LeseZEIT – Folge 3: Gustav Parthey

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Das Buch Parthey’s ist aus einem so edlen, milden Gemüthe hervorgegangen, daß, wenn es veröffentlich würde, Niemand dadurch verletzt werden könnte, und Allen denen es zugänglich gemacht würde, ein edles Beispiel in der anmuthigsten Form vor Augen stünde.“

(Emilie von Binzer: Drei Sommer in Löbichau, Stuttgart 1877, S. IV.)

Mit diesen Worten aus dem Buch „Drei Sommer in Löbichau“ der Schriftstellerin Emilie von Binzer (1801-1891), heiße ich Sie, liebe Zuhörende, herzlich willkommen zur dritten Folge der „LeseZeit“ mit Geschichte und Geschichten aus dem Museum Burg Posterstein. Es begrüßt Sie heute im Burgstudio wieder die Historikerin Franziska Engemann.

Sie können auch diese Folge als Blogpost lesen oder als Podcast anhören.


In Folge 2 unserer „LeseZEIT“ haben wir Emilie von Binzer und ihre Lebenserinnerungen „Drei Sommer in Löbichau“ kennengelernt. Heute soll es in der LeseZEITum den – man könnte sagen – Verursacher dieses Buches gehen: um den Altertumsforscher und Buchhändler Gustav Parthey (1798–1872).

Ernst Welker portraitierte Gustav Parthey als dünnen Stock. (Sammlung Welker, Museum Burg Posterstein)
Ernst Welker portraitierte Gustav Parthey als dünnen Stock. (Sammlung Welker, Museum Burg Posterstein)

1871 hatte er seine selbstverfassten „Jugenderinnerungen“ als Handschrift für Freunde an seine alten Bekanntschaften gesendet. Ein Exemplar erhielt auch Emilie von Binzer. Sie nahm es als Inspiration für ihren eigenen Rückblick auf die bewegten Jahre im Salon ihrer Großmutter, der Herzogin Anna Dorothea von Kurland (LeseZEIT – Folge 1), in Löbichau.

Emilie von Binzer gehörte als Pflegetochter der Herzogin Wilhelmine von Sagan der engeren kurländischen Familie an. Das ist der Grund, warum sie einzigartige Einblicke aus erster Hand in das Leben dieser Salondamen und deren Gäste geben konnte. Anders, aber nicht weniger interessant, verhält es sich bei Gustav Parthey, dem Sohn eines Berliner Hofrates und Buchhändlers. Mit anderen Worten: eines gutbürgerlichen Mannes.

Wie konnte ein damals junger Mann Anfang 20 aus bürgerlichem Haus wie Gustav Parthey Eintritt in die Salon-Gesellschaft der Herzogin von Kurland finden?

Gustav Friedrich Konstantin Parthey wurde 1798 im Haus des Großvaters in der Brüderstraße in Berlin geboren und war damit nur 3 Jahre älter als Emilie von Binzer. Er stammte aus der ersten Ehe des Hofrates Friedrich Parthey (1745–1822) mit Charlotte Wilhelmine (1767–1803), der ältesten Tochter des Buchhändlers Friedrich Nicolai. Sowohl Vater Parthey als auch Großvater Nicolai verfügten über weitreichende Kontakte zu Dichtern, Denkern und Politikern ihrer Zeit.

Büste Friedrich Nicolais von Johann Gottfried Schadow, 1798, im Museum Burg Posterstein
Büste Friedrich Nicolais von Johann Gottfried Schadow, 1798, im Museum Burg Posterstein

Gustavs Vater, Friedrich Parthey, hatte in Leipzig studiert und sich bei Kapellmeister Johann Adam Hiller musikalisch ausbilden lassen. Auf dessen Empfehlung wurde Parthey Musik- und Hauslehrer der Familie Medem in Kurland. Seit dieser Zeit verband ihn eine tiefe Freundschaft mit der späteren Herzogin Anna Dorothea von Kurland, die seine Schülerin war. Auch deren Schwester Elisa von der Recke blieb Parthey und seiner Familie lebenslang sehr zugetan und übernahm sogar die Patenschaft für den Sohn Gustav.

1797 heiratete Friedrich Parthey Charlotte Wilhelmine Nicolai. Deren Vater Friedrich Nicolai führte einen berühmten Buchhandel und Verlag in Berlin und war selbst schriftstellerisch tätig. Gemeinsam mit Friedrich Gedike und Johann Erich Biester zählt er zu den Hauptvertretern der Berliner Aufklärung. Nach seinem Tod 1811 übernahm sein Schwiegersohn Parthey die erfolgreiche Nicolaische Buchhandlung.

Oft erwähnt Gustav Parthey in seinen Erinnerungen die umfangreiche Bibliothek des Großvaters. Doch er erhielt nicht nur zu Hause eine hervorragende Ausbildung. Er besuchte in Berlin zuerst die Hartung‘sche Privatschule und bis 1818 das Gymnasium zum Grauen Kloster. Danach wandte er sich Studien in Berlin und Heidelberg zu. Er wurde 1820, mit 22 Jahren, zum Doktor der Philosophie promoviert. Nach dem Tod des Vaters 1825 übernahm er die erfolgreiche Nicolaische Buchhandlung und stiftete den Bibliotheken in Berlin, Flensburg und Straßburg reichhaltige Bestände. Er veröffentlichte selbst mehrere kunst- und kulturgeschichtliche Werke. 1872 starb Gustav Parthey während einer seiner Studienreisen nach Rom.

[…] ihn umschwebte eine Atmosphäre inneren Werthes; er hatte bei so jungen Jahren schon einen Schatz von Wissen gesammelt, alle jungen Leute wußten, daß er ihnen darin weit überlegen war, wie auch in der Reinheit seiner Sitten. Als Besitzer eines großen Vermögens war er so unabhängig, daß er sich vor keinem Menschen und keiner Behörde zu beugen brauchte, es lag aber so viel Bescheidenheit in seinem Charakter, daß er sich dieser Vortheile nie überhob.“

(Emilie von Binzer, S. 91)

So beschrieb ihn Emilie von Binzer schon in seinen Jugendjahren. Beide hatten sich 1820 in Löbichau kennengelernt. Allerdings war Gustav Parthey schon viele Jahre vorher zu Besuch im Salon der Herzogin von Kurland in Berlin oder auf ihren Schlössern in der Altenburger Region. Zum ersten Mal unternahm er im Sommer 1812 eine Reise nach Löbichau. Friedrich Parthey hatte eine Einladung der Herzogin erhalten und nahm seinen Sohn Gustav und seinen Pflegesohn Fritz von Piattoli, der seit 1808 im Hause Parthey lebte, mit auf die Reise. Fritz von Piattoli war zwei Jahre jünger als Gustav und ein uneheliches Kind Johannas, der späteren Herzogin von Acerenza, und der dritten Tochter der Herzogin von Kurland.

Ernst Welker portraitierte Herzogin Johanna als Uhu. (Sammlung Welker, Museum Burg Posterstein)
Ernst Welker portraitierte Herzogin Johanna als Uhu. (Sammlung Welker, Museum Burg Posterstein)

In der heutigen LeseZEIT hören Sie Auszüge dieser ersten Reise nach Löbichau, die Gustav Parthey damals im zarten Alter von 14 Jahren unternahm. Die Erinnerung daran schrieb er erst im Alter von fast 74 Jahren nieder.

Ich lese aus der Ausgabe von Gustav Partheys Jugenderinnerungen. Handschrift für Freunde, herausgegeben von Ernst Friedel im Verlag Ernst Frensdorff in Berlin 1907. Die Auszüge befinden sich im ersten Teil der zweibändigen Ausgabe, auf den Seiten 287 – 293. 


Reise nach Löbichau und Dresden 1812.

Im Sommer 1812 machte ich mit Bewußtsein meine erste Reise, die zwar nur bis Leipzig und Dresden ging, mir jedoch von einer unendlichen Ausdehnung schien. Mein Vater war von der Herzogin von Kurland nach ihrem Landsitze Löbichau eingeladen worden. Er benutzte die Ferienzeit, um Fritz und mich mitzunehmen. Welch‘ ein großes freudiges Ereigniß, als uns angekündigt ward, wir würden 14 Tage oder 3 Wochen ausbleiben. Die Reise wurde mit Extrapost gemacht, ging aber bei dem Mangel aller Chausseen sehr langsam. Die Abreise verzögerte sich um einige Stunden, wir fuhren daher in den Abend hinein, um das erste Nachtquartier zu erreichen.

Es war ein angenehm-schauriges Gefühl, als wir, behaglich in die Wagenecke gedrückt, die Sonne verschwinden sahen, und als die unabsehbare kahle Ebne vor uns in immer dunkleren Schatten versank. Schon wollte Morpheus seine Mohnkörner ausstreuen, als plötzlich der Postillon mit dem Sattelpferde stürzte, weil er ein Loch in dem elenden, holprigen Wege nicht bemerkte; er kam mit dem Fuße unter das Pferd zu liegen, und schrie erbärmlich, sein Fuß sei gebrochen.

Wir stiegen erschreckt aus dem Wagen, und mein Vater sah, was zu thun sei. Er wurde auch hier von seinem guten Glücke nicht verlassen: denn schon hörte man ein uns entgegenkommendes Fuhrwerk. Die Bauern leisteten hülfreiche Hand; es galt, das Pferd in die Höhe zu bringen, ohne den Postillon zu beschädigen. Als mein Vater ihn eifrig bemüht sah, seinen Fuß unter dem Thiere hervorzuziehen, sagte er halb lachend und ihn ermuthigend: Sei froh, Schwager, daß du noch ziehen kannst, dann ist der Fuß nicht gebrochen! Alles gelang auf das beste; weder Roß noch Reiter hatten Schaden genommen. Nach kurzem Aufenthalte saß der Postillon wieder im Sattel, und brachte uns in dunkler Nacht zur nächsten Station. Noch sehe ich, wie er, sehr vergnügt über das reiche Trinkgeld, dem Stalle zuhumpelte. […]

Der Salon der Herzogin von Kurland in Schloss Löbichau zählte zu den bekanntesten in Deutschland.
Der Salon der Herzogin von Kurland in Schloss Löbichau zählte zu den bekanntesten in Deutschland.

Eine kleine Tagereise brachte uns von Leipzig nach Löbichau in der Nähe von Gera. Beim Eintritte in das Herzogthum Altenburg fanden wir die schönsten, mit Bäumen eingefaßten Chausseen, auf denen der Wagen wie auf einer Tenne hinrollte. Dies war das Verdienst des Ministers von Thümmel, der darin allen Nachbarstaaten mit gutem Beispiel voranging. Die Lage des Schlosses Altenburg auf hoher Felskuppe setzte mich in Entzücken, und das Interesse an dem Orte ward noch vermehrt, als mein Vater uns die Geschichte des Ritters Kunz von Kaufungen erzählte; die beiden geraubten sächsischen Prinzen hatten in eben diesem prächtigen Schlosse gewohnt.

In Löbichau war an Fürstlichkeit kein Mangel, wir fanden die Herzogin von Kurland mit ihren beiden ältesten Töchtern, der bildschönen Herzogin von Sagan und der äußerst lebhaften Fürstin von Hohenzollern; der Herzog von Altenburg kam auf einen Tag zum Besuche herüber; ein Prinz von Biron, dem kurländischen Fürstenhause verwandt, sprach auf der Durchreise ein. Das gab ein unaufhörliches Ankommen und Abfahren von Equipagen und hochbepackten Reisewagen; die lustigen Fanfaren der Postillone hörten nicht auf, über den Schloßhof zu tönen. Aber alle diese Herrlichkeit ging nur wie im Traume an mir vorüber: denn ich war noch immer so schüchtern, daß ich kaum wagte, die Augen aufzuschlagen. Fritz dagegen, obgleich 2 Jahre jünger als ich, bewegte sich ganz unbefangen in den glänzenden Sälen. Durch sein drolliges Wesen wurde er bald der Liebling der vornehmen Damen; die Fürstin von Hohenzollern hörte nicht auf, ihn zu necken, und lachte über seine komischen Antworten.

Ernst Welker portraitierte die Fürstin von Hohenzollern, Tochter der Herzogin von Kurland, als Eidechse dar. (Sammlung Welker, Museum Burg Posterstein)
Ernst Welker portraitierte die Fürstin von Hohenzollern, Tochter der Herzogin von Kurland, als Eidechse. (Sammlung Welker, Museum Burg Posterstein)

Mein Vater ließ uns volle Freiheit, den Tag über im Park, im Dorfe und in der Umgebung uns zu ergehn, doch mußten wir um 6 Uhr zur Mittagstafel in tadellosen Anzügen erscheinen. Das Schloß Löbichau, vom letzten Herzoge von Kurland am Ende des 18. Jahrhunderts erbaut, war äußerlich sehr unscheinbar, aber im Inneren mit fürstlichem Luxus an Marmorvasen, Spiegeln und Teppichen ausgestattet; der sehr ausgedehnte Park bot eine Menge der freundlichsten Spaziergänge; hier hielten wir uns jedoch niemals lange auf, sondern eilten in das nahegelegene Dorf Löbichau, wo Fritz sehr bald mit allen Bauerjungen Bekanntschaft machte; oder wir gingen auf einsamen Waldwegen nach dem nahe gelegenen Schlosse Tannenfeld; dies gehörte ebenfalls der Herzogin, und wurde zur Aufnahme von fremden Gästen benutzt. Von dem flachen Dache genoß man einer herrlichen Aussicht über das fruchtbare altenburgische Ländchen; fern im Osten weckte die lange Kette der böhmischen Berge das unnennbare Gefühl des Hinausstrebens in die weite unbekannte Welt. […]

Das Portrait von Fritz Piattoli hat Emilie von Binzer, Zeichenschülerin Ernst Welkers, unterschrieben (Sammlung Welker, Museum Burg Posterstein)
Das Portrait von Fritz Piattoli hat Emilie von Binzer, Zeichenschülerin Ernst Welkers, unterschrieben (Sammlung Welker, Museum Burg Posterstein)

Der Pächter des herzoglichen Gutes, ein reicher Bauer, Namens Schnabel, war uns sehr freundlich gesinnt, und wir verkehrten viel in seinem Hofe. Sein Sohn Michel, etwas älter als wir, half schon in der Wirtschaft. Da geschah es eines Tages, daß Michel einen Mistwagen ausführte, und Fritz einlud, zu ihm vorn aufzusteigen, was dieser sich nicht zweimal sagen ließ. Allein das Unglück wollte, daß am Ende des Dorfes die Fürstin von Hohenzollern, von einer Spazierfahrt zurückkehrend, Fritzen auf dem Mistwagen und mich, ehrbar daneben gehend erblickte. Seitdem verging selten ein Tag, ohne daß sie ihn fragte: Fritz, willst du spazieren fahren? Soll ich Michel Schnabeln anspannen lassen? Noch mehr wurde er geneckt, als er eines Tages, schon völlig zum Essen angekleidet, noch schnell in den Stall ging, und darauf einen penetranten Pferdegeruch mit in den parfümirten Salon brachte. Fritz, rief ihm die Fürstin zu, ich sehe, daß du nichts anderes werden kannst, als Postillon! O, erwiederte er keck, das würde mir auch recht lieb sein! Michel Schnabel bewirthete uns zuweilen mit einem trefflichen Quarkkuchen, dem wir so tapfer zusprachen, daß nachher die delikatesten Schüsseln der herzoglichen Tafel unberührt vorübergingen.

Einige Regentage benutzten wir dazu, um alle Räume des weitläufigen Schlosses vom Keller bis zum Dachboden, insofern dies thunlich war, zu durchkriechen. Fritz diente bei diesen Entdeckungsreisen als Steuermann; er wurde nicht müde, auf den langen dunklen Korridoren, die durch alle Stockwerke führten, eine Thür nach der anderen aufzuklinken, um in neue unbekannte Gegenden zu gelangen. Diese Streifzüge führten uns auch in die Bibliothek. Hier ging ich alsbald vor Anker, und ließ Fritzen seine Reisen allein fortsetzen. Für’s erste zogen mich die prachtvollen Einbände an, die in der Bibliothek des Grosvaters Nicolai fast gänzlich fehlten, dann fesselten mich einige schöne landschaftliche und architektonische Kupferwerke; die gröste Bewunderung erregte eine zierliche Stehleiter in Form einer schmalen Wendeltreppe auf Rädern; oben angelangt fand man einen bequem gepolsterten Sitz mit Rückenlehne, und konnte in behaglicher Ruhe die oberen Bücherreihen durchmustern.

Der Sachsen-Gotha-Altenburgische Minister Hans Wilhelm von Thümmel (Museum Burg Posterstein)
Der Sachsen-Gotha-Altenburgische Minister Hans Wilhelm von Thümmel (Museum Burg Posterstein)

Das nahe liegende Gut Nöbdenitz gehörte dem schon genannten altenburgischen Minister von Thümmel, einem Bruder des Dichters Moritz von Thümmel. Von der segensreichen Wirksamkeit des Ministers, der damals, wie ich glaube, schon den Geschäften entsagt hatte, zeugte der blühende Wohlstand des glücklichen Ländchens. Der Bau seiner Chausseen, als eines theuern und unnützen Luxusartikels, fand anfangs vielen Widerspruch, doch er beschämte die Tadler durch das reiche Einkommen des Chausseegeldes und den gesteigerten Absatz der Landesprodukte.

Das heute nicht mehr vorhandene "Neue Schloss" Nöbdenitz, in dem sich Hans Wilhelm von Thümmels Bibliothek befand. (Deutsche Fotothek, kolorierte Ansichtskarte, CC0 Europeana.)
Das heute nicht mehr vorhandene “Neue Schloss” Nöbdenitz, in dem sich Hans Wilhelm von Thümmels Bibliothek befand. (Deutsche Fotothek, kolorierte Ansichtskarte, CC0 Europeana.)

Der nachbarliche Verkehr zwischen Löbichau und Nöbdenitz war ein recht lebhafter; mit den Töchtern des Ministers, obgleich sie mehrere Jahre älter waren als wir, wurden genußreiche und weite Spaziergänge in der Umgebung ausgeführt. Schloß Nöbdenitz, in heitrer ländlicher Umgebung, erfreute durch seine wohnliche Einrichtung. Allerlei sinnreiche Wunderlichkeiten des Hausherrn erregten das Erstaunen der jugendlichen Besucher. In der Bibliothek zeigte er uns einige Leitern, die, um Raum zu ersparen, ganz in die Wand hineingeschoben wurden. An der Außenseite des Gartenhauses führte eine frei in der Luft schwebende Wendeltreppe bis zum Dache hinauf. Mit Ehrfurcht betrachteten wir eine mitten im Dorfe stehende Eiche von ungeheurem Umfange. Der Volksglaube machte sie zu einem Druidenbaume der heidnischen Germanen, und die Schätzung der Botaniker gab ihr ein Alter von 2000 Jahren. In der Höhlung des Stammes konnten 10-12 Menschen neben einander stehn. Der Minister hatte angeordnet, daß man ihn im Innern der Eiche begraben solle, damit seine irdischen Ueberreste unverweilt als sprossende Zweige und grüne Blätter an die freie Himmelsluft hinausgelangen möchten.“


Tatsächlich wurde der Minister Hans Wilhelm von Thümmel nach seinem Tod 1824 in dieser noch heute so genannten 1000-jährigen Eiche in Nöbdenitz beigesetzt – so wie er es sich gewünscht hatte. Solche „Gräber im Grünen“ waren vor allem in Adelskreisen zur Zeit der Aufklärung sehr beliebt. Auch, wenn Thümmel mit seiner Beisetzung in einem Baum ein besonders ausgefallenes Beispiel für diese Grabkultur ist, lassen sich ähnliche Begebenheiten im engeren Umfeld des Ministers finden: Herzogin Anna Dorothea von Kurland ließ sich im Hain nahe ihres Schlosses Löbichau beerdigen und Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha und Altenburg, unter dem Thümmel lange Jahre gedient hatte, ließ sich ganz schlicht ohne Gedenkstein auf der Grabinsel im Schlosspark in Gotha beisetzen.

Blick auf das Herrenhaus Nöbdenitz heute (Foto: Museum Burg Posterstein)
Blick auf das Herrenhaus Nöbdenitz heute (Foto: Museum Burg Posterstein)

Vom Rittergut Nöbdenitz, wie Gustav Parthey es beschrieb, und auch von dessen weitläufigem Garten sind heute kaum mehr Reste geblieben. Ein Schicksal, das viele Rittergüter und Gärten im Altenburger Land ereilt hat. 2021 wollen sich vier Museen des Altenburger Landes dennoch – oder gerade deshalb – den historischen und modernen Gärten der Region zuwenden. Die gemeinsame Ausstellungsreihe trägt den Namen „Grünes im Quadrat – Historische Gärten im Altenburger Land” und ist eine Kooperation zwischen dem Lindenau-Museum Altenburg, dem Residenzschloss Altenburg, dem Naturkundemuseum Mauritianum und dem Museum Burg Posterstein.

Unsere Ausstellung mit Titel „#GartenEinsichten: „Wie der Gärtner, so der Garten“ – Gartenkultur als Spiegel der Gesellschaft“ ist voraussichtlich ab Mai 2021 geplant. Minister Thümmel werden Sie in dieser Ausstellung durchaus wieder begegnen. Die 1000-jährige Eiche in Nöbdenitz und auch das darin befindliche Grab existieren im Übrigen auch heute noch.

Der Sachsen-Gotha-Altenburgische Minister Hans Wilhelm von Thümmel liegt noch heute unter der 1000-jährigen Eiche von Nöbdenitz begraben. (Foto: Museum Burg Posterstein, 2018, inzwischen hat das Naturdenkmal ein weiteres Stützsystem erhalten)
Der Sachsen-Gotha-Altenburgische Minister Hans Wilhelm von Thümmel liegt noch heute unter der 1000-jährigen Eiche von Nöbdenitz begraben. (Foto: Museum Burg Posterstein, 2018, inzwischen hat das Naturdenkmal ein weiteres Stützsystem erhalten)

Doch zurück zu Gustav Parthey und seinen Jugenderinnerungen. 1812 war zwar das erste, aber nicht das letzte Mal, das Parthey zu Besuch in Löbichau war. Sein zweibändiger Bericht endet im Jahr 1821, nachdem er in Begleitung der Herzogin von Kurland einige Zeit in Paris verbracht hatte.

Es sind tatsächlich seine Erinnerungen an seine Jugendzeit, die er niederschrieb und die auch nur für seine Familie und Freunde, nicht für eine Veröffentlichung gedacht waren. Doch auch Emilie von Binzer lag mit ihrer Einschätzung nicht falsch: Partheys Absicht war es nie, jemanden in diesem Buch zu diskreditieren und so wurde das Werk postum und mit Einwilligung der Familie veröffentlicht. Im Übrigen: Die Nicolaische Verlagsbuchhandlung, die Gustav Parthey nach dem Tod seines Vaters weiterführte, existiert bis heute und gilt als die älteste Buchhandlung Berlins.

Und damit verabschiede ich mich von Ihnen, liebe Zuhörende, und hoffe, Sie auch in der nächsten Folge der LeseZEIT mit Geschichte und Geschichten aus dem Museum Burg Posterstein begrüßen zu dürfen!

Von Franziska Engemann

LeseZEIT – Folge 2: Emilie von Binzer

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Herzlich Willkommen, liebe Zuhörende, zur zweiten Folge unserer „LeseZEIT“ aus dem kleinen Studio des Museums Burg Posterstein. Mein Name ist Franziska Engemann und ich bin Historikerin.

Sie können auch diese Folge als Blogpost lesen oder als Podcast anhören.

Folge 2 des Podcasts LeseZEIT anhören:

Die Zeit um 1800, der Salon der Herzogin Anna Dorothea von Kurland, ihr Leben, Wirken und natürlich ihre Gäste in Löbichau und Tannenfeld, bilden einen Schwerpunkt unserer musealen Arbeit, Forschung und unserer Ausstellung hier in Posterstein. Daher beschäftigen wir uns auch in der zweiten Folge der „LeseZEIT“ mit den Zeitgenossen der Herzogin und ihren Berichten über das Leben auf dem Musenhof dieser bedeutenden Frau.

Blick in das Auktionsheft von 1907, wo die gesamte Einrichtung des Schlosses Löbichau versteigert wurde (Sammlung Museum Burg Posterstein)
Blick in das Auktionsheft von 1907, wo die gesamte Einrichtung des Schlosses Löbichau versteigert wurde (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Neben den Tagebüchern der Herzogin von Kurland sticht vor allem ein Werk heraus, das ein erhellendes Licht auf diese Geschichte wirft und aus erster Hand das Leben auf den Schlössern Löbichau und Tannenfeld beschreibt: Emilie von Binzers Erinnerungen „Drei Sommer in Löbichau“. Das Buch ist eine Rückschau der Verfasserin auf die Ereignisse in Löbichau und Tannenfeld aus den Sommern 1819, 1820 und 1821. Auf 136 Seiten beschreibt sie anschaulich und mit viel Humor die dortigen Gäste. Lange galt das Werk neben der 1823 erschienen Biographie der Herzogin von Kurland von Christian August Tiedge (1752–1841) und den Erinnerungen Gustav Partheys (1798–1872) und Elisa von der Reckes (1754–1833) als wichtigste Quelle zum Leben im Löbichauer Salon.

Emilie von Binzer schilderte in ihren Erinnerungen Löbichauer Salongäste und das Leben im Schloss der Herzogin Anna Dorothea von Kurland.
Emilie von Binzer schilderte in ihren Erinnerungen Löbichauer Salongäste und das Leben im Schloss der Herzogin Anna Dorothea von Kurland.

Doch wie gelang es Emilie von Binzer, diese tiefgründigen Eindrücke zu gewinnen?

Emilie Henriette Adelheid von Binzer, 1801 als Emilie von Gerschau in Berlin geboren, war die Tochter eines illegitimen Sohnes des Herzogs Peter von Kurland. Sie wuchs bei ihrer viel bewunderten und temperamentvollen Tante, Wilhelmine von Sagan, der ältesten Tochter der Herzogin und des Herzogs von Kurland, auf und wurde von ihrer Pflegemutter in das Salonleben eingeführt. Gemeinsam mit zwei weiteren Pflegetöchtern Wilhelmines – der jung verstorbenen Klara Bressler und Marie Wilson von Steinach – trat Emilie schon früh in die höchsten gesellschaftlichen Kreise ihrer Zeit ein und lernte viele Persönlichkeiten kennen. Sie erhielt eine hervorragende Ausbildung und reiste viel. Einige Sommer verbrachte sie gemeinsam mit ihrer Tante auf Schloss Löbichau. Im Salon ihrer Großmutter traf sie neben dem Dichter Jean Paul (1763–1825) unter anderem die Familien Körner und Feuerbach, den Verleger Brockhaus (1772–1823), die Schriftsteller Tiedge und Elisa von der Recke sowie den Archäologen und Schriftsteller Carl August Böttiger (1760–1835). Auch den Burschenschaftler, Schriftsteller und Journalist August Daniel Freiherr von Binzer (1793–1868), den sie 1822 im Schloss Sagan heiratete, lernte sie in Löbichau kennen. Nach der Hochzeit begann für das Paar ein unstetes Reiseleben durch viele Teile Europas, bis sie sich 1845 in Wien und später in Linz niederließen.

50 Jahre später schrieb Emilie von Binzer ihre Erinnerungen an ihre drei Sommer in Löbichau auf.
50 Jahre später schrieb Emilie von Binzer ihre Erinnerungen an ihre drei Sommer in Löbichau auf.

In Emilie von Binzers literarischen Werken, die sie unter dem Pseudonym Ernst Ritter veröffentlichte, spiegeln sich vor allem Personen und Erlebnisse der Zeit des Wiener Kongresses wider. Ihre Dramen „Die Gauklerin“ und „Die Neuberin“ wurden 1846 am Wiener Burgtheater aufgeführt. Zwischen 1849 und 1870 unterhielt sie in ihren Häusern in Linz und Altaussee musische Kreise. Freundschaften verbanden sie mit den österreichischen Schriftstellern Adalbert Stifter (1805–1868), Franz Grillparzer (1791–1872) und besonders mit dem Dichter Christian von Zedlitz (1790–1862). Nach dem Tod ihres Mannes zog Emilie von Binzer zu ihrem Sohn nach München, wo sie 1891 starb.

50 Jahre nach den eigentlichen Geschehnissen beschreibt Emilie von Binzer in ihrem Buch „Drei Sommer in Löbichau“ Auszüge aus ihrer Jugendzeit, spricht über ihre Familie und über die Löbichauer Gäste, über besondere und weniger besondere Situationen des Salonalltags und gibt auf humoristische, unterhaltende und nicht selten ironische Weise einen ganz speziellen und persönlichen Einblick in das Leben der damaligen Zeit.

Warum erst nach so langer Zeit, fragen Sie sich vielleicht?

Auf den ersten Seiten wird diese Frage von der Verfasserin selbst beantwortet:

„Als ich im Sommer 1871 auf meinem Landhause in Aussee (Steiermark) anlangte, fand ich auf dem Tische zwei dicke Bände liegen mit der Aufschrift: ‚Jugenderinnerungen von Gustav Parthey, Handschrift für Freunde.‘ Das Packet war unter meiner Adresse mit der Post angekommen. Bei diesem Anblick durchzuckte es mich freudig, denn der Name auf dem Titelblatte gehörte nicht nur einem in weiten Kreisen geachteten Manne und gründlichem Gelehrten, sondern auch einem theuren Jugendfreunde, den ich viele Jahre nicht gesehen hatte, und mit dem ich überhaupt nur als junges Mädchen in regem Verkehr gewesen bin. Daß er mich nicht vergessen hatte, bewies mir dieses Buch – und welch ein Buch!“

Ernst Welker portraitierte Emilie von Binzer als Spargel (Sammlung Museum Burg Posterstein)
Ernst Welker portraitierte Emilie von Binzer als Spargel (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Angeregt durch die Memoiren ihres alten Freundes, begann auch Emilie von Binzer sich mit ihren Erlebnissen auseinanderzusetzen, war sich dabei aber immer bewusst, dass die lange Zeit ihre Erinnerungen und Ansichten verklärt haben könnten. Dennoch versucht sie ein objektives Bild der Personen und Ereignisse zu zeichnen, wobei sie ihre eigene Meinung stets als solche kennzeichnet. Die Eigenarten und Charaktere beschreibt sie von verschiedenen Standpunkten und ist dabei nicht gewillt, zu beschönigen. Mit Kritik, einer guten Portion Selbstironie, aber immer mit Feingefühl, gibt sie ihre Eindrücke wieder.

All diese Umstände machten es mir sehr schwer, aus diesem unbedingt lesenswerten Buch, einige Auszüge für unsere „LeseZEIT“ auszuwählen. Die Sammlung des Museums gab schließlich den entscheidenden Anstoß. 2014 gelang es dem Museum Burg Posterstein mit finanzieller Unterstützung des Freistaats Thüringen und der Bürgerstiftung Altenburger Land ein Konvolut Zeichnungen zu erwerben. Aufbewahrt in einer grünen Halblederkassette, entpuppte sich der Inhalt als ausgesprochene Rarität: eine Sammlung von Portraitblättern, hautsächlich von der Hand des Malers Ernst Welkers (1784/88–1857), der den Sommer 1819 als Zeichenlehrer Emilie von Binzers in Löbichau verbrachte. Die von Ernst Welker portraitierten Personen gehören alle zum engeren Umfeld der Herzogin von Kurland und treten als Fabelwesen auf. Meist wählte der Künstler eine Tiergestalt aus, deren Kopf er durch ein Portrait der entsprechenden Person ersetzte. Doch: Mindestens eine der Zeichnungen stammt von Emilie von Binzer selbst. Sowohl die Bilder als auch einige der Personen sind in Binzers Werk erwähnt und so hören wir genau diese Auszüge aus Emilie von Binzers „Drei Sommer in Löbichau“, erschienen 1877 in Stuttgart beim Verlag von W. Spemann. Die Auszüge befinden sich auf den Seiten 81 bis 100.


Sommer 1820:

Die Reisegesellschaft nach Löbichau war diesmal bedeutend vergrößert. Bei der Herzogin [Wilhelmine von Sagan] lebte seit vielen Jahren eine alte Französin, vielleicht war sie nicht alt, aber sie wurde immer so betrachtet. Ihr Mann hieß Graf Trogoff, und war wie seine Frau aus der Basse-Bretagne, was genug andeutet, welcher politischen Partei sie angehörte. […] sie ist mir immer eine „problematische Natur“ geblieben, ich wußte nicht, sollte ich sie lieb haben oder nicht, neigte mich aber zu Letzterem; ich kannte sie schon sehr lange.

Gräfin Trogoff, Gast am Hof der Herzogin von Kurland, portraitierte Ernst Welker als Krebs (Sammlung Museum Burg Posterstein)
Gräfin Trogoff, Gast am Hof der Herzogin von Kurland, portraitierte Ernst Welker als Krebs (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Als ich in Prag ein paar Jahre in Pension war, lebte sie dort und übte die Funktion einer Art Oberrichters in Fällen flagranter Unarten über mich aus, doch that sie mir nie etwas zu Leide. Sie war eine starke Tabakschnupferin und hatte, so lange ich sie gekannt habe, immer einen Hund um sich, der ihr Freund, Bruder und Sohn war, auch war er stets männlichen Geschlechts. Der in Prag hieß „Wartele“, und war damals zweiundzwanzig Jahre alt, und das Scheußlichste, was ich je von dieser Gattung gesehen habe; ihre dritte Leidenschaft war das Kartenspiel, ihre vierte die Arzneikunde; das waren aber wirklich alles Leidenschaften, die ‚Leiden schafften‘, wenn sie sie entbehren mußte, was am meisten mit der dritten der Fall war, da der Sommer wenig Gelegenheit zum Spielen bot. Wenn man in ihr Zimmer trat, fühlte man sich gleich in der Mitte der Dinge, die ihr Leben ausfüllten: der Hund bellte einen an – gottlob nicht mehr Wartele! – auf dem Tisch lag ein Todtenkopf und ein aufgeschlagenes medizinisches Werk, daneben die Schnupftabaksdose und Patiencekarten, die benutzt wurden, wenn sich keine Mitspieler fanden […].“

Nächst ihr [Gräfin Trogoff] wurde der Reisezug durch unseren Zeichenlehrer, Herrn Ernst Welker, Vetter der beiden berühmten Welker, vermehrt. Er war aus Suhl gebürtig und Sachse vom reinsten Wasser; längere Zeit hatte er sein Fortkommen in Wien gefunden, von wo ihn die Herzogin als unseren Lehrer, gerne gesehenen Gast und guten Gesellschafter mitgenommen hatte. Er war eben über der Zwergengröße, was ihn nicht hinderte, den Freiheitskrieg im Lützow’schen Corps als Freiwilliger mitzumachen; man nannte ihn dort: ‚den Stabszwerg‘, und Peter Heß stellte ihn einst dar, wie er mit einer Maus hinter einem Kürbiß Verstecken spielt. Er besaß Theodor Körner’s Profil, das er auf der Bahre abgezeichnet hat, und war ein gebildeter Mann von guter Erziehung, aber daß er so klein doch einen Mann vorstellte, gab ihm einen Anstrich von Lächerlichkeit, den er dadurch vermehrte, daß er immer in eine von uns entsetzlich verliebt war. Sein blondes Köpfchen hatte kaum mehr Haare als sein großer Schnurrbart, der, obgleich er erst 35 Jahre zählte, einen fast zahnlosen Mund verbarg; damals aber waren die Menschen noch nicht so schnell bei der Hand auszubessern, was die Natur verwüstete, jetzt hätte ihn ein Ratelier sehr verschönt. Sein Talent war nicht der Art, daß die Welt davon Kenntniß genommen hätte, aber doch achtungswerth; noch schmücken zwei hübsche Aquarelle von ihm mein Wohnzimmer. Es stellte sich ein ganz vertrauliches Verhältniß zwischen ihm und allen Hausgenossen her, er begleitete uns auf unseren Spaziergängen und erzählte uns allerlei aus seinem Leben, was wir gerne anhörten. Mir, für die er nur einige kurze Liebesanfälle gehabt hatte, vertraute er wohl auch, wie wenig er sich von Louise und Marie verstanden fühlte; Louise war eigentlich seine Hauptflamme; die Boshafte vergalt ihm dies, indem sie behauptete, daß wenn er ihr die Hand küsse, es ihr sei, als ob man eine verfaulte Melone auf diesem edlen Gliede zerdrücke.


Auch auf die eingangs erwähnte Kassette mit den von Welker gezeichneten Portraits Löbichauer Gäste kommt Emilie von Binzer in ihrem Buch zu sprechen. Es ist vorstellbar, dass sie diese Zeichnungen nach langer Zeit wieder zur Hand nahm, als sie ihre Jugenderinnerungen niederschrieb, so detailreich sind die Motive in den Text eingeflochten.


In dieser Lederkassette bewahrte Emilie von Binzer die 47 Karikaturen Löbichauer Salongäste auf.
In dieser Lederkassette bewahrte Emilie von Binzer die 47 Karikaturen Löbichauer Salongäste auf.

Ich besitze eine Mappe, die klein Welckerchen in Löbichau mit Porträts der ihm zugänglichen anwesenden Gäste, meist in Thiergestalt, füllte; darunter stehen Fibelverse, die sich mehr durch gute Laune, ja Uebermuth, als durch Witz auszeichnen; die Mappe enthielt siebenundvierzig Blätter, die gelegentlichen Besucher aus der Nachbarschaft sind nicht darunter, nur solche, die wirklich in Löbichau wohnten; ich sondere diejenigen Personen aus, die erst nach den Universitätsferien eintrafen, mische dann die Blätter und nenne der Reihe nach einige der Gäste.

Der Archäologe Böttiger war keine anziehende Erscheinung; so wenig er Tieck gefallen hatte, ebenso wenig gefiel er Goethe. Dieser sagte einst Jemanden, der es mir wieder erzählt hat: ‚Ich sah auf der Wiese in Karlsbad eine Gestalt, und dachte bei mir: welche Aehnlichkeit mit Böttiger! Endlich kommt sie näher, und ich sehe, daß er es selbst ist. Gottlob, rief ich aus, so existiert er doch nur einmal.‘ Frau von der Recke und Tiedge aber waren nicht der Ansicht und hielten ihn hoch und des Morgens hielt er im alten Schlößchen bei Elise Vorlesungen, die sehr schön gewesen sein sollen, aber von denen ich keine gehört habe; doch weiß ich, daß er über die Arabesken las.

Den Archäologen Böttiger portraitierte Ernst Welker als Statue (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Graf Schönfeld, ein hübscher, etwas sentimentaler Wiener von sächsischer Herkunft, den ich von Kindheit an kannte; sein Sohn hat Louise Neumann geheirathet, die unersetzte Schauspielerin des Burgtheaters, die man nicht vergessen kann, wenn man sie je gesehen hat. Ihre Franziska in Minna von Barnhelm spielt ihr Niemand nach. Der Graf, der sie ihrem Beruf entrückte, hat ihr später Gelegenheit gegeben, ihren gediegenen Charakter in schwierigen Lagen zu bewähren.

Graf Schönfeld, portraitiert von Ernst Welker (Sammlung Museum Burg Posterstein)
Graf Schönfeld, portraitiert von Ernst Welker (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Baron Rönne aus Kurland, ein hübscher Mann rauhen Wesens, aber wenn er wollte liebenswürdig. Das interessanteste an ihm war eine Fistel, die Folge einer Wunde, in der linken Brust; er hatte sich diese in einem Duell geholt und sie war schlecht geheilt worden; wir hörten, daß täglich eine große Menge Baumwolle in diesen geheimnißvollen Gang gestopft werden mußte, und diese immer wiederholte Operation durchaus nicht schmerzlos sei; wahrscheinlich wäre unser Mitleid für Herrn von Rönne stärker gewesen, wenn wir uns nicht vor ihm gefürchtet hätten. Uebrigens steht unter Welckers Bildchen, der ihn als Bär dargestellt hat:

‚Seht tanzen hier den wilden Bär,

Er ist so zahm als irgend wer.‘

Ernst Welkers Portrait von Baron Rönne aus Kurland (Sammlung Museum Burg Posterstein)
Ernst Welkers Portrait von Baron Rönne aus Kurland (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Im Anfang September traf ein Besuch ein, dessen Erscheinung keinen geringen Rumor in Löbichau machte, es war der Herzog von Gotha. Die jungen Herren fürchteten die Langeweile des Tages und wurden nach Altenburg geschickt. Im Handumdrehen war das idyllische Leben in Löbichau in eine Hofhaltung verwandelt; die Herzogin[von Kurland] und ihre Töchter warfen sich in Staat, wir zogen unsere kleidsamsten Gewänder an, denn sonst nannte man Löbichau mit Unrecht einen Hof; die Herzogin von Kurland und meine Pflegemutter hatten sogar Toquen aufgesetzt, ein Kopfputz, der nur bei großen Gelegenheiten angewendet wurde; […]Der Herzog August von Gotha war ein sehr eigenthümlicher Herr, bei dem irgend eine Schraube im Gehirn los war, aber nicht ohne Witz. Welcker wusste eine Menge Anekdoten von ihm, die uns als Prolog zu seiner Erscheinung dienten; als er sah, wie ein Fräulein sich abmühte, einen Torso nachzuzeichnen, sagte er ihr: ‚Was machen Sie da für ein hübsches Nierenstück!‘ – Man überreichte ihm eine jener altmodischen Tassen, wo auf der Obertasse steht: ‚Wandle auf,‘ dann eine Rose gemalt ist, während auf der Untertasse ein Vergißmeinnicht zu sehen ist. Er las den Rebus so: ‚Wandle auf Ober- und Untertassen.‘ Auf seinen Kammerherrn Seebach machte er die Charade: ‚Mein erstes ist naß, mein zweites ist naß, und mein ganzes so trocken!‘ […] Mehr in Erstaunen als sein Witz setzte uns aber die Mähr, daß der Herzog in seiner Häuslichkeit gewöhnlich Frauenkleider trage, und in Karlsbad am Brunnen im weißatlassenen Weiberschlafrock seinen Sprudel getrunken habe – den anderen Tag aber in einem Lila u. s. f. […]

Sidonie von Diesgau portraitierte Ernst Welker als Fledermaus (Sammlung Museum Burg Posterstein)
Sidonie von Diesgau portraitierte Ernst Welker als Fledermaus (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Altenburg gehörte damals noch zu Gotha, es war daher der Landesherr, der erwartet wurde. Ihm zur Seite stand Fräulein Sidonie von Diesgau, eine Verwandte Schulenburgs, sie war des Herzogs Freundin und er trennte sich nie von ihr. Nicht etwa das, was man oft unter einer Fürstenfreundin versteht, über diesen Verdacht erhob sie des Herzogs Individualität und ihre eigene: sie war alt, und von einer so ausgesuchten Häßlichkeit, daß Welcker sie als Fledermaus darstellte mit dem Vers:

‚Erschrecket nicht vor diesem Graus,

Es ist nur eine Fledermaus.‘

Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg portraitierte Ernst Welker als Pfau (Sammlung Museum Burg Posterstein)
Herzog August von Sachsen-Gotha-Altenburg portraitierte Ernst Welker als Pfau (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Ihr Geist aber ward allgemein gerühmt, auch sieht man es oft, daß Fürsten Freunde haben, die sich durch dick und dünn für sie enthusiasmiren, ihre Schwächen nicht sehen, ihre guten Eigenschaften in dem griechischen Feuer ihrer Einbildungskraft verklären, und jeden Augenblick bereit sind, für sie zu sterben. Eine solche war Sidonie von Diesgau, und ihr war das Glück geworden, ein antwortendes Echo in der Seele ihres Erwählten gefunden zu haben. Dies seltsame Paar, der trockene Seebach und noch ein paar Herren stiegen aus den Reisewagen; Thümmel empfing sie am Schlage. Der Herzog trug an diesem Tage eine gelbblonde Lockenperücke (er hatte deren, wie man sagt, gegen zwanzig von verschiedener Beschaffenheit und Farbe), einen blauen Frack mit mehreren Ordenssternen und Bändern, ein Hemd mit Spitzenjabot, das so weit offen stand, als es der Anstand irgend erlaubte und eine schneeweiße, fette Brust durchschimmern ließ; er war groß und wohlgenährt, mit hochgeschminkten Wangen und Lippen, und dadurch, obgleich nicht häßlich, eine der allerwidrigsten Erscheinungen, die man sich vorstellen kann; Fräulein Sidonie fiel ordentlich angenehm neben ihm auf; sie war von natürlicher Häßlichkeit, ganz mausgrau gekleidet, und behielt ihren grauen Hut auch bei Tische auf, aber Fledermausflügel hatte sie, die Wahrheit zu sagen, nicht. Das Ganze war ein Phantasiestück in Callot’s Manier, und zog wie ein Geisterspuk vorüber. Tagelang erzählten wir unseren Freunden von diesen beiden Masken; Welcker traf den Herzog vortrefflich als Pfau.


In diesem Konvolut an Karikaturen befanden sich auch Zeichnungen der beiden Künstler. Emilie von Binzer ist als Spargel, Ernst Welker als Auster dargestellt. Schülerin und Lehrer nahmen also auch sich selbst aufs Korn. Ohnehin scheint Ernst Welker viel Humor gehabt zu haben, ist er doch auch Mitglied der „Unsinnsgesellschaft“ gewesen, die in Wien 1817 ein Archiv des menschlichen Unsinns herausgab.

Ernst Welker stellte sich selbst als Auster dar  (Sammlung Museum Burg Posterstein)
Ernst Welker stellte sich selbst als Auster dar (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Die einzelnen Zeichnungen aus Emilie von Binzers Besitz sind sehr lichtempfindlich und werden daher nur abwechselnd und einzeln in der Ausstellung des Museums Burg Posterstein gezeigt. Den größten Teil des Jahres werden sie im Depot des Museums verwahrt.

Ab 1. August 2021 können sie allerdings wieder gemeinsam in der Sonderschau „Der Maler Ernst Welker im Salon der Herzogin von Kurland“ bewundert werden. Weitere Informationen erhalten Sie wie immer auf unserer Website oder im Blog.

Alle Karikaturen können Sie aber auch jederzeit im Katalog „Salongeschichten. Paris – Löbichau – Wien“ nachschlagen. Dieser ist im Museum Burg Posterstein erhältlich. Alle Infos zur Sammlung Welker gibt es hier.

Damit verabschiede ich mich bis zum nächsten Wiederhören in der „LeseZEIT“ mit Geschichte und Geschichten aus dem Museum Burg Posterstein.

Von Franziska Engemann / Museum Burg Posterstein
Fotos & Schnitt: Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein


Von Musen, Erinnerungen und einem Spargel – über die Schriftstellerin Emilie von Binzer

Ausschnitt aus der Zeichnung Ernst Welkers, die Emilie von Binzer als Spargel darstellt.
Ausschnitt aus der Zeichnung Ernst Welkers, die Emilie von Binzer als Spargel darstellt. Zu finden in der Sammlung Kurland des Museums Burg Postersteins.

Ob Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Schriftstellerinnen, in der Geschichte oder der Moderne: Frauen spielen im kulturellen Gedächtnis eine wichtige Rolle, jedoch viel zu oft noch immer eine untergeordnete. Die Münchner Stadtbibliothek Monacensia im Hildebrandhaus lädt gerade zur Blogparade #femaleheritage, um die Rolle von Frauen in der Erinnerungskultur zur Diskussion zu stellen und herausragende Frauen in den Mittelpunkt zu rücken. Das Museum Burg Posterstein beteiligt sich mit Freude daran, denn ein großer Teil unserer Forschungsarbeit beschäftigt sich mit starken und kreativen Frauen des 18. und 19. Jahrhunderts, allen voran der Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761–1821). Dieser Beitrag widmet sich einer ihrer Weggefährtinnen: Der Schriftstellerin Emilie von Binzer (1801–1891), deren ganz eigene Erinnerungen noch heute eine wichtige Quelle unserer Arbeit sind.

Starke Frauen im Museum Burg Posterstein

Aus den Pariser Salons des 18. Jahrhunderts entstand in der Zeit der Aufklärung eine Kultur, die sich über ganz Europa ausbreitete. Sowohl adlige als auch gebildete bürgerliche Damen versammelten gewichtige Gäste um sich. Den Mittelpunkt dieser Musenhöfe und Salons bildete stets die Gastgeberin.

Berühmt ist der gesellschaftliche Zirkel um die Weimarer Herzogin Anna Amalia (1739–1807). Weitere bekannte Gastgeberinnen waren Madame de Staël (1766–1817) oder Madame Récamier (1777–1849) in Frankreich sowie Henriette Herz (1764–1847), Rahel Varnhagen (1771–1833) oder Dorothea Schlegel (1764–1839) in Berlin.

Schloss Löbichau im Altenburger Land
Schloss Löbichau im Herbstlicht. Das Schloss ist heute nicht mehr im Originalbau erhalten. 2009 erfolgte ein Totalabriss von Schloss und Herrenhaus mit anschließendem Neubau als Altenheim. Nur die Fassade an der Parkseite erinnert noch an das historische Aussehen zu Zeiten des Salons der Herzogin von Kurland.

Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich Löbichau – nur zwei Kilometer von Posterstein entfernt – zu einem solchen Zentrum des geistig-kulturellen Lebens in Deutschland. Der dortige Salon der Herzogin Anna Dorothea von Kurland gehörte zu den bekanntesten seiner Art. Die gebildete und agile Herzogin verfügte über ein erstklassiges Netzwerk in die höchsten gesellschaftlichen Kreise Europas und schaffte es, Künstler, Politiker und Gelehrte zusammenzuführen. Bedeutende Staatsmänner kannte sie persönlich. In der bewegten Zeit zwischen Französischer Revolution, Napoleonischen Kriegen und Wiener Kongress ermöglichte ihr dieses Netzwerk einen einzigartigen Einblick und Einfluss auf das Geschehen in einer Gesellschaft, in der selbst eine reiche Frau wie sie einen rechtlichen Vormund benötigte.

Aber nicht nur die Biografie Anna Dorothea von Kurlands ist beeindruckend. Die Lebensläufe ihrer ebenso weltgewandten Töchter, Enkelinnen und Pflegekinder und ihre vielfaltigen Kontakte, deren Ansichten, ihr Werk und ihr Wirken faszinieren gleichermaßen. Eine von ihnen ist die Schriftstellerin Emilie von Binzer.

Emilie von Binzer oder: Die Frau, die unter dem Pseudonym „Ernst Ritter“ schrieb

In diesem Beitrag soll nicht die Herzogin von Kurland im Mittelpunkt stehen, sondern ihre Enkelin Emilie von Binzer. Die spätere Schriftstellerin wurde als Emilie von Gerschau in Berlin geboren und war die Tochter eines illegitimen Sohnes des Herzogs Peter von Kurland (1724–1800). Ihr Vater Peter von Gerschau (1779–1852) erbte nach dem Tod des Herzogs ein ansehnliches Vermögen.

Er heirathete, noch ehe er 21 Jahre alt war, ein unbemitteltes Mädchen von 15 Jahren, und die beiden Kinder wirthschafteten so gut zusammen, daß schon im Jahr 1806 das ganze Vermögen in den Wind gegangen war“, schreibt Emilie von Binzer später in ihrem Erinnerungsbuch “Drei Sommer in Löbichau” (S. 2) über ihre Eltern.

Die Familie entschloss sich nach Kurland zu ziehen. Ihre Tochter Emilie ließ sie aber in der Obhut Wilhelmine von Sagans (1781–1839), der ältesten Tochter der Herzogin von Kurland. Emilie von Gerschau wuchs mit ihren beiden Pflegeschwestern Klara Bressler (die bereits 1818 starb) und Marie Wilson von Steinach (1805–1893) bei ihrer bewunderten und temperamentvollen Tante auf. Sie erhielt eine hervorragende Ausbildung, reiste viel und wurde so in das Salonleben und die höchsten Gesellschaften ihrer Zeit eingeführt. Schon in jungen Jahren lernte Emilie von Gerschau bedeutende Persönlichkeiten wie Fürst Metternich (1773–1859), Talleyrand (1754–1838) oder Zar Alexander I. (1777–1825) persönlich kennen.

Als schönes, wildes Pferd stellte Ernst Welker Wilhelmine von Sagan, die älteste Tochter der Herzogin von Kurland dar.
Als schönes, wildes Pferd stellte der Maler Ernst Welker Wilhelmine von Sagan, die älteste Tochter der Herzogin von Kurland, dar.

Einige Sommer verbrachte sie gemeinsam mit ihrer Tante auf Schloss Löbichau. Im Salon ihrer Großmutter traf sie neben dem Dichter Jean Paul (1763–1825) unter anderem die Familien Körner und Feuerbach, den Verleger Brockhaus (1772–1823), die Schriftsteller Tiedge (1752–1841) und Elisa von der Recke (1754–1833) sowie den Archäologen und Schriftsteller Carl August Böttiger (1760–1835). Auch den Burschenschaftler, Schriftsteller und Journalist August Daniel Freiherr von Binzer (1793–1868), den sie 1822 im Schloss Sagan heiratete, lernte sie in Löbichau kennen.

Durch den Altenburger Hoforganisten Johann Christian Barthel (1776–1813) erhielt der Freiherr Zugang zum Löbichauer Salon. Unter anderem ist er Autor des bekannten Grablieds der Burschenschaft „Wir haben gebauet ein stattliches Haus“. Seine Teilnahme am Wartburgfest 1817 verdarb Binzer eine möglicherweise grandiose Laufbahn und bereitete ihm ein Leben lang Schwierigkeiten. Durch die Gunst des Weimarer Herzogs litt er jedoch keine finanzielle Not. In Altenburg bearbeitete der Schriftsteller den ersten Band des „Enzyklopädischen Wörterbuches“, des späteren „Piererschen Universal-Lexikons“. Beim zweiten Band verwehrte man ihm die Arbeit jedoch aus politischen Gründen.

Der Salon der Herzogin von Kurland in Schloss Löbichau zählte zu den bekanntesten in Deutschland.
Der Salon der Herzogin von Kurland in Schloss Löbichau zählte zu den bekanntesten in Deutschland.

Nach der Hochzeit begann für das Paar ein unstetes Reiseleben durch viele Teile Europas, bis sie sich 1845 in Wien und später in Linz niederließen.

Auf Emilie von Binzers literarische Werke, die sie unter dem Pseudonym Ernst Ritter veröffentlichte, übten vor allem Personen und Erlebnisse der Zeit des Wiener Kongresses Einfluss aus. Ihre Dramen „Die Gauklerin“ und „Die Neuberin“ wurden 1846 am Wiener Burgtheater aufgeführt. Zwischen 1849 und 1870 unterhielt sie in ihren Häusern in Linz und Altaussee musische Kreise. Freundschaften verbanden sie mit den österreichischen Schriftstellern Adalbert Stifter (1805–1868), Franz Grillparzer (1791–1872) und besonders mit dem Dichter Christian von Zedlitz (1790–1862). Der musische Kreis um Emilie von Binzer in Linz und Aussee ermöglichte vielen Künstlern ihrer Zeit, eine kulturelle und soziale Atmosphäre zu erleben, die sich in schwierigen Umbruchszeiten erleichternd auf ihr Leben und Werk auswirkte. Nach dem Tod ihres Mannes zog Emilie von Binzer zu ihrem Sohn nach München, wo sie 1891 starb.

Zwischen Revolution, Biedermeier und „Drei Sommern in Löbichau“

Obwohl Emilie von Binzer nicht zu den bekanntesten Schriftstellerinnen ihrer Zeit gehörte, ist ihr Werk vielfältig und bildet die volle Breite der Themen und Einflüsse auf einen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts ab.

Das Leben und Schaffen der Binzer umspannte die literarischen Epochen der Klassik, Romantik, Junges Deutschland, Biedermeier, Vormärz und Realismus“, schreibt Traute Zacharasiewicz in ihrer Monografie „Nachsommer des Biedermeier. Emilie von Binzer. Eine Freundin Adalbert Stifters“ (S. 107.)

Emilie von Binzers Werk thematisiert Freundschaft, Liebe und Leidenschaft, ebenso wie die sozialen und politischen Umwälzungen ihrer Zeit und frauenemanzipatorische Gedanken. Ihr Schaffen reicht von Erzählungen und Theaterstücken bis hin zu ihren Memoiren. In Bezug auf Frauen, Erinnerungskultur und auch im Hinblick auf den Forschungsschwerpunkt unseres Museums sind diese tatsächlichen Erinnerungen der Emilie von Binzer am interessantesten.

„Als ich im Sommer 1871 auf meinem Landhause in Aussee (Steiermark) anlangte, fand ich auf dem Tische zwei dicke Bände liegen mit der Aufschrift: ‚Jugenderinnerungen von Gustav Parthey, Handschrift für Freunde.‘ Das Packet war unter meiner Adresse mit der Post angekommen. Bei diesem Anblick durchzuckte es mich freudig, denn der Name auf dem Titelblatte gehörte nicht nur einem in weiten Kreisen geachteten Manne und gründlichem Gelehrten, sondern auch einem theuren Jugendfreunde, den ich viele Jahre nicht gesehen hatte, und mit dem ich überhaupt nur als junges Mädchen in regem Verkehr gewesen bin. Daß er mich nicht vergessen hatte, bewies mir dieses Buch – und welch ein Buch!“

Emilie von Binzer, Drei Sommer in Löbichau, Vorwort

So beginnt Emilie von Binzers Buch „Drei Sommer in Löbichau“, das 1877 in Stuttgart veröffentlicht wurde. Dabei handelt es sich um ihre verschriftlichten Erinnerungen der Jahre 1819, 1820 und 1821, die sie mit ihrer Pflegemutter und Tante Wilhelmine von Sagan im Sommerschloss ihrer Großmutter Anna Dorothea von Kurland verbracht hatte. 50 Jahre nach den eigentliche Geschehnissen beschreibt sie Auszüge aus ihrer Jugendzeit, spricht über ihre Familie und über die Löbichauer Gäste, über besondere und weniger besondere Situationen des Salonalltags und gibt auf humoristische, unterhaltende und nicht selten ironische Weise einen ganz speziellen und persönlichen Einblick in das Leben der damaligen Zeit.

Ernst Welker (links) und Emilie von Binzer (2. von links) im Salon der Herzogin von Kurland in Löbichau. - Eine Zeichnung aus dem Konvolut aus Binzers Besitz, das sich nun in der Sammlung Kurland des Museums Burg Posterstein befindet.
Ernst Welker (links) und Emilie von Binzer (2. von links) im Salon der Herzogin von Kurland in Löbichau. – Eine Zeichnung aus dem Konvolut aus Binzers Besitz, das sich nun in der Sammlung Kurland des Museums Burg Posterstein befindet.

Den Anlass dafür beschreibt sie im Vorwort des Buches selbst: Die Jugenderinnerungen ihres alten Freundes Gustav Partheys, der oft selbst mit seiner Familie Gast der Herzogin war und wie Emilie damals zur eigenwilligen Jugend gehörte.

Emilie von Binzer ist sich in ihren Beschreibungen sehr wohl bewusst, dass Erinnerungen trügen können und ein Autor oft dazu neigt, dem Leser Dinge zu erzählen und zu erklären, die so nie gewesen sind. Sie versucht ein objektives Bild der Personen und Ereignisse zu zeichnen, wobei sie sich ihrer eigenen Meinung immer bewusst ist. Die Eigenarten und Charaktere beschreibt sie von verschiedenen Standpunkten und ist dabei nicht gewillt, zu beschönigen. Mit Kritik, einer guten Portion Selbstironie, aber immer mit Feingefühl gibt sie ihre Eindrücke wieder. Oft benutzt sie Zitate aus den Schriften anderer Autoren oder gibt Dialoge wieder, so gut sie sich daran erinnert.  Entstanden ist ein persönlicher Rückblick auf drei Jahre einer erfüllten Jugendzeit und eine ehrliche Würdigung ihrer großen weiblichen Vorbilder: der Herzogin Anna Dorothea von Kurland und ihrer Tante Wilhelmine von Sagan.

Emilie von Binzers Werk galt lange Zeit – neben der 1823 erschienenen Biografie von Christoph August Tiedge und den Erinnerungen Gustav Partheys und Elisa von der Reckes – als wichtigste biografische Quelle zur Herzogin von Kurland.

„Den Spargel jeder gerne iszt, Emilie gar zu länglich ist.“ – Löbichauer Gäste in Karikaturen

Was Emilie von Binzers „Drei Sommer in Löbichau“ so wertvoll für die Forschung zum Salon der Herzogin von Kurland macht, ist ihre Nähe zur Realität. Ihre Beschreibungen sind zeitlich korrekt und decken sich mit denen anderer Quellen – natürlich immer mit Blick auf die persönliche Sicht Emilie von Binzers.

Emilie von Gerschau wurde später besser bekannt als Emilie von Binzer oder „Ernst Ritter“. In dieser Karikatur von Ernst Welker ist sie als Spargel dargestellt. Der heitere Spruch darunter lautet: „Den Spargel jeder gerne iszt / Emilie gar zu länglich ist.“
Emilie von Gerschau wurde später besser bekannt als Emilie von Binzer oder „Ernst Ritter“. In dieser Karikatur von Ernst Welker ist sie als Spargel dargestellt. Der heitere Spruch darunter lautet: „Den Spargel jeder gerne iszt / Emilie gar zu länglich ist.“

Im Jahr 2014 gelang es dem Museum Burg Posterstein mit finanzieller Unterstützung des Freistaats Thüringen und der Bürgerstiftung Altenburger Land ein Konvolut Zeichnungen zu erwerben. Aufbewahrt in einer grünen Halblederkassette, entpuppte sich der Inhalt als ausgesprochene Rarität: eine Sammlung von Portraitblättern, hautsächlich von der Hand des Malers Ernst Welkers (1784/88–1857), der den Sommer 1819 als Zeichenlehrer Emilie von Binzers in Löbichau verbrachte. Die von Ernst Welker portraitierten Personen gehören alle zum engeren Umfeld der Herzogin von Kurland und treten als Fabelwesen auf. Meist wählte der Künstler eine Tiergestalt aus, deren Kopf er durch ein Portrait der entsprechenden Person ersetzte. Doch: Mindestens eine der Zeichnungen stammt von Emilie von Binzer selbst. Nachweislich befanden sich diese kleinen kolorierten Zeichnungen, die immer in einem humoristischen Vers enden, 1871 noch in ihrem Besitz.

„Ich besitze eine Mappe, die klein Welckerchen in Löbichau mit Porträts der ihm zugänglichen anwesenden Gäste, meist in Thiergestalt, füllte; darunter stehen Fibelverse, die sich mehr durch gute Laune, ja Uebermuth, als durch Witz auszeichnen; die Mappe enthielt siebenundvierzig Blätter, die gelegentlichen Besucher aus der Nachbarschaft sind nicht darunter, nur solche, die wirklich in Löbichau wohnten; ich sondere diejenigen Personen aus, die erst nach den Universitätsferien eintrafen, mische dann die Blätter und nenne der Reihe nach einige der Gäste.“

Emilie von Binzer, Drei Sommer in Löbichau, S. 86
In dieser Lederkassette bewahrte Emilie von Binzer die 47 Karikaturen Löbichauer Salongäste auf.
In dieser Lederkassette bewahrte Emilie von Binzer die 47 Karikaturen Löbichauer Salongäste auf.

Auf den folgenden Seiten berichtet Binzer nicht nur über die dargestellten Personen, auch die Zeichnungen selbst werden beschrieben und stimmen mit den Originalen im Detail überein.

Momentan befindet sich ein Großteil dieser einzigartigen Zeichnungen im Depot des Museums. In hoher Auflösung sind sie auf Wikimedia Commons zu finden. Für 2021 plant das Museum Burg Posterstein eine Sonderschau zu Ernst Welker, seinem Leben und seinem Werk. Im Zuge dieser Ausstellung werden nicht nur der Künstler und die Herzogin von Kurland thematisiert, auch Emilie von Binzer wird eine wichtige Rolle spielen.

Zum Weiterlesen:

  • Emilie von Binzer: Drei Sommer in Löbichau, Stuttgart 1877.
  • Klaus Hofmann (Hrsg.): Salongeschichten. Paris-Löbichau-Wien, Posterstein 2015.
  • Traute Zacharasiewicz: Nachsommer des Biedermeier. Emilie von Binzer. Eine Freundin Adalbert Stifters, Linz 1983.

Von Franziska Engemann und Marlene Hofmann

“ein Orthe wo meine Phantasie mich oft führte” – Der Salon der Herzogin von Kurland in Paris

Am ersten Tag der diesjährigen internationalen Museumswoche #MuseumWeek stehen Frauen in der Kultur im Mittelpunkt. Wir wollen die #MuseumWeek wie schon in den vergangenen Jahren jeden Tag mit einem thematisch passenden Blogbeitrag begleiten. Unter dem Hashtag #WomenInCulture führt uns unser Weg diesmal von der Burg Posterstein in Thüringen in die gleich in unserer Nähe gelegenen Schlösser Löbichau und Tannenfeld und von dort aus bis nach Paris.

Die Herzogin Anna Dorothea von Kurland unterhielt Anfang des 19. Jahrhunderts mehrere Salons. (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Aus den Pariser Salons des 18. Jahrhunderts, in denen sich Mitglieder des Hofes, Gelehrte und Künstler begegneten, ging in der Zeit der Aufklärung eine Kultur hervor, die sich über ganz Europa ausbreitete. Den gesellschaftlichen Mittelpunkt bildete stets die Gastgeberin. Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich Schloss Löbichau zu einem solchen Zentrum des geistig-kulturellen Lebens in Deutschland. Der Salon der Herzogin von Kurland (1761-1821) in Löbichau gehörte zu den bekanntesten seiner Art.

Seit über 20 Jahren beschäftigt sich das Museum Burg Posterstein mit dieser beeindruckenden Dame, die nicht nur in Löbichau und Tannenfeld einen europaweit vernetzten Musenhof unterhielt, sondern auch in Berlin und Paris einen Salon führte. Anna Dorothea von Kurland, eine schöne, begehrte und vor allem reiche Dame der herrschenden europäischen Adelsgesellschaft, gehörte zu jenen bekannten Salonieren des 19. Jahrhunderts, die weltoffen und geistreich gleichsam als Vermittlerinnen von Kultur und Politik agierten. Ihr Medium war die Konversation. Willkommen war jeder, der zu einer niveauvollen Unterhaltung beitragen konnte, und zwar unabhängig von seinem Stand.

Nach seinem Aufenthalt in Löbichau im Sommer 1819 resümierte Jean Paul über die Redefreiheit des Musenhofes:

[…] Schöne Leserin, Sie konnten, wenn Sie in Löbichau an der Tafel saßen oder nachher auf dem Kanapee, welche Meinung Sie wollten, ergreifen oder angreifen – gegen oder für Magnetiseurs – gegen oder für Juden – gegen oder für die Ultras und Liberale; – ja Sie konnten besonders im letzten politischen Falle, wie Sie da wohl als Dame zuweilen tun, Ihre schöne Stimme geben als eine lauteste: niemand wird etwas dagegen sagen – als höchstens seine Gründe […]

Paul, Jean: „Briefblättchen an die Leserin des Damen-Taschenkalenders bei gegenwärtiger Übergabe meiner abgerissenen Gedanken vor dem Frühstück und dem Nachtstück in Löbichau“, in: Paul, Jean: Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1821, Tübingen bey Cotta 1821. S. 293.

So verhielt es sich auch im Pariser Salon der Herzogin von Kurland. 1809 reiste sie das erste mal „[…] an ein Orthe wo meine Phantasie mich oft führte“ (ThULB, FA Biron, Tagebuch X, 4. Mai 1809).

Von einem Aufenthalt in Paris hatte Anna Dorothea von Kurland schon länger geträumt, als sie 1809 das erste Mal dorthin kam. (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Ihr erstes Quartier fand die Herzogin im Haus Talleyrands in der Rue Florentin. Später unterhielt sie eine eigene Wohnung im Hotel de Perigord. Zwar legte sich die Euphorie und Begeisterung über die Stadt schnell: „ […] die boulevards die ich passiere erinnern mich an Berlin. […] Petersbourg scheint mir eine schönere stadt als Paris“ (ThULB, FA Biron, Tagebuch X, 6. Mai 1809), resümierte Anna Dorothea nur zwei Tage nach ihrer Ankunft, doch fand sie durch Talleyrand Zugang zur hohen Gesellschaft der französischen Hauptstadt. Sie traf den Österreicher Metternich, den Russen Kurakin, ihren guten Bekannten Batowski und verschiedene Minister und Vertreter des Hochadels. Kontakte pflegte sie zur bekannten Saloniere Madame Genlis und besuchte die Ateliers von Gérad, Prud’hon und David. Der Maler Grassi stattete der Herzogin einen Besuch ab und fertigte ein Portrait ihrer Tochter Dorothée. Besonders mit der französischen Kaiserin Josephine, der ersten Frau Napoleons, schien sich die Herzogin gut zu verstehen und war oft zu den kaiserlichen Empfängen geladen.

Ihre letzte Reise nach Paris unternahm Anna Dorothea von Kurland 1820. Über den dortigen Umgang und die Redekultur berichtet unter anderen Gustav Parthey in seinen „Jugenderinnerungen“. Gustav Friedrich Konstantin Parthey (1798–1872) wurde später Altertumsforscher und Buchhandler. Er stammte aus der ersten Ehe des Hofrates Friedrich Parthey (1745–1822) mit Charlotte Wilhelmine (1767–1803), der ältesten Tochter des Buchhandlers Friedrich Nicolai. Mit seinen Eltern und seiner Schwester Lilly war er oft Gast auf den Schlössern der Herzogin von Kurland.

Zu den bekannten Pariser Salonieren zählte Madame Genlis, bei der Anna Dorothea von Kurland auch Gast war. (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Nach Abschluss seines Studiums in Heidelberg ging Gustav Parthey auf Grand Tour durch Europa. Auf Bitten seines Vaters verbrachte er auch einige Zeit in Paris und wurde von der Herzogin von Kurland in die dortige Gesellschaft eingeführt. Am 26. Oktober 1820 reisten die beiden aus Löbichau ab und fuhren über Bayreuth und Heidelberg in die französische Hauptstadt. Sein Quartier fand Parthey in der Rue de Bourgogne, Ecke Rue de l’Université, im Petit hôtel de Rome.

Die Herzogin wohnte im vornehmsten Theile der Stadt, im Faubourg Saint Germain in der Rue Saint Dominique. […] Man wandelte zwischen langen, hohen, zuweilen von Bäumen überragten Backsteinmauern, in denen man nur große geschlossene Thorwege und kleine Gitterthüren bemerkte. […] Im Hintergrunde des Hofes stand das meist einstöckige Wohnhaus mit allem wirtschaftlichen Zubehör an Stallung und Remisen. Hinter dem Hause lag ein schattiger wohlgepflegter Garten. So lebten die Bewohner in gänzlicher Abgeschiedenheit, und genossen inmitten der geräuschvollen Hauptstadt einer vollkommenen Ruhe.

Gustav Parthey: Jugenderinnerungen, Teil II., Berlin 1907, S. 413f.
Fürst Talleyrand verband eine enge Freundschaft mit Anna Dorothea von Kurland, deren jüngste Tochter seine ständige Begleiterin und später seine Universalerbin wurde. (Sammlung Museum Burg Posterstein)

Im Pariser Salon der Herzogin lernte Parthey Fürst Talleyrand kennen, der mit der jüngsten Tochter der Herzogin, Dorothée, oft zu Besuch kam. Zu der regelmäßigen Gesellschaft zählte auch ein älterer, italienischer Herr namens Giamboni de‘ Sposetti.

Er besaß die natürliche Anlage, das Tischgespräch ohne Zwang, Anstrengung oder vorlautes Wesen immer im Flusse zu erhalten. Solche Personen sind in großen Häusern von unschätzbarem Werthe: denn es kann vorkommen, daß die geistreichen Personen mit einander zu Tische sitzen, und daß trotzdem, sei es durch üble Laune oder Trägheit oder irgend ein widerhaariges Wort veranlaßt, plötzlich ein allgemeines Stillstehen der Unterhaltung erfolgt. […] Durch sanft herausfordernde Fragen wußte er [Giamboni de‘ Sposetti] einen wirksamen Widerspruch hervorzurufen; der niemals ermangelte, die Unterhaltung anzuregen“.

Gustav Parthey: Jugenderinnerungen, Teil II., Berlin 1907, S. 417.

Den politischen Diskurs hielten vor allem die beiden Gesellschaftsdamen der Herzogin von Kurland am Laufen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können.

Noch muß ich der beiden Gesellschaftsdamen der Herzogin erwähnen, einer Gräfin von Chassepot und einer Madame Waldron. Die erste, von Geburt eine Kurländerin, glänzte in ihrer Jugend als Fräulein von Knabenau durch ausgezeichnete Schönheit, heiratete einen Baron von Rönne und nach dessen Tode einen Grafen von Chassepot […] Der Graf Chassepot, ein Legitimist vom Kopf bis zur Zeh, rühmte sich, mit einem im Jahre 1815 in Belgien organsierten Freicorps bedeutende Kriegsthaten zu Gunsten der Restauration verübt zu haben; […] Seine Frau theilte seine ultraroyalistischen Gesinnungen.

Gustav Parthey: Jugenderinnerungen, Teil II., Berlin 1907, S. 418.

Im Gegensatz zur Gräfin Chassepot war die Herzogin von Kurland lange Zeit eine Verehrerin Napoleons gewesen. Doch die Napoleonischen Kriege hatten dieses Bild erschüttert und sie hatte sich den Ideen der konstitutionellen Parteien zugewandt. „Sie misbilligte auf das entschiedenste das Hetzen und Wühlen der Reactionäre“ (Gustav Parthey: Jugenderinnerungen, Teil II., Berlin 1907, S. 419.), was laut Parthey oft zu heftigen Diskursen im Salon führen konnte.

Die Gräfin Chassepot stritt so heftig und so anhaltend über diese Materie mit der Herzogin, daß ich oft Gelegenheit fand, die Geduld und Nachsicht der letzteren gegen ihre geistig unebenbürtige Gegnerin zu bewundern. Mehr als einmal dachte ich an die Regel unserer guten Madame Clause: toujours se souvenir, que la troisièmereplique es tune impertinence! [Denken Sie immer daran, dass die dritte Entgegnung eine Unverschämtheit ist!] Danach mußte ich die Gräfin zu den impertinentesten Personen rechnen […].“

Gustav Parthey: Jugenderinnerungen, Teil II., Berlin 1907, S. 419.

In solchen Situationen stand Madame Waldron der Herzogin von Kurland bei.

Die zweite Gesellschaftsdame, Madame Waldron, eine alte gutmüthige Engländerin mit einem lahmen Beine, Wittwe eines englischen See-Offiziers, besaß negative Lebensart genug, um auch in der feinsten Gesellschaft nicht anzustoßen. […] In der Politik kannte Madame Waldron nichts höheres als das englische Parlament, und blickte sehr verachtend auf die französischen Versuche, etwas ähnliches einzuführen. Ihrer Gesinnung nach ganz liberal, unterstützte sie getreulich die Herzogin in ihren Kämpfen gegen die Gräfin Chassepot.

Gustav Parthey: Jugenderinnerungen, Teil II., Berlin 1907, S. 419f.

Die Kultur der Rede- und Meinungsfreiheit der literarischen und politischen Salons um 1800 war auch das Aushängeschild des Salons der Herzogin von Kurland. Die einzige Grenze, die im Diskurs nicht überschritten werden durfte, war der höfliche Ton. So entwickelten sich diese kulturellen Orte zu Vermittlungsstellen von Kultur und Politik.

1821 verließ die Herzogin von Kurland Paris und kehrte auf ihr Schloss Löbichau zurück. Es sollte ihre letzte Reise sein. Am 20. August 1821 starb Anna Dorothea von Kurland nach langer Krankheit mit 60 Jahren in ihrem Schloss in Löbichau. 7000 Gäste begleiteten ihren Sarg zur Ruhestätte im Hain nahe des Schlosses. Ihr Sarg wurde Jahrzehnte später von der kurländischen Familie nach Sagan in Schlesien überführt.

Von Franziska Engemann / Museum Burg Posterstein

„Mehr als nur Geografie“ – Auswertung #SalonEuropa 2: Die Kommentare

Die Ausstellung #SalonEuropa vor Ort und digital war für uns ein Experiment. Auf die Frage „Was bedeutet Europa für mich…?“ bekamen wir insgesamt über 200 Meinungen aus 15 Ländern in Form von schriftlichen Kommentaren, Blogposts, Fotos, Video- und Audio-Statements, als Kunstwerk und natürlich auch im persönlichen Gespräch vor Ort. In mehreren Teilen fassen wir den Diskurs zusammen: (1) Die Zusammenfassung der Gespräche am Salonabend, (2) der Kommentare, (3) der Video-Interviews, (4) der Blogparade und (5) ein kurzes Gesamtfazit. Vorangestellt sei noch einmal die Idee der Ausstellung:

#SalonEuropa vor Ort und digital - eine dynamisches Ausstellungsexperiment

Was will #SalonEuropa?

Blick in die Ausstellung #SalonEuropa vor Ort und digital im Museum Burg Posterstein
Blick in die Ausstellung #SalonEuropa vor Ort und digital im Museum Burg Posterstein

Die Ausstellung „#SalonEuropa vor Ort und digital“ konzipierten wir als Labor. Ausgehend von der historischen Salonkultur um 1800 sollte sie den Bogen schlagen in die heutige Zeit. Europa befindet sich im Umbruch, es sind Visionen gefragt, um Europa eine Identität für die Bürger und Handlungsfähigkeit in der Welt zu verleihen. Nach Französischer Revolution und der Ära Napoleons musste auch im frühen 19. Jahrhundert mit dem Wiener Kongresses eine Basis für die europäische Gemeinschaft geschaffen werden. In den Salons der bürgerlichen und adligen Damen fand Austausch über wichtige gesellschaftliche, aber auch kulturelle Themen statt. Wir sind der Meinung, dass auch heute nur in einem breiten Diskurs, in dem jeder den anderen und dessen Meinung respektiert, zukunftsweisende Lösungen gefunden werden können. Alle sind gefordert: Politik, Wirtschaft, Kunst, Kultur und die Bürger selbst. Der #SalonEuropa war ein Versuch, Bürgern vor Ort und im Digitalen die Möglichkeit zu geben, ihre Gedanken zu Europa zu äußern und darüber ins Gespräch zu kommen. Dazu gab es einmal die dynamische, mitwachsende Ausstellung selbst, in der bereits zu Beginn über hundert Meinungen zu Wort kamen. Darüber hinaus gab es die Projektwebseite, die Blogparade, die Diskussionen im Social Web und drei Veranstaltungen vor Ort.

93 Wortmeldungen per Kommentar, Social Media und Postkarte

Europa bedeutet für dich? - Licht und Schatten
Europa bedeutet für dich? – Licht und Schatten

Die Bewertung von Europa in den schriftlichen Kommentaren ist breit gefächert: “Europa ist für mich ein Geschenk.” (Dr. Kristin Jahn, Deutschland), “Europe first of all is my Home!” (Svetlana Loew, Lettland), “Europa ist für mich eine Sammlung toller Möglichkeiten und vertaner Chancen. […] Wir könnten mit gutem Beispiel vorangehen und tun es nicht…” (Daniela Schwarzböck, Österreich) und [Europa ist für mich] Licht und Schatten” (@ostblocktechnik, Deutschland via Instagram). Und natürlich ist die eigene Meinung zu Europa gar nicht so leicht auf den Punkt zu bringen: “Eigentlich mehr als nur Geographie. Aber was, ist schwer in Worte zu fassen.” (@kulturtussi, Deutschland via Twitter).

Insgesamt 93 Statements zur Frage „Europa bedeutet für mich…?“ erreichten uns schriftlich auf verschiedensten Wegen. Auf der Projekt-Webseite #SalonEuropa können sie nachgelesen werden. Die meisten Statements gingen per Instagram-Story ein (30). 25 erreichten uns per E-Mail oder Direktnachricht auf Facebook und Instagram und 16 als Tweets. Dahingegen gingen nur sechs Statements über das Formular auf der Projektwebseite ein. Von den gedruckten Postkarten kamen nur fünf mit handschriftlichem Statement zu uns zurück, obwohl viele persönlich verteilt worden waren. Fünf Meinungen wurden per Blogpost (außerhalb der Blogparade #SalonEuropa) geäußert, zwei erreichten uns als Instagram-Posts und vier stammten von den Künstlerinnen der vorangegangenen Kunstausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt.

Auswertung der schriftlichen Kommentare zu #SalonEuropa (ohne die Blogparade)
Auswertung der schriftlichen Kommentare zu #SalonEuropa (ohne die Blogparade)

Ein erstes Fazit: Über Europa zu reden ist kein Selbstläufer. Spontan zu Wort meldeten sich nur wenige, oft diejenigen, die sich ohnehin schon engagieren oder die, die damit gleichzeitig auch eine Botschaft auf einem eigenen Kanal (z.B. Blog, Social Media-Account) an ein eigenes Publikum (ihre Follower) senden. Vielen Meinungsäußerungen gingen persönliche Gespräche vor Ort und digital voraus. Es gibt eine breite Masse, die die Ausstellung vor Ort oder digital mit Interesse verfolgte, sich lobend äußerte, aber keine eigene Meinung hinzufügte. Europa ist nicht schwarz-weiß und das Thema kein einfaches. In Thüringen findet im Oktober 2019 die nächste Landtagswahl statt. In aktuellen Umfragen sind CDU, Linke und AfD beinahe gleich auf. Zeit, wenigstens darüber nachzudenken, welche Position man selbst vertritt.

Aktuelle Probleme aus unterschiedlichen Perspektiven

Den Inhalt der Wortmeldungen haben wir versucht, nach der Häufigkeit der Nennung bestimmter Themen grafisch darzustellen. Auf diese Weise wird anschaulich deutlich, dass die verschiedenen „Kanäle“, über die Meinungen zu #SalonEuropa eingingen (Salonabend, Kommentare, Videos, Blogparade), in unterschiedlichen Themengewichtungen resultierten bzw. dass sich der Diskurs in den unterschiedlichen Formaten anders entwickelt hat.

Häufig angesprochene Themen in den schriftlichen Kommentaren zu #SalonEuropa (ohne Blogparade)
Häufig angesprochene Themen in den schriftlichen Kommentaren zu #SalonEuropa (ohne Blogparade)

Bezogen auf die eingegangenen Kommentare werden gemeinsame Nenner wie Gemeinschaft, Einheit, Zusammenarbeit und gemeinsame Kultur, Tradition und Werte deutlich. Frieden, Sicherheit und Freiheit verbinden viele mit Europa. Aber auch aktuelle Probleme werden angesprochen. Enttäuschung ist spürbar, aus verschiedenen Gründen. Manche Themen polarisieren. Beispiel Migration: Während manche enttäuscht sind, dass Europa nicht ausreichend Verantwortung für Geflüchtete übernimmt und nicht weltoffen genug ist, geht anderen das bisherige Engagement zu weit. Das gleiche gilt für die europäische Integration. Einige sind enttäuscht, weil die europäische Gesellschaft noch nicht enger zusammengewachsen ist, anderen wäre mehr Unabhängigkeit für die Nationalstaaten lieber.

Auffallend ist die unterschiedliche Bewertung und Betonung von Offenheit und Grenzen, vom positiv besetzten Begriff „Vielfalt“ und dem eher abgrenzenden Wort „Unterschiede“. Es geht um Gemeinsamkeiten und Unterschiede, um Einheit und Frieden einerseits und um Uneinigkeit und Streit andererseits. Es gibt Visionen von Europa als Staatenbund und als Bundesstaat. Es wird deutlich, dass Europa als Chance genauso wie als Herausforderung verstanden wird.

Laura Jung, die in Großbritannien studiert, schrieb: “Europa ist eine Chance, die uns viele Türen öffnet. Wir müssen sie bloß wahrnehmen und aufpassen, dass sie uns nicht entwischt. Die Augen vieler meiner britischen Freunde verraten die Sorge, diese Chance vertan zu haben.”

Europa als gemeinsames Haus

Mehrere Menschen verglichen Europa mit einem großen Haus: “Ich bin Mieter im Haus Europa mit allen Rechten und Pflichten – KEIN Besitzer.”, lautet ein anonymer Kommentar per Postkarte. Angela Kiesewetter-Lorenz zeichnet ein sehr anschauliches Bild von diesem Haus: “Ja, mein Europa ist ein Haus, in dem ich mich gern bewege, wo ich wohne, mich entfalten kann, wo ich Begegnungen haben kann, wie ich es möchte, wo ich offen sein kann und auch mal ganz für mich in einem Zimmer sein kann… Und auch in meinem Haus ändert sich ab und an die Ordnung, die Einrichtung, ändere ich mich, ändern sich meine Bedürfnisse…”

Im Großen und Ganzen überwiegen die Europa-positiven Meinungen, aber auch darin kamen Sorge, Enttäuschung und Probleme zum Ausdruck. Mehrere Male wurde erwähnt, dass man Europa als (bisher) alternativlos sehe. Anton B. aus Slowenien schrieb beispielsweise: “Ich meine, dass Europa das Beste ist, was die Leute bis jetzt politisch entwickelt haben. Natürlich gibt es auch viele Probleme, aber die Vision ist etwas, das wir uns bewahren müssen. Ruhe, Freiheit und große Chancen für alle, das ist doch etwas Wertvolles!”

Europa ist ein Friedensprojekt

Als Museum war es uns wichtig, mit der Ausstellung #SalonEuropa einen virtuellen und realen Ort zu bieten, an dem Austausch über ein kontroverses Thema – in diesem Fall Europa – stattfinden kann. Wir sind der Meinung, dass wir einander zuhören und miteinander ins Gespräch kommen müssen, um die aktuellen Herausforderungen, vor denen Europa steht, gemeinsam lösen zu können. Mit Blick auf die Geschichte Europas ist die EU ein historisch einmaliges Friedensprojekt. Gleichzeitig ist klar, dass Europa mehr ist als die EU und dass es Probleme gibt, über die gesprochen werden muss und die es erlaubt sein muss, anzusprechen. Wir wollen einige Stimmen aus dem Diskurs im #SalonEuropa herausgreifen, die die Ambivalenz und die Herausforderungen deutlich machen:

“Für mich ist Europa (trotz Schwächen) die natürlichste Antwort auf mein grundlegendes Bedürfnis, in Freiheit und Vielfalt zusammenzuleben, mich an Ländern und Sprachen erfreuen zu können, an Gerichten, Kunst und Bräuchen.” (Peter Soemers, Niederlande)

“Europe should never be a fort, but instead a mindset, a set of European values based on human rights, open-mindedness and equality, and by welcoming others – like we have done for centuries – we enrich and enlighten ourselves and maintain our humanity. In short, xenophobia can go fuck itself.” (Jakob Stig Nielsen, Dänemark)

“What condition is Europe in today? Historically, Europe is one of the most successful societies of the post World War era, but its structure is revealing ever deeper and more severe crevices. Is Europe falling apart, or do these crevices signify that Europe is sloughing to reinvent itself?” (Merete Sanderhoff, Dänemark)

#SalonEuropa - die Ausstellung stellte den Besucher in den Mittelpunkt
#SalonEuropa – die Ausstellung stellte den Besucher in den Mittelpunkt

“Diese Vereinigung lässt Europa Beziehungen und den nachhaltigen Austausch in allen Gebieten erschaffen: Kultur, Gesellschaft, Wirtschaft, Bildung, Forschung, Gesundheitswesen und Umweltschutz. Ein einzelnes und isoliertes Land hätte weder solche Kraft noch solchen Reichtum. Aber seit 2016 ist dieses Europa zerbrechlich geworden: Brexit, Terrorgefahr, Anschläge, Flüchtlingskrise und Aufstieg von Populismus. Sind wir uns bewusst, was uns Europa bringt?” (Verok Gnos, Frankreich)

“Europa ist für mich eine schöne Vision im Interesse der Menschen – mit aufeinander gerichteten Waffen und selbstherrlichen, ignoranten Politikern jedoch ein Trauerspiel.” (Frank Wunderlich, Deutschland)

„Europa hat sich zubetoniert. Geistig, kulturell – und menschlich. Sicher nicht jedes Du und Ich – aber der politische Trend ist erschreckend. Dieses Europa wollte ich so nicht, sondern ein humanes.” (@mellubo1, Deutschland/Spanien)

“In meinen Augen ist Europa nicht dort, wo wir uns es gewünscht haben, sodass im Moment der Eindruck entsteht, dass Europa eher auseinander driftet.” (Andreas Oeser, Deutschland)

“I am a citizen of the world. Project Europe is failing fast – let’s look at project Earth.” (Halina Zerko, Großbritannien/Polen)

Wir haben ganz unterschiedliche Visionen für die Zukunft Europas

In vielen Beiträgen kommen Zukunftswünsche und Visionen für Europa zu Wort, die teilweise weit auseinander gehen. Diese Spaltung zieht sich natürlich durch den gesamten Kontinent. Ein Lichtblick für uns: Der Tonfall im #SalonEuropa blieb immer sachlich. Wir hatten den Eindruck, dass man gerade in der Ausstellung vor Ort und auch in den Social Media-Kanälen die Verschiedenheit der Sichtweisen zur Kenntnis genommen hat. Für uns bildet das die Grundlage für einen ausgewogenen Diskurs auf Augenhöhe.

Den allerersten Beitrag zu #SalonEuropa schickte uns Neil McCallum aus Großbritannien.
Den allerersten Beitrag zu #SalonEuropa schickte uns Neil McCallum aus Großbritannien.

Den allerersten Beitrag zu #SalonEuropa schickte uns Neil McCallum aus Großbritannien, nachdem er zur #MuseumWeek im Mai 2018 auf das Projekt aufmerksam geworden war. Auch er appelliert an unseren Willen zum Gespräch und zur Teilhabe, um Lösungen für aktuelle innereuropäische Konflikte zu finden:

“Europe is a community of nations, and community means coming together. Now, we need to come together to not just share in the wonders of each other’s cultures, but to tackle the great questions and debates on migration, climate change, and equality which face the continent. We listen to what each other has to say, we think about what they have to say, and we formulate responses. Solutions don’t just need to be found in the hallowed halls of some parliament somewhere, but can be found amongst friends just chatting, wanting to better and make a difference to their local community. As the sayings go, two heads are better than one, and many hands make light work.” (Neil McCallum, Großbritannien)

André Körndörfer vertritt die Sichtweise, dass die aktuellen innereuropäischen Konflikte durch mehr Rücksichtnahme und Verständnis für nationalstaatliche Befindlichkeiten und Bedenken, auch in Sachen Migration, zu lösen seien:

“Nur durch mehr Zurückhaltung und mehr Verständnis für die einwanderungskritischen Positionen vieler Länder und eines bedeutenden Teils der Völker Europas und nur durch stärkere Rücksichtnahme auf nationalstaatliche Besonderheiten und Befindlichkeiten kann in der Zukunft wieder dazu beigetragen werden, dieses innereuropäische Zerwürfnis allmählich zu kitten und die europäischen Völker einander (wieder) näher zu bringen.” (André Körndörfer, Deutschland)

Online eingegangene Kommentare waren auf dem Bildschirm in der Ausstellung sichtbar - neben Videointerviews (hier Anthony Lowe), Beiträgen zur Blogparade, aktuellen Tweets und Instagram-Kommentaren.
Online eingegangene Kommentare waren auf dem Bildschirm in der Ausstellung sichtbar – neben Videointerviews (hier Anthony Lowe), Beiträgen zur Blogparade, aktuellen Tweets und Instagram-Kommentaren.

Für den Künstler Anthony Lowe gibt es derzeit keine Alternative für ein starkes Europa:

“Ich glaube an das Europa-Projekt, weil ich keine Alternative sehe. Die Kleinstaaterei hat in Deutschland ausgedient und musste ersetzt werden, aber Bayern gibt es noch. Doch das Europa-Projekt wird jetzt angegriffen von denen, die nicht vermochten es zu gestalten, es aber beenden und die Zeit zurückdrehen wollen.” (Anthony Lowe, Deutschland/Großbritannien)

Auch Helmut Hellrung sieht das größte Potential in einem stärkerem Europa:

“Der europäische Verwaltungsapparat hat sich etabliert, er ist schwerfällig und bürgerfern. Aber Kleinstaaterei und Nationalismus können auf Dauer keine Lösung sein, vor allem nicht im Hinblick auf den Frieden. Ich traue Europa zu, lernfähig zu sein und die anliegenden globalen Probleme (Umwelt, Migration) zu lösen, die auf Länderebene nicht gelöst werden können.” (Helmut Hellrung, Deutschland)

Rudolf Hellmuth geht noch einen Schritt weiter:

“Europa bedeutet für mich die Überwindung der Nationalstaaten. Die “Vereinigten Staaten von Europa” sind unsere einzige Zukunft!” (Rudolf Hellmuth, Deutschland)

Vor Ort kam man durchaus über Europa ins Gespräch - wenn dies auch selten in eigenen Meinungsäußerungen der Besucher resultierte.
Vor Ort kam man durchaus über Europa ins Gespräch – wenn dies auch selten in eigenen Meinungsäußerungen der Besucher resultierte.

Gespräche vor Ort

Vor und während der Ausstellung (23. September bis 18. November 2018) suchten wir immer wieder das Gespräch mit Museumsbesuchern vor Ort und auch im Digitalen. Oft entspann sich ein interessanter Austausch.

Ein Besuch ist besonders in Erinnerung geblieben: Andreas Oeser aus Chemnitz hatte in seinem Kommentar zu #SalonEuropa vor allem die negativen Eindrücke geschildert, die er in seiner täglichen Arbeit als Polizist mit Kriminalität, Migration und Unzufriedenheit erfährt. Vor Ort kamen wir ins Gespräch und über Instagram erreichte uns dann seine Bewertung der Ausstellung:

„Es sind sehr ansprechende Kommentare zu Europa zu lesen, sehr konstruktiv und weltoffen, selbstkritisch und visionär… Ich finde die Ausstellung nicht einfach nur interessant, sie hat mir auch ein bisschen mehr die Sichtweise erweitert, auf Europa – dass ich nicht so schwarz sehen sollte…“

Jeder von uns entscheidet über Europa

In welche Richtung sich Europa in den nächsten Jahren entwickeln wird, entscheidet jeder einzelne von uns mit. Als kulturhistorisches Museum ist uns einerseits der Blick auf die Geschichte wichtig, denn wer mit den Fehlern der Geschichte vertraut ist, kann vermeiden, sie zu wiederholen. #SalonEuropa ist unser Versuch, einen modernen Ort des Austauschs zu bieten. Im nächsten Blogpost folgt die Auswertung der Video-Interviews und danach die der Blogparade.

Zusammengefasst von Marlene Hofmann / Museum Burg Posterstein

Europa ist für uns ein großer Kulturraum, ein intensiv verflochtener kultureller Rahmen

Die Alte Sternwarte in Mannheim.
Die Alte Sternwarte in Mannheim.

Helen Heberer und Raimund Gründler von LeseZeichen Mannheim senden uns ihren Gast-Beitrag zu unserer Blogparade #SalonEuropa. Mitmachen könnt ihr bis 23. Oktober 2018. Wer keinen eigenen Blog hat, dessen Artikel veröffentlichen wir gern wie diesen hier als Gastbeitrag hier im Blog. 

Als der Kurfürst von Bayern die Münchner Theatinerkirche errichten ließ, beauftragte er mit Planung und Umsetzung den Architekten und Baumeister Agostino Barelli aus Bologna. In seiner norditalienischen Heimatstadt hatte dieser sein Handwerk bei seinem Vater erlernt und bereits eine Kirche errichtet. Ab 1662 schuf er dann mit den Kenntnissen und Erfahrungen, die er aus seiner Heimat mitbrachte, in München das erste Bauwerk des Hochbarocks nördlich der Alpen. Der barocke Baustil hatte nun auch die deutschen Lande erreicht, nachdem er sich zuvor von Rom kommend bereits nach Frankreich und England verbreitet hatte.

Anders vollzog sich Jahrhunderte zuvor die Verbreitung der Gotik. Hier liegt der Ursprung in Frankreich und die Kathedralen von Saint Denis unweit von Paris und von Sens (Burgund) aus der Mitte des 12. Jahrhunderts gelten als die ersten Kirchenbauten in diesem Stil. Wandernde Handwerker und Baumeister trugen ihr Wissen von Baustelle zu Baustelle, von Land zu Land. Knapp 30 Jahre später hatte die Gotik England erreicht und Anfang des 13. Jahrhunderts wird in Deutschland mit dem Magdeburger Dom der erste gotische Kirchenbau in Angriff genommen. Der rege Austausch hielt an, Vorbild für den Kölner Dom waren beispielsweise die Kathedrale von Amiens und die Saint Chapelle in Paris.

Auch in den anderen kulturellen Domänen lässt sich ein beständiger Transfer nachweisen. Kunst-, Literatur- und Musikstile wurden übernommen. Künstler reisten quer durch Europa, um sich zu bilden und Erfahrungen zu sammeln. Viele kehrten nach einer gewissen Zeit wieder in ihre Heimat zurück. Andere wurden in der Fremde heimisch und sind dort aus der örtlichen Kulturgeschichte nicht mehr wegzudenken. So wurde der Komponist Georg Friedrich Händel in Halle an der Saale geboren. Seine berufliche Laufbahn startete er in Hamburg. Zur Weiterbildung reiste er durch Italien. Doch sesshaft wurde er in London. Hier feierte er seine großen Erfolge, er ging am Hofe ein und aus und hier wurde er 1750 in Westminster Abbey inmitten all der englischen Geistesgrößen begraben.

Obwohl in unterschiedlichen Sprachen geschrieben wurde, existierte selbst in der Literatur ein reger europäischer Austausch. Erfolgreiche Autoren wirkten über die Sprachgrenzen hinweg stilbildend. Theodor Fontane, der Chronist des kaiserlichen Preußens, verwies beispielsweise selbst auf den Einfluss, den der englische Autor Charles Dickens auf ihn ausübte.

Durch eine rege Übersetzertätigkeit wurden Sprachbarrieren niedergerissen. Mit großer Ernsthaftigkeit wurden interessante Werke in die einzelnen Landessprachen übersetzt. Selbst Johann Wolfgang von Goethe war immer wieder als Übersetzer tätig. Zeitgenössische Werke französischer und englischer Autoren nahm er sich genauso vor wie die Schriften Homers. Er wiederum profitierte natürlich davon, dass seine Werke sehr schnell in viele Sprachen übersetzt wurden. Mit seinem Werther prägte er den Stil einer ganzen europäischen Schriftstellergeneration.

Astrid Lindgren wiederum ließ mit ihren Büchern über Michel, Pippi Langstrumpf und Bullerbü Generationen von Kindern in ganz Europa davon träumen, nach Schweden auszuwandern.

Unzählige Beispiele für Wirkung und Gegenwirkung, für Austausch und Befruchtung könnten noch aufgeführt werden.

Wer heute von der deutschen, französischen oder polnischen Kultur spricht, wer die bayerischen, flämischen oder bretonischen Besonderheiten betrachtet, sollte diesen alle Zeiten und Epochen überdauernden Dialog vor Augen haben. Die kulturelle Entwicklung aller europäischen Länder und Regionen lässt sich als ein beständiger, überregionaler Prozess verstehen, der Sprachgrenzen genauso überschreitet, wie geographische Grenzen. Es war nicht Abschottung, sondern intensiver Dialog und vielfältiger Kontakt in Kombination mit örtlichen Besonderheiten und geographischen Vorgaben, die unsere vielfältige europäische Kulturlandschaft hervorgebracht haben. Mit hunderten, ja tausenden unverwechselbaren Einheiten. Jede auf ihre Art einzig und an vielen Stellen doch geprägt von gleichen Wurzeln und Impulsen.

Auch in Zukunft werden Einflüsse aus den unterschiedlichen Gegenden Europas den kulturellen Rahmen des ganzen Kontinents mitprägen. Der europäische Lesesalon des Mannheimer LeseZeichens, das regelmäßig Literaturveranstaltungen organisiert, wird immer wieder diesen kulturellen Spuren folgen, die sich quer durch Europa ziehen.

Von LeseZeichen Mannheim / Helen Heberer und Raimund Gründler

#SalonEuropa im Hier und Jetzt: Die Künstlerin Jana Borath im Portrait

Schloss Tannenfeld steht seit vielen Jahren leer
Schloss Tannenfeld steht seit vielen Jahren leer

Wir vom Museum Burg Posterstein widmen 2018 gleich zwei Ausstellungen dem Motto #SalonEuropa. Bis 9. September 2018 ist die Kunstausstellung „Schloss Tannenfeld – Inspiration und Wirklichkeit“ im Museum Burg Posterstein zu sehen. Anlass sind die bevorstehenden Veränderungen, die für Parkanlage und Schloss Tannenfeld ab Sommer 2018 anstehen. Die Idee dazu kam von zwei Künstlerinnen aus Thüringen, die eine Künstlerin aus Polen und eine Künstlerin aus Frankreich mit ins Boot holten. Zu sehen sind Bilder, Fotos, eine Installation im Raum und eine dreidimensionale Installation. In diesem Blogpost – Teil 2 einer Reihe – möchten wir die Fotografin Jana Borath vorstellen. Hier geht es zu Teil 1.

Steht Schloss Tannenfeld bald nicht mehr leer?

Der idyllische Ort Tannenfeld nahe Löbichau – einst von Anna Dorothea von Kurland beseelt – bekommt nach Jahren des Stillstandes neue Nutzung und neue Bewohner. Die Besitzverhältnisse haben sich geändert: Das Ensemble ist aus dem Eigentum des Landkreises Altenburger Land in Privathand übergegangen. Jana Borath nahm diese Veränderungen zum Anlass, den stillen Ort Tannenfeld zu dokumentieren.

Jana Borath dokumentierte ein Jahr lang Schloss und Park Tannenfeld.
Jana Borath dokumentierte ein Jahr lang Schloss und Park Tannenfeld.

Jana Borath – Fotografien eines verlorenen Ortes?

Jana Borath wurde 1970 in Gera geboren und lebt seit 2007 in Schmölln. Seit 1992 ist sie als Journalistin für die Ostthüringer Zeitung tätig und im Altenburger Land unterwegs. Ihre Leidenschaft gilt der Fotografie und dem Reisen fernab touristischer Pfade. Ihre Fotos dokumentieren zum einen die Schönheit und verblichene Eleganz des weitläufigen Parks Tannenfeld. Zu jeder Jahreszeit lädt er zum Verweilen ein, spendet Ruhe und schenkt Augenblicke der Stille und des Innehaltens. Zum anderen richten sie den Blick auf den Verfall, dem vor allem das Schloss Tannenfeld in jüngster Vergangenheit preisgegeben wurde.

Im 19. Jahrhundert gaben sich hier auf Einladung von Anna Dorothea von Kurland Politiker, Künstler, Dichter und damalige Akteure des politischen Europas die Klinke in die Hand. Ihr Leben, ihr Agieren, ihre Offenheit wirken bis heute nach. Auch in Tannenfeld. Der Park, das Schloss animieren, sich mit dem Tun ihrer einstigen Besitzer, Besucher und Gäste näher zu beschäftigen. Ein verlorener Platz? Nur auf den ersten Blick. Eher ein geheimer Ort, der mehr Achtsamkeit verdient, als er in den vergangenen Jahren erfuhr.

Besucherin in der Ausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt.
Besucherin in der Ausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt.

Lost Places: Tannenfeld zwischen Vergessen und Hoffnung – ein fotografischer Kurzbesuch

Jana Borath beschreibt Tannenfeld mit Schloss, Villen und Park selbst als ihren Lieblingsort im Altenburger Land.

„Auch, weil er für all das steht, was Europa so wertvoll macht für seine Bewohner und was heute bedrohter scheint als je zuvor. Der einstige Musenhof war ein Podium für offenes Denken und Reisen, für das Kennen- und Verstehenlernen über Grenzen hinweg. Seine Bewohner und ihre Gäste galten als weltoffen, modern und fortschrittlich. Vor 200 Jahren, unter Regie der Herzogin von Kurland, waren hier Austausch von Kunst, Literatur, Gedanken, Ideen und Meinungen so normal, wie Toleranz und Akzeptanz. Bis vor wenigen Jahren war Tannenfeld zudem ein Ort, der Menschen ausruhen und genesen ließ, der Schutz bot und Geborgenheit, an dem geholfen wurde, gepflegt, getröstet und wieder aufgerichtet. Selbst verlassen war und ist Tannenfeld ein Ort, der Ruhe und Erholung spendet, der Alltag und Stress aussperrt für einen langen Moment, um Harmonie und klares Denken zu schenken.“ (Jana Borath, Europa im Hier und Jetzt. Ein Kunstprojekt, S. 6)

Doch Tannenfeld steht auch für das Vergessen, für das Brutale und das Respektlose. Besonders das Schloss trägt deutlich sichtbare Spuren von Verfall, Einbruch und das auf Funktion beschränkte Denken seiner Besitzer in jüngerer Zeit.

„Einbruchsspuren an Türen und Möbeln. Billige Bad-Armaturen brechen wertvollen Marmor. Zerschlagene Ornamente. Ein Art-Déco-Brunnen als Aschenbecher. Moos im Waschbecken. Vernagelte Fenster. Ein Spaten als Türsicherung. Schmutzige Krankenwäsche im Schrank, die niemand mitnehmen wollte beim Auszug.“ (Jana Borath)

Augenblick der Vergänglichkeit, (c) Jana Borath, 2017
Augenblick der Vergänglichkeit, (c) Jana Borath, 2017

Trotzdem birgt dieser verlassen anmutende Ort Schönheit und neue Hoffnung für die Fotografin:

„Eine Motte breitet an der Quelle ihres Todes ein letztes Mal ihre Flügelchen aus. Ehe sie verglüht, wird sie zum Engel. Durch Löcher in dünnen Holzplatten, mit denen die Fenster vernagelt wurden, dringt fingerbreit Tageslicht und verwandelt die billigen Gardinen drinnen in feurige Mäntel, die sacht im einst prachtvollen Saal schwingen.“ (Jana Borath)

All diese Momente hält sie mit ihrer Kamera fest. Dabei war das ursprünglich gar nicht ihr Ziel. Eine Ausstellung daraus zu entwickeln, schon gar nicht.

Im Sommer 2017 besiegelten der Landkreis Altenburger Land und eine Investorengruppe mit sieben Unternehmern aus Leipzig, Erfurt, Altenburg, Kriebitzsch, Gößnitz und Schmölln den Verkauf von Schloss und Park Tannenfeld. Jana Bortah wollte ab August 2017 lediglich den Ist-Zustand vor allem des Schlossparkes dokumentieren, bevor die Bauarbeiten für das Pflegezentrum beginnen. Zusammen mit der Künstlerin Petra Herrmann und dem Museum Burg Posterstein entwickelte sich aus diesem Vorhaben schließlich die Idee zur Ausstellung.

Die Investorengruppe als neue Besitzerin von Schloss und Park Tannenfeld begegnete dem Projekt offen und unterstütze es mit der Erlaubnis einer Fotodokumentation sowie einem Ausblick in die Zukunft Tannenfelds.

Blick in die Ausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt mit den Bildern von Jana Borath
Blick in die Ausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt mit den Bildern von Jana Borath

Aus der Vielzahl der Bilder und Eindrücke, die Jana Borath im Laufe eines Jahres sammelte, wählte sie 16 Motive aus, die sie als Fotodrucke auf großformatigen Alu-Dibond-Platten in die Ausstellung einbrachte. Ein Teilbereich der Ausstellung wird von drei großen Foto-Fahnen eingerahmt. Eine Bank lädt den Betrachter ein, sich im Park sitzend zu wähnen. Schloss und Park Tannenfeld aus einem ganz anderen, einmaligen Blickwinkel zu betrachten, sollte nicht nur für Kenner der Anlage eine Besonderheit sein. Die Bilder sind Ausgangspunkt für eine Entwicklung, die sich in Tannenfeld vollziehen wird. Sie zeigen schöne, wenn auch verlassene Orte, die vielleicht bald mit Leben erfüllt werden.

„Es gibt Hoffnung, dass all das Besondere nicht nur bewahrt, sondern mit neuem Leben erfüllt werden kann. Tannenfeld mit Schloss, Villen und Parkanlage soll wieder ein Ort werden, an dem Menschen ausruhen können, Hilfe und Geborgenheit finden. Und er könnte erneut ein Ort werden, der offenen Austausch von Kunst, Ideen und Meinungen ermöglicht. Ganz im Sinne seiner Erschaffer.“ (Jana Borath)

Hinter den Bäumen kann man Schloss Tannenfeld erahnen (Foto: Jana Boarath 2017)
Hinter den Bäumen kann man Schloss Tannenfeld erahnen (Foto: Jana Boarath 2017)

#SalonEuropa – Europa bedeutet für mich …?

Ab 23. September 2018 zeigt das Museum Burg Posterstein die Ausstellung „#SalonEuropa vor Ort und digital: Vernetzung damals und heute – Europa bedeutet für mich …?“. Das Projekt ist auch für uns als Museum ein Experiment. Ausgehend von der historischen Salonkultur um 1800 wollen wir den Bogen schlagen in die heutige Zeit und zur aktuellen politischen Lage. Wir wollen das Format “Salon” ins Heute übertragen und den Besuchern im #SalonEuropa vor Ort und im Digitalen die Möglichkeit geben, ihre Gedanken zu Europa heute zu äußern. Auf einem Bildschirm in der Ausstellung und auf der Website #SalonEuropa sollen unter der Überschrift “Europa bedeutet für mich…?” in Videos, kurzen Statements und Blogposts unterschiedliche Meinungen zu Europa zu Wort kommen.

Auch die vier Künstlerinnen des Kunstprojektes „#SalonEuropa im Hier und Jetzt: Schloss Tannenfeld – Inspiration und Wirklichkeit“ haben ihre Statements zu Europa eingebracht und nicht nur in ihrer Arbeit, sondern auch in Wort und Schrift in die Ausstellung eingebracht. Jana Borath schrieb dazu:

„Mein Europa: Meine Idealvorstellung von Europa ist ein großes, gemeinsames Haus. Für all seine Bewohner gilt eine verbindliche Hausordnung und es gibt genug Platz, dass sich jeder Bewohner selbst verwirklichen kann. Die Zimmertüren können geschlossen werden, sind aber niemals verschlossen. Dafür gibt es regen Austausch: über Kultur, Gesellschaftliches, Politik, Umweltschutz… Man besucht Zimmer für Zimmer, man hilft sich gegenseitig. Es ist ein Haus, in dem Hinzukommende mit offenen Armen willkommen geheißen werden und man gemeinsam überlegt, wie Probleme gelöst werden können. Zu naiv?“

Zusammengefasst von Franziska Engemann / Museum Burg Posterstein

Zum Weiterlesen:

Die Ausstellung #SalonEuropa im Hier und Jetzt

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#TravelsMW: Reisewege durch Europa im 18. und 19. Jahrhundert

Am vorletzten Tag der diesjährigen MuseumWeek wollen wir die Reisekultur um 1800 in den Mittelpunkt stellen. Reisen wurden aus ganz unterschiedlichen Anlässen unternommen. Gelehrte reisten, um ihre Forschungen zu betreiben, Wissen zu vermehren und auszutauschen.
Junge Aristokraten schickte man auf „Kavalierstour“, damit sie an den besten ausländischen Höfen den Grundstock ihrer Ausbildung für den späteren höfischen Dienst erlangten. Badereisen nach Pyrmont oder Karlsbad hatten Hochkonjunktur. Künstler strömten in die pulsierenden Zentren der europäischen Kultur. Ein klassisches Reiseziel war Rom.

Bildungsreisen

Die Ausrichtung auf die Antike und das klassische Bildungsideal brachten eine ganz neue Reisekultur hervor – die Bildungsreise.
Anfangs ein Privileg des Adels, wurde sie später vom Bürgertum kultiviert. Nachlesen konnte der Daheimgebliebene die Erlebnisse der Reisenden in ihren Reisetagebüchern und Journalen. Landschaften, Lebensgewohnheiten, Kultur und Kunst wurden darin genauso beschrieben, wie Reisezweck, politisches Tagesgeschäft oder kriegerische Ereignisse. Eine ganze Branche von Verlagen war mit der Veröffentlichung der Reiseberichte beschäftigt.

Schloss Löbichau ((c) Museum Burg Posterstein)
Schloss Löbichau. Um 1800 war es üblich mit der Pferdekutsche zu reisen. Schlechte Straßen, wenig Licht und kaum gefederte Kutschen konnten das Reiseerlebnis schnell beschwerlich machen.

Reisen in dieser Zeit bedeuteten aber auch Beschwerlichkeit und Verzicht auf Komfort. Die Straßen waren unsicher, in schlechtem Zustand, schmutzig und selbst in Großstädten nicht immer beleuchtet. In den Betten der Gasthöfe lauerte Ungeziefer. Die Pferdekutschen, schlecht abgefedert und zudem im Winter eiskalt, schaukelten und rüttelten die Insassen durcheinander und ließen wenig Beschaulichkeit zu.

Manchmal zwangen unüberwindliche Hindernisse zum Aussteigen

In Frankreich ließ Napoleon schnurgerade Chausseen anlegen, auch aus England wurde von guten Straßenverbindungen berichtet. Doch in Deutschland waren die meisten Straßen unbefestigt und schlecht ausgebaut. Von Achsbrüchen der Wagen war oft die Rede und man vermutete wohl nicht zu Unrecht, dass die ständigen Reparaturen an Infrastruktur und Technik gute Einnahmen für das örtliche Handwerk bringen sollten. Zölle und Passkontrollen an den Grenzstationen kosteten Zeit und Geld oder verzögerten gar die Weiterfahrt. Die Reisezeiten waren dementsprechend lang und man soll für die Strecke von Berlin nach Rom etwa zwei Monate benötigt haben.

St. Petersburg – Paris – Vienna – Carlsbad: Die Herzogin von Kurland war immer auf Achse

Für eine Salondame wie Anna Dorothea von Kurland war eine musikalische Ausbildung ein Muss.
Die Salondame Anna Dorothea of Courland reiste viele Male quer durch Europa.

Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich Schloss Löbichau – nur zwei Kilometer von Posterstein entfernt gelegen – zusammen mit Schloss Tannenfeld zu einem Zentrum des geistig-kulturellen Lebens in Deutschland. Der Musenhof der Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761–1821) in Löbichau gehörte zu den bekanntesten seiner Art. Wichtige Impulse schöpfte die gebildete Adlige aus ihren erstklassigen Beziehungen zu den höchsten gesellschaftlichen Kreisen Europas, aus dem damit verbundenen Netzwerk der Personen, aus ihren Aufenthalten in bekannten Berliner und Pariser Salons sowie im mondänen Karlsbad. Bedeutende Staatsmänner ihrer Zeit kannte die Herzogin persönlich.

Anna Dorothea von Kurland verwandelte ihre Anwesen in Löbichau und Tannenfeld in einen Treffpunkt der europäischen Elite, in dem sie sich Künstler, Philosophen und führende Politiker ihrer Zeit an den Hof einlud, da sie günstig zwischen den damaligen deutschen Kulturzentren lagen. Der wohl berühmteste Gast mag wohl Zar Alexander I. von Russland (1777–1825) gewesen sein.

Löbichau zentral gelegen in Mitteldeutschland

Die Herzogin hatte ihren Landsitz nicht ohne Grund gewählt. Die beiden Schlösser lagen auf den großen Reiserouten ihrer Zeit – strategisch günstig, auf halbem Weg zwischen Berlin und Karlsbad, zwischen Dresden und Erfurt und in der Nähe der damaligen geistigen Zentren Weimar und Jena. Das nahe gelegene Ronneburg war zu Lebzeiten der Herzogin noch Kurbad und damit ein beliebtes Reiseziel.

Das Reiseerlebnis, damals noch in der Kutsche, war ein völlig anderes, als wir es heute kennen. Die Natur, die Landschaft und selbst die Straßen wurden völlig anders wahrgenommen. Eine gut ausgebaute Infrastruktur förderte das Wohlwollen der Reisenden. Schlaglöcher und Unebenheiten konnten den „Trip“ aber auch zu einer schier endlosen Odyssee ausufern lassen.

Der Minister und der Straßenbau

Hans Wilhelm von Thümmel’s priority were good streets and maps.

Die Straßen im Altenburger Landesteil des Herzogtums Sachsen-Gotha und Altenburg waren Dank der Bemühungen des Ministers Hans Wilhelm von Thümmels (1744–1824) gut befahrbar. Über die Beschaffenheit der Reisewege zu dieser Zeit berichtete unter anderem die Schriftstellerin Lili Parthey (1800–1829), die Schwester des Philologen Gustav Parthey (1798–1872). Sie verbrachte mit ihrem Bruder und ihren Eltern viel Zeit auf dem Musenhof der Herzogin Dorothea von Kurland (1761–1821) in Löbichau und kann auch zu den Gästen der Familie Thümmel auf ihrem Rittergut in Nöbdenitz gezählt werden. In ihrem Tagebuch schrieb sie:

“Donnerstag, den 18. [7. 1816], war, obgleich die Welt untergehen sollte, das Wetter sehr schön. Ganz früh um 7 ging es fort; unsere Reise ging ziemlich schnell und sehr glücklich. Das Altenburgische Gebiet ist ein ganz wunderhübsches Ländchen, mit herrlichen Wegen und Aussichten. Die Verbesserungen der Landstraße und Wege sind vorzüglich Herrn von Thümmel zu danken. Wir empfanden diese Wohlthat doppelt nach den wahren Mordwegen von Leipzig bis Krona. […] Um 7 waren wir in Löbichau, dem Ziel unserer Bestimmung angekommen. Es ist ein reizender Aufenthalt.“

Während einer ihrer Reisen nach Karlsbad traf die Herzogin Anna Dorothea von Kurland auch auf Johann Wolfgang von Goethe. Es war nur einer von vielen Begegnungen mit Dichtern, Denkern, Politikern und bekannten Persönlichkeiten der Gesellschaft. Nachweisliche Begegnungen mit Goethe hatte die Herzogin in den Jahren 1808, 1810, 1812 und 1820. Der Dichter folgt 1820 sogar einer Einladung nach Löbichau. Am 29. und 30. September verbringt er heitere Stunden und bezeichnet das Schloss der Herzogin als „wohlgelegenes Lusthaus“. Schließlich reist er nach Altenburg weiter.

Auf dem Weg von Schleiz nach Gera am 30. Mai 1816:

“Von früh halb 4 – bis 8 Uhr Abends sind wir auf eine strecke von 7 u. eine halbe Meile gefahren die Wege sind überaus schlecht. Ich bin viel zu fuße gegangen u. wäre so nach Auma gelangt hätte der Wagen mich nicht daran behindert.”

Die Herzogin von Kurland reiste selbst gern und viel. Paris, St. Petersburg oder Wien, Kurland, die Schweiz oder Italien – es zog sie immer wieder nach Löbichau zurück. So auch bei ihrer letzten Reise 1821. Im Mai 1821 bricht sie letztmalig von Paris auf. Ihre Gesundheit ist zu dieser Zeit stark angeschlagen. Der Ortswechsel nach Löbichau soll ihrem Leiden Linderung verschaffen. Am 30. Juni 1821 reisen die beiden Töchter der Herzogin, Pauline und Johanna, ab. Die Mutter beschreibt diesen Tag als „großen Trauer Tag“. Sie wird die Töchter nicht wiedersehen. Am 20. August stirbt Anna Dorothea von Kurland in ihrem Schloss in Löbichau. Die Töchter befinden sich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Schweiz. Johanna kehrt erst am 09. Mai 1822 nach Löbichau zurück. Zur Trauerfeier der Herzogin am 29. August 1821 reisten 7000 Gäste an.

By Leon Walter & Franziska Engemann / Museum Burg Posterstein; Übersetzung: M. Huberti

#TravelsMW: Travel routes through Europe in the 18th and 19th centuries

MuseumWeek:  we want to put travelling around 1800 in focus. Travel was undertaken on very different occasions. Scholars traveled to carry out their researches, to multiply and exchange knowledge. Young aristocrats were sent on “Cavalier’s Tours”, so that they could acquire the foundation of their training for the later court service at the foreign courts with the highest reputation. Travel to the Baths in Pyrmont or Karlsbad boomed. Artists flocked into the pulsating centers of European culture. A classic travel destination was Rome.

Educational journey

The focus on antiquity and the classical educational idea brought about a whole new travel culture – the educational journey. At first a privilege of the nobility, it became cultivated by the bourgeoisie. Those staying home could read the travelers’ experiences in their travel tales and journals. Landscapes, habits, culture and art were described therein as well as travel itself, political daily business or martial events. A whole industry of publishing houses was concerned with the publication of travel reports.

Schloss Löbichau ((c) Museum Burg Posterstein)
Löbichau Castle. Around 1800 it was usual to travel with the horse-drawn carriage. Poor roads, little light and hardly feathered coaches could quickly make the travel experience difficult.

Traveling at this time also meant hassle and abstinence of comfort. The roads were unsafe, in bad condition, dirty and even in large cities not always lit. Beds in the inns were infested with bugs. The horse-drawn carriages, poorly cushioned and ice cold in the winter, rocked and shook the passengers and brought little in comfort.

Sometimes insuperable obstacles forced the passengers to get out of the carriage

In France, Napoleon had straight avenues built, and good road connections were also reported from England. But in Germany most roads were unstable and poorly developed. There was often talk of axle breaks in the wagons, and it was not unlikely that the constant repairs to infrastructure and equipment were to generate good revenue for the local craftsmen.

Tolls and passport checks at the border stations cost time and money or even delayed the journey. Accordingly, trips took time, and it is said the distance from Berlin to Rome would have taken about two months to travel.

St. Petersburg – Paris – Vienna – Carlsbad: The Duchess of Courland was always on the move

Für eine Salondame wie Anna Dorothea von Kurland war eine musikalische Ausbildung ein Muss.
Salon host Anna Dorothea of Courland travelled through Europe many times.

Near the end of the 18th century, Castle Löbichau, along with the Tannenfeld Castle, developed into a center of intellectual and cultural life in Germany, just two kilometers from Posterstein. The Musenhof der Herzogin von Kurland of the Duchess of Courland, Dorothea of ​​Courland (1761-1821), in Löbichau was one of the most famous of its kind. The well-educated noblewoman drew important impulses from her first-class relations with the highest social circles in Europe and the associated network, and from her stays in famous salons of Berlin and Paris, as well as in the fashionable Carlsbad. She was acquainted with several important statesmen of her time.

Since the estates in Löbichau and Tannenfeld were conveniently located between the German cultural centers of the time, Anna Dorothea of ​​Kurland transformed them into a meeting place for the European elite by inviting artists, philosophers and leading politicians of her time. The most famous guest may well have been Czar Alexander I. of Russia (1777-1825).

Löbichau centrally located in Germany

The Duchess had chosen her estates not without reason. The two castles touched important routes of her time – strategically favorable, halfway between Berlin and Carlsbad, between Dresden and Erfurt and close to the intellectual centers of this time: Weimar and Jena. The nearby Ronneburg was still a health resort in the lifetime of the Duchess and thus a popular destination.

The travel experiences, at that time still in coaches, completely differed from the ones we make today. Nature, landscape and even the streets were perceived differently. A well-developed infrastructure enhanced the well-being of travelers. Breeches and bumps on the other hand could turn the trip into a seemingly endless odyssey.

The minister and the road construction

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Hans Wilhelm von Thümmel’s priority were good streets and maps.

The roads in the Altenburger part of the duchy of Saxony-Gotha and Altenburg were easily navigable thanks to the efforts of the minister Hans Wilhelm von Thümmel (1744-1824). Writer Lili Parthey (1800-1829), sister of philologist Gustav Parthey (1798-1872), reported on the nature of routes at this time. She spent time with her brother and her parents at the Musehof of the Duchess Dorothea of ​​Courland (1761-1821) in Löbichau and can also be counted among the guests of the Thümmel family on their estate in Nöbdenitz. In her diary she wrote:

“Donnerstag, den 18. [7. 1816], war, obgleich die Welt untergehen sollte, das Wetter sehr schön. Ganz früh um 7 ging es fort; unsere Reise ging ziemlich schnell und sehr glücklich. Das Altenburgische Gebiet ist ein ganz wunderhübsches Ländchen, mit herrlichen Wegen und Aussichten. Die Verbesserungen der Landstraße und Wege sind vorzüglich Herrn von Thümmel zu danken. Wir empfanden diese Wohlthat doppelt nach den wahren Mordwegen von Leipzig bis Krona. […] Um 7 waren wir in Löbichau, dem Ziel unserer Bestimmung angekommen. Es ist ein reizender Aufenthalt.“

During one of her trips to Carlsbad Anna Dorothea of Courland met Johann Wolfgang von Goethe. It was just one of many encounters with poets, thinkers, politicians and well-known personalities of society. The Duchess had some formal encounters with Goethe in 1808, 1810, 1812 and 1820. In 1820 the poet even followed an invitation to Löbichau. On the 29th and 30th of September he spends cheerful hours and describes the castle of the duchess as a “well-located house of joy”. After this visit, he went on to Altenburg.

On the way from Schleiz to Gera on May 30., 1816:

“Von früh halb 4 – bis 8 Uhr Abends sind wir auf eine strecke von 7 u. eine halbe Meile gefahren die Wege sind überaus schlecht. Ich bin viel zu fuße gegangen u. wäre so nach Auma gelangt hätte der Wagen mich nicht daran behindert.”

The Duchess of Courland traveled much herself, and with pleasure. Paris, St. Petersburg or Vienna, Kurland, Switzerland or Italy – she was always drawn back to Löbichau. Thus is the case with her last journey in 1821. In May 1821 she finally set out from Paris, with her health in a bad condition at this time. The change from Paris to Löbichau is supposed to ease her suffering. On 30 June 1821 the Duchess’ two daughters, Pauline and Johanna, leave. The mother describes this day as “a day of great mourning”. She will not see her daughters again.
On Aug. 20, Anna Dorothea of ​​Courland dies in her castle in Löbichau.

The daughters are already in Switzerland at this time. It’s not until May 9, 1822 that Johanna returned to Löbichau.
For the Duchess’ funeral on August 29, 1821, 7000 guests arrived.

By Leon Walter & Franziska Engemann / Museum Burg Posterstein; translation: M. Huberti