Burg Posterstein oder Tanja Praske das weiterleiten? #Dankebitte

  2. Liebe Helen Heberer, lieber Raimund Gründler,

    vielen herzlichen Dank für diesen klasse Artikel zu #SalonEuropa! Ist schon verrückt, was sich innerhalb eines Tages ergibt. Gestern las ich den Beitrag, heute wieder und neu kontextualisiert für mich.

    Ihr berührt euch sehr eng mit sufloeses Artikel “Kultur kennt keine Grenzen”. Sie kommt aus der Musik, ihr aus der Literatur, und die Verbindungen sind sehr stark. Eine Blogparade verdichtet sich mit den Beiträgen, ähnliche und abweichende Wege werden eingeschlagen, am Ende bereichert es und setzt Impulse für mehr.

    Vielleicht auch für den von Michael angefragten Salon. Einen Salon, den auch Susanne aka @sufloese (Nr. 54) am Ende einfordert! Das wäre superschön, wenn es weitergeht!

    Herzlich
    Tanja

    1. Dem können wir uns nur anschließen, ich bin gespannt, wie es weitergeht mit der Rückübertragung des digitalen Salons ins Analoge auch in Mannheim. Schön wäre es! Wir freuen uns auf jeden Fall, dass wir via #SalonEuropa von eurem Projekt erfahren haben.

      Herzliche Grüße aus Burg Posterstein,
      Marlene Hofmann

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